Schiefgelaufen

In einem Monat steht eine geplante OP an, gestern hätte die Vorbesprechung im Spital stattfinden sollen. Weil ich von Beginn an vermeiden wollte, in einer überfüllten Ambulanz warten zu müssen, um dann in fünf Minuten nicht alle Fragen unterzubringen, die mir auf dem Herzen liegen, hab ich vorab ein Gespräch unter sechs Augen mit der zuständigen Krankenhauspsychologin und dem Chirurgen geführt. Dabei wurde klargestellt, dass ich ein Zweibettzimmer einem Vierbettzimmer vorziehe, und dass ich lieber per Mail kommuniziere und mich Menschenansammlungen überlasten.
Per Mailwechsel mit dem Chirurgen war vereinbart, dass wir uns “ab 8.30 in der Ambulanz treffen und gleich danach ein Termin in der AN Ambulanz vereinbart sei.” Um diese Zeit sei die Ambulanz noch leer.

Ich war viel zu früh da, vor Nervosität hatte ich wieder nichts gefrühstückt. Bin dann Punkt 8.30 ins Gebäude, hab im Schilderwald erst einmal die Orientierung verloren und wusste nicht genau, wo ich hinsollte. Es gab aber nur eine Ambulanz, und die war nicht leer, sondern bis auf wenige Platz voll (ca. 40 Patienten). Entsprechend erhöhter Hintergrundpegel, klingelnde Handys und Telefone bei der Anmeldung und auch noch Radiomusik und -gelaber. Ständiges Gewusel, zwischendurch wurden Patienten aufgerufen. Ich rang mich dann nach 15 Minuten Warten dazu durch, zur Anmeldung zu gehen, ich wollte mich versichern, dass mein Chirurg den Termin nicht vergessen hatte. Als ich die Sekretärin begrüßte und sagte, dass ich einen Termin hätte, fragte sie mich schroff sofort nach meiner E-card und ob ich das erste Mal hier sei und nahm meine Daten auf. Ich sollte mich dann setzen. Eine Dreiviertelstunde blieb ich stehen, denn ich wollte mich nicht inmitten der anderen Patienten mitten ins Gewühl setzen. Doch ich wurde nicht aufgerufen und ich hatte in meiner Mail an den Chirurgen vorher explizit erwähnt, dass ich nur bis 10.00 Zeit hatte, da war es schon halb zehn.
Der erste Kommunikationsversuch mit der Sekretärin hatte mich wegen des Hintergrundpegels schon genug Energie gekostet, für einen zweiten Versuch, um mit Nachdruck zu erklären, dass ich später noch arbeiten muss und ich im Wartezimmer nicht ewig durchhalten könnte, hatte ich keine Löffel mehr. Ich verschwand dann einfach und bin mit großem Frust und erhöhtem Tempo mit dem Fahrrad wieder heimgefahren, hungrig, zittrig, enttäuscht. Obwohl ich meine Handynummer angeben musste, hat sich übrigens niemand mehr bei mir gemeldet.
Genauo diese Situation hatte ich vermeiden wollen, darum ja der Vortermin mit der Psychologin und der ganze Mailverkehr.
Wie soll man Menschen, die nichts von Autismus verstehen, klarmachen, dass man arbeiten kann und trotzdem in manchen Situationen nicht in der Lage, seine Bedürfnisse unmissverständlich zu artikulieren?
Ich hab dem Chirurgen dann zuhause ein Entschuldigungsmail geschrieben und erläutert, dass seine Angaben zu ungenau waren, dass ich nicht wusste, dass ich im Wartezimmer Platz nehmen muss, das eben ganz und gar nicht leer war und dass ich wegen der Reizüberflutung nicht länger bleiben konnte. Und wenn ich gewusst hätte, dass es länger dauert, hätte ich über Kopfhörer Musik hören können.
Folge der ganzen Aufregung war ein stundenlang anhaltender Sozialkater, also große Müdigkeit und Erschöpfung, nicht das, was man in einem anschließenden 12-Stunden-Dienst gebrauchen kann. Es ist daher wichtig, dass ich meine Grenzen nicht überschreite, speziell, wenn ich weiß, dass ich für den restlichen Tag noch Energie (“Löffel”) brauche. Eine Art Autistenkarte hätte mir geholfen, auch wenn es in meinen eigenen Ohren seltsam klingt, in diesen Situationen nicht richtig kommunizieren zu können, aber gleichzeitig Vollzeit zu arbeiten, wo Interaktion das tägliche Brot (RW) ist.
Vieles wäre leichter, wenn ärztliches (“Boden”)-Personal wenigstens ansatzweise wüsste, wie man mit autistischen Menschen umgeht. Ich habe oft große Furcht davor, nicht ernstgenommen zu werden, weil ich nicht dem Klischée entspreche, die die Mehrheit der Bevölkerung einschließlich Ärzte von Autisten immer noch hat. Darum traue ich mir dann nicht, etwas zu sagen, um Berücksichtigung meiner Bedürfnisse zu bitten. Vielleicht zu Unrecht, aber gute Erfahrungen sind rar gesäet.
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One thought on “Schiefgelaufen

  1. lizzzy07 11. October 2018 / 15:24

    Wenn ich etwas bei meinem geplanten Projekt befürchte, dann ist das genau das: Dass die Leute entweder nur Klischees im Kopf haben – oder null Ahnung. Im Ergebnis habe ich dann schneller als mir lieb eine Situation, wie du sie erlebt hast. Zu allem Überfluss wäre für mich so ein Mist auch noch ziemlich teuer. Ich hoffe mal, dass die Leute den Mailwechsel ernster nehmen als deine Ärzte. Sonst halte ich es nicht die geplante Zeit durch – oder – worst case – es gibt gleich nach der Ankunft eine Katastrophe. Und ich weiß ziemlich genau, dass ich schon durch die Anreise ziemlich erschöpft sein und vor Ort jede kleine Erholung (und sei es mal fünf Minuten in einer ruhigen Ecke) brauchen werde. Hoffentlich klappt das…

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