Für einen Autisten hätte ich Dich nie gehalten …

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Schneeschuhwandern

Nicht selten sorgen meine Coming Outs für Erstaunen, manchmal auch für skeptisches Stirnrunzeln. Du bist Autist? Nicht wirklich, oder? Also für mich bist Du ganz normal. Das hängt stark davon, in welchem Umfeld man mich kennenlernt, ob es eine einzelne Begegnung bleibt oder ob man mehrere Tage zusammen ist und wie sich meine Tagesverfassung dabei entwickelt. In einem kürzlichen Twitter-Thread wurde anschaulich aufgezeigt, welchen Stellenwert die Bewegung (Sport) für manche Autisten hat: Überfordernde Umgebungsreize, aber auch Überforderung und mentaler bzw. emotionaler Stress führen dazu, dass man irgendwann am Limit ist und keine Energie mehr hat, sich der Situation länger auszusetzen. Was das @trampeleinhorn nun empfiehlt:

“Je nach persönlicher Veranlagung kann es also sinnvoll sein, Kartons zu treten, zu schreien/laut zu singen, Dinge zu werfen, einfach rauszulassen, was gerade im Kopf geschimpft wird für “fight”, oder zu springen, zügig zu gehen/laufen, sich zu bewegen für “flight”. Damit lässt sich […] verhindern, dass sich die Stressreaktionen sowohl energetisch als auch betreffend der Nebeneffekte kumulieren.”

Genau diese Rolle erfüllt bei mir das Wandern und Bergsteigen.

Wenn mein Kopf voll ist, wenn ich wichtige Entscheidungen treffen muss, wenn es zuvor (autismusbedingte) Missverständnisse mit Menschen gegeben hat, die einen falschen (rufschädigenden) Eindruck von mir hinterlassen haben, dann packe ich meinen Rucksack und gehe wandern. Wenn ich große Wut empfinde, kann es sein, dass ich ein hohes Tempo gehe, kaum Pausen mache, und eine regelrechte Gewalttour dabei herauskommt. Natürlich sind äußere Reize in der Natur immer wichtig und hauptverantwortlich dafür, dass mein Fotoapparat selbst bei Nonstoptouren immer mit dabei ist, aber im Mittelpunkt des Ziel und Zwecks einer solchen Tour steht die Bewegung. Dabei kann ich abschalten und negative Emotionen abbauen.

Deswegen belastet es mich auch sehr, wenn ich längere Zeit (> 1 Woche) keinen Sport machen kann, z.b. während einer Erkrankung, nach einer OP, aber auch ein Familienurlaub, bei dem eher Städtebesichtigungen als Wanderziele auf dem Programm stehen. Das Wetter selbst schreckt mich inzwischen kaum noch ab. Zwar frustriert es, wenn man sich seine freien Tage immer so eingeteilt hat, dass es genau in dieser Zeit Schlechtwetter hat, aber mit Regenkleidung ausgerüstet bin ich bei jedem Wetter unterwegs. Im Winter ist Schneefall ohnehin kein Störfaktor, eher die schlechte Sicht und die ständig beschlagene Brille.

In Wandergruppen unterwegs zu sein bedeutet , dass mich die Begleiter nur während der Ausübung meines liebsten Spezialinteresses kennenlernen, also dann, wenn ich tiefenentspannt bin (sofern wir nicht bei gefährlichen Witterungsverhältnissen unterwegs sind) und meine autistische Grundsymptomatik nicht sichtbar ist. Dann bin ich durchaus gesprächig, erzähle gerne, was die Wolken am Himmel bedeuten, welche Berge man in der Ferne sieht oder welchen baugeschichtlichen Hintergrund alte Kirchen oder Profanbauten haben. Die meiste Zeit wird man mir meinen Autismus beim Wandern nicht anmerken, allenfalls, wenn ich etwas von mir erzähle, was vielleicht unpassend erscheint oder zu privat ist, oder was den anderen schlicht nicht interessiert, ich aber nicht bemerke, weil ich die nonverbalen Signale nicht merke bzw. falsch interpretiere.

Der Autismus wird dann deutlicher, wenn sich etwas anders als geplant entwickelt, etwa eine verpasste Zugverbindung, eine sehr kurzfristige Planänderung, wo man eine Rast einlegt oder wohin man überhaupt geht, oder wenn in der bereitgestellten Unterkunft nicht das vorhanden ist, was man erwartet hat bzw. der Zimmer (Bett-) Nachbar unerwartet ein anderer ist, auf den ich nicht eingestellt war.

