“Falter”: Die Mär von zu wenig Empathie

Erst vor kurzem hatte ich über einen Artikel in der Wiener Wochenzeitung “Falter” gebloggt, ein entsprechender Leserbrief wurde (gekürzt) auch veröffentlicht. Heute wurde ein weiterer Leserbrief von jemandem abgedruckt, die “seit fünf Jahren zum Thema Behinderung im Bereich Kommunikation/PR in Organisationen” arbeitet. Sie moniert, dass viele Artikel platt sind, Stereotypen bedienen und über Menschen mit Behinderung schreiben, als seien sie entweder Helden oder bemitleidenswerte Opfer, die Reportage im Falter habe das nicht getan. Ich respektiere natürlich, dass man zur Qualität des Artikels eine andere Meinung haben kann. Jedoch geht es hier um Autismus im Speziellen und nicht um irgendeine körperliche Behinderung. Fünf Jahre Außensicht zum Thema Behinderung allgemein reichen nicht aus, um zu beurteilen, ob hier korrekt über die autistische Wahrnehmung berichtet wurde. Heute ereilte mich die Empörung zahlreicher Frauen in meiner Twitter-Timeline, dass der Feuilletonchef Dusini im Falter zum Thema “Tugenden in Zeiten des Shitstorms”, mit Gabalier und Sargnagel als Protagonisten, kommentiert, relativ prominent auf Seite fünf, wo normalerweise das Leitkommentar von Armin Thurnher steht. Zahlreiche Screenshots zeigten die provokativen Zeilen. Da ich zufällig die aktuelle Ausgabe besaß, las ich weiter und gleich im nächsten Satz steht “Manchmal hilft vielleicht auch das Asperger-Syndrom.”

Wie war das nochmal weiter oben im abgedruckten Leserbrief mit “Stereotypen bedienen”? Das Lob für den Artikel über “Arians Reise” kommt wie ein Bumerang zurück, denn Dusini bedient sich hier gleich mehrerer Stereotype über Autismus und Asperger im Besonderen:

“Man kennt diese milde Form des Autismus aus der schwedischen TV-Serie “Die Brücke – Transit in den Tod.” Kommissarin Saga Norén ist eine Art moderner Sherlock Holmes, stark in der Analyse, schwach in der Empathie.”

Dusini führt hier gleich zwei Vorurteile an: Asperger ist keine milde Form von Autismus, Asperger ist ein Teilbereich von Autismus. In einer Replik auf einen misslungenen “Presse”-Artikel über Asperger habe ich erläutert, weshalb es falsch ist, Asperger als mild zu bezeichnen:

Die Lebensrealität vieler Asperger-Autisten ist gekennzeichnet durch eine überdurchschnittliche hohe Rate an Depressionen und Angsterkrankungen und auch die Suizidrate ist bei Asperger-Autisten deutlich erhöht (vgl. Cassidy et al (2014). Die Arbeitslosenrate bei Autisten liegt über 70%, und das nahezu weltweit.

Francesca Happé, Professorin für Kognitive Neurowissenschaften schreibt in “Auf den Spuren Hans Aspergers” von Arnold Pollack:

“Das Asperger-Syndrom wird heute als der Teil des Autismus-Spektrums betrachtet, der sich durch gute sprachliche und intellektuelle Fähigkeiten auszeichnet, doch wäre es ein Fehler, ihn für “milden” Autismus zu halten. Da ist nichts mild, wenn man Stress und Ängste betrachtet, mit denen Asperger-Autisten leben, ganz zu schweigen die Sorgen und Herzschmerzen der Eltern, die ihre ungeschützten Kinder bis zum Erwachsenwerden zu unterstützen versuchen.”

Das zweite Vorurteil betrifft die mangelnde Empathie, die Dusini als Grundlage für die Rechtfertigung seines Kommentar mitnimmt:

Der Psychiater und Therapeut Ludger Tebartz van Elst schreibt in seinem Buch, dass bei Autisten nur die kognitive Empathie beeinträchtigt sei, nicht aber die affektive Empathie. Das bedeutet etwa, wenn Autisten einmal erkennen, dass es jemandem schlecht geht, fühlen sie sehr wohl mit. Aus eigener Erfahrung und Berichten von Gleichgesinnten muss man auch die erste Aussage abschwächen, es gibt so wie bei den restlichen Symptomen von Autismus eine große Bandbreite, was die kognitive Empathie anbelangt. Autisten besitzen eine andere Wahrnehmung, sie verstehen sich untereinander oft besser lassen einander in Ruhe, wenn sie merken, dass der andere überreizt ist. Die Missverständnissse ergeben sich dann zwischen Autisten und Nichtautisten, weil die kognitive Empathie der Nichtautisten (!) beeinträchtigt ist.

Es ist also pauschal nicht richtig, Autisten mangelnde Empathie zu unterstellen. Im Gegenteil, nach Dziobek et al. (2008) ist die emotionale Empathie (Mitleid) bei Autisten sogar stärker ausgeprägt!

