Teilhabe am Leben in Salzburg: Bitte anrufen!

Liste der Telefonate, die vermeidbar wären, wenn man das Kontaktformular oder E-Mail-Serviceangebot auf den eigenen Seiten ernstnimmt, oder überhaupt eins anbietet

  • Facharztkeine Reaktion auf E-Mail, muss in der Praxis anrufen, die nur 2x Woche Ordination hat
  • Hausärztin – gar keine Webseite, auch keine Informationen über Urlaubszeit oder Dienstvertretung
  • Klettertherapeutin – Per Mail angeschrieben, Terminvereinbarung gescheitert wegen Bitte um Rückruf
  • Tierschutzombudsmann – angemailt an Kontaktadresse wegen ungebührlichem Hundebellen in der Nachbarschaft, keine Reaktion
  • Chirurg wiederholt angemailt keine E-Mail-Reaktion, gibt später zu, dass er nicht so gerne Mail schaut, Autismus-Diagnose war klar, 2x bitte um Rückruf, musste mich jedes Mal verbinden lassen
  • Ernährungsberatung des Spitals angemailt über Kontaktformular, nie eine Antwort
  • Arbeiterkammer über Kontaktadresse angemailt wegen Mietrechtsfragen, dazu geschrieben, dass Telefonieren nicht meine Stärke ist. Antwort: Bitte um Telgespräch oder persönliches Gespräch (warum kann man konkrete Fragen nicht einfach beantworten oder konkrete Nachfragen stellen???)
  • Makler angeschrieben, Bitte um Bekanntgabe von Besichtigungen potentieller Nachmieter ausschließlich per Mail. Makler leitet an Vermieter weiter, Vermieter ruft an.
  • Vermieter ohne E-Mail-Kontakt
  • Salzburg Alpenverein – Kontakt wegen Teilnahme an Veranstaltungen überwiegend nur telefonisch möglich
  • Umzugsfirma über Kontaktadresse angemailt – keine Antwort

Es geht auch anders, z.b. hab ich innerhalb weniger Stunden mit einer Wiener Umzugsfirma alles per Mail geklärt. Erst zum Abschluss Bekanntgabe der Tel.

Wo es funktioniert hat:

  • E-Mail an Bergsportladen wegen Reparatur eines Schneeschuhes, wurde sofort geantwortet, per Mail geklärt.
  • Rückmeldung per Mail von einer Spitalspsychologin

Wenn man jedoch alles zusammennimmt, dann ist es kein Wunder, warum Autisten so große Schwierigkeiten haben, sich in der Gesellschaft zurechtzufinden. Nicht, weil sie in ihrer eigenen Welt leben und unfähig sind zu kommunizieren , sondern weil kein Verständnis und kein Entgegenkommen für ihre Art der Kommunikation gezeigt wird. In allen Fällen war mein Wille, überhaupt Kontakt aufzunehmen, vorhanden. Ich habe großteils vorhandenes Serviceangebot genutzt, ein Kontaktformular oder eine E-Mail-Adresse.

Soll ich flunkern und behaupten, ich sei schwerhörig und könne daher nicht telefonieren? Wie würde man dann reagieren? Andere Gründe außer körperliche Behinderungen zählen offenbar nicht. Und wahrscheinlich passt es den Adressaten nicht in ihr verschränktes Weltbild, wenn erwachsene Autisten gut formulieren können und als Zusatzinfo zeigen, dass sie selbständig wohnen, leben und arbeiten. Wenn sie das alles können, warum geht dann telefonieren nicht?

Weil die Fähigkeit, ein Telefongesprächen zu führen von vielen Faktoren abhängt:

Nichtautisten sagen immer, durch ein Telefonat lasse sich etwas schneller klären, es gäbe weniger Missverständnisse.

Ich zucke dagegen immer zusammen, wenn das Telefon klingelt, hebe oft nicht ab. Sehr oft ist es nämlich ungünstig, weil ich unterwegs bin, am Arbeitsplatz oder allgemein der Empfang schlecht ist, bei mir oder beim Gesprächspartner. Es ist akustisch sehr anstrengend für mich und mir gehen die inhaltlichen Aussagen verloren. Dadurch kommt es eher vermehrt zu Missverständnissen. Manche potentiellen Gesprächsteilnehmer sagen, ich könne jederzeit anrufen. Ich bevorzuge konkrete Uhrzeiten, an denen sichergestellt ist, dass genug Zeit zum Reden ist. Nichts verabscheue ich mehr als das Gefühl, es ist gerade unpassend und ich werde abgewürgt. Telefonate kommen umgekehrt oft überraschend, ich bin nicht vorbereitet und treffe in einer ersten Reaktion dann Aussagen oder Entscheidungen, die ich später bereue, weil sie nicht durchdacht waren, bzw. vergesse ich wichtige Details zu erfragen.

