Wiederholte Entfremdungen

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Meine Strategie, die regelmäßigen Übersiedlungen in andere Städte zu überstehen, ist so simpel wie in gewisser Weise vorbildlich autistisch: Ich nehme eine “schwarz-weiß”-Perspektive ein und verteufle meinen aktuellen Wohnort und hebe den künftigen in den Himmel. So fielen mir die Abschiede in der Vergangenheit leichter. Jetzt steht erstmals in meinem Leben eine Rückkehr an, sonst zog ich wie die Heuschrecken von einem Ort zum nächsten, auf der Suche nach einem Platz zum Sesshaft werden. Ob sich der alte neue Wohnort als derjenige erweisen wird, wo ich bleiben möchte, hängt leider nicht mehr alleine von meinem Willen ab, sondern welche gesetzlichen Schikanen sich die amtierende rechtsradikale Regierung in Österreich künftig noch einfallen lassen wird.

Studienwechsel

Der erste Wechsel von Mainz nach Innsbruck fiel mir damals nicht schwer: Ich scheiterte am schwierigen Physikstudium, war zugleich weitgehend isoliert mit meiner Wetterbegeisterung und bemerkte lange nicht, wie ich den Kommilitonen damit auf die Nerven ging. Für sie war das Interesse am Wetter vorbei, sobald sie den Hörsaal verließen.

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Infrarotes Satellitenbild vom 30. Oktober 2003, 12.30 UTC 

Mit diesem (von mir analysierten) Satellitenbild vor über 15 Jahren fing alles an. Die Fronten hatten ich damals noch falsch eingezeichnet, aber wesentlich war, dass ich nach der Vorlesung gegenüber in den Raum ging, wo ein großer Monitor den Satellitenbildloop abspielte. Ich konnte dort minutenlang davor stehen und zuschauen. Dabei entstand die Idee, die Fronten und Wettersysteme am Computer zu analysieren. Ich nannte die Beiträge für ein Wetterforum schlicht “Satellitenbildanalyse” und brachte es bis zum Ende der zwei Semester in Mainz auf 100 Analysen, die immer ausführlicher und zeitaufwändiger wurden. So machte ich mir einen Namen und durch etliche weitere Analysen, Fallstudien, Prognosen und Erklärbeiträge. “Thinking outside the box” at its best. Mein Studium hatte ich dadurch allerdings vernachlässigt – es stellte sich als ziemlich praxisfern heraus. Nicht, dass ich nicht gewarnt wurde, doch manches muss man persönlich erleben, um sich selbst davon überzeugen zu können. Der Wechsel nach Innsbruck fiel mir leicht, ich hatte in Mainz nichts, was mich hielt. Ich musste nichts schön- oder schlechtreden, ich ging einfach.

Der erste Job in Wien

Gerne wäre ich damals in Innsbruck geblieben. Vor drei Jahren hätte ich beinahe Gelegenheit gehabt, zurückzukehren – ich hätte sie wohl ergriffen. Nach Abschluss des Studiums gab es keine offenen Stellen für mich. Die ersten beiden Winter waren schön, der zweite der schneereichste bis dahin seit über 40 Jahren. Danach folgten vier milde Winter mit wenig Schnee im Tal. Damals ging ich noch wenig alleine in die Berge und konnte die Vorzüge der unmittelbaren Nähe Innsbrucks zu den Bergen nicht nutzen, um der dunklen Jahreszeit mit den früh hinter den Bergen verschwindenden Sonne zu entkommen. Gegen Ende des Studiums wurden meine engeren Komillitonen alle früher fertig als ich und ich war zunehmend alleine. Quasi über Nacht bekam ich über Vitamin B ein Jobangebot in Wien. Ich beeilte mich mit dem Studium, was mich in den Burnout trieb, und schloss im August 2010 erfolgreich ab. Nur zwei Tage nach der Prüfung übersiedelte ich schon nach Wien. Raus aus den Bergen, rein ins Flachland. Als wir mit dem Umzugs-LKW erstmals die A21 über den Brunner Berg hinabfuhren, von dem man einen weiten Blick auf das Wiener Becken bis zu den Kleinen Karpaten hat, genoss ich es sehr, wortwörtlich wieder einen Horizont zu haben.

