Auf sich achten: Weniger ist mehr.

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Ausblick vom “Häuserl am Roan” auf Wien, im Hintergrund das Leithagebirge mit flacher Dunstschicht davor.

Es ist schon eigenartig, das Thema Sozialkontakte. Zwischen der 24-Stunden-Wanderung Mitte Juni und der mehrtägigen Hüttenwanderung Ende Juli hatte ich Null (tiefsinnigere) Sozialkontakte, abgesehen von den Kontakten mit den Arbeitskollegen und zwei Terminen mit meinem Psychologen. Das war echt zach. An den wenigen, an einer Hand abzählbaren Tagen mit Sozialkontakten in Salzburg gelingt es mir sogar, der Stadt Positives abzugewinnen. Doch sind die Tage so in der Minderheit, dass die negativen Gefühle meinem jetzigen Wohnort gegenüber überwiegen. Einsamkeit macht depressiv, pessimistisch. Die politische Stimmung im Land fungiert als Verstärker von Weltuntergangsgefühlen, von Perspektivlosigkeit, Zukunftsängsten, Ohnmachtsempfinden.

Die Woche in den Ötztaler Alpen war eine willkommene Abwechslung. Twitter deinstallierte ich wieder vom Handy, ich bekam wenig von den Nachrichten mit, und sehr erfreulicherweise bekam ich weder von den Teilnehmern noch auf den Hütten irgendwas vom Flüchtlingsthema mit, keine versteckten Ressentiments, keine Hetze. Ich konnte wirklich abschalten. Im vorherigen Beitrag hab ich geschildert, dass es trotz allem immer eine Gratwanderung in Sachen Reizüberflutung ist, wenn man in einer größeren Gruppe wandert und auf saisonalbedingt vollen Hütten übernachtet, dazu zählt auch das ständige Zurückstecken bei der Intimsphäre (Übernachtung in Mehrbettzimmern und -lagern) und die wenigen Möglichkeiten zum Rückzug. Vorteil der größeren Gruppe ist zumindest, dass man sich von Zeit zu Zeit absondern kann, ohne dass es auffällt.

Nach der Rückkehr traf mich dann die Hitze in Salzburg bzw. in der Wohnung mit voller Wucht, die freien Abende waren kaum auszuhalten. Nachdem ich von Donnerstag bis Sonntag frei hatte, entschied ich mich Donnerstagabend spontan nach Wien zu flüchten. Dort war es zwar genauso heiß, aber ich ergatterte ein klimatisiertes Hotelzimmer. Freitagmittag also nach Wien, erste Klasse im Zug (ich kaufe immer zweite Klasse und entscheide dann je nach Auslastung des Zugs, ob ich upgrade, was ohne Aufpreis geht), angenehm leeres Abteil, ideal zum Entspannen. Im Hotel schnell eingecheckt und dann in den 18er eingestiegen. Ohne Ticket zu lösen, was mir erst hinterher aufgefallen ist. Zwar bin ich schon seit eineinhalb Jahren weg aus Wien, aber offenbar immer noch vom Lebensgefühl her Wiener und als solcher hatte ich die ganzen sechs Jahre natürlich eine Jahreskarte der Wiener Linien.