Um ein Telefonat einigermaßen reibungsfrei führen zu können, muss ich in der richtigen Tagesverfassung sein. Übermüdet, erschöpft, gedanklich sehr beschäftigt oder mit Aufgaben überlastet ist ein ganz schlechter Zeitpunkt dafür. Nur kennen Außenstehende in der Regel mein Innenleben nicht. Sie nehmen an, wenn ich meinen Alltag selbständig bewältigen kann und einen Job habe, dass ich auch jederzeit Anrufe entgegennehmen kann. Nur sind für mich Beruf und Alltag zwei völlig verschiedene paar Schuhe. Im Beruf beschäftige ich mich mit einem relativ enggefassten Themengebiet, das zudem noch ein Spezialinteresse von mir ist. Anrufe fallen großteils in einen Bereich, den ich mit mehr oder weniger Vorbereitung aus dem Stand heraus beantworten kann. Ich habe meine Routinen entwickelt, meine sehr umfangreiche tägliche Vorbereitung, um möglichst wenig überrascht zu werden.

Auf unangekündigte Freizeit-Telefonate kann ich mich nicht vorbereiten. Und mit dem selbst anrufen kommen wieder die obigen Einschränkungen hinzu. Noch dazu fällt es mir schwer, komplexe Sachverhalte verständlich am Telefon zu erläutern, speziell, wenn ich sie selbst nicht richtig verstehe und nicht weiß, was genau jetzt relevant ist und was nicht.

In einer E-Mail kann ich ausführlich darlegen, was mein Anliegen ist. Ich feile oft stundenlang an der genauen Formulierung, kürze, füge hinzu, schreibe neu, etc. Aber das, was drin steht, steht drin und ich kann mich auf meine eigenen Angaben, aber auch auf die schriftlichen Antworten berufen und laufe nicht Gefahr, mich falsch zu erinnern. Ich bin zeitlich ungebunden mit dem Antworten bzw. der Anfrage. Ich reagiere am Handy zwar nicht auf Anrufe, aber ich sehe sofort, wenn ein Mail kommt. Ich bin dann nicht gezwungen, sofort zu reagieren, während ich gerade im Stress oder unvorbereitet bin oder die Umgebung zu viele Reize absondert.

Die Konsequenzen des “da schreibt jemand per Mail, da reagiere ich nicht.” bzw. “Aha, er mag Telefonieren nicht. Egal, ich ruf trotzdem an.” sind verheerend. Zum Einen ist es chronischer Stress und ständige Versagensängste am Telefon, wieder etwas falsch ausgedrückt zu haben, etwas Wichtiges vergessen, die entscheidende Frage nicht gestellt, etc, zum Anderen bin ich so von wesentlichen Versorgungsleistungen abgeschnitten. Es dauert oft Monate, bis ich in der Lage bin, einen Haus- oder Facharzttermin auszumachen. Mit Glück sind die Beschwerden vergangen, mit Pech hab ich etwas falsch behandelt, was frühzeitig leicht therapierbar gewesen wäre. Rechtliche Angelegenheiten zu bewältigen bzw. Informationen einzuholen ist fast unmöglich. Die Teilnahme an Freizeitaktivitäten ist schwierig, wenn ich nur Telefonnummern kenne, aber keine Uhrzeiten dazu, wann man anrufen kann und auch die Person nicht näher kenne. Früher sind etliche Urlaube schlicht daran gescheitert, dass ich nicht in der Lage war, in einem Hotel oder auf einer Berghütte anzurufen.

Es ist alles sehr mühsam und vor allem frustrierend, wenn man nämlich ehrlich ist und proaktiv dazuschreibt, dass man sich mit Telefonaten schwer tut, oder sich gar outet, und um Verständnis bittet. Etliche Reaktionen sind darauf überhaupt nicht eingegangen, nicht einmal Ärzte. Wenn einem die Kontaktaufnahme auf diese Weise verwehrt wird, ist das nicht sonderlich vorbildhaft für gelebte Inklusion nach der UN-Behindertenrechtenkonvention. Es ist überhaupt nicht rücksichtsvoll, sondern sehr egoistisch: “Einmal Telefon, immer Telefon, scheiß auf den Fortschritt!”

