Berufsbiografien von Asperger – Autisten: Die Interviewfragen (III)

bild

Folgende Fragen stammen aus …

Kohl, Seng & Gatti (2017), Typisch untypisch. Berufsbiografien von Asperger-Autisten. Individuelle Wege und vergleichbare Erfahrungen.

Wenn sich hier weitere autistische Blogger anschließen möchten, freut mich das – dann kommen mehr als die 22 Interviews aus dem Buch zusammen. Fragen, die man nicht beantworten möchte, kann man auch weglassen. Zum Schluss sollte man außerdem entscheiden, was man öffentlich machen will und was nicht.

Ich bin schon geoutet. Außerdem möchte ich mit meinen Antworten aufrütteln, mehr Bewusstsein schaffen und mitunter Aspekte ansprechen, die Nichtautisten bisher nicht bewusst waren, dass sie eine Rolle spielen können. Das verlangt Mut zur Offenheit. Nicht jeder ist aber in so einer priviligierten Lage. Wägt also bitte genau ab, was ihr preisgebt.

Wenn Du Dich in ein neues Arbeits-/Wissensfeld einarbeiten musst, wie lernst Du die Inhalte am liebsten? (Zum Beispiel: selbständig oder im strukturierten Unterricht?) Warum kommt Dir gerade das entgegen?

Ich schätze klare Vorgaben, erarbeite mir das Wissen aber am liebsten selbständig. Ich habe mein eigenes Lerntempo, oft in kurzer Zeit sehr viel, dann längere Phasen wenig. Ich brauche die Leerlaufzeiten dazwischen, um den Akku wieder aufzuladen.

Es heißt, Asperger seien oft pragmatisch und rational, was die Studien-/Berufswahl angeht. „Träume“ werden hintangestellt. Stimmt das auch für Dich? Warum ist das so?

Überhaupt nicht. Meine Wetterbegeisterung bestand seit der Kindheit. Meine Noten in naturwissenschaftlichen Fächern waren durchwegs schlecht. Dennoch wollte ich unbedingt Chemie oder Meteorologie studieren, obwohl das Grundstudium weitgehend aus Mathematik und Physik besteht. Von Chemie ließ ich mich dadurch abschrecken, bei Meteorologie hab ich es ausgeblendet. Mein Studium hat sich entsprechend ziemlich in die Länge gezogen, weil ich einen hohen Lernaufwand hatte. Bereut hab ich die Entscheidung nicht. Das Spezialinteresse zum Beruf machen wäre auch mit rechtzeitiger Diagnose eine logische Entscheidung gewesen.

Wo siehst Du Dich beruflich in 5 Jahren?

In einem unbefristeten Arbeitsverhältnis und mit der Möglichkeit, im geringen Ausmaß Entwicklung bzw. Weiterbildung betreiben zu können.

Was löste berufliche Krisen aus? Wie wären diese im Nachhinein vielleicht verhinderbar gewesen?

Als Perfektionist mäkel ich oft an augenscheinlichen Defiziten im System oder Datenmaterial herum. Ich tat das oft unabhängig davon, wie lange ich schon in der Firma oder einer Abteilung war. Das wurde oft als Besserwisserei oder notorische Unzufriedenheit missverstanden, oder gar als persönliche Kritik gedeutet, obwohl sie immer sachlich gemeint war [klassisches Beziehungsebene vs. Sachebene-Problem]. Hier hätte ich vorher Mitstreiter finden sollen, Koalitionen schmieden, bevor man etwas offen kritisiert. Weiters kann ich Arbeitsmethoden, die meiner autistischen Wahrnehmung entsprechen, nicht ablegen, nur weil die anderen anders arbeiten. Ich würde an Effizienz verloren und mehr Fehler begehen.

In meiner ersten Firma war die Fehlerkultur nicht vorhanden. Ich las nicht zwischen den Zeilen, beispielsweise interpretierte ich die Aussage des Chefs  “Seid offen, wenn ihr Vorschläge oder Kritik habt.” wörtlich –  tatsächlich war Kritik unerwünscht.

Welche Strategien hast Du für einen konfliktarmen und vielleicht sogar freundschaftlichen Umgang mit Kollegen?

Offene Kommunikation. Den anderen einbinden in Entscheidungen oder Handlungen. Fragen, wie er sich verhalten würde oder sich verhalten hätte.

Viele Aspies haben eine Schwäche beim Wiedererkennen von Gesichtern und damit von Menschen. Du auch? Was ist ein guter Umgang mit dieser Schwäche?

Ja. Ich erkenne Menschen oft nur im Kontext wieder. So kann es passieren, dass ich den Arbeitskollegen in der Kantine nicht grüße und der irritiert ist, aber ich verbinde die Person mit der Umgebung, wo ich ihn sonst sehe. Genauso verhält es sich mit Bekannten in den öffentlichen Verkehrsmitteln. Selbst in der Freizeit erkenne ich Personen oft nur anhand der Kleidung oder Haarschnitt. Oft versuche ich so zu tun, als ob ich sie nicht gesehen hätte und weiche Gruppen aus, die mir entfernt bekannt vorkommen, aber ich keine Namen zuordnen kann.