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Josefswarte, Hinterer Föhrenberg (582m), Blick auf Wien (03.10.16)

Ironischerweise legte Wien erst den Grundstein für meine Wanderkarriere. Hier lernte ich die Menschen kennen, mit denen ich regelmäßig in die Berge gehen konnte. So wie Kinder laufen lernen, gewann ich an Erfahrung bei unterschiedlicher Witterung, Bodenbeschaffenheit, Ausgesetztheit und auch ein paar erste Klettersteigversuche. Ich begann ab 2012 dank Schneeschuhwandern zunehmend ganzjährig unterwegs zu sein, nicht nur im Sommer und Frühherbst. Dafür eignet sich der Alpenostrand hervorragend, denn milde Winter heißen auch, dass die niedrigeren Gipfel schneefrei und damit gefahrlos erwanderbar bleiben. Zudem wich ich auch öfter in die Wachau und Hundsheimer Berge aus, beide kulturell interessant und eindeutig wetterbegünstigt.

Weshalb ich in Innsbruck viele Jahre verstreichen ließ, bis ich überhaupt Wanderausflüge zustandebrachte, mache ich vor allem an mehreren Punkten fest: Zum Einen hatte ich fürchterlich Höhenangst und fühlte mich im bröseligen Schottergelände unwohl, wovon es im Karwendel reichlich gibt, sodass ich mich alleine kaum traute, auf einen anspruchsvolleren Gipfel zu steigen. Dann waren viele Bekannte und Kollegen schlicht eine Nummer zu groß mit ihrem alpinistischen Können. Im Winter war ich ohnehin verloren, da ich nicht Schifahren konnte. Ein nicht unwesentlicher Punkt, der mich Jahre an Leben verschleißen ließ, war leider auch die Internetsucht, durch die ich wochenlang nicht vom PC wegzukriegen war. Die freien Tage im Studium habe ich so oft nicht draußen genutzt, sondern blieb die meiste Zeit drinnen. Natürlich spielte der Autismus da schon mit rein, dass ich Zeit für mich brauchte, mich von Stress und Sozialkater zu erholen, aber das rechtfertigt die exzessive Chatterei und Schreiberei nicht, mit nicht selten 24-40 Stunden Wachzeit, weil ich die Nacht wieder mal durchgemacht hatte. Vielleicht strebe ich jetzt danach, bei jeder Gelegenheit wandern zu gehen, um das aufzuholen, nachzuholen, was ich in meinen 20ern versäumt habe. 80 Wanderungen pro Jahr, das heißt jeden vierten bis fünften Tag am Berg.

Neuanfang in Salzburg

Wien verlassen zu müssen, war ein harter Schlag für mich. Man soll das Positive darin sehen. Ich hatte nach einem halben Jahr auf Teilzeit im zweiten Job keine andere Wahl, um meinen Lebensstandard weiterhin halten zu können. Das Trauma war zudem noch frisch, so gesehen der Standortwechsel eine Gelegenheit, alte Wunden heilen lassen zu können. Wien hieß zum Schluss, frisch Asperger-diagnostiziert, damit zurechtkommen müssen, alles reflektieren und neu einordnen, was bis dahin geschah. Ich haderte mit dem Verkehrslärm, mit meinem Nachbarn unter mir, der oft betrunken war und komische Geräusche machte. In Salzburg, so hoffte ich, hatte ich wieder mehr Ruhe. Eine Provinzstadt im Vergleich zu Wien. Doch ich unterschätzte die Nähe zur deutschen Grenze und den Massentourismus. Statt Ruhe noch mehr Lärm und wieder Pech bei der Wohnungssuche, wieder mit dem Nachbarn unter meiner Wohnung. In der Rückschau sogar noch schlimmer als damals in Wien, weil nicht 1-2x pro Woche, sondern 4-5x die Woche irgendeine Form der Belästigung, seien es die ständigen Handwerkerarbeiten auf seiner Terrasse mit Krachmaschinen, die häufigen Besucher, die sich lautstark bis zum späten Abend unterhielten, oder die Grillerei fünf Mal die Woche im Sommer, wo der Rauch immer zu mir in die Wohnung zog. Ich hatte schon nach wenigen Monaten die Nase voll, konnte aber nichts machen.