Am Abend war ich auf ein Picknick am Stadtrand verabredet. Herrlich idyllisch, schattig, ruhig, weitläufig, Entspannung für die Seele und nicht zu viele Menschen. Das früher obligatorische Zusammentreffen im früheren Lieblingslokal ließ ich dann aber ausfallen, zu viele Menschen, zu laut. Außerdem hatte ich mich für Samstag mit meinem wichtigsten Wanderfreund verabredet, um auf den Eisenerzer Reichenstein zu gehen. Dort war zwar ziemlich viel los, aber wir hatten trotzdem genug Zeit, um uns lange zu unterhalten. Besonders auch auf der je zweistündigen Hin- und Rückfahrt. Ich erinnere mich daran, wie ich das mit ihm früher in Wien immer am meisten genossen habe, dass wir uns stundenlang über Wanderziele, frühere Touren und alles in dem Zusammenhang unterhalten konnten und die Fahrt wie im Flug verging. Nach der Rückkehr war ich eigentlich noch verabredet, aber es verzögerte sich etwas, weil wir noch einen Freund mit zum nächsten Bahnhof mitnahmen, der zufällig in derselben Region ebenfalls unterwegs war. Das Treffen ließen wir dann ausfallen, ich war ohnehin so müde, dass mir während der Autofahrt mehrmals die Augen zufielen. Die Hitze forderte ihren Tribut. Am Abend hätte ich wieder Gelegenheit auf eine größere Runde in einem Lokal gehabt, aber abermals fühlte ich mich zu erschöpft und zog mich stattdessen früh ins Hotelzimmer zurück, wo ich mit wenigen Unterbrechungen gut 9 Stunden durchgeschlafen habe. Hinzu kamen unspezifische Schmerzen an den Füßen und in den Händen, speziell beim Bergabgehen drückte es heftig an den Fußballen, es fühlte sich aber eher wie ein Ziehen (Nervenschmerzen) an. Weil ich auch in den Fingern was spürte, dachte ich sofort an Borrelien, denn in dieser Saison hatte ich schon sieben Zeckenstiche und die Zecken jeweils erst entdeckt, als sie schon zugestochen hatten und es anfing zu jucken.

Am Sonntag war ich schon soweit zum ärztlichen Notdienst zu gehen, um mein Blutbild checken zu lassen, aber an wen hätten sie es dann schicken sollen? Ich habe in Salzburg immer noch keinen Hausarzt, weil ich – Trommelwirbel – seit der Übersiedlung nicht mehr klassisch krank war. Gelegentliche Refluxbeschwerden, einmal beim Not-Bereitschafts-Hausarzt am Wochenende, sonst war NICHTS. Am Vormittag traf ich noch eine liebe Freundin zum Kaffee trinken, dann brachte mich eine weitere Freundin mit dem Auto in Richtung Notdienst, als ich mich während der Fahrt nach Ausdiskutieren aller Möglichkeiten umentschied – im Fall einer Borrelieninfektion machte ein Tag mehr oder weniger das Kraut auch nicht mehr fett, und akute, heftige Schmerzen hatte ich nicht. Stattdessen fuhren wir in die Eisdiele (sehr originell: Eis statt Arzt) und gingen anschließend noch spazieren. Viel reden, das tat gut. Offen über seinen Autismus reden können noch mehr. Entsprechend tiefenentspannt und zugleich erleichtert fuhr ich am Nachmittag zurück. Wieder erste Klasse, wieder angenehm leeres Abteil. Auf Dauer wäre mir sowas zu teuer, aber für den kleinen Kurzurlaub gönnte ich mir das volle Programm, inklusive Taxi vor die Haustür, nachdem der Zug 3min Verspätung hatte und das ausreichte, um den Bus zu verpassen, der nur im 20min-Intervall fährt (Provinzstadt Salzburg). So war ich in 14min zuhause statt in 40min. Inzwischen hat sich herausgestellt, dass zumindest die Fußschmerzen von verdickter Hornhaut an den Fußballen kommt – eine Folge des schweren Rucksackgewichts in der Wanderwoche. Ich war irgendwie intuitiv am dritten Tag auf die dickeren Merinowollsocken umgestiegen, und hatte darum dann nichts mehr gemerkt. Am vergangenen Samstag hatte ich wegen der Hitze aber wieder dünnere Socken an, was sich dann gerächt hat.

