Schweigen is a Schas.

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Zeitloses Graffiti am Donaukanal: “Don’t try to be an apple if you are a banana….”

“Zwei Tage vor der Van der Bellen-Wahl (In Österreich wird der Bundespräsident direkt gewählt, Anm.) hat ein schwuler Bekannter mir gesagt: “Wenn der Hofer gewinnt, werde ich nicht mehr so offen leben wie jetzt.” Da hab ich ihm geantwortet: “Wenn wir, die wir ein gutes Leben haben, die wir wohlsituiert sind und Vorgesetzte haben, die uns akzeptieren, anfangen, uns zurückzuziehen, was sollen denn dann die anderen tun? Wenn wir uns verstecken, geben wir auch den Heteros nicht die Möglichkeit, zu sehen, dass es uns immer und überall gibt. In jedem Sportverein, in jedem Ministerium, in fast jeder Familie.”

Ulrike Lunacek (ehemalige Grünen-Politikerin und bekennend homosexuell) in “Der Preis der Macht. Österreichische Politikerinnen blicken zurück.” von Lou Lorenz-Dittelbacher (September 2018″)

Seit ich diese Aussage vor ein paar Tagen gelesen habe, lässt sie mir keine Ruhe mehr. Zwar bezieht sie sich auf Homosexualität, doch ist die Aussage fast eins zu eins auch auf Autismus anwendbar, wenngleich es keine bekennenden autistischen Ministerinnen gibt. Für beide Randgruppen (6% Homosexuelle in Österreich, 1 % Autisten) ist die schwarzblaue Regierung eine Gefahr. Für Homosexuelle durch ultrakonservative und homophobe Ansichten einiger Regierungsmitglieder, die die “Ehe für alle” am liebsten rückgängig machen wollen, für Autisten durch eine Vielzahl von Maßnahmen in der Arbeitspolitik (“12-Stunden-Tag”, kategorisch schlechtere Einstufung beim AMS), Gesundheitspolitik (höhere Selbstbehalte und weniger Kassenleistung, Notwendigkeit von Zusatzversicherungen, von denen Autisten kategorisch ausgeschlossen sind, Mangel an Kassenärzten/therapeuten), Sozialleistungen (Kürzung von Mindestsicherung, degeneratives Arbeitslosengeld – der Großteil der Autisten ist arbeitslos oder in Teilzeit). Die zynischen Ankündigungen der Regierung, Maßnahmen für behinderte Menschen ergreifen zu wollen wird durch die Vielzahl der Verschlechterungen in anderen Bereichen wettgemacht. Das liegt nun einmal daran, dass viele Autisten neben Autismus mit psychischen und körperlichen Erkrankungen zu kämpfen haben, oft langzeitarbeitslos sind, dauerhaft von Mindestsicherung abhängig sind, weil ihnen keine Arbeit zugetraut wird oder weil die Anforderungen zu hoch sind, nicht zuletzt die größte Hürde Bewerbung und Bewerbungsgespräch, und jetzt auch die steigenden Zumutbarkeitsregeln, was Pendeln und Überstunden betrifft.

In Summe mache ich mir große Sorgen, wie das weitergehen soll, wenn sich bereits innerhalb von nur einem Jahr so viel massiv für Minderheiten verschlechtert hat, allen voran für die größte Minderheit im Land, die Frauen und Frauenrechte (es gibt rund 200 000 mehr Frauen als Männer in Österreich).

Vor wenigen Wochen ist erst wieder ein Artikel über Hans Asperger erschienen, bei dem moniert wurde, er hätte die Nazideologie übernommen oder war zumindest nicht so im Widerstand wie man das zuerst geglaubt hat. Tja, jetzt ist eine Regierung am Werkeln, die aus lauter “Einzelfällen” besteht (FPÖ-Politiker mit rassistischen, xenophoben Aussagen und Nazisager-Entgleisungen) und deren konservativer Part massiv Stimmung gegen Flüchtlinge, Ausländer, Einheimische mit Migrationshintergrund und Armutsbetroffene macht. Und jetzt muss man sich die Frage stellen, wie gehen wir als Betroffene und solidarische Nichtbetroffene mit diesem Anschlag auf unser Leben um?

Gestern demonstrierten rund 40000 bis 50000 Gegner der Regierung in Wien, was der amtierende Witzekanzler als schädlich für Christkindlmarktbesucher und Weihnachtsshopper geißelte. Von 6,4 Mio. Wahlberechtigten entschieden sich fast 60% für diese Regierung. Man kann es rechnen, wie man will, der Protest fällt sehr verhalten aus. Österreich ist weder ein Streik- noch ein Protestland. Hauptsache es geht “gegen die Roten”, der Rest ist wuascht. Wo lebt die Bevölkerung eigentlich? Hinter dem Mond? Gibt es da hermetisch abgeriegelte Communities und Villen-Viertel, die nie in Berührung mit anderen Bevölkerungsschichten kommen? Was ist mit den Besserverdienenden, egal ob Single oder Familie? Haben die keine Bekannten und Freunde, die behindert, langzeitarbeitslos sind oder aus einem armen Elternhaus kommen, ohne Chance auf Aufstieg? Durch das vor kurzem abgesegnete Spitalsgesetz, nachdem in Spitalsambulanzen (!) Zweiklassenmedizin eingerichtet werden soll, mit eigenen Warteräumen und eigenen Ärzten, wird sich die Trennung zwischen arm und reich noch verschärfen, ebenso wie durch eine Vielzahl anderer Maßnahmen (z.b. Familienbonus für Besserverdienende, während die Mindestsicherung kinderreicher Familien gekürzt wird). Hat sich also wirklich eine Mehrheit der Minderheit, die die Regierung nicht gewählt hat oder noch nicht begriffen hat, dass sie selbst ganz massiv von den Einschnitten und Rückschritten in die 50er, in die 30er Jahre und ins 19. Jahrhundert betroffen sein wird, dafür entschieden, es Hans Asperger gleichzutun, bloß nicht groß aufzumucken, während Kollegen emigrieren, ein bisschen mitzutun, den Jargon zu übernehmen, wird ja nicht alles verkehrt sein (wenn ich alleine daran denke, wie viele Sozialdemokraten mir einreden wollten, es sei gerecht, die Familienbeihilfe slowakischer Pflegerinnen auf das Niveau des Heimatlands anzupassen, obwohl es erstens gegen das EU-Recht verstößt und sie zweitens bei uns die gleichen Steuern zahlen wie Inländer auch), und nach Ende des Regimes so zu tun als ob nie etwas gewesen sei, sich ein bisschen distanzieren, usw.

