Strategien gegen den Stress gesucht

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Genuss wird schnell bestraft

Stress schlägt mir auf den Magen. Ich vermute inzwischen eine Histaminunverträglichkeit, die sich aufgrunddessen in den vergangenen zwei Jahren entwickelt hat. Sie wird rasch besser, wenn ich abschalten oder mich bewegen kann, also in vor allem auf meinen Tagestouren oder in meinen Wanderurlauben. In längeren Phasen, wo ich nicht auf meine Entspannungsroutinen zurückgreifen kann, verschlimmern sich die Beschwerden. Zu laut darf man das nicht dem Stress natürlich nicht sagen, weil hohe Belastbarkeit für jede Arbeit Voraussetzung ist. Wobei mir die Arbeit momentan an sich auch keinen Stress macht, dafür hat sich zum Glück genügend Routine eingestellt. Viel stressiger ist hingegen der Alltag.

Wohnungsstress

Das fängt an von den Umgebungsgeräuschen der Wohnung. Vor zwei Wochen beschwerte sich zum Glück eine Hausbewohnerin über den lauten Hund der Nachbarin vom Grundstück nebenan. Danach war Ruhe, ich war aber auch eine Woche weg. Letztes Wochenende wieder das gleiche Theater. Letzte Woche enormer psychischer Stress durch Reizüberflutung, weil jeweils ab 8.00 am Gebäude gegenüber die Balkone aufgebohrt wurden. Dazu hörten die Bauarbeiter laut einen Dreckssender mit Werbung und Kackmusik (der Bauarbeiter, der mich eines Tages mit zu lauter Heavy-Metal-Musik wecken sollte, schenke ich einen Haubenlokalessen). Davor die häufige Grillerei meines Nachbarn unter mir, mit dem Rauch, der in die Wohnung zieht und sich in der frisch gewaschenen Wäsche festsetzt, und seine häufigen Besuche auf der Terrasse und erhöhter Gesprächskulisse den ganzen Nachmittag und Abend. Es fängt also schon mal damit an, dass mein wichtigster Rückzugsort, die eigene Wohnung, ständig kompromittiert wird. Ich komme mit dem pessimistischen Gedanken nach Hause, wer jetzt wieder Lärm machen wird und das Adrenalin schießt schon ins Blut, wenn ich zuhause die Wohnungstür aufschließe. Wegen meiner Kontaktblockade habe ich es nie geschafft, mit dem Nachbarn direkt zu reden oder die Nachbarin wegen dem Hund anzureden. Redet miteinander, ich bin voll dafür, nur kann ich das alleine nicht.

Zusätzlich Stress macht dann noch das chronische Schimmelproblem im Bad und an den Außenwänden, das dem Vermieter ja schon seit Jahren von den Vormietern her bekannt war, aber beim Einzug verschwiegen hat. Seine halbherzigen Vorschläge zur Abhilfe lassen keine wirkliche Einsicht erkennen, dass es seine Aufgabe ist und nicht meine. Mit anderen Worten, die anfängliche Freude über die schöne Wohnung ist nach kurzer Zeit großer Ernüchterung gewichen. Mir wurde zugleich klar, dass es innerhalb Salzburgs mit dem immensen Verkehrsaufkommen und schlechten Busanbindungen schwierig sein würde, eine andere, ruhige Wohnung zu finden, die nahe genug zur Arbeitsstelle und gleichzeitig zum Bahnhof gelegen sein würde. Damit war absehbar, dass ich nur durch den Wechsel des Dienstorts überhaupt aus dieser Wohnung ausziehen würde können.

Draußenstress

Es ist momentan ein Salzburger Phänomen, weil ich mich wie ein Gefangener in meiner Wohnung fühle. Die Wege aus der Stadt sind ohne Auto lang, die Busse unpünktlich, die Straßen sind eine einzelne Rumpelpiste, aus Geldmangel heißt es. Es ist überall laut. Und es ist umständlich, wenn man quer durch die Stadt muss, z.b. wegen Arztterminen und Apothekensuche. Das kostet immer Zeit, Geld (Taxi) und vor allem Nerven. Auch das Einkaufen freut mich gar nicht mehr. Den Einkauf bestellen heißt, einen dreistündigen Zeitraum zuhause bleiben müssen, weil der Liefertermin nicht weiter eingegrenzt werden kann. Ich habe es zugegeben noch nie genutzt, es wird aber zunehmend eine Alternative, weil ich die überlaute Werbung, die ständige Umräumerei in den Geschäften, und die hektisch-ungeduldigen Kunden nicht mehr aushalte. Das Schlimmste bleibt nach wie vor das Einkaufszentrum (Europark), der schon längst überfällige Kameraneukauf zieht sich ewig hinaus, weil ich nach fünf Minuten schon völlig überreizt bin und in den Fachgeschäften herrscht dann weiteres Gewusel ohne Ende. Jedes Mal ging ich schnell wieder nach draußen, weil ich keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte. Musik im Ohr hilft nur begrenzt.

