Säen und entwurzeln

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Wien vom Stephansdom (Südturm) fotografiert

Einsamkeit kann tödlich sein. Das war unterschwellig der Hauptgrund für mich, Salzburg wieder zu verlassen. Eine Entscheidung, die nicht leicht fällt. Ich bin bisher vier Mal umgezogen: Vom Elternhaus nach Mainz, von Mainz nach Innsbruck, von Innsbruck nach Wien und von Wien nach Salzburg. Die Abnabelung wurde vor allem dadurch erleichtert, dass ich den vormaligen Wohnort wortwörtlich satt hatte. Wenngleich der erste Auszug nur eine halbe Trennung war, denn ich fuhr fast jedes Wochenende nach Hause. Als ich nach Innsbruck zog, freute ich mich auf ein praxisnaheres Stadium, natürlich auch auf die Berge und auf wetterverrückte Studienkollegen, die ich schon kannte.

Als ich nach Wien zog, fühlte ich trotz Liebe zu den Bergen auch die Beklemmung durch die Begrenzung des Sichthorizonts, zudem hatten vier schneearme Winter ihre Spuren hinterlassen. Ohne Schnee ist das Inntal fünf Monate lang dunkel, das schlägt aufs Gemüt. Ein Wintersportler war ich damals noch nicht, auf die Gipfel zu steigen oder zu fahren schied für mich aus. Zu teuer war es ohnehin. In Wien freute ich mich darüber, nach sechs Jahren Alpental wieder einen Sonnenuntergang zu erleben (und einige Sonnenaufgänge in den Nachtdiensten). Ich entdeckte die Liebe zu den Bergen neu, lernte viele Wanderfreunde kennen und begann über das ganze Jahr hinweg zu wandern, immer häufiger auch alleine, kreativ, immer längere Anfahrten und Touren.

Als ich die Chance auf eine Vollzeitstelle in Salzburg ergriff, freute ich mich auf eine ruhigere Wohngegend, auf weniger Verkehrslärm wie in einer Großstadt, natürlich auch auf die Berge. Ich dachte, das mit dem öffentlichen Verkehr wird schon irgendwie gehen, und das Rad gibt es ja auch noch. Letzendlich ist diese Illusion zerplatzt wie eine Seifenblase, es ist eher mehr Verkehr, nicht weniger. Die Leute in den Wohngebieten sind genauso ignorant wie mitten in der Großstadt, der öffentliche Verkehr ist eine Katastrophe und vermeintlich nahe Gipfelziele sind mit den Bussen nur sehr umständlich erreichbar. Die Einwohner sind verschlossen, der Tourismus ist selbst den Salzburgern schon zu viel. Er ist vor allem extrem oberflächlich und ich hasse Oberflächlichkeit. Mit den angrenzenden Wanderregionen in Deutschland bin ich bisher auch nicht warm geworden. Es gibt da eher zu viele Wege, und es ist das Naherholungsgebiet der Münchner. Das Berchtesgadener Land ist im Sommer ohnehin völlig überlaufen. In die weniger überlaufenen Gebiete komme ich öffentlich wieder nicht hin. Oder das Wetter ist zu schlecht.

Jetzt kehre ich erstmals zurück an einen Ort. Ich werde Kompromisse mit der Ruhe eingehen müssen, wobei ein nicht allzu laut dahinrauschender gleichbleibender Verkehrslärm aushaltbarer wäre als gepfuschte dünne Wände, wo man jeden Huster und jeden Pinkler vom Nachbarn hört. Ich werde wieder viel mobiler ohne Auto sein, das bedeutet Freiheit. Ich kann wieder wandern gehen und das größtenteils in Gebieten, wo ich alleine unterwegs bin und trotzdem öffentlich gut hinkomme.

Dennoch ist es eine Rückkehr, die nicht ausschließlich mit Zuversicht vonstatten gehen wird. Nicht unter den jetzigen politischen Vorzeichen. Ich werde in ein Wien zurückkehren, wo die Mieten bald explodieren werden, wo es keine Limits mehr nach oben gibt. Die austrofaschistische Regierung tut alles dafür, um das lebenswerte Österreich, vor allem aber das lebenswerte Wien, so unattraktiv wie möglich zu machen. Erst wurde die schwarzrote Koalition gesprengt, jetzt soll die rotgrüne Koalition in Wien gesprengt werden. Es ist ein Klima der Angst, denn mit der Einführung von Kurz4 (analog zu Hartz4) steigt die Furcht vor der Arbeitslosigkeit, der Druck wird immens. Davon abgesehen wird alles teuer, die Sozialleistungen gleichzeitig weniger. Ich kann das durch den Job ausgleichen, solange ich den Job habe. Ich mache mir aber nicht nur Sorgen um mich, sondern um Bekannte, denen es schlechter geht, die alleinerziehend sind, die gerade studieren, die im Job unglücklich sind und denen der Gang in die Arbeitslosigkeit oder Mindestsicherung die Lebensqualität massiv einschränken würde. Ich weiß nicht, wie ich helfen kann und mich macht es wütend, wenn einerseits Sozialprojekte jetzt massenhaft aus finanziellen Gründen gestrichen werden, und andererseits wohlhabende Bürger weder Erbschafts- noch Vermögenssteuern zahlen müssen, wenn Unternehmen Strafen erlassen werden, wenn Wien eine berittene Polizei bekommt, damit Demonstranten eingeschüchtert werden können, aber nichts für die Wurzeln von Ungerechtigkeit, Diskriminierung und Alltagsrassismus getan wird, im Gegenteil.

Ich habe mich recht einseitig in den letzten Jahren völlig aufs Bergwandern spezialisiert. Das mag man monoton nennen, ist aber irgendwie auch autismustypisch, wenige Spezialinteressen exzessiv zu betreiben. Gleichzeitig tue ich etwas für meine Gesundheit, was mit Schichtdienst und genetischen Risiken sowieso unerlässlich ist, UND, ich kann Sport treiben, ohne von vielen Menschen umgeben zu sein, wie in Fitnesscentern oder Teamsportarten. So gesehen eine win-win-Situation. Die Kehrseite davon ist, dass ich mir eine andere Sportart nicht mehr vorstellen kann. Ich brauche die Berge, ich bin abhängig von ihnen.

Wenn ich dieses Spezialinteresse nicht hätte, dann würde ich mich jetzt längst nach einem Job (wieder) in Deutschland umschauen, weil ich auf diesen offen von der Regierung propagierten Rassismus und Fremdenfeindlichkeit, Menschenverachtung und alles, was einfach nur pure Bösartigkeit ist, keine Lust habe. Sie wollen ja generell Ausländer schlechter stellen, obwohl man hier genauso viele Steuern zahlt und trotzdem nicht wählen darf, selbst wenn man Jahrzehnte hier lebt. In Deutschland geht es derzeit auch in die falsche Richtung, indem alles, was in Österreich seit Jahrzehnten falsch gemacht wird, nun auch in Deutschland falsch nachgemacht wird, beginnend damit, den Sprachduktus der Demokratie- und Menschenfeinde zu übernehmen (wartet noch 20 Jahre, und ich kann das so geschliffen zynisch ausdrücken wie Thomas Bernhard). Dennoch gibt es in Deutschland immer noch Hoffnung, einen breiten Grundkonsens zum Antifaschismus, und den gibt es in Österreich mangels nationalsozialistischer Vergangenheitsbewältigung leider nicht.

Ohne mich jetzt allzu ausschweifend darüber auszulassen, bin ich von den Gefühlen her derzeit auf einer Achterbahnfahrt (in Österreich sagt man Hochschaubahn dazu). Der Lebensmittelpunkt ist in Österreich, die Stadt, wo ich gerne für immer bleiben möchte, ist Wien. Es hätte auch Innsbruck werden können, aber diese Chance hat sich knapp nicht ergeben. Der Freundes- und Bekanntenkreis ist in Österreich, ich habe mich hier sozusagen (re)sozialisiert, integriert, fühle mich meistens wohl. Die äußeren Bedingungen sind aus Autistenperspektive schwieriger als in Deutschland, zumal Betroffene in viel geringerem Ausmaß sichtbar sind in der Bevölkerung, was aber auf Behinderte generell zutrifft. Dennoch würde ich nicht mehr tauschen wollen, und das hat mit dem Spezialinteresse zu tun, mit den Bergen. Ich kann mir – derzeit – kein autismuskompatibleres und gleichzeitig gesundheitsförderlicheres Hobby als Bergsport mehr vorstellen. Es passt einfach perfekt auf mich.

Auf die politischen Umwälzungen habe ich überhaupt keinen Einfluss. Das macht mir Angst. Es geht derzeit in erschreckend schnellem Tempo in die falsche Richtung, so wie zuvor schon in den USA, in Polen, in Ungarn, bald in Italien, auch in Deutschland. Ich hab Angst davor, dass mein Traum zerstört wird – jetzt, wo ich sehr langsam traumatische Erlebnisse aus der Schulzeit und den ersten Berufsjahren hinter mir lasse. Das ist irgendwie egoistisch, in Anbetracht des Leids von vielen anderen, aber ich kann auch für andere nur dann stark sein, wenn ich selbst stark bin.

Wie geht’s weiter? Hoffen, dass Menschen mit Behinderung nicht wieder dekludiert werden. Dass ich offen über meinen Autismus sprechen darf, ohne Nachteile befürchten zu müssen. Dass ich die Kraft habe, die Nachteile in Kauf zu nehmen, wenn es anderen Betroffenen mutmacht. Als Mensch ohne Lebenspartner habe ich trotzdem Ziele, irgendwas weiterzugeben, irgendetwas, woran man sich gerne zurückerinnert, an mich erinnert. Eine gewisse Selbstlosigkeit, Aufopferungsbereitschaft, denn von meinen Genen werde ich nichts mehr weitergeben können.

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5 thoughts on “Säen und entwurzeln

  1. atarifrosch 5. June 2018 / 23:38

    Was die Politik angeht, scheint es keine wesentlichen Unterschiede zu geben zwischen Deutschland und Österreich. Österreich bekommt erst noch Hartz IV bzw. ein Äquivalent (oder haben sie’s jetzt schon eingeführt? Bin da nicht auf dem Laufenden), dafür sagst Du, sei der wieder aufkommende Faschismus noch massiver. Insofern scheint mir die jeweilige Politik kein Argument für das eine oder andere Land zu sein. Die Wahl zwischen Regen und Traufe.
    Dann ist es doch wichtiger, wo Du Dich lokal wohl fühlst und Freunde und Rückhalt hast.

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  2. Autistenkind 6. June 2018 / 23:06

    Ich finde, über Behinderungen wie z.B. Autismus kann man in unserer Gesellschaft leider nicht offen reden. Ich habe es oft versucht, doch letzten Endes wurde man immer wieder ausgegrenzt, weil man anders ist als die Masse.

    Liebe Grüsse
    https://autistenkind.com

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  3. lizzzy07 8. June 2018 / 21:21

    Ich bin auch inzwischen mehrfach umgezogen, allerdings immer in einem überschaubaren Radius. Trotz relativ vieler Bekannter fühle ich mich hier eingeengt. Ich komme hier nicht wirklich raus. Ich müsste an den nächsten Ort mit einem Bahnhof ziehen – mindestens. Das wiederum lohnt sich nur, wenn ich auch das Geld habe, davon Gebrauch zu machen. Und da klemmt es. Besserung ist nicht in Sicht. Nur in das Dorf meines Großvaters würde ich auf die Dauer nicht mehr hinziehen wollen. Das ist wirklich eindeutig ab vom Schuss. Die nächste größere Stadt – da wohnen noch meine Eltern, denen ich ungern über den Weg laufen möchte. Oder weiter weg, zu einem Freund vielleicht … auch schwierig, wieder des Geldes wegen.

    Irgendwie fühle ich mich auch einsam trotz vieler Bekanntschaften. Die bestehen vor allem aus meinem wichtigsten Hobby, dem Chor. Ein anderes wichtiges Spezialinteresse bleibt hier aber auf der Strecke … Aus diesem Grund zieht es mich für ein paar Monate als Freiwillige ins Ausland – einmal intensiv, weil sich ansonsten für längere Zeit nichts tut in dieser Beziehung. Stoff für noch ein paar Monate und eine Menge neuer Erfahrungen würde ich auch von dort mitbringen.

    Ansonsten was die Politik betrifft: Selbst in Deutschland habe ich schon ein Problem mit der Politik. Der sich ausbreitende Rassismus. Am liebsten würde ich etwas dagegen unternehmen. Nur wie? Geld für einen Wahlkampf habe ich nicht. Wenn überhaupt habe ich eher eine Chance über die Landesliste als über ein Direktmandat. Ich bin in der CDU. Meine Felder sind vor allem Sozialpolitik und speziell Rassismus, Antisemitismus, Rechtsextremismus. Frage: Für wie aussichtsreich hältst du es zu versuchen, in den Landtag oder den Bundestag einzuziehen?

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  4. 4synesthesia 9. June 2018 / 18:52

    Hm…säen und entwurzeln? Das säen spüre ich in deinem Beitrag aber das entwurzeln, ist ja ein aktives Handeln wie das Säen. Warum ent-wurzelst du dich, wenn du deine Heimat in den Bergen (wieder) gefunden hast?!… Gruß

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    • Forscher 10. June 2018 / 10:07

      In den knapp 6 Jahren vorher in Wien hatte ich Wurzeln geschlagen, das wurde mit dem Wechsel nach Salzburg abgeschlagen. Die letzten anderthalb Jahre war ich hin- und hergerissen. Soll ich mich ernsthaft um neue Bekanntschaften bemühen, Vereine, regelmäßigere Kontakte mit wem auch immer? Nochmal innerhalb Salzburgs umziehen in eine bessere Wohnung? Und dann auch wieder die Hoffnung, dass ich nach Wien zurückkehren kann, dann wäre das vergebene Mühe. Mir ist im vergangenen Jahr leider schon nach wenigen Monaten klar gewesen, dass Salzburg auf Dauer nichts für mich ist. Die Vorgesetzten hätten mich gerne länger gehalten, aber sie haben mir auch keine Steine in den Weg gelegt, als ich wechseln wollte. Meine Vorgänger sind alle nach kurzer Zeit wieder gegangen. Offenbar scheine ich nicht der Einzige zu sein, der mit Salzburg an sich Schwierigkeiten hat.

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