Exekutive Dysfunktion: Zu viele Termine, zu wenige Termine

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Genügend Leerlaufzeit ist wichtig

Exekutivfunktionen beschreiben die Fähigkeit, Aufgaben zu beginnen, fortzusetzen und zu beenden. Die Exekutive Dysfunktion macht sich unter anderem dann bemerkbar, wenn es darum geht, sein Leben zu organisieren, ob in der Arbeit, im Haushalt, in der Freizeit, eingeschlossen Urlaub und Ausflüge, aber auch beim Einkaufen, beim Sichtzurechtfinden in fremden Umgebungen und in der Terminplanung.

Über vieles hab ich schon gebloggt, darum heute speziell zum Thema Terminplanung bei mir. Ich bin kein zweiter Sheldon, auch wenn mein Twitter-Nickname damit kokettiert, und habe keine ausgeprägten Wochenroutinen. Das liegt schlicht und ergreifend am Schichtdienst, den ich seit acht Jahren ausübe. Ich habe kleinere Routinen, etwa, dass ich beim Frühstück immer etwas lesen muss, meistens eine Tageszeitung aus Papier, oder beim Abendessen gerne eine Serie oder einen Film über den Computer anschaue. Freie Tage halte ich mir meist für meine Wanderungen frei, die genaue Tourenplanung erfolgt oft Tage vorher, den Wetterbedingungen angepasst, mit einem Plan B. Wenn mich etwas interessiert, fällt die Planung sehr detailliert ist. Leider gilt das weniger für den Haushaltsputz. Zwar schreibe ich mir oft Todolisten, mache dann aber doch wieder nur das, was mich am meisten interessiert oder am leichtesten fällt. Für eine künftige Wohnung ist eine Haushaltshilfe also fest eingeplant. Das liegt auch daran, dass mein Bewegungsdrang so groß wie der eines Wald- und Wiesenhunds ist, und ich nach dem vielen Sitzen in der Arbeit jede freie Minute am Berg verbringen möchte.

Zurück zu den Terminen. Neurotypische Menschen haben ihren prall gefüllten Terminkalender. Ich versuche meine freien Tage dagegen so lange frei wie möglich zu halten. Lieber schiebe ich mehrere Termine zusammen auf einen Tag oder quetsche ihn in den freien Vormittag eines Spätdiensts. Das hängt mit meinem oft unberechenbaren Energiehaushalt zusammen. Ich kann nicht immer vorsehen, ob mich der Alltag oder der Arbeitstag stressen wird, und bin danach unerwartet erschöpft oder besonders reizempfindlich. Wenn dann ein freier Tag schon durch einen Termin in Beschlag genommen wurde, kann ich mich an diesem nicht mehr erholen – ein Grund, warum ich Termine übrigens bevorzugt auf den Morgen lege, damit ich noch was vom Tag habe. Abendtermine an freien Tagen bedeuten – mangels intakter Exekutivfunktion -, dass ich den ganzen Tag daheim bleibe und unfähig, an etwas anderes zu denken oder etwas anderes zu tun. Ich könnte ja die Zeit übersehen und zu spät kommen. Jetzt hat sich in den verbleibenden Monaten des ablaufenden Jahres einiges an Terminen angesammelt und die unverplanten freien Tage sind immer weniger geworden. Das erzeugt schon Stress im Vorhinein. Gerade aus diesem Grund tue ich mir schwer damit, regelmäßige Termine zu planen, wie Arztbesuche, Therapiegespräche, aber selbst mit dem damaligen Boulder-Basiskurs war es schwierig, wenn die Erschöpfung groß war. Jeder wiederkehrende Termin belegt wieder einen freien Tag, der nicht für meine Priorität zur Verfügung steht: Wandern und Bergsteigen. Nur dabei fühle ich mich vollkommen frei, kann meinen Autismus voll ausleben, kann ich selbst sein, ohne mich ständig erklären zu müssen oder vor lauter Reizüberflutung in den Overload/Meltdown/Shutdown zu kommen. Es ist mein Lebenselixier, schränkt dadurch aber auch die Ressourcen für das notwendige Drumherum oder für Neues ein.

Das Umfeld könnte den Eindruck bekommen, man könne es mir nie Recht machen. Ungeplante Termine sind schlecht, weil ich mich nicht vorbereiten kann. Geplante Termine sind schlecht, weil sie Erholungszeit belegen, insbesondere dann, wenn unerwartete Ereignisse, Veränderungen oder Konflikte Energieressourcen (Löffel) kosten. In den ersten Arbeitsjahren hab ich mit dem Schichtplan gehadert. Von Natur aus Eule wollte ich die Spätdienste. Dann kam die Liebe zum Berggehen und die Spätdienste waren plötzlich unpraktisch. Das hat lange gedauert, den Vorgesetzten zu verklickern, dass ich jetzt lieber Frühdienste haben wollte. Aber nicht zuviele hintereinander, denn eine dauerhafte Lerche wurde nicht aus mir. Letzendlich hängt alles wieder an den Exekutivfunktionen. Auch Spätdiensttage lassen sich nutzen, sei es das ausgedehnte Frühstück, ein Einkauf, ein bisschen Haushalt oder im Internet einkaufen. Nur braucht man es manchmal einen Tipp von außen, vor allem Verständnis, weil man selbst in seinem ressourcenschonenden Hamsterrad gefangen ist und gar nicht darauf kommt, wie man seine Zeit sinnvoll nutzen kann.

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One thought on “Exekutive Dysfunktion: Zu viele Termine, zu wenige Termine

  1. Sarinijha 3. November 2018 / 21:02

    Ich kann das alles sehr gut nachvollziehen. Habe im Studium auch immer versucht, mir meine freien Tage frei zu halten und eher an Unitagen noch etwas im Haushalt zu schaffen oder Termine zu vereinbaren. Mir geht es in dem Punkt haargenau wie Dir: Wenn ich an einem freien Tag nachmittags einen Termin habe, bin ich nicht mehr in der Lage dazu an diesem Tag noch etwas anderes zu machen. Ich könnte ja den Termin verpassen oder plötzlich keine Energie mehr für den Termin haben. Todolisten funktionieren bei mir auch nicht so gut, weil sie mich häufig sogar in eine negative Stimmung bringen. Ich sehe auf diesen Listen dann bloß, was ich alles an diesem Tag nicht geschafft habe. Und ich mache meist auch eher das von der Liste, was mir Spaß bringt oder leichter zu erledigen ist. Das schaffe ich meist allerdings auch ohne Liste.

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