Hast Du im Beruf Menschen wahrgenommen, die ähnlich „einsam“ oder „seltsam“ erschienen wie Du selbst? Wie würdest Du damit umgehen, Asperger als KollegInnen zu haben?

In der ersten Firma haben mindestens zwei Autisten gearbeitet. Mit beiden verstand ich mich prächtig. Kein mühsamer Smalltalk, kein störendes Radio im Hintergrund. Zudem nimmt man fast automatisch stärker aufeinander Rücksicht, etwa was Struktur oder Reizüberflutung betrifft. Man muss das nicht wiederholt erläutern, das Verständnis ist einfach da.

Hast Du auch das Gefühl, eine Art soziales Theater zu spielen, bei dem Du neurotypisches Verhalten kopierst? Welche Erfahrungen hast Du damit gemacht?

Mir geht es immer so, wenn ich bei Smalltalk Interesse vortäuschen muss, obwohl mich Kinder, Haus, Auto und Urlaub nicht interessieren. Wenn es um Berge und wandern geht, kann ich mich dagegen stundenlang unterhalten. Ich kann auch nicht besonders gut schauspielern, meist sieht man an Mimik und Tonfall, dass es aufgesetzt ist, weil es bei mir nicht intuitiv ist. Schwierig sind außerdem Situationen des Kennenlernens, in Gruppen, aber auch bei Bewerbungsgesprächen, wenn ich mich im besten Licht darstellen muss. Ich bin lieber authentisch.

Oft heißt es, Aspies seien ehrlichere Menschen als Neurotypische und hätten einen stärkeren Gerechtigkeitssinn. Siehst Du das auch so, bzw. gilt das auch für Dich? Warum?

Definitiv ja. Ich habe mich schon immer für andere eingesetzt, selbst, wenn es zu meinem Nachteil wurde oder mir keinen Vorteil gebracht hat. Für zwei Semester war ich damals Studiensprecher und habe erreicht, dass die Studenten im Diplom noch ein Semester Aufschub bekamen, ehe sie gezwungen wären, in den Bachelor-/Master zurückzuwechseln. Ich selbst war von den Fristen nicht betroffen. Lügen fallen mir schwer, verschweigen ist leichter.

Hast Du einen hohen Perfektionsanspruch an Dich in Deinem Job? Bist Du nur zufrieden, wenn Du alles perfekt erledigt hast?

Wetterprognosen sind selten zu 100% perfekt. Ich versuche so viele Informationen wie sinnvoll zu sammeln und daraus meine Prognose abzuleiten. Wenn etwas anders läuft als geplant, schaue ich immer nach, woran es gelegen haben könnte. Das bewahrt zwar nie vor weiteren Fehlprognosen, aber gibt mir dennoch die Chance, beim nächsten Mal an einer anderen Schraube zu drehen. Das empfinde ich als klare Stärke, nie zu resignieren, sondern immer hartnäckig und neugierig zu bleiben. Ich weiß, dass die Vorhersage keine exakte Wissenschaft ist. Das nimmt Druck heraus. Ich ärgere mich eher über vermeidbare inhaltliche oder formale Fehler.

Was schätzen Deine Kollegen an Dir?

Meinen Blick für Details und meine Fähigkeit, komplexe Inhalte in verständliche Sätze zu packen.

Wie gehst du mit Schwierigkeiten bei der Orientierung im Arbeitsalltag und in den Strukturen um?

Ich schreibe mir eine Checkliste, die ich immer wieder anpasse, wenn sich etwas im Ablauf ändert oder Informationen hinzukommen, die ich nicht verpassen sollte. Ohne Zettel und Listen geht bei mir gar nichts, das hat anfangs Irritationen ausgelöst. Tatsächlich schaue ich kaum drauf, es gibt mir einfach Sicherheit zu wissen, dass ich jederzeit nachschauen kann, ohne mich mühsam durch unübersichtliche Ordner und Dateien wühlen zu müssen.

Wie gehst Du mit Unvorhersehbarkeiten im Team um?

Hier besteht sicherlich noch Optimierungspotential. Meine erste Reaktion fällt häufig zu affektiert und unreflektiert aus. Erst, wenn ich eine Veränderung durchdacht und angenommen habe, kann ich angemessen reagieren. Hier wäre es hilfreich, wenn meine erste Reaktion nicht gleich für “bare Münze” genommen würde, sondern für Kollegen im Hinterkopf wäre (“lass ihn… er muss das verdauen, das dauert etwas.”)

Was war der Auslöser dafür, das Asperger-Syndrom diagnostizieren zu lassen? Welche Auswirkungen hatte die Diagnose?