Eine zunehmende Unruhe stellt sich auch dann ein, wenn wir ein Lokal betreten, in dem es sehr laut ist (klapperndes Geschirr in der Küche/an der Bar, Hintergrundmusik, laute Gespräche der anderen Gäste, Kindergeschrei) oder in dem geraucht wird. Mir fällt es dann zunehmend schwer, mich in größeren Gruppen an den Gesprächen zu beteiligen, weil ich akustisch nicht mehr mithalten kann. Meine akustische Reizverarbeitung ist dann zu langsam.  Je nachdem, wie viel Kraft der Tag bis dahin gekostet hat, ist meine Reizschwelle relativ schnell erreicht. Normalerweise halte ich mich mit Kritik zurück, aber manchmal platzt es aus mir heraus und ich schimpfe über den Kellner, der direkt an der Eingangstür rauchen muss, sodass der Rauch in die Gaststube zieht. Wenn keine Änderung eintritt, übermannt mich der Fluchtinstinkt und ich verabschiede mich hastig und gehe aufs Zimmer, so wie es Anfang Oktober in der Hohen Tatra passiert ist. Hinterher tut mir das oft Leid, speziell auch dann, wenn ich nicht allen Gute Nacht sagen konnte, weil ich mitten im Overload war und in dem Augenblick nur noch zählte “Nichts wie weg von hier!”  Das ist dann der Moment, wo sich andere fragen, warum ich so empfindlich bin, und dass mitunter als befremdlich, im schlimmsten Fall als taktlos oder unsozial empfunden wird. Solche Ereignisse sind der Grund für meine nachträglichen Coming Outs – nicht als Ausrede, sondern als Erklärung. Für eine einmalige Gruppenzusammensetzung wäre es egal, für häufigere Zusammenkünfte kann es hilfreich sein, auf solche Umgebungsreize frühzeitig zu achten bzw. sich diesen erst gar nicht auszusetzen (z.b. wenn notfalls ein Begleiter darauf besteht, dass das Rauchverbot eingehalten wird, oder man sich in eine Ecke umsetzt, wo es weniger laut ist).

Aus ein paar reinen Wanderbekanntschaften wurden auch schon Freundschaften. Wenn derjenige oder diejenige nicht schon zuvor von meinem Autismus wusste, ist das erstmalige Treffen abseits gemeinsamer Wanderungen der kritische Punkt, an dem ein Coming Out oft unumgänglich ist. Es kann schon an der Anfahrt scheitern, so wie vor einigen Jahren, als ich vom Verkehrslärm so überreizt war, dass ich es nicht einmal schaffte, in das Haus der Bekannten zu gehen, sondern zurück nach Hause ging, das Handy ausschaltete und auf jegliche Kontaktversuche nicht mehr reagierte, bis mein inneres Stresslevel wieder unten war. Dann ist oft der Ort des Treffpunkts unglücklich gewählt: Es ist zu laut, entweder, weil der Schanigarten neben einer vielbefahrenen Straße liegt oder weil das Lokal generell unruhig ist mit viel Gewusel, zu vollgestopft mit Sitzgelegenheiten und man sich aneinandervorbei quetschen muss oder ständig im Weg ist. Die Folge: Ich bekomme gefühlt nur die Hälfte des Gesprächs mit, muss manchmal raten, was mein Gegenüber gerade gesagt oder gefragt hat und verstehe mein eigenes Wort beim Antworten nicht. Neurotypische Menschen können in der Regel Umgebungslärm ausblenden (“Cocktailparty-Effekt”), was ich nicht kann. Ich höre simultan mehrere Nachbartischgespräche mit, dazu die kreischende Kaffeemaschine, das polternde Geschirr aus der Küche, das kreischende Kleinkind drei Tische weiter, das schallende Gelächter der Damenrunde und die brüllenden jungen Männer mit dem fünften Bier in der Hand. Der dritte Punkt ist der Smalltalk bzw. wie schon beim Wandern fällt es mir oft schwer zu entscheiden, was zu privat ist und was man erzählen kann. Ich bin normalerweise recht offen bis hin zur schonungslosen Unverblümtheit. Nicht jeder kann damit umgehen. Ich frage auch selten zurück bzw. muss mich daran erinnern, soziale Floskeln zu benutzen, was ich im Gespräch mit anderen Autisten überspringen kann und direkt zum Punkt komme, bzw. wo sich tiefsinnige Gespräche entwickeln. Das setzt – viertens – ausreichend Zeit voraus. Neurotypische Menschen sind oft verplant mit einem gefüllten Terminkalender. Sie nehmen sich dann ein, maximal zwei Stunden Zeit mit mir, dann müssen sie woanders hin. So etwas versuche ich zu vermeiden. Ich brauche gewöhnlich meine Zeit, um warm zu werden, und leider läuft die Zeit meistens dann ab, wenn sich das Gespräch richtig entwickeln kann, wenn ich meinen Panzer abgeworfen habe und mich öffnen könnte.

