Auditive Wahrnehmungsstörung

Dieser Blogtext beschreibt meine Schwierigkeiten sehr gut. Das ist auch der Grund dafür, weshalb ich dem Telefonieren so abgeneigt bin und weshalb ich mir in größeren Gruppen immer schwer tue, speziell, wenn ich fremd bin und man nicht über meine autistischen Bedürfnisse Bescheid weiß. Gerade die Situation auch, wenn ich an der Supermartkasse, an einem Ticketschalter, beim Bäcker an der Theke oder sonstwo stehe, und hinter mir fängt jemand laut zu reden oder telefonieren an, habe ich größte Mühe, noch einen klaren Satz herauszubringen bzw. zu verstehen, was der Verkäufer mir sagt. Es ist zugleich auch mühsam und frustrierend bei “Erstkontakten”, wenn ich akustisch nur die Hälfte vom Zwiegespräch mitbekomme und öfter “ins Blaue” antworte, weil ich die Frage nicht richtig verstanden habe. Im Job hilft mir ein Headset bzw. hilft oft die fachliche Routine. Die Fragen sind meist vorhersehbar. Im Privaten gilt das leider nicht und “Anrufe aus heiterem Himmel” beantworte ich meist schlichtweg nicht.

An dieser Stelle noch der Verweis auf weitere hervorragende Texte einer Autistin, die mir 1:1 aus dem Leben sprechen:

Leider ist vieles davon unsichtbar bzw. wird nicht als unmittelbar in Zusammenhang mit Autismus stehend wahrgenommen. Dadurch wächst wieder der Leidensdruck und die Erwartungshaltung, in allen Situationen “normal” zu funktionieren. Ich kämpfe gerade mit den Vorarbeiten zur Übersiedlung. Die präferierte Umzugsfirma bietet Kontakt via Mail an, reagiert aber nicht darauf, so wie etliche Ärzte und Behörden und sonstige Servicestellen in Salzburg auch. Mein derzeitiger Vermieter besitzt nicht einmal eine E-Mail-Adresse, er ruft oft zu ungünstigen Uhrzeiten an (während ich in der Arbeit sitze oder gerade im Zug) und dann ist der Empfang so schlecht, dass ich ihn kaum verstehe. Jetzt hat er sich an den unfähigen Makler gewandt, der mir die Wohnung damals vermittelt hat, weil schon im Februar erste Interessenten in meine Wohnung zum Besichtigen kommen sollen. Was aus mehreren Gründen unpraktisch ist. Erstens ständig weitere Anrufe, dann fremde Personen in der Wohnung und drittens muss ständig aufgeräumt sein. Viertens besteht immer noch das Schimmelproblem an den Wandecken, was in meinen Augen am Baupfusch liegt und nicht an mir, weil man auch an den Außenwänden in der Höhe, wo sich der Schimmel innen bildet, die Nässe sieht. Die vielen unangekündigten Anrufe am Handy zehren enorm an meinen Energiereserven, ich bin dann den restlichen Tag nicht mehr so belastbar, kann nicht mehr von dem umsetzen, was ich mir vorgenommen habe. Das sieht man von außen aber nicht, außer, dass ich zunehmend verstumme, Blickkontakt meide und mich in die Wohnung einschließe. Der Verlust an Energiereserven, um “normal” zu erscheinen, ist für viele schlichtweg nicht erkennbar. Sie wundern sich dann, warum ich nicht ans Telefon gehe, oder selbst anrufe, wenn eine E-Mail offensichtlich nicht ausreicht. Doch im Job geht es ja offensichtlich, wie kann das so unterschiedlich sein? Das lässt sich rational manchmal schwer erklären. Meist versuche ich es erst gar nicht. Verständnis haben und Bedürfnisse respektieren, es könnte so einfach sein. Ich kann über E-Mail viel schneller reagieren, bin viel besser erreichbar als am Telefon. Punkt aus, da gibt es nichts zu diskutieren.

Eigentlich wollte ich hier noch ein bisschen mehr schreiben, doch hab ich derzeit schriftstellerische Ladehemmung.

Advertisements

4 thoughts on “Auditive Wahrnehmungsstörung

  1. lizzzy07 10. January 2019 / 14:47

    Weshalb funktioniert es, 20 gleichartige Telefongespräche zu führen (sollte von unterschiedlichen Leuten etwas Bestimmtes erfragen), aber ist es ein Tagesprojekt, auch nur einen Termin auszumachen – von Warteschleifen gar nicht erst zu reden (inklusive des Gedudels und „Bitte warten, wir sind gleich für Sie da!) ein Tagesprojekt. Warum erreicht man mich per Mail zuverlässiger als telefonisch (mal abgesehen davon, dass etliche meiner Bekannten keine E-Mail-Adresse haben)? Außerdem ist die Müdigkeit noch nicht ganz abgeklungen, aber ein paar Termine stehen auch schon wieder im Kalender. Dabei wollte ich doch mal gründlich aufgeräumt haben… Daraus wird wohl auf absehbare Zeit ein „Hauptsache nicht im Chaos versinken“

    Und noch eine Frage an dich, Forscher: Wie ist bei euch die Schneelage? Kämst du aus Salzburg raus, wenn du wolltest und ohne zu viele Nerven zu lassen? Wir haben es hier zwar auch weiß, aber nicht ungewöhnlich viel.

