Klimaanlage versus Klimaschutz

Downtown Vienna
AKH in der Abendsonne, fotografiert von der Jubiläumswarte

Heute habe ich mich nach einem Tweet über die 39. Tropennacht in Wien im Sommer 2018 (Rekord von 2003 eingestellt) dazu hinreißen lassen, meinen Wunsch nach einer Klimaanlage in der künftigen Wohnung in Wien zu äußern. Daraufhin kam eine Antwort, dass ich damit den Klimawandel ja nur weiter anheize. Ich solle es ertragen, mit Lüften und Jalousien der Hitze Herr werden. Ob ich Kinder hätte, dann würde ich an deren Zukunft denken und nicht ausschließlich an eigene Bedürfnisse.

Ich musste mich schwer beherrschen, nicht ungehalten darauf zu reagieren. Aber natürlich trifft mich so ein Vorwurf schwer. Zum Einen, weil ich aus genetischen Gründen keine Kinder bekommen kann und dieses Glück, Vater zu werden, niemals erleben werde, jedenfalls nicht auf natürlichem Weg. Die Kinderlosigkeit habe ich mir nicht ausgesucht. Zum Anderen, weil ich als studierter Meteorologe sehr wohl um den Klimawandel Bescheid weiß und gar nicht leugne, dass stromfressende Klimaanlagengeräte alles andere als eine neutrale Klimabilanz aufweisen.

Ich verhalte mich jedoch seit jeher so klimaschutzfreundlich wie möglich, z.B. habe ich noch nie ein Auto besessen. Trotz Führerschein bin ich seit 12 Jahren nicht mehr gefahren. In Salzburg gäbe es tausend Gründe, mir ein Auto zuzulegen, weil der öffentliche Nahverkehr unzureichend ist. Ich verzichte, obwohl mir als leidenschaftlicher Berggeher etliche Ziele in unmittelbarer Nähe dadurch entgehen. Seit 16 Jahren benutze ich die Eisenbahn, in Innsbruck bin ich ausschließlich Rad gefahren, in Wien habe ich über sechs Jahre lang eine Jahreskarte der Wiener Linien besessen. Ich fliege nie in Urlaub, Ausnahmen waren bisher gelegentliche Entsendungen meiner Arbeitgeber zu Fort- und Ausbildungszwecken, sowie wenige Male, wo ich nach Hause flog. Diese wenige Male waren aber so nervenaufreibend für mich, dass ich fortan lieber länger im Zug sitze. Ich plane meine zahlreichen Bergtouren oft so, dass sich die öffentliche Anreise auszahlt bzw. durch öffentliche Verkehrsmittel erst ermöglicht wird (z.b. Überschreitungen ganzer Gebirgskämme).

In meiner Wiener Zeit erlebte ich gutmütige Hitzewellen, die mit ausreichend Wind zum Lüften einhergingen, aber auch Hitzewellen ohne Wind, mit aufgeheizten Außenmauern, die die Wärme speichern. Als Meteorologe arbeitet man fast zwangsläufig im Schichtdienst. Das hieß damals aufstehen, wenn es am kühlsten ist und man lüften könnte. Nur ist dann niemand da, der während meiner Abwesenheit die Fenster schließen könnte. Schichtdienst hieß auch Nachtdienst. Zum Glück hatte ich damals eine Klimaanlage und schlief wenige Nächte bzw. tagsüber im Wohnzimmer auf der Schlafcouch. Mehrere Nächte in Folge arbeiten, hieß, soviel Schlaf mitnehmen wie möglich. Fenster öffnen war beim umgebungslärm ein Ding der Unmöglichkeit. Wegen meiner ausgeprägten Reizfilterschwäche (Geräuschempfindlichkeit) konnte ich nur bei geschlossenen Fenstern schlafen. Dann staute sich natürlich die Hitze. Daher war ich sehr froh um die Klimaanlage, auch wenn ich – um das klar zu sagen – kein Fan davon bin. Ein notwendiges Übel, das nur dann benutzt werden soll, wenn es nicht mehr anders geht. Die Luft ist oft abgestanden und viel zu trocken, die Augen sind trocken, der Hals ist gereizt. Der Körper fühlt sich wie gerädert an. Aber: Ich habe einen verantwortungsvollen Job. Guter Schlaf ist immens wichtig. Deswegen plane ich jetzt schon vorausschauend eine Klimaanlage ein, um gewappnet zu sein.

In Salzburg bedeutet Hitzewelle nachts minimal 22°C und tagsüber 36°C, in Wien geht es nachts zum Teil nicht unter 25°C und tags über 36°C. Salzburg profitiert von den kühlen Talauswinden vom Gebirge, leidet dafür unter der ausgeprägten Beckenlage. Wien leidet unter der Verbauung, begünstigt sind der locker bebaute Stadtrand und die Wienerwaldnähe, wo ebenfalls kühle Talauswinde Linderung verschaffen. Dafür liegt Wien viel weiter im Osten, mit Nähe zum Balkan, wo besonders heiße Luftmassen heranströmen.

Zuletzt noch einmal zum Thema Kinder: Das kann man auch umgekehrt betrachten. Ist nicht Kinderlosigkeit per se schon ein Beitrag zum Klimaschutz? Dazu erschien ein Artikel im renommierten Guardian.

Um zusammenzufassen: Ich gebe offen zu, dass eine Klimaanlage dem Bemühen um einen persönlichen Beitrag zum Klimaschutz entgegenläuft, aber ich denke, dass dies zu verschmerzen ist, weil die Inbetriebnahme auf wenige Male im Jahr beschränkt bleibt. In Anbetracht dessen, dass ich aufgrund meines Autismus ein chronisch erhöhtes Stresslevel habe und ständig unter Strom stehe, wird man vielleicht Nachsicht walten können, dass ich die Hitze nicht auch noch aushalte, wohlwissend, dass ich sie schlecht vertrage. Genauso wenig wird man jemanden zum Autoverzicht auffordern, der sich nur dank Auto barrierefrei und mobil fortbewegen kann. Genauso gibt es übrigens Autisten, die bewusst Auto fahren, weil sie die öffentlichen Verkehrsmittel nicht ertragen.

Jeder kann seinen persönlichen Beitrag zum Klimaschutz leisten, sei es durch Verzicht auf die Klimaanlage, aufs Fliegen, auf Autos, auf Übersee-Lebensmittel, auf Fleisch (die Bilanz eines Rindviehs ist verheerend), auf gute Dämmung im eigenen Haus. In Mietwohnungen kann man sich das leider oft nicht aussuchen oder kommt erst nachträglich darauf, dass hier gepfuscht wurde. Beinahe jeder hat aber einen Punkt, wo er mit den eigenen Prinzipien brechen muss. Bei mir ist das eben die Klimaanlage, wo ich versuche Löffel einzusparen.

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