Hürdenlauf

descent
Boeing 747 im Landeanflug auf Frankfurt-Flughafen

Wie im vergangenen Beitrag berichtet, stand eine Dienstreise bevor. Die Teilnehmer waren mir durchwegs sympathisch, es haben sich nette Kontakte ergeben, die Vorträge waren interessant und ich hab vieles Neues erfahren. Die Begleitumstände waren am Anfang holprig und am Ende ging mir etwas die Energie aus. Dennoch ziehe ich ein positives Fazit und hoffe auf eine Wiederholung in den nächsten Jahren.

Die Anreise

Ich bin das erste Mal von Salzburg abgeflogen. Dafür bestellte ich mir ein Taxi in der Früh und war mehr als rechtzeitig am Flughafen. So hatte ich Zeit für ein kleines Frühstück und konnte ohne Stress durch die Sicherheitskontrolle schlüpfen. Wie immer hatte ich mir meine Kamera mitgenommen, um während dem Flug zu fotografieren. Mein Sitznachbar war sichtlich nervös, sogar nervöser als ich, was nicht leicht war, denn ich wusste ja, welches Wetter uns während dem Flug erwarten würde. Erst ein Warmfrontausläufer, dann eine Kaltfrontokklusion mit eingelagerter hochreichender Konvektion. Erstmals konnte ich EMBD TCU/CB (eingelagerte Cumulonimben) von oben sehen. Der Stratocumulus als tiefste Schicht ganz unten, darüber Altocumulus/Altostratus und darin eingelagert die überschießenden Ambosswolken. Beim Aufstieg sind wir den Schauerwolken noch ausgewichen, beim Sinkflug zwischen 07.35 und 07.40 kurzzeitig hineingeraten, da hat es stärker gewackelt (leichte Turbulenzen). Später erreichten wir die labile Rückseite mit größeren Wolkenlücken und mächtigen Schauerwolken (Cumulonimbus incus):

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Landeanflug auf Frankfurt-Flughafen, lockerer Stratocumulus vorne, Cumulonimben im Hintergrund (mittig Reifestadium, links in Auflösung)

Leider machte sich bei der Canon Powershot G3X wieder das Problem mit dem Autofocus bemerkbar, er hat mehrfach nur die (dreckige) Scheibe scharf gestellt und nicht die Wolken. Schade.

Die Landung selbst verlief sehr geschmeidig auf der (neuen) Landebahnwest. Danach wurden wir mit dem Bus abgeholt und fuhren relativ lange bis zum Terminal. Ich folgte der Beschilderung zur Gepäckausgabe und musste nur kurze Zeit warten, mein giftgrüner Koffer war zum Glück rasch gesichtet. Danach wurde es mühsamer. So richtig ausgeschildert war der Busbahnhof erst nicht, und vom Terminal kommend gibt es überhaupt keine Schilder, an welcher Stelle die einzelnen Busse abfahren. Ein Übersichtsplan hätte mir geholfen. So irrte ich erst ein wenig herum, bis ich den Busbahnhof fand und den richtigen Bus. Dieser war natürlich prall gefüllt. Beim Umstiegsbahnhof kannte der Fahrscheinautomat meine Haltestelle nicht, also schnell den nächsten Ort genommen, weil der Zug schon einfuhr. Hotel-Checkin war problemlos, das Zimmer leider ziemlich verraucht vom Vorgänger, hätte auf ein anderes bestehen sollen. Keine Couch im Zimmer, nur ein schmales Kopfkissen, die Nachtischlampe so dunkel, dass ich im Bett nicht lesen konnte, die Deckenlampe so ungünstig, dass deren Licht auch nicht ausreichte.

