Von Neuanfängen und vorhandenen Strukturen

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Regenbogen über dem Norden von Innsbruck, Herbst 2009

Die sinngemäße Frage an mich heute war, warum es mir so schwer fällt, Anschluss in Salzburg zu finden, immerhin kam ich auch neu nach Innsbruck und Wien, und selbst bestehende Kontakte müssen irgendwann erst einmal geknüpft worden sein. Ich möchte kurz einmal zurückschauen, wie das mit dem Kontakte knüpfen bei mir in den letzten Jahren mit vielen Übersiedlungen funktioniert hat :

Auszug aus dem Elternhaus, Studentenbudse (2er WG) in Mainz. Ich kannte meinen WG-Bewohner vorher nicht, es gab auch von Beginn an Konflikte und ich vermied es immer häufiger, ihm überhaupt zu begegnen. In Mainz kannte ich später einen Arzt, den ich über einen Internetfreund aus Bremen, kennenlernte, der wiederum mit dem Arzt befreundet war. Damals fing das leider an mit der Internetsucht, und ich sagte ein gemeinsames Abendessen ab, weil ich lieber vor dem Computer sitzen und chatten wollte. Sonstige Kontakte in Mainz gleich Null, stattdessen fuhr ich fast jedes Wochenende nach Hause und unternahm mit der Clique meines Bruders etwas, auch dort oft als passiver Zuhörer. Diese erste Phase außerhalb des Elternhauses war über 10 Jahre vor der Autismus-Diagnose. Kennenlernen schwierig, die Online-Welt war damals reizvoller, speziell, weil ich damals noch viel größere Probleme hatte, mehrere Sätze am Stück zu sagen und mit jemandem zu reden/flirten.

Innsbruck geschah ja nicht plötzlich, sondern zwei sympathische Studienkollegen dort hatten mir den Wechsel nahegelegt, weil das Studium praxisorientierter sein sollte. Noch dazu kam fing zeitgleich ein weiterer guter Bekannter aus einem Wetterforum mit mir an. Gemeinsam war es viel leichter, im Ausland Fuß zu fassen, die komische Art der Österreicher zu reden (“es geht sich aus”) und Wörter auszusprechen, die latente, manchmal aber auch offen gezeigte Deutschenfeindlichkeit der Einheimischen, die uns mit Medizinstudenten (“NC-Flüchtlinge”) verwechselten. Von Beginn an verstand ich mich mit zwei Vorarlbergern gut und unternahm öfter etwas mit ihnen. Später lernte ich durch das Wetterforum noch einen richtigen Innsbrucker Schriftsteller kennen – leider ist unsere Bekanntschaft die letzten Jahre endgültig eingeschlafen. So gab es neben dem Studium auch den Fixpunkt Café Central, mein erstes österreichisches Kaffeehaus, das ich gegen Ende des Studiums neben dem Kulturlokal Treibhaus regelmäßig aufsuchte. Die vorhandenen Kontakte blieben nicht konfliktfrei, was sicher auch an mir lag, der ziellos versuchte, sich selbst zu finden. Immer noch lange vor einer Diagnose, nicht wissend, warum ich Menschen manchmal vor den Kopf stieß, warum ich naiv blieb und manchmal allzufrei über Dinge plauderte, die niemanden etwas angingen. Vor allem meine gesundheitlichen Probleme wälzte ich großzügig im besagten Wetterforum aus, was sich im ersten Job sehr nachteilig auf meinen Ruf auswirken sollte (“wenig belastbar”), obwohl ich durch mein extremes Engagement und Eigeninitiative ergreifen im Studium zugleich einen vorauseilend guten Ruf hatte. Das Internet vergisst eben nie, und wenn Geschriebenes zu den falschen Personen gelangt, kann damit Missbrauch betrieben werden.

Der Wechsel nach Wien war beruflich motiviert, aber ich hatte die Stadt damals auch durchgespielt. Die meisten Studienkollegen wurden vor mir fertig oder gingen für die Diplomarbeit woanders hin. Zum Schluss fühlte ich mich schon eher alleine. Da passte es dazu, dass mit dem Wegzug wieder Freunde nach Innsbruck zogen und man sich knapp verpasste. Dieses “sich verpassen” zieht sich seither durch alle meine Umzüge. Anekdote am Rande: In Innsbruck hätte ich damals eine Mitbewohnerin in dem Haus gehabt, die aber vier Wochen später jung an einer Gehirnblutung gestorben ist – in der Nachbarwohnung, WÄHREND ich anwesend war. Nichts mitbekommen. Eine weitere Mitbewohnerin einige Wochen später kehrte wegen einem Todesfall innerhalb der Familie wieder zurück in die Heimat. So blieb ich dort zwei Jahre alleine und wurde vom paranoiden Vermieter schikaniert, der in meiner Abwesenheit in der Wohnung war und  später Eigenbedarf anmeldete (bzw. seine durchgeknallte Frau, die mich nicht leiden konnte). Wien sollte da schon einfacher werden. Ich hatte Wanderbekanntschaften aus Wien, kannte etliche Kollegen in der (ersten) Firma, und ein paar weitere Wetterverrückte aus Foren bzw. ehemalige Studienkollegen. Das in Wien ankommen fiel entsprechend leicht, auch wenn innerhalb eines Jahres gleich vier gute Bekannte aus Wien wegzogen. Über Twitter und das Tachles lernte ich viele weitere enge Bekannte und Freunde kennen. Bei meinem Abschied aus Wien hatte ich einen großen Bekanntenkreis und zudem Freunde mit dem angenehmen Gefühl der Gegenseitigkeit. Bei früheren “Freundschaften” war immer ich derjenige, der sich meldete und nachfrug, ob man was unternehmen könnte. Es war immer einseitig. In Wien war das anders. Wenn ich eine Krise hatte, schellte bei mir durchaus einmal das Telefon, so viel Sorge und Nächstenliebe kannte ich vorher nicht. Auch der Jobwechsel innerhalb Wiens war aufgrund des vorhandenen sozialen Netzes gut zu verkraften.