Wer mich dagegen ausschließlich über die Arbeit kennenlernt oder erstmalig im Zusammenhang mit einer größeren Gruppe, wird viel schneller bemerken, dass ich anders bin, und sich das in den meisten Fällen nicht erklären können und zu den falschen Schlussfolgerungen gelangen. “Der mag nichts mit uns zu tun haben.”, wenn ich mich zurückziehe, wenn ich das gemeinsame Mittagessen meide, weil es in einer vollbesetzten Kantine stattfindet, oder wenn ich – wie beim ersten Arbeitgeber – lieber alleine arbeiten will und nicht im Großraumbüro mit den anderen [im Gegensatz zum jetzigen Arbeitgeber war die Kommunikation mit den Kollegen damals nicht Voraussetzung für die Erledigung des speziellen Aufgabenbereichs.] Dieses “feeling alienated” hatte ich bisher bei jedem Kollegenkreis, nur wusste ich beim ersten Arbeitgeber noch nichts von meinem Autismus. Je zahlreicher die unausgesprochenen Gepflogenheiten, was interne Kommunikation und Verhalten betrifft, desto deutlicher wurden meine Defizite. Letzendlich waren die daraus resultierenden Konflikte und Missverständnisse und damaligen Bewertungen der Vorgesetzten der Hauptgrund für das Ansuchen um eine professionelle Diagnostik und – in weiterer Folge – auch für frühzeitige Coming Outs meinerseits.

Nun wissen das aber Bekannte und Freunde nicht, die mich ausschließlich über Freizeitaktivitäten kennenlernen, während umgekehrt Kollegen mitunter unterschätzen, was ich alles draufhabe, wenn nicht die autismusbedingten Defizite im Vordergrund stehen. Deswegen ist es eine ständige Gratwanderung, wieviel von meinem Autismus ich preisgeben darf, ohne in die “Ausrede!”-Falle zu tappen. Die hohe Anpassungsleistung dabei wird gerne übersehen, ebenso, wie ich sehr wohl mein eigenes Verhalten selbst reflektiere und nach Verbesserungen strebe. Auch das erschöpft – und deswegen bin ich nun mal am liebsten unterwegs in der Natur, fernab der Zivilisation, wo ich unter geringem Energieverbrauch einfach ich selbst sein kann.

 

 

 

 

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3 thoughts on “Für einen Autisten hätte ich Dich nie gehalten …

  1. Lutz Prauser 17. November 2018 / 17:29

    Ich kann das so gut nachvollziehen.

    „Geh Schwimmen“, hab ich mir gesagt. „Und ja nicht im Verein.“

    Das ist eine der wenigen Sportarten, bei denen man allein ist, sich auf und mit niemandem einlassen muss, und selbst, wenn man zu zweit einen See durchpflügt, nicht reden muss.
    Und der Kopf leert sich bis auf die Grundbewegungen (und das Bahnenzählen, wenn man es macht).

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  2. Sarinijha 19. November 2018 / 12:33

    Es erstaunt mich immer wieder, wie viele Gemeinsamkeiten wir haben. Ich finde es großartig, wie Du die Situationen beschreibst und die Schwierigkeiten auf den Punkt bringst. Danke dafür! Mir ging es zuletzt im neuen Chor so. Am Anfang konnte ich noch gut kompensieren und bin beim Singen gar nicht großartig aufgefallen, aber als es danach noch in ein Lokal ging, war ich einfach nur noch im Overload und konnte nicht mehr funktionieren. Während alle sich unterhalten haben, saß ich einfach nur auf meinem Platz und schwieg. Ich konnte auch nicht mehr mitlachen oder irgendein Interesse zeigen, als wäre ich im totalen Stillstand. Leider denken viele Menschen dann tatsächlich, dass ich kein Interesse habe. Sie halten mich für langweilig, uninteressant, manchmal sogar arrogant; was definitiv alles nicht der Fall ist. Ich habe halt nur keine Energie mehr, um an der Konversation teilzunehmen. Ich habe auch noch nie verstanden, wie Menschen sich in vollen und lauten Lokalen unterhalten können. Manchmal sogar „quer über den Tisch“, während ich nicht einmal die Person neben mir richtig verstehe. Das ist alles so anstrengend! Fluchtreflexe hatte ich auch schon immer. Vor der Diagnose habe ich das nie verstanden und fühlte mich schuldig, inzwischen kann ich etwas besser damit umgehen und auch Verständnis für mich entwickeln.

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  3. SWB 16. December 2018 / 19:07

    Du beschreibst sehr anschaulich, danke dafür, und ich finde mich in einigen Dingen eins zu eins wieder. Ach ja, das mit dem im Lokal überlastet fühlen und gar nicht am Gespräch teilhaben können, weil ich schlichtweg nichts verstehe vor lauter Umgebungslärm, kenne ich ebenfalls nur zu gut. Und auch das Phänomen, dass ich nicht weiß, wieviel private Dinge ich erzählen darf/kann/soll/muss, so dass es immer und immer wieder dazu kommt, das ich hinterher feststelle, viel zu viel von mir erzählt zu haben.

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