Freizeitplanungsstress

Sowas wie am Sonntag ist mir noch nie passiert. Samstag hab ich eine dreitägige Hüttenübernachtung gebucht. Rucksack war in der Früh gepackt, alles geplant, die Vorfreude groß, weil das Wetter perfekt war. Schon Donnerstag bekam ich plötzlich heftige Refluxattacken mit Kopfschmerzen und fiebrigem Gefühl ohne Fieber. Das ging Samstag wieder weg, kam aber Sonntagfrüh wieder. Beim Bücken und im Liegen war es unerträglich. Schweren Herzens sagte ich alles ab und ging zum hausärztlichen Notdienst statt auf die Hütte. Drei freie Tage verbrachte ich in totaler Handlungsstarre in der Wohnung, konnte weder lesen noch aufräumen oder irgendwas sinnvolles tun. Am vierten Tag ging ich zumindest auf den Gaisberg, eine dreistündige Frustwanderung. Meine körperliche Leistungsfähigkeit hatte zumindest nicht gelitten. Die Beschwerden wurden aber nicht besser, seitdem quäle ich mich von Arzttermin zu Arzttermin. Heute und morgen hätte ich frei, wieder Arzttermine und wieder Handlungsstarre. Ich traue mir nichts mehr zu planen, weil ich nicht sicher bin, ob ich es durchziehen kann. Das ist eigentlich ziemlich schlimm, weil die Bewegung in der Natur meine wichtigste, einzige, Entspannungsroutine ist, die zugleich dem Körper gut tut. Nicht genutzte freie Tage verursachen bei mir ein andauerndes schlechtes Gewissen. Das ist wortwörtlich schwer zu verdauen erstmal. Manche Gelegenheiten kommen nicht wieder. Es ist wahrscheinlich auch die Leistungsmentalität unserer Gesellschaft, die darauf drängt, die Freizeit gut zu nutzen. Nichtstun ist verpönt. Nichtstun bei perfekten Wetterbedingungen ist ein Nogo.

Weltschmerzstress

Dazu kommen unbeeinflussbare Stressfaktoren wie Weltschmerz, die politischen Umwälzungen und der Niedergang sozialer Netzwerke. Vor der aktuellen Regierung war mein Plan, mich endgültig dauerhaft in Österreich niederzulassen. Ich wollte in das Wien zurückkehren von 2010-2016, und nicht in das Wien ab 2018, mit wachsenden Schikanen durch die Polizei, explodierenden Mieten und weniger Leistungen durch den Sozialstaat. Mit dem, was die Regierung innerhalb eines dreiviertel Jahres alles schon eingeführt und angekündigt hat, kommt einem das schiere Grausen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis mich eine der Maßnahmen direkt trifft. Darauf habe ich leider Null Einfluss. Wenn die Protest- und Demonstrationskultur in Österreich etwas ausgeprägter wäre, würde ich jetzt so oft wie möglich auf die Straße gehen, auch wenn das jedes Mal Reizüberflutung galore ist. Aber hier ist nichts. Es stört offenbar zu wenige, was da alles beschlossen wurde, und eine Demo alle Heiligen Zeiten bringts auch nicht. Seit einigen Monaten zweifle ich stark daran, ob das noch so eine gute Idee ist, dauerhaft in Österreich zu verweilen. Ich hab meine zusätzlichen Hypotheken mit Autismus und Klinefelter, habe bisher enorm von Arbeiterkammer und Arbeitsassistenz profitiert. Das soll alles gekürzt werden und der Druck den Job zu behalten steigt eben ins Unermessliche, wenn es keine Notstandshilfe mehr gibt. Ich weiß, besser ist es in Deutschland auch nicht, zumindest scheint Erkenntnisfortschritt gegeben, dass Hartz4 eine blöde Sache war, während man sie in Österreich für eine gute Sache hält.

Nun kann ich mich davon ablenken, wenn ich außer Haus bin und mich bewege, in den Bergen unterwegs bin. Die Arbeit selbst lenkt mich gleichsam ab. In der Freizeit und in Phasen mit Handlungsstarre bin ich dem schutzlos ausgeliefert. Meine sozialen Netzwerke, mit denen ich in Kontakt mit Bekannten und Freunden bin, sind überfrachtet mit bad news. Man bekommt täglich eine geballte Ladung diffuse Zukunftsangst, Panikanfälle, Weltschmerz, Paranoia inklusive mit und fragt sich, was da noch auf einen zukommt. Selbst ohne meinen Wohnungs-,Draußen-, Freizeitplanungsstress bleibt der Weltschmerzstress wie eine dumpfe Glocke aus Milchglas über meinem Kopf und erschwert, dass positive Gedanken, Optimismus und Entscheidungsfreude wieder die Oberhand gewinnen können.