Die Ankunft

Wesentlich mühsamer wurde es danach, als ich den Eingang zum Veranstaltungsort suchte. Es gab mehrerere Tore, eines für Besucher, das ich aber nicht fand, es war auch am Plan nicht eingezeichnet, welchen ich vorher ausgedruckt hatte. Ich irrte zwei Mal herum, ehe ich beim dritten Mal dann ein Herz fasste und den Security-Mann fragte. Natürlich war ich richtig, nur das Tor war falsch bezeichnet. Ich ließ mir einen Besucherausweis ausstellen. Am Gelände angekommen fiel mir ein, dass ich ja noch eine Wertkarte brauchte, weil man dort ausschließlich bargeldlos bezahlte. Die Karte konnte man nur mit Geldscheinen aufladen. Nirgends stand eine Info, wie das funktionierte, geschweige, wo man einen Automaten finden konnte. Also fragte ich in der Cafeterie nach und bekam den richtigen Hinweis. Vor der Kantine stand der Automat, nahm aber meinen Schein nicht. Ich verzweifelte langsam, auch dort stand nicht, was man in so einem Fall machen sollte. Ich probierte es zig Mal, dann fragte ich beim Service Desk nach, der kannte sich nicht aus und meinte, ich solle doch jemand fragen, der in der Kantine arbeitet. Ich fragte insgesamt drei Personen, keiner wusste so richtig Bescheid und verwies mich jeweils an andere. Ich ging dann in die Kantine und fragte eine Mitarbeiterin, die mir in nicht leicht verständlichem Deutsch etwas sagte, was ich akustisch nicht verstand und mich an eine andere Person verwies, die ich auch nicht kannte. Ich hakte nach “Aber normalerweise müsste das doch so funktionieren, oder?” Sie blökte mich an “Ja, normalerweise! Aber was weiß ich denn, ich kann auch nichts dafür!” Ich drehte mich zornig um und rannte fluchend nach draußen. Warum ließ sie ihren Frust an mir ab? Warum konnte man bei dem blöden Automaten nicht einfach einen Hinweis machen “Bei technischen Problem wenden Sie sich bitte an XXX…!”

Draußen wurde ich dann erlöst, ein schick gekleideter Mitarbeiter kam vorbei und half mir freundlich, indem er den Schlüssel für das Gerät holte, neustartete (Windows XP!) und dann ging es. Bis dahin war eine dreiviertel Stunde vergangen, ich hatte reichlich Durst und Hunger und war kurz vorm Overload.

Das Seminar

Viel kleiner als erwartet. Nur 14 statt 30 Teilnehmer. Kein Siezen, sondern Duzen, was für mich viel angenehmer war. Die Vorstellrunde überstanden. Schwieriger war eher die Feedbackrunde, denn ich blieb relativ fachbezogen, während die anderen sowas sagten wie “der Austausch war super, toll organisiert, nette Gespräche am Abend, etc.” Sonst war es durchaus anstrengend, über viele Stunden des Tages zuzuhören. Mit Handy spielen verboten. Die Mittagspause in einer auf 100% neurotypische Menschen ausgerichteten Kantine, Platz für rund 300 Leute. Urlaut, eine einzige Kakophonie, unterhalten unmöglich. Schnell weg!

Smalltalk

Das war am Anfang die größte Herausforderung, denn bis auf einen kannten sich alle anderen Teilnehmer schon als Kollegen oder durch frühere Aus- und Fortbildungen. Etliche hatten das logische Bedürfnis, sich auszutauschen, aber dadurch kam ich kaum zu Gesprächen bzw. wusste ich nicht, wo ich anknüpfen sollte. Es wurden viele Interna ausgetauschen, teilweise war es mir fast peinlich, dabei zuzuhören, doch wenn man beim Abendessen zusammensitzt, kann man nicht weghören. Wenn es dann bei klassischen Smalltalkthemen nur um Übersee-Reisen geht, bin ich ebenfalls außen vor, weil ich noch nie im entfernteren Ausland Urlaub gemacht habe. Leichter fielen mir die Gespräche grundsätzlich am Weg zum Abendlokal, wenn man zu zweit nebeneinander ging als im Lokal selbst, die bis auf einmal immer sehr gefüllt waren und so laut, dass ich größte Mühe hatte, akustisch mitzukommen. Das kostete viel Energie und ich war abends immer so müde, dass ich nicht einmal zum Lesen kam. Hier hätte ich es definitiv leichter gehabt, wenn ein zweiter Kollege dabei gewesen wäre, wie es in früheren Jahren immer der Fall war.

Wie so oft muss ich immer einen Spagat finden zwischen dem, was man beim ersten Mal erzählen darf und was zu privat ist oder zu weit geht. Politik war glücklicherweise überhaupt kein Thema.

