Warum ich mich aus dem Selbsthilfe-Engagement zurückgezogen habe

Die Selbstkritik vorne weg: Ich bin zart besaitet, reagiere impulsiv-emotional, male oft redensartlich den Teufel an die Wand, kann es nicht ertragen, wenn mir Worte im Mund verdreht werden und ich als jemand dargestellt werde, der das genaue Gegenteil von dem ist, wie ich meine Haltung verstehe. Ich mag es nicht, niedergebrüllt zu werden, wenn Gruppendynamik einschüchtert oder ein Umfeld schafft, in dem ich davor zurückschrecke, eine andere Meinung zu haben und zu äußern. Ich vermeide seit einiger Zeit, über kontroversielle Themen zu bloggen, die in der zerstrittenen Gruppe der Autisten zu heftigen Auseinandersetzungen führen. Weil ich nicht (wieder) in einen Shitstorm geraten will. Es hat mir gereicht, schon mal von einem Gemeinschaftsblog ausgeschlossen zu werden, weil jemandem der Aussage, ich hielte mich als Asperger für etwas Besseres als frühkindliche Autisten, mehr Vertrauen geschenkt wurde als mir, der in vielen Blogtexten nie eine persönliche Wertung hineingebracht hat.

Vor ein paar Jahren fiel ich in Ungnade, weil ich den Beitrag einer Expertin bejahte, dass Onlinesucht existiert und zu viel Internet schädlich ist. Als Selbstbetroffener von Internetsucht werde ich das ja wohl besser einschätzen können als jemand, der das entweder bei sich nicht wahrhaben will oder in dieser Form nie gehabt hat und sich die schädlichen Folgen nicht vorstellen kann.

Dann kam ABA. Und ABA findet man überall, selbst dort, wo es mit keinem einzigen Wort erwähnt wird. Das in meinen Augen bahnbrechende Buch über 22 Asperger-Biografien wird in manchen Autisten-Kreisen ignoriert oder gar kritisiert, weil einer der 22 Autoren sich angeblich nicht klar genug von ABA distanziert. Dabei geht es in dem Buch nicht um ABA, sondern um die schwierige Lebensrealität erwachsener Autisten, die versuchen in einer, nicht für Autisten gedachten Arbeitswelt Fuß zu fassen. Das Buch enthält eine Fülle interessanter Erfahrungen und Anregungen, wie man das Leben der Autistinnen und Autisten erleichtern könnte. Meiner mangelnden Konzentrationsfähigkeit (danke, Internet!) ist es geschuldet, dass ich meine geplanten Blogtexte über das Buch immer noch nicht veröffentlicht habe.

Egal,was wer wo schreibt, in welcher Gruppe er ist, in welchem Forum, auf welcher Veranstaltung, in welchem Verein, es scheint immer nur darum zu gehen, ob sich Person X genug von ABA distanziert hat, und wenn das nicht der Fall ist, ist die Person böse und muss ignoriert oder bekämpft werden. Es ist nur natürlich, wenn das Spezialinteresse jetzt ABA ist, dass man – gerade als Autist oder Autistin – dazu geneigt ist, dieses Thema in den Mittelpunkt zu stellen. Man kann sich dabei aber auch verrennen. In meiner stark internetsüchtigen Zeit hab ich mich auch oft verrannt und bin manche User zu Unrecht angegangen, weil ich so unerschütterlich überzeugt davon war, Recht zu haben. Die Heftigkeit des sich Verrennens korrelierte direkt mit meiner Onlinezeit. Ist ja auch logisch, wer wenig Zeit hat, kann keine drei Stunden an einem Posting sitzen oder unentwegt Kommentare schreiben.

Ich kann ABA nicht kategorisch ablehnen. Eine mir gut bekannte Ärztin ist direkt beteiligt an der Forschung eines ABA-Projekts. Ich kenne sie so gut, dass sie ganz gewiss keine von denen ist, die Folter und Missachtung der Grundrechte eines jeden Patienten befürworten, Kind hin oder her. Sie sagte mir damals, dass natürlich moderne Verhaltenstherapieansätze die sensorische Wahrnehmung des Kindes berücksichtigen, dass ABA für Kleinkinder gedacht sei, und die bekannten, veröffentlichten Videos dubioser ABA-Anbieter schlimm seien und natürlich abzulehnen sind. Sagen wir, diese persönliche Schilderung ist mein einziger Restzweifel, ABA nicht vollständig zum Teufel zu jagen. Alternativen, die nicht “hochinvasiv” sind, sind immer vorzuziehen. Ich stelle mir selbst eine “sanfte” Therapie sehr erschöpfend vor, wenn ich fünf Mal die Woche 8 Std. hin müsste. Arbeitsleben als Kleinkind? Eher abzulehnen, egal wie gut der Zweck sein soll. Ich habe also große Zweifel, und lehne n-a-t-ü-r-l-i-c-h jeglichen Schindluder ab, der damit betrieben wird. Trotzdem: audiatur et altera pars.

