Autisten sind nicht gestört, sie stören andere

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“Wahrnehmungsstörung” oder besondere Wahrnehmung?

Zugegeben eine provokante Neu-Interpretation des vielbenutzten Begriffs Autismus(-Spektrum)-Störung. Ich möchte dabei ein Gefühl ansprechen, das manche Autisten von uns gut kennen. Wenn sie das Gefühl haben, sie können wichtige Anliegen nicht ansprechen, weil sie anderen damit auf die Nerven gehen. Diese Gefühle treten immer wieder auf, in Alltagssituationen, bei wichtigen Gesprächen, bei Behördengängen, bei Ärzten, in der Arbeit, aber vor allem die medizinische Deutung von Störung wird auch gerne von Journalisten genutzt.

Das subjektive Empfinden, andere zu stören, zeigt sich etwa in der Kommunikation, indem man den Telefonanruf vermeidet, selbst zu einem Freund oder einer Freundin, weil man nicht weiß, ob es gerade günstig ist. Vielleicht sitzt die Person im Auto und kann nicht abheben, oder sie ist draußen unterwegs und im Hintergrund lärmt der Verkehr oder die Baustelle. Oder sie ist in der Arbeit und kann nicht frei reden. Oder ein anders gearteteter Zeitdruck. Mir fällt es zum Beispiel schwer, alles in ein Gespräch zeitlich unterzubringen, was auch daran liegt, dass tiefsinnige Gespräche so selten stattfinden und sich vieles dann aufstaut. Aber auch bei sachlichen Anliegen wie Terminvereinbarungen oder Nachfragen stellen setzt mich der Zeitdruck der Person, mit der ich sprechen will, selbst unter Druck bloß nichts zu vergessen oder es richtig zu formulieren. Abhilfe schaffen wäre leicht, wenn das Gegenüber per E-Mail antwortet, kurz vor dem Telefonat eine SMS schickt, wann es möglich wäre oder generell ein Zeitraum vereinbart wird, indem man ausreichend Zeit zum Reden hat und keine störenden Hintergrundgeräusche die akustische Qualität beeinträchtigen.

Es gibt auch andere Gründe, etwa, wenn man den Eindruck erhält, der anderen Person nicht wichtig genug zu sein, weil keine Reaktionen mehr kommen. Ehemalige Arbeits- oder Studienkollegen, mit denen man sich immer gut verstanden hat, die aber nach der Beendigung des Studiums oder Jobwechsel nicht mehr auf E-Mails oder andere Nachrichtenformen antworten. Haben sie die überhaupt registriert? Keine Lust zum Antworten? Oder ist für sie mit dem Abschluss dieses Lebensabschnitts auch ein Reset aller Zeitgenossen verbunden? Mir scheint inzwischen letzteres der Fall. Sie schreiten voran, finden neue Bekannte und Freunde – was mir als Autist deutlich schwerer fällt. Loslassen kann ich nicht so leicht (vgl. meinen Text über Türöffnermenschen).

Bei Ärzten hat man leider oft das Gefühl, die Fließbandroutine zu stören, wenn man nur den Mund aufmacht, etwa, um zu versuchen, seine Symptome zu erklären, aber auch Ängste und Sorgen. Es ist leider sehr selten, und oft mit zusätzlichem Geld (Kassenarzt -> Wahlarzt) verbunden, dass einem überhaupt noch zugehört wird. Die gewünschte Betreuung ist in den meisten Fällen nicht gegeben. Weitere Schwierigkeiten hat Blogger-Kollegin Sari-Ninja in ihrem Beitrag über Arztbesuche aufgezählt. Das verhindert Arztbesuche und schadet so letzendlich der eigenen Gesundheit, wenn schwerwiegende Erkrankungen nicht oder zu spät erkannt werden.

Leider gibt es gerade beim Thema Offenlegung der Diagnose oft keine passenden Rahmenbedingungen im Job. Wann spricht man das an? Wenn es sich nicht um explizit auf Autisten zugeschnittene Jobs handelt, raten Experten davon ab, sich bei der Bewerbung und im Vorstellungsgespräch zu outen. Dort sollte es um die Stärken und um den Inhalt des Jobs gehen, nicht um mögliche Hindernisse. Eine Ausnahme ist dann gegeben, wenn der Autismus die geforderten Kernkompetenzen betrifft. Sonst ist es also besser, sich hinterher zu öffnen, doch wann ist dafür ein guter Zeitpunkt? Und damit ist meist noch gar nichts verbessert. Es wird dazu geraten, sich kurz zu fassen, nur die eigene Symptomatik anzusprechen und bestenfalls Vorschläge gleich mitzuliefern, wie man die Situation verbessern kann. Die Kompaktheit der Offenlegung führt aber dazu, dass viele (unausgesprochene) Fragen zurückbleiben.

Meine Erfahrung ist, dass diese Fragen später nicht mehr gestellt werden. Sei es aus Scham, aus Unbeholfenheit oder Unwissenheit oder weil schlicht vergessen wird, dass die Beantwortung dieser Fragen vielleicht ganz essentiell das Miteinander verbessern könnte. Je besser der Autist kompensiert und nach außen unaufällig erscheint, desto geringer die Chance, dass von den anderen Fragen kommen. Aber – und bin ich wieder beim Titel dieses Blogs – wann könnte ich das Thema Autismus ansprechen? In der Mittagspause? Da ist es oft laut und eine halbe Stunde reicht nicht einmal aus, um Definitionen zu erläutern. Zwischendurch einmal? Das mag bei jenen funktionieren, die nicht mit Kundenkontakt zu tun haben und noch dazu an Projekten arbeiten, wo es zwischendurch also auch Leerlaufzeit gibt. Sonst besteht immer wieder die Gefahr unterbrochen zu werden, und das ist dann wie beim Telefonat unter Zeitdruck, wenn man es nicht schafft, einen Gedanken zu Ende auszuformulieren. Und nach der Arbeit wollen die meisten nach Hause, zur Familie, zu den kleinen Kindern, oder sind schlicht nicht mehr aufnahmefähig. Es gibