Presse: Genialität oder Krankheit?

spektrum
Skizze: Prozentuale Verteilung der Genialität bei Autismus

Der 2. April ist Welt-Autismustag: Das Bild der Krankheit wird noch immer durch Vorurteile bestimmt.

Quelle: Kleine Zeitung, 02.04.18, 05:10 Uhr

Genau mein Humor, danke.

Autismus ist keine Krankheit, denn Autismus ist nicht heilbar. Sonst bis auf das Einmachglas als Symbolbild ein guter Artikel.

Und die Deutsche Welle beginnt ihren Artikel über “Krankheit oder Charakterzug?” mit einem Bild von Stephen Wiltshire, der das Savant-Syndrom hat, einer in dieser Ausprägung sehr seltenen Sonderform bei Autismus. Im Text wird gut differenziert, auch die gewählten Beispiele sind gut, doch dann werden wieder Bilder eingestreut von weiteren Savant-Autisten (Daniel Tammet und “Rain Man”).

Bei den sogenannten Savant-Skills gibt es Abstufungen:

Die oben genannten Savants besitzen die eine Inselbegabung, von denen weltweit nur rund 100 Personen bekannt sind. Etwa die Hälfte entsteht durch Hirnschäden, die andere Hälfte  ist angeboren.

 

Am unteren Ende der Skala sind die Spezialinteressen angesiedelt, eines der Kernsymptome von Autismus. Spezialinteressen wandeln sich im Laufe des Lebens. Sie können auf einen sehr speziellen Teilbereich beschränkt, aber auch allgemeiner gefasst sein und dafür zeitintensiv ausgeübt werden. Jeder Mensch, auch Nichtautisten, wird zum Fortgeschrittenen oder Experten auf seinem Gebiet, mit dem er sich intensiv beschäftigt. Nur praktizieren das sozialfreudige Menschen tendenziell weniger intensiv, weil sie sich schlicht die Zeit dafür nicht nehmen. Spezialinteressen werden in den Medien leider oft mit Inselbegabungen verwechselt.

Das ist einer der Gründe, weshalb es mich so stört, wenn beim Arbeitsmarkt für Autisten ausschließlich an IT und Naturwissenschaften gedacht wird. Es ist zwar unbestritten, dass systematische Arbeit (kategorisieren, Listen, wiederkehrende Muster) dem autistischen Bedürfnis nach Gleichförmigkeit, Mustererkennung, Auswendiglernen entgegenkommt, doch gibt es Unterschiede bei den Denkmustern, nämlich word-fact thinking, pattern thinking und visual thinking. Programmierer und Kalenderrechner sind eher bei den pattern/structure thinkern zu finden, während die schriftlich talentierten Autisten zu den word-fact thinkern gehören. Künstler sind hingegen eher den visual thinkern zuzuordnen. Dazwischen gibt es ebenso Abstufungen und Überschneidungen.

Zwischen Spezialinteressen/thinking types und Savant-Syndrom befindet sich eine große Grauzone, wo synästhetische Empfindungen (Farben/Zahlen hören, Worte schmecken) noch einen Schwenk in Richtung Teil- oder Hochbegabung ergeben können. Bei Daniel Tammet, dem britischen Sprachentalent, wird z.B. angezweifelt, ob er wirklich ein Savant ist, oder sich bloß eine Technik entwickelt hat, um Fremdsprachen effizient zu erlernen. Tammet ist Synästhetiker, wodurch er mathematische und sprachliche Aufgaben anders meistert als ohne diese Fähigkeit.

Die selbst gezeichnete Skizze soll verdeutlichen, dass die Mehrzahl der Autisten Spezialinteressen besitzt und nur eine Minderheit eine Hochbegabung bzw. ein spezielles Talent in einem Teilbereich. Eine winzige Minderheit davon zeigt Savant-Skills. Die Übergänge sind fließend.

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One thought on “Presse: Genialität oder Krankheit?

  1. lizzzy07 5. April 2018 / 15:25

    Ich habe auch ein Gebiet, auf dem ich mich überdurchschnittlich auskenne. Es ist nicht Informatik. Es hat etwas mit einer bestimmten Gruppe Menschen zu tun. Und ich gehe davon aus, dass ich es nie komplett ad acta legen werden. Höchstens verliert es an Priorität zwischenzeitlich. Deswegen bin ich aber kein Savant. Nur kenne ich mich überdurchschnittlich damit aus ohne einer Berufsgruppe anzugehören, für die die intensive Befassung damit zum Job gehört (oder gehören sollte, wenn sie ordentliche Arbeit machen sollten (betrifft manche Journalisten)).

    Zum Thema IT: Auch wenn ich mich mit Computern beschäftige, bin ich nicht ausreichend nerdy, um es zum Beruf zu machen. Jedenfalls nicht als Selbstzweck.

    Und mein Bruder (ebenfalls autistisch) macht auch etwas ganz anderes als Computer (Gartenbau).

    Ich habe es gern, wenn ich etwas bildlich vor Augen habe (oder ich es mir lebendig vorstellen kann). In Sachen Erzählstoff bevorzuge ich Texte statt Filme. Bei Sachinformation Texte und (animierte) Graphiken. Andrerseits liebe ich es, wenn ich jemandem zuhören kann, der aus seinem oder ihrem Leben erzählt (Hauptperson = Erzähler). Andrerseits helfen mir beim Sprachenlernen definierte Regeln. So verarbeite ich unterschiedliche Informationen höchst unterschiedlich. Was gibt es unter den anderen Lesern denn noch für Typen.

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