Damit tue ich Hans Asperger vermutlich Unrecht, so wie einem größeren Anteil dieser Minderheit, die ebenso wie ich Ohnmachtsgefühle hat, nicht weiß, wie sich verhalten soll. Es gibt schließlich eine reale Angst vor Jobverlust, weil man offen aufbegehrt. Sei es die Köchin, die sich weigerte, Überstunden zu machen, die aufgrund des 12h-Arbeitsgesetz angeordnet wurden, oder die dutzenden Aufsichtsräte in diversen staatlichen und teilstaatlichen Unternehmen, die rot oder rot nahestehend waren und einfach blau umgefärbt wurden, um einmal zwei Beispiele an entgegengesetzten Enden der Gehaltsskala zu nennen. Die Medienhoheit für soziale Gerechtigkeit gab es in Österreich nie und auf diesem Weg wird es nicht gelingen, die Themen zugunsten Anstand und Verteidigung der Menschenwürde zu verschieben.  Ich hab immer noch ein bisserl Restoptimismus, dass nicht alle empathielose Trottel sind, die glauben, Demokratie verteidigt sich von alleine. Ja, es werden wohl wieder andere Regierungen kommen, aber es kommt auch zu irreparablen Schäden: Tausende Lebensentwürfe werden zerstört, die Armut explodiert, Obdachlosigkeit, Suizide, gegenseitiger unerträglicher Neid wird geschürt, Reiche schotten sich ab, leben in Parallelwelten. Mit einem Wort: Klassenkampf. Und dies lässt sich nicht so leicht rückgängig machen, in einem Land, wo ein Koalitionspartner mindestens einer sein wird, der aktuell in der Regierung ist. Das andere Problem ist der Klimawandel. Die Luft wird wortwörtlich dünner und die Zukunftsaussichten für die nachfolgenden Generationen immer düsterer.

Ein erster Schritt, ohne konkrete Aktionen, wäre, den Rechten nicht die Diskurshoheit zu überlassen, sondern darüber zu reden. Abseits der Medien kann man lästig werden und das Thema immer wieder vorbringen, bei Verwandten, Kollegen, Freunden. Man kann Beispiele bringen, wie das sehr wohl auch Menschen betreffen kann, die jetzt gar nicht den Weitblick haben zu erkennen, dass sie selbst betroffen sein können und werden.

Was ist, wenn man einen Unfall hat?
Was, wenn man dauerhaft erkrankt?
Was ist, wenn die Firma pleite geht?
Was ist, wenn die Firma umstrukturiert?
Was passiert, wenn die Zuschläge und 13./14. Gehalt versteuert werden?
Was passiert, wenn der Betriebsrat entrechtet wird und die Errungenschaften im Kollektivvertrag nichts mehr wert sind?
Was passiert, wenn die Arbeiterkammer finanziell ausgehöhlt und entmachtet wird?
Was passiert bei höheren Selbstbehalten bei der staatlichen Krankenkasse?
Bis zu welcher Schmerzgrenze ist das aushaltbar für eine Person oder eine Familie mit bestimmten Ausgaben, von denen, wie man weiß, fast die Hälfte oder mehr alleine für die Wohnung draufgeht?
Was passiert mit Verwandten bzw. Großeltern, die gepflegt werden müssen [wenn sich der Pflegermangel verschärft, weil die Bezahlung zu schlecht ist]?
Wer bezahlt den Fahrtendienst?
Wer bezahlt das Altenheim?
Was ist mit Kindern mit erhöhtem Förderbedarf? Wer kümmert sich, wenn das Geld für Schulen mit erhöhtem Förderbedarf gekürzt wird? Wie gerecht ist das (wiedereingeführte) Notensystem?

Und diese Fragen, die einen alle theoretisch selbst betreffen können, werden mit Sicherheit irgendwen im nahen oder entfernteren Bekannten- und Freundeskreis treffen. Bis auf die feudale Reichenblase in den Schlössern und Villen hat die Mehrheit der Bevölkerung Kontakt mit jenen, die betroffen sind und sein werden. Wie man sieht, muss man dazu keine exotischen Ausnahmen (</ironie) wie Homosexualität oder Autismus bemühen. Es geht uns alle an!

Zurück zum Teaser – verstecken wäre das falsche, jetzt erst recht, solange ich kann. Ich hab nur dieses eine Leben und kann nicht auf das nächste warten.

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