Jedenfalls … bei früheren Wien-Stippvisiten hab ich immer viele Besuche in den Tag gepackt, weil – erfreulicherweise – mein Freundes- und Bekanntenkreis in Wien so groß ist. Das erschöpft dann allerdings auch, die vollen Öffis, Verkehrslärm, vor allem aber – Autismus! – die zeitliche Abfolge der Treffen. Ich weiß nie vorher, wie lange ein Treffen dauert und trotz des ausgemachten Treffens am Samstagabend wollte ich aus Prinzip nichts beschränken, nur damit sich das ausgeht, das heißt, wenn wir wandern gehen, soll kein Zeitdruck herrschen, bis zu einem Zeitpunkt X zurück zu sein. Zeitdruck ist Mist, ich schau dann ständig auf die Uhr und bin unentspannt, ob es sich doch irgendwie ausgeht. Wenn es später wird, wird es eben später. Sind nun mehrere Termine an einem Tag, baut das in mir enormen Stress auf, alles unter einen Hut zu bringen. Ich kann’s dann nicht mehr wirklich genießen. So gabs Freitag das Picknick, Samstag die Wanderung, Sonntag Kaffee trinken und am Nachmittag noch Eis und Spaziergang. Das Minimum an Kontakten, aber zugleich intensive Gespräche, für mich das Optimum.

Ich hab festgestellt, dass mich Gruppengespräche immer mehr anstrengen, speziell, wenn viele fremde Menschen dabei sind. Die Begrüßung, wie begrüßt man alle, die österreichische Eigenart mit Küsschen zu begrüßen, wann macht man das? Wie verabschiedet man sich? Wie hinterlasse ich einen guten ersten Eindruck? Wo sitz ich am geschicktesten? In Gast- und Schanigärten wird leider viel geraucht, ohne Rücksicht auf Nichtraucher, ich sitze dann ständig im Dunst. Dazu noch Verkehrslärm gerade in Schanigärten. Beides Zusammen geht schon stark auf die Reizfilter. Dann reden alle durcheinander, ich höre wieder mal drei Gespräche gleichzeitig und muss mich massiv konzentrieren, meinen eigenen Gesprächspartner zu verstehen. Je weiter der entfernt sitzt, desto stärker werden seine Worte verschluckt vom Umgebungslärm bzw. den anderen Gesprächen. Ich muss wie ein Gehörloser anhand des Kontexts und der Satzbruchstücke erraten, was er mir gerade mitteilen will.

Nach innen ins Lokal gehen bringt auch keine Erleichterung, sondern noch schlechtere Akustik, wenn das Lokal voll ist. Im rauchfreien Fall bleibe ich zwar vom Rauch verschont, sitze dann aber manchmal auch alleine da, wenn alle draußen sind zum Rauchen. In der Vergangenheit hat mich das schon öfter geärgert, weil ich sehr lange brauche, um eine Geschichte zu erzählen, in zusammenhängenden Sätzen zu reden. Wenn ich dann durch Rauchpausen immer wieder unterbrochen werde, hängen viele halbfertige Satzreihen in der Luft, die nie beendet werden. In Summe bedeutet das [leider], dass mein früheres Lieblingslokal in Wien nicht mehr mein künftiges Lieblingslokal ist – was bei den Besuchen in den letzten 2 Jahren aber auch an den unfreundlichen KellnerInnen lag, die mit Scheuklappen an einem Vorbeigehen, sodass man ewig wartet, bis man bestellen kann. Ich war dort so oft, dass ich guten Gewissens behaupten kann, dass es mal besser war, viel besser. Schlechte Akustik, Verkehrslärm und viele Raucher im Schanigärten und langes Warten/gewisse Wurschtigkeit gegenüber den Gästen seitens der Kellner heißt in Summe, dass ich mich nicht mehr so wohlfühle wie früher. Einen Besuch kann ich mir nur noch alleine vorstellen, wenn ich entgegen den Bedürfnissen sonstiger Begleiter trotz Schönwetter ins Lokal hineingehe, während die anderen Gäste draußen sitzen. Dann trink ich mein Bier oder Ingwerlimonade und lese meine Zeitung und gehe wieder. Wenn ich mich reizarm unterhalten möchte, muss ich in ein weitläufiges Kaffeehaus gehen oder während einem Spaziergang irgendwo am Stadtrand, an der Donau oder in einem Park.