Dusini weiter:

“Frauen zugeschriebene Eigenschaften wie Fürsorglichkeit sind ihr fremd, Sex betrachtet sie als Bedürfnisbefriedigung ohne überflüssige Sentimentalität. Unfähig zu sozialen Bindungen, verwandelt sie sich in eine Maschine der Gerechtigkeit, die das Böse zur Strecke bringt.”

Es ist nur logisch, wenn man die Eigenschaften einer fiktiven Figur heranzieht, wird die Beschreibung von deren Eigenschaften nicht ohne Klischees auskommen. Nachdem Autismus eine hohe erbliche Komponente aufweist, also nicht nur neurotypische Eltern ein autistisches Kind bekommen, sondern autistische Mütter oder Väter autistische Kinder zeugen, kann das mit diesen angeführten Stereotypen wohl nicht auf alle zutreffen. Was aber wirklich schmerzt, ist die “Unfähigkeit zu sozialen Bindungen”. Nur weil jene Autisten, die nicht in Partnerschaften oder Ehen leben oder asexuell sind, eine andere Form der sozialen Bindung praktizieren, etwa über Fernbeziehungen, platonische Beziehungen oder sich lieber schriftlich austauschen als in einem überfüllten Essenslokal, bedeutet das noch lange nicht, dass sie unfähig zu sozialen Bindungen sind. Vielleicht liegt es auch manchmal daran, dass es schwierig ist, Gleichgesinnte zu finden mit Autismus-Diagnose oder autistischen Zügen.

“Mit der erst 16-jährigen schwedischen Umweltaktivistin Greta Thunberg erlebt das Asperger-Syndrom seine politische Feuerprobe. […] Thunberg empfindet das Asperger-Syndrom nicht als Störung, sondern als Tugend. Sie muss nicht erst nach Gleichgesinnten suchen, sondern kann alleine losziehen.” […]

Soweit einverstanden.

“Das Asperger-Syndrom gibt Thunberg die Kraft, um die Verwundbarkeit des Planeten zum Ausdruck zu bringen. Die Aktivistin verfügt über genügend postheroische Gelassenheit, um das Sperrfeuer ihrer Gegner abzuwehren.”

So sehr ich Thunberg dafür schätze, was sie alleine erreicht hat, so irreführend ist der konstruierte Zusammenhang zwischen Asperger und Gelassenheit bei Shitstorms. Niemand weiß, wie es in ihr ausschaut, wie sehr sie beschäftigt, was über sie geschrieben wird. Wenn es sie kaltlassen würde, hätte sie nicht vor kurzem ein ausführliches Statement auf Facebook veröffentlicht, in dem sie Unwahrheiten über sie selbst und ihre Motivation klarstellt.

Ich halte nichts von einer romantischen Verklärung des Asperger-Syndroms als empathiearmer Fels in der Brandung, an der jeglicher Shitstorm abprallt. Das wird den zahlreichen Mobbing- und Traumaerfahrungen vieler Betroffenen nicht gerecht, die lebenslang mit den Folgen klarkommen müssen. Wir hätten die postheroische Gelassenheit gerne, aber wir besitzen nun einmal die uns nicht zugestandene Empathie, mit der uns die Kritik an der Person, die Beleidigungen und Verleumdungen, körperliche Angriffe, Einschüchterungsversuche, Cybermobbing und reales Mobbing von der Schulzeit an beschäftigen, und zwar so sehr, dass wir an nichts anderes mehr denken können. Schulische Leistungen leiden darunter, die ganze Zukunft leidet darunter, ebenso wieder Vertrauen zu Fremden und Kollegen fassen zu können.

Die Fähigkeit, Kritik an sich abprallen lassen zu können, ist also nicht dem Asperger-Syndrom zuzuschreiben. Wichtig ist vielmehr die Unterstützung aus dem näheren Umfeld, im Fall einer Klimaaktivistin am besten von einer großen Bandbreite quer durch alle gesellschaftlichen Schichten. Wenn man sich aber anschaut, wie sehr Frauenrechte seit der Angelobung von schwarzblau unter Druck kommen, wieviele Frauenmorde verübt wurden, wie oft sie sich dafür rechtfertigen müssen, wenn sie vom Alltagssexismus berichten, bis hin zu versuchten Gewalttaten, und ihnen (Sargnagel) dann von seriösen Zeitungen auch noch vorgeworfen wird, sie würden “sich zu Opfern stilisieren”, dann hinkt dieser Vergleich noch mehr, denn dann fehlt es offenbar an einer breiten Solidarisierung.

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One thought on ““Falter”: Die Mär von zu wenig Empathie

  1. Etosha 7. February 2019 / 9:39

    Solche Kategorisierungen sind scheiße, weil sie nahelegen, man könnte ja x oder y ruhig mobben, weil der:die „eh nix spürt“. Kein Mensch spürt nix! Wir wollen alle freundlich und respektvoll behandelt werden, und es steht niemandem zu, eine Gruppe Menschen nach eigenem kleingeistigen Ermessen aus einer menschlichen Behandlung auszuschließen.

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