In Salzburg waren die Ausgangsbedingungen wieder gänzlich verschieden. Ich kannte keinen der künftigen Kollegen und umgekehrt, geriet also unmittelbar in eine Bewerbungssituation, musste mich vor anderen beweisen, und trat in viele Fettnäpfchen. Es war schwierig am Anfang, gleichzeitig war mein gesamtes soziales Netz nicht mehr da. Auch meine Arbeitsassistenz und die Psychologin nicht mehr, die mich die letzten zwei Jahre begleitet und unterstützt haben. Ein Freund in Salzburg war gerade Vater geworden, ich wusste schon, was mich erwartet, dass er seitdem keine Zeit mehr haben würde. Mich selbst erinnert der Anblick der Kinder an meine eigene Kinderlosigkeit und Beziehungslosigkeit, was phasenweise schwer zu ertragen ist. Deswegen vermied und vermeide ich das Thema Kinder oft, nicht aus Unhöflichkeit, sondern weil ich nichts Inhaltliches dazu beitragen kann. Ein ehemaliger Arbeitskollege in Salzburg wechselte dann auch noch zurück in die Heimat. Spärliche Kontakte zu anderen Menschen gibt es, sind aber auf wenige Wochenenden beschränkt, weil ich an Wochenenden oft arbeiten muss. Über Twitter und Wetterforen haben sich nicht viele Kontakte ergeben, offenbar sind auch die Interessen zu unterschiedlich. Obwohl ich es mir vorgenommen hatte, besuchte ich in Salzburg nie eine Boulderhalle – in Wien war ich regelmäßig bouldern und habe ein paar enge Bekannte, die regelmäßig gehen. In Salzburg kenne ich abermals niemanden. Salzburg-Downtown lockt mich auch nicht, mich stresst der Anblick von den Touristenmassen und der extreme Verkehrslärm sehr. Ich dachte damals, in Salzburg würde es besser mit Verkehr, verglichen mit Wien, aber ich empfinde es eher schlimmer, weil es so gar nicht auf die Größe der Stadt passt.

Der Hauptgrund für die Rückkehr, neben langfristig sicherem Arbeitsplatz, höherer Mobilität, mehr Freizeitmöglichkeit, Bademuffel und länger stabilem Freizeitwetter, ist die Einsamkeit in Salzburg. In Wien komme ich zurück in ein bestehendes soziales Netz, kenne viele meiner künftigen Kollegen schon seit längerem. In Wien bestehende Freundschaften, die aufgrund der räumlichen Entfernung zu selteneren Zusammentreffen geführt haben, sind tiefer geworden. Ich muss nicht völlig neu anfangen, sondern kann fortsetzen, vertiefen. Gleichzeitig nehmen auch die Gelegenheiten zum Kennenlernen wieder zu, im Beisein anderer, mit Bouldern gehen, mit geführten Wanderungen beim Alpenverein. Mir fällt der erste Schritt immer noch schwer, ebenso fremde Räumlichkeiten aufsuchen. Ein Kennenlernen bei akustischer und visueller Reizüberflutung ist für mich sehr energieraubend, und sehr viel leichter, wenn von vorneherein Menschen dabei sind, die meine Bedürfnisse kennen und darauf achten. Veränderungen sind immer schwierig und ein Energieräuber an sich bereits. Je besser die Rahmenbedingungen, desto eher kann ich Energie in die Kommunikation und Interaktion stecken.

One thought on “Von Neuanfängen und vorhandenen Strukturen

  1. lizzzy07 23. August 2018 / 18:00

    Meine Sozialkontakte kann man weitgehend an den kirchlichen Strukturen vor Ort ablesen, ausgehend von meiner Ortsgemeinde. Sie spiegeln in etwa, wer sich regelmäßig zu Veranstaltungen blicken lässt und engagiert ist. So sieht das jetzt nach allerhand aus. Aber wenn ich wegziehe, verläuft sich das meiste. Das prophezeie ich. Eben weil das meiste nur durch die kirchlichen Strukturen generiert wird. Die Kontakte aus Gera haben sich auch meist im Sande verlaufen – aus genau diesem Grund. Ich halte noch zu jemandem Kontakt nach Leipzig, den ich aus Geraer Tagen kenne. Das war es dann auch. Ernsthafte Freundschaften, die unabhängig von Strukturen bestehen, habe ich außer diesem einen Freund in Leipzig so gut wie keine. Und selbst dieser Kontakt ist unregelmäßig in großen Abständen. Praktisch fange ich bei einem Wohnortwechsel immer von Null an. Und ich bin abhängig von den kirchlichen Strukturen und Angeboten vor Ort. Um das Umziehen komme ich über kurz oder lang aber nicht herum, will ich eine berufliche Perspektive haben. Bloß, dass es mir ergehen kann wie dir, und ich am neuen Ort auf die Dauer isoliert bin. Eine Arbeit, aber kein brauchbares Umfeld, das kann auch nicht die Lösung sein…

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