Um die wichtigsten Punkte zusammenzufassen, die eine reizarme Sozialkontaktaufnahme ermöglichen:

  • nicht zu viele Menschen auf einmal (-> Akustik, Überforderung)
  • nicht zu viele Termine an einem Tag (-> Exekutivfunktionen)
  • reizarmer Ort für Gespräche, wenn’s wirklich wichtig ist
  • genügend Schlaf/Erholungszeit
  • Bei Gruppenwanderungen: Sich zurückfallen lassen oder vorne weggehen, sofern es die Touren-Guides erlauben, auf der Hütte öfter mal rausgehen oder früher schlafen als die anderen.

Das Zauberwort heißt Achtsamkeit. Die Akkulaufzeit einer Autistenbatterie ist deutlich begrenzter als die von Nichtautisten. Kommunikation, Interaktion, Reize und Exekutivfunktionen saugen – für andere oft unsichtbar – an den Energiereserven. Und dann wundern sie sich, wenn man einsilbig wird, ständig darum bittet, den Satz nochmal zu sagen, die Antworten immer länger dauern oder man sich völlig zurückzieht und zwischendurch wortlos verschwindet. Als ich von meinem Autismus noch nichts wusste, geriet ich so regelmäßig in den Overload und verschwand öfter ohne etwas zu sagen, weil ich nicht einmal mehr sagen konnte, dass ich nicht mehr konnte.

“Aber Du hast doch einen Job mit hoher Verantwortung und musst viel telefonieren?”

Ja, da bleibt die Energie dann auch liegen. Das geht mit vielen Routinen. Im Alltag, selbst bei der Urlaubsplanung, muss ich dafür kürzer treten, weil nicht so viel Energie übrig bleibt, um diesen auch noch zu bewältigen. Ich werde aber nicht müde zu betonen, dass ich meinen Job gut bewältigen kann trotz aller aufgezählten Schwierigkeiten. Das Spezialinteresse bedienen spielt da eben auch noch eine Rolle ebenso Routinen, To-Do-Listen und Routine.

 

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3 thoughts on “Auf sich achten: Weniger ist mehr.

  1. blutigerlaie 6. August 2018 / 19:22

    Ich bewundere, dass du stundenlang mit jemandem plaudern kannst… Ich kann das mit niemandem

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    • Forscher 6. August 2018 / 18:37

      Geht nur mit anderen Autisten oder starken autistischen Anteilen.

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  2. Sarinijha 8. August 2018 / 8:45

    Immer, wenn Du über Wien schreibst, scheint so viel Lebensfreude in Dir zu stecken. Mir macht auch gerade die Einsamkeit etwas zu schaffen, denn das Studium, die Menschen und Aufgaben fehlen mir. Ich hab auch keine Ahnung, wie ich hier neue Leute kennenlernen soll, zumal das sowieso keine Stärke von mir ist. Es klingt gut, dass Du Dir Zeit gelassen hast für die Treffen und die Sozialkontakte genießen konntest. Ich wünschte, ich würde auch jemanden im Spektrum hier kennen. Beim Twittertreffen und in meiner hoffentlich angehenden Therapie habe ich gemerkt, wie gut es mir tut, wenn ich um den Autismus kein Geheimnis machen muss. Habe inzwischen sogar probiert im Chor offener damit umzugehen, aber außer betretenes Schweigen kam nicht viel. Dabei hab ich es allmählich wirklich satt, mich immer verstecken zu müssen und über für mich so wichtiges Themengebiet zu schweigen. Ich sende Dir viele Grüße und ganz viel Energie.

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