Auslöser war die berufliche Stagnation, der Verlust von Freunden und zunehmende Konfliktsituationen mit Kollegen. Ich verstand nicht, weshalb deutlich jüngere Kollegen vor mir befördert wurden und ich als einziger zurückblieb, obwohl mein umfangreiches Fachwissen nie angezweifelt wurde. Ich bekam auch nie Sonderaufgaben, obwohl ich immer interessiert war. Es gab Alltagsprobleme, etwa, seinen Arbeitstisch sauberzuhalten oder keine Essensreste stehen zu lassen. Dann wurde mein Rückzug von den anderen, um alleine zu sein, als “der will mit uns nichts zu tun haben” interpretiert. Dabei war ich oft überreizt, weil ich im Großraumbüro arbeiten musste. Zuletzt ging es auch privat bergab mit ständigen Missverständnissen. Die Diagnose hat vor allem zu mehr Selbstakzeptanz geführt. Der Fehler lag nicht nur bei mir, sondern war untrennbar mit den autistischen Grundbedürfnissen verbunden, die ständig missachtet wurden. Zumindest indirekt war mein Coming Out gegenüber den Vorgesetzten Auslöser der Kündigung ein paar Monate später, man hat sie einfach ignoriert und wollte sich damit nicht auseinandersetzen. Später stellte sich heraus, dass ich nur am Beginn einer langen Kündigungswelle war, man hatte nur nach einem Grund gesucht, mich loszuwerden. Heute bin ich froh, dass ich zum Neuanfang gezwungen wurde. Seitdem hat sich vieles verbessert.

Hast Du an psychologischen, sozialen oder berufsfördernden Angeboten speziell für Aspies teilgenommen? Welche Erfahrungen hast Du gemacht?

Ich habe für ein gutes Jahr bei meiner diagnostizierenden Psychologin Therapiestunden genommen, außerdem bekam ich Unterstützung durch das Institut für berufliche Integration in Wien, das mir half, meinen Arbeitsplatz zu sichern bzw. einen neuen zu suchen, und darauf achtete, dass ich meine Bedürfnisse ansprach und wie ich am besten mit dem Outing umgehen sollte. Später habe ich auch ein Bewerbungstraining bei Specialisterne Austria gemacht, einem Verein, der erwachsene Autisten in Jobs vermittelt. Das hat mir vor allem geholfen, meine Stärken und Schwächen zu erkennen und richtig zu formulieren.

Was ist Deine Strategie, um mit Situationen der Reizüberflutung umzugehen?

Was in der zweiten und dritten Firma funktioniert hat: Radio aus! Außerdem konnte ich ein persönliches Headset durchsetzen, das ich meist nur in der Früh brauche, wenn während der Telefonkonferenz gleichzeitig die Putzfrauen Radau machen (Geklapper, Staubsauger, Mistkübel ausleeren). Die vielen Alarmtöne in der Arbeit zur Überwachung der Systeme sind leider notwendig. Verbesserungsbedarf besteht noch bei privaten Anrufen am Handy – einige Telefonate wären vermeidbar oder verschiebbar, wenn der Anrufer vorher ein SMS, Whatsapp oder Mail schreiben würde.

Was würdest Du Dir an Unterstützung (privat wie institutionell) wünschen, um mit den Schwierigkeiten im Berufsleben besser umgehen zu können oder diese zu lösen?

Eine Assistenz für den Alltag, die mir dabei hilft, den Haushalt zu organisieren, Behördengänge zu erledigen, wichtige Telefonate mit Ärzten, um Termine ausmachen zu können (und dabei ernstgenommen zu werden). Genauso aber auch, um die Freizeit besser zu strukturieren, Urlaubsziele zu finden, die für mich alleine realisierbar sind (Organisation, Aufwand, Buchung, Mobilität). Beruflich zeichnet sich eher eine Lösung ab, nämlich ein “Buddy” alias Mentor, an den ich mich jederzeit wenden kann. Feste Ansprechpartner sind unerlässlich. Außerdem empfinde ich es eher als Nachteil, wenn der Vorgesetzte nicht vor Ort ist (andere Dienststelle oder gar anderer Kontinent).

Zum Abschluss noch eine eigene Frage zusätzlich:

Hast Du manchmal das Gefühl, Dich für Deine Asperger-Diagnose rechtfertigen zu müssen? Wenn ja, warum?

Ich habe in der Ausbildungsphase offen gezeigt, dass Telefonate für mich Herausforderungen sind. Trotzdem arbeite ich im Dienstleistungsbereich, wo viel telefoniert werden muss. Es erscheint mir in meinen eigenen Ohren wie ein Widerspruch, wenn ich privat massive Probleme mit Telefonaten habe, im Dienst aber 100% funktionieren muss. Es fällt mir schwer, Außenstehenden zu erklären, dass ich im Job nur dank Checklisten, Notizen und sehr akribischer Vorbereitung zu solchen Leistungen fähig bin. Es darf mich einfach möglichst wenig überraschen. Privat ist fast jeder Anruf unerwartet. Darauf kann ich mich nicht vorbereiten und muss oft ohne Notizen auskommen, weil ich keinen Stift zur Hand habe. Und Umgebungsgeräusche stören. Kommunikation ist und bleibt ein Minenfeld, aber eigentlich weniger, weil ich dazu unfähig wäre, sondern weil meine bevorzugte Art zu kommunizieren – mit Ankündigung, mit Notizen, schriftlich – nicht akzeptiert ist. Autisten kommunizieren anders, aber sie tun es. Man kann nicht nicht kommunizieren.

Leave a Reply

Please log in using one of these methods to post your comment:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.