    Like

    • Forscher 10. January 2019 / 14:48

      Hier liegen 30cm. Rauskommen wird schwierig, öffentliche Tourenziele gibt es fast keine mehr.

      Like

  2. SWB 10. January 2019 / 19:25

    Vielen herzlichen Dank für Deine lobenden Worte und Deine Verlinkung auf meine Blogbeiträge.
    Das bedeutet mir sehr viel.

    Ich kenne das, was Du im ersten Absatz schreibst viel zu gut. In größeren Gruppen kann ich weder bei der Geschwindigkeit mithalten, noch überhaupt alles verstehen. Denn bis ich das Gesagte in meinem Kopf so lange wiederholt habe, bis es einen Sinn ergibt, sind die anderen eventuell schon ganz woanders im Thema und ich habe das gar nicht mitbekommen. Nur kriegen die anderen es halt leider nicht mit, dass ich solche Verständnisprobleme habe. Aber sie reagieren genervt, wenn ich zum gefühlt hunderstenmal sage: “Wie bitte, was hast du gesagt, ich habe das akustisch gerade nicht mitbekommen”. Deshalb versuche ich so wenig als möglich nachzufragen und lieber selbst darauf zu kommen, was gesagt wurde.

    Und wenn sich die Leute im Supermarkt an der Kasse miteinander unterhalten, dazwischen ist wirklich immer jemand, der lauthals seinem Smartphone Dinge mitteilt, die ich lieber nicht gewusst hätte, dann das Gepiepe, wenn mehrere Kassen besetzt sind, habe ich enorme Schwierigkeiten. Schon weil ich immer kontrolliere, ob meine Waren ordnungsgemäß über die Kasse gezogen werden und nicht irgendetwas doppelt eingescannt wird, dann muss ich mich sehr stark konzentrieren, um mein Gepiepe aus dem restlichen Gepiepe auszufiltern. Das schlaucht mich oft so, dass einfach keinerlei Energie mehr übrig bleibt, um zusätzlich noch launige Worte mit der Kassiererin zu wechseln.

    In meiner vorletzten Arbeitsstelle hatte ich – allerdings erst nach mehreren Jahren – keine Probleme mehr mit den Anrufen. Es ging immer um dasselbe Prozedere einer Kursanmeldung und die Floskeln am Anfang und Ende eines solchen Gespräches hätte ich zu der Zeit dann auch in komatösem Zustand abspulen können. Aber wie du so richtig schreibst, unverhoffte Anrufe “aus heiterem Himmel” einfach mal so eben bei mir privat, gehen einfach nicht, da gehe ich erst gar nicht dran. Den Unterschied jemandem so zu erklären, dass er das nachvollziehen kann, ist jedesmal sehr schwer.

    Liked by 1 person

  3. Sarinijha 15. January 2019 / 18:57

    Genau über dieses Thema plane ich auch schon lange zu bloggen, daher vielen Dank für Deinen Text. Es beschreibt ganz wunderbar meine größten Schwierigkeiten. Besonders schlimm empfinde ich es oft in der Bäckerei. Wenn da drei Verkäuferinnen hinter der Theke stehen, drei Kunden bedient werden, sechs weitere Kunden im Hintergrund warten – und dann darf ich meine Bestellung aufgeben. Erstens höre ich meist gar nicht, was das Verkaufspersonal sagt, und zweitens hört das Verkaufspersonal meine Bestellung meist auch nicht. Das liegt einfach daran, dass ich in dieser Situation total das Gefühl für meine eigene Lautstärke verliere. Ich weiß nicht, ob ich meine Bestellung leise wie eine Maus oder laut wie ein Elefant ausgesprochen habe. Meist bin ich allerdings zu leise; aber ich mag auch nicht quer durch den Laden brüllen. Ganz unangenehme Situation für mich.

    Schade, dass Du eine schriftstellerische Ladehemmung hast. Auf der anderen Seite geht es mir auch diesbezüglich grad sehr ähnlich; ich will aber versuchen, wieder mehr an meinem Blog zu arbeiten und einen Zugang zum Schreiben zu finden.

    Nun hinterlasse ich noch ganz viele Grüße an Dich und wünsche Dir eine schöne restliche Woche.

    Like

Leave a Reply

Please log in using one of these methods to post your comment:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.