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Schneemassen am Gaisberg (1287m), dahinter das Salzburger Becken und die Chiemgauer Alpen

Viele Hoffnungen haben sich in Salzburg letzendlich nicht erfüllt. Das fing schon damit an, dass ich mich nicht entscheiden konnte, ein Mountainbike zu kaufen und die Fachgeschäfte alle außerhalb der Stadt lagen, öffentlich nur umständlich erreichbar und im Falle eines Problems gar nicht. Ohne Mountainbike wurde auch aus hike & bike nichts, mit dem ich einige nähere Bergziele leichter hätte erkundigen können. Ich stellte bald fest, dass ich in den Bussen und Zügen beinahe der einzige Wanderer war und alle anderen das Auto benutzten. Das frustrierte mich regelmäßig. In zwei Jahren Salzburg habe ich rund 160 Touren gemacht, erstmals die Mehrheit alleine. Einerseits schätze ich das Alleinsein in der Natur, wenn ich ohne festgelegte Route weglos unterwegs sein kann, Tiersichtungen habe, die ich im Gespräch übersehen würde und jederzeit stehenbleiben kann zum Fotografieren, was in Gruppen schwieriger ist. Andererseits hätte ich oft das Bedürfnis zur Aussprache gehabt. Über Alltags- und Berufsthemen zu reden, sich Rat zu holen, oder nur abgelenkt zu werden. Das blieb mir lange verwehrt und vieles hat sich aufgestaut und manchmal geysirartig entladen. Ich vermisste die Freunde und den großen Bekanntenkreis in Wien, wo vieles leichter ging. Bessere öffentliche Anbindung, sowohl in die Arbeit als auch freizeitmäßig. Größere Innenstadt, in der sich der Touristenansturm besser verteilt. Leichter erreichbare Geschäfte, und – so seltsam das klingt – leichter erreichbare Berge. Ich vermisste Mobilität und Sozialkontakte. Letzendlich waren das meine beiden wichtigsten Argumente, um eine Rückkehr nach Wien zu erwirken. Wohlwissend, dass der Job dadurch deutlich anspruchsvoller und in seinen Bedingungen weniger autistischen Bedürfnissen entgegenkommend sein würde.

Zwischenablage01
Wien Hauptbahnhof, 01. Februar 2019

In den letzten Monaten habe ich jeden Kurzbesuch in Wien genossen. Ich hatte immer einen dichten Zeitplan, weil ich so viele alte Bekannte und Freunde treffen wollte, und die Zeit gar nicht für alle reichte. Ich musste lernen, mir die Zeit zu nehmen, weniger statt mehr.  Weniger Termine, weniger Verpflichtungen. Bereut hatte ich es dennoch nie. Es war jedes Mal sinnstiftend, erhellend, ich lernte sogar noch neue sympathische Menschen kennen, wie früher auch dank Tachles-Besuch, mein damaliges Stammlokal. Vor allem aber konnte ich wieder – mobil – mit jenen Menschen zusammen sein, die mir im Laufe der Jahre in Wien ans Herz gewachsen sind. Und das ist wohl für jeden Menschen, egal ob Autist oder nicht, das Wichtigste im Leben.

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