Ironischerweise genau das Verhalten, das Autisten gerne vorgeworfen wird: In der eigenen Welt leben, kompromisslos, keine Empathie und Egoismus.

4 thoughts on “Teilhabe am Leben in Salzburg: Bitte anrufen!

  1. Sarinijha 30. January 2019 / 19:33

    Das sind auch meine Erfahrungen. Ich schrieb hier eine Tanzschule per Mail an und fragte nach den Terminen, aber habe seit Wochen keine Antwort. Das Gleiche bei einem Chor hier in der Umgebung. Mein Hausarzt hat gar keine Mailadresse, nimmt aber auch niemanden ohne Termin dran. Also gehe ich persönlich vorbei und werde angepflaumt, dass ich vorher telefonisch einen Termin vereinbaren soll, und erkläre dann zum wiederholten Male, dass Telefonieren nicht im Bereich meiner Möglichkeiten steht. Auch meinen jetzigen Chor wies ich erstmal darauf hin, doch auf der Homepage auch die Mailadresse neben die Telefonnummer zu setzen. Das wurde jetzt zumindest geändert, ein erster Erfolg.

    Ich hab allerdings auch positive Beispiele: Meine Therapeutin erreiche ich besser über Mail als per Telefon und meine Praxis für Gynäkologie vereinbart auch Termine per Mail (und das sogar erfolgreich). Ist aber natürlich wie der „Tropfen auf dem heißen Stein“. Ich verstehe nicht weshalb Leute meinen, dass es per Telefon schneller geht. Meist telefoniert man sich den halben Tag gegenseitig hinterher, weil immer eine Person nicht erreichtbar ist; in der Zeit könnte man locker eine Mail verfassen.

    Liked by 2 people

  2. Jerry Junos 30. January 2019 / 22:05

    Vielen Dank für das Teilen deiner Erlebnisse. Ich denke mir, dass viele überhaupt nicht wissen, wie sie einen medialen Werbeauftritt überhaupt gestalten. Kontaktformulare finde ich persönlich sehr gut, da gibt es Raum und Zeichenanzahl 🙂 um seine Situation zu schildern. Wichtig wäre natürlich, dass Menschen im Kundenservice (und die erleben auch sehr viel!) mehr Spielraum gegeben werden kann. Vielleicht liegt es einfach nur daran, dass aufgrund der Tatsache, dass etwas verschriftlicht wird, es weniger entspannter wird. Verschriftlicht würde auch bedeuten, dass „mehrere“ Schritte in der Bearbeitung des Kundenanliegens im Hintergrund steht und ein Telefonat „erspart“ man sich das.

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  3. lizzzy07 31. January 2019 / 13:34

    Mir geht es mit Telefonaten genau wie dir. Na gut, ich habe ein paar Kontakte zu Senioren, die ich tatsächlich meistens anrufen kann. Da ist eher die Information relevant, wann ich NICHT anrufen sollte. Wenn ich bei Ärzten oder Behörden anrufe, kann es sogar passieren, dass ich mehr als einen Anlauf brauche, bis einer ran geht. Nach dem dritten Versuch gebe ich meistens auf. Blöd, wenn es wichtig gewesen wäre. Immerhin reagiert unser Jobcenter auf Mails – meistens in Form von Briefen (so eine Papierverschwendung!), bisweilen einem persönlichen Termin. Sind die aus meiner schriftlichen Einreichung denn wirklich nicht hinreichend schlau geworden? Oder ist alles, was über eine blanke Anforderung von Unterlagen oder eine reine Veränderungsmitteilung hinausgeht, zu viel zum Lesen? Dabei wollte ich die nur möglichst genau informieren….

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  4. samsalixia 9. February 2019 / 11:38

    Vollste Zustimmung. Mein Liebling sind psychologische/therapeutische Einrichtungen, die nur telefonisch Termine vergeben – von 10 Menschen mit psychischen Problemen (von bipolar über depressiv bis zu Esstörungen) haben 8 mit denen ich spreche, enorme Schwierigkeiten mit Telefonaten. Warum dann gerade DIESE Einrichtungen auf Telefonkontakt bestehen, werde ich nie verstehen. Bisher war die einzige, die meine Bitte um Vermeidung des Telefons ernt nahm, die Autistenhilfe.

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