Was kann man dagegen tun? Gegenwärtig funktioniert das mit dem “sich ein gutes Essen oder ein Gläschen Wein gönnen” leider nicht. Was soll ich tun?

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5 thoughts on “Strategien gegen den Stress gesucht

  1. Sarinijha 13. September 2018 / 22:39

    Ich wünschte wirklich, dass ich Dir darauf eine Antwort geben könnte. Hätte ich eine Antwort, wäre das nämlich sogleich auch die Lösung für mich. Ich fühle richtig mit Dir, egal welchen Punkt Du beschreibst. Mit einem Unterschied: Ich reagiere mit Appetitlosigkeit.

    Wohnungsstress hält sich noch in Grenzen, aber im Oktober kommen die Studenten zurück und dann gibt es in der Wohnung über mir bestimmt wieder wöchentliche Partys. Ich bin seit Wochen auf der Suche nach einer anderen Wohnung, aber die Wohnsituation hier im Ort ist furchtbar. Vor allem für bezahlbare Bleiben. Liegt einfach daran, dass es mehr Studienplätze als Wohnungen gibt. Das ist ein harter Kampf. Auch bei mir in der Wohnung gibt es Schimmel, aber mehr als ein nicht wirksames Spray habe ich bisher auch nicht gesehen.

    Draußenstress kenne ich jetzt auch wieder: Einmal, weil mein Semesterticket abgelaufen ist und ich somit nicht mehr einfach so mit Bus und Bahn fahren kann. Dann nochmal, weil ich gerade durch die Verarbeitung meiner Vergangenheit extrem sensibel geworden bin. Musik hilft selten, aber manchmal ertrage ich auch keinerlei Geräusche und auch das Gefühl der Kopfhörer nicht.

    Freizeitplanungsstress kenne ich derzeit nicht. Ich habe eher zu viel Freizeit und weiß manchmal nicht, wie ich meinen Tag sinnvoll ausfüllen kann. Falle dann eher in ein Loch. Dafür kenne ich diesen Weltschmerz. Als gäbe es nicht schon genug Sorgen im Leben.

    Alles in allem möchte ich Dir mit diesem Kommentar eigentlich nur sagen: Du bist nicht allein! Bringt leider nicht viel, aber ich habe die stille Hoffnung, dass wenn Du eine Antwort auf Deine Frage bekommen oder gefunden hast, Du an mich denkst und sie an mich weiterleitest. Und das klingt jetzt irgendwie egoistischer als es sollte.

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    • lizzzy07 14. September 2018 / 21:16

      Willkommen im Club. Ich habe auch eher das Problem mit zu viel Freizeit. Im Oktober ist zum Glück ein bisschen mehr los. Die ultimative Hochsaison mit Planungsstress ist dann Weihnachten. Danach: Ruhe. Ansonsten ebenso.

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      • Forscher 15. September 2018 / 6:16

        Ja, Weihnachten, Geschenkestress, Reisestress. Dieses Jahr versuche ich wieder, den Heimaturlaub auf die Zeit vor Weihnachten zu legen und dafür an Weihnachten zu arbeiten wie letztes Jahr. Silvester ist mir tagsüber wichtiger (traditionelle Wanderung seit Jahren), ansonsten bin ich froh, wenn ich dazwischen nicht viel nach draußen muss. Jetzt hat sich durch eine glückliche Fügung ergeben, dass ich bis Anfang Dezember noch positiven Stress dazubekomme (Seminarvortrag vorbereiten). Als ich damals meinen Job verlor, war die Depression paradoxerweise wie weggezaubert, ich musste handeln, ich bekam zum Glück viel Unterstützung beim Jobwechsel und hatte keine Zeit, um mich zu Tode zu grübeln. So bedeutet auch jetzt eine Aufgabe, dass ich ein bisschen vom Weltschmerz abgelenkt werde.

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  2. tinkakartinka 14. September 2018 / 17:29

    Das mit dem Kopfhörer hatte ich ja schon erwähnt. Was es auch gibt: angepasste Ohrstöpsel als Gehörschutz. Die dämpfen die Lautstärke gleichmässig, auch unterhalten kann man sich noch. Sind relativ teuer, da massgefertigt. Fallen aber kaum auf.

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