Und für diesen Restzweifel gelte ich nun als persona non grata? Diesem Restzweifel ist es nun also geschuldet, dass ich Zusammenkünfte meide, wo die absolut strikten ABA-Gegner auftreten, was leider fast überall der Fall ist. Denn es ist nicht nur die Ablehnung einer Therapiemethode, was ja legitim ist, sondern auch die Art, wie man diese Ablehnung kommuniziert. Nur weil ich mich einer Mehrheitsmeinung nicht bedingungslos anschließen will und selbst recherchiere, heißt das nicht, dass ich mich damit zum Untertan von ABA-Anbietern mache. Nur weil ich Genforschung aus Eigeninteresse (zweites X-Chromosom) nicht ablehne, sondern im Gegenteil gerne mehr erfahren, um meine eigene wenig erforschte Spezies besser zu verstehen, bin ich nicht automatisch für die Ausrottung von Autismus. Nur, weil es ein Tatsachenbericht ist, dass ich voll im Erwerbsleben stehe und Schichtdienst verkrafte, ist das keine Abwertung von Autisten, die kognitiv oder alleine von der Energie (“Löffeln”) her nicht dazu in der Lage sind.

Es sind Zwischentöne dazwischen. Ich glaube, trotz aller Schwarzweißmalerei, trotz vorhandenem Kulturpessimismus, bin ich eher ein Mensch, der auch den Raum dazwischen sieht. Mir setzt es besonders zu, wenn zwei befreundete oder zwei geschätzte Menschen sich einander kategorisch nicht leiden können, teilweise aus Nichtigkeiten heraus. Es muss doch irgendeinen gemeinsamen Zugang haben, einen gemeinsamen Nenner, auf dem man aufbauen kann.

Selbstkritik ist keine Einbahnstraße, dazu gehören, wie zur Kommunikation generell, immer zwei. Jemand, der Recht hat, und jemand, der Unrecht hat. Aber es können auch beide Unrecht haben, und es können beide ihre Meinung ändern.

Im Großen und Ganzen sehe ich auf absehbare Zeit keine Lösung, wie man sich wieder annähern kann. Selbstkritik und Einsicht ist das eine, das andere sind Konflikte im Hintergrund, aufbrechende Traumata, die keine klaren Gedankengänge zulassen, die auf andere projiziert werden. Wenn das unser einziger, gemeinsamer Nenner ist, dann ist es ein trauriger Anlass – nämlich, dass wir Autistinnen und Autisten nahezu alle eine Vergangenheit mit Zurückweisung, Mobbing und Entwertung erlebt haben. Und mit dieser Flucht-oder-Kampf-Emotion, die bei vielen Diskussionen mitschwingt, ist es schwer, sich zurückzunehmen und einfach nur zuzuhören.

 

 

 

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7 thoughts on “Warum ich mich aus dem Selbsthilfe-Engagement zurückgezogen habe

  1. 4synesthesia 29. June 2018 / 14:45

    Magst du das Buch nennen der 22 Asperger-Biografien ?

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  2. Hannah C. Rosenblatt 29. June 2018 / 23:58

    So spannend auch, wie sich diese Dynamiken immer wieder finden lassen. Ich bin aus ähnlichen Schwierigkeiten aus der Trauma-Selbsthilfe (damals noch in Foren) raus und schrecke vor der Autismus“szene“ aus genau dem was du hier skizzierst zurück.

    Ich kann den Sinn so mancher Haltungen und ihrem Ausdruck nicht erkennen. Zumal er oft nichts mit dem zu tun hat, weshalb man zusammengekommen ist: Selbsthilfe
    Ich verstehe nicht was und wem es hilfreich ist Menschen auszuschließen nur wegen unterschiedlicher Haltungen.

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  3. leidenschaftlichwidersynnig 30. June 2018 / 1:42

    Das kann ich gut nachvollziehen!
    Leider habe ich ähnliche Erfahrungen gemacht. Ich engagiere mich in einem Verein, der hier vor Ort sehr viel für autistische Kinder und junge Erwachsene erreicht hat. Wir organisieren und führen große Veranstaltungen für Beschäftigte von Maßnahmeträgern, Kostenträgern, Pädagogen etc. durch und haben dort die Möglichkeit, Betroffenenperspektive einzubringen. Auch im Zusammenwirken mit dem von dir erwähnten Autor des Buches, welches übrigens sehr empfehlenswert ist. Und dennoch werden wir von einem Runden Tisch, in dem es um Arbeit und Beruf für Autisten geht, ausgeschlossen, weil wir uns nicht deutlich genug und absolut auf unserer Website von ABA distanzieren, zumindest nach Auffassung des Initiators (selbst Autist). Alllerdings der einzige freie Maßnahmeanbieter, der Verhaltenstraining auf Kosten der Bundesagentur für Arbeit für Autisten anbietet. Ein Schelm, der Böses dabei denkt….

    Diese Schwarz-Weiß-Seherei nervt ungemein. Können wir es uns wirklich leisten, immer auf das uns Trennende zu schauen anstatt auf das Gemeinsame?

    Nur zur Klarheit: ich bin kein ABA-Befürworter. Ich lehne Drill und Zwang in jeder Weise und in jeder Therapie- oder Lernform ab.

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  4. das_semikolon 4. July 2018 / 9:42

    Ich kenne die Trauma Selbsthilfe nicht. Dennoch kenne ich das Angreifen der ganzen Person auf Twitter, wenn man mal eine andere Sichtweise hat. Eine Sichtweise, die nicht Schwarz-Weiss ist. Ein regelrechter Shitstorm bricht z. T. über einen zusammen. Leute, die einen plötzlich bloggen.

    Dabei sollte doch im Vordergrund stehen, dass wir zusammenhalten. Auch wenn nicht jeder der selben Meinung ist, so sind wir doch grundsätzlich für die selbe Sache. Wie auch immer, ich tu mir das auch nicht mehr an auf Twitter und schränke somit den Kontakt zu anderen Autisten dort ein.

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