Heimreise

Nach dem Seminar fügte ich noch einen kleinen Heimaturlaub an, erst ein relativ vergnügliches Zweitligaspiel von Darmstadt gegen Ingolstadt, das sich eher zufällig ergeben hat. Trotz Hundskick sehr kurzweilig aufgrund der reichlich emotionalen Darmstadtfans, die jede Schiriaktion mit entsprechenden Ausrufen belegten. Als neutraler Zuschauer konnte ich nur in mich hineinschmunzeln. Die Rückfahrt war dann wieder anders als geplant, weil just an diesem Tag der deutschlandweite Bahnstreik stattfand. Meine reservierte Zugverbindung fiel aus, zum Glück galt das Ticket den ganzen Tag und für jede Zugverbindung, nur der Sitzplatz war halt futsch. So fuhr ich dann statt ICE zwei Mal mit dem Regionalexpress nach München, was unerwartet bequem war. Solange man fährt, kann man mit längerer Reisezeit leben. Lästig sind nur längere Wartezeiten in der Kälte bzw. an Bahnhöfen ohne Infrastruktur. In München hatte sich der Verkehr wieder normalisiert bis Mittag und ich konnte mit dem RJ weiterfahren. Leider war die erste Klasse schon ausgebucht und nachdem ich zwei Mal vom Sitzplatz vertrieben wurde, saß ich wieder im Bordrestaurant wie sonst auch immer. Zumindest war die Wiener Kellnerin gut aufgelegt.

Ich: “Ich hätte gerne einen Verlängerten und ein Gösser.” –

Sie: “Gemeinsam oder hintereinander? ” –

Ich: “Gleichzeitig.”

Zu einer Bremer Männergruppe, die in den Schiurlaub fuhr und sich dabei besaufte:

“Es ist lustig, wir haben die gleiche Sprache, hören uns gegenseitig aber ziemlich deppert an.”

So kam ich insgesamt sechs Stunden früher an als geplant. Mitten während der Zugfahrt noch ein kleiner Schreck, als sich der Vermieter plötzlich meldete. Immer bei längeren Abwesenheiten fürchte ich ja, dass was mit der Wohnung ist. Dieses Mal hatte er angeblich die Miete nicht bekommen, obwohl ein Dauerauftrag eingerichtet ist. Ich schaute gleich am Konto nach, alles normal abgegangen. Zur Sicherheit ging ich direkt nach der Ankunft in Salzburg zur Bank, ließ mir versichern, dass eh alles passt und der Vermieter offenbar schasaugert war, wie er am nächsten Tag auch zugab. Nach diesem kleinen Nervenkitzel hatte ich dann alles überstanden.

Was lässt sich als Fazit ziehen?

Autismusbedingte Schwierigkeiten ergaben sich vor allem durch den Mangel an Beschilderungen/Hinweisen am Seminargelände (Orientierungsproblem bzw. Exekutive Dysfunktion). Dadurch musste ich gleich am ersten Tag mehrfach Fremde ansprechen, was sehr viel Energie gekostet hat. Später war die Kantine ein Problem, die einfach viel zu voll war, auch in der Cafeteria war immer viel los. Rückzugsräume für mich zu finden, war schwierig, auch in den Pausen. Ich hätte natürlich abends alleine Essen gehen können, aber wenigstens da wollte ich die anderen Teilnehmer besser kennenlernen. Als Fremder in eine Gruppe hineinzufinden, wo jeder jeden kennt, fällt mir nach wie vor schwer. Das war im neuen Job so und ist da nicht anders. Das ist der große Vorteil des Internets, wo man sich lange vor dem eigentlichen Kennenlernen austauschen kann. Dann hat man Anknüpfungspunkte. Erst am letzten Tag merkte ich dann, wie viel Energie die Woche gekostet hat. Ich hatte ein Speichermedium im (fünf Gehminuten entfernten) Hotel vergessen, und war unsicher, ob ich mitten im Vortrag gehen sollte, um es zu holen, bis ich zweifach aufgefordert wurde, es doch zu holen, weil es um die Ecke lag. Obwohl es wortwörtlich naheliegend war, spürte ich die Hirnblockade. Der Bahnstreik verursachte zum Schluss auch wieder Unruhe, weil ich wusste, wie voll und unzuverlässig deutsche Züge sind. Genau das wollte ich ja vermeiden durch die Reservierung. An so einem (Rückreise-) Tag bin ich dann meist nicht mehr ansprechbar bzw. nur noch nervös und gereizt. Alles in allem blieb ich im gesamten Zeitraum von einer größeren Meltdown/Shutdown-Phase verschont, nur nach dem defekten Kartenautomaten hatte ich mit der Selbstbeherrschung zu kämpfen. Was helfen kann: So viele Vorabinformationen wie möglich. Letzendlich ist dann doch jede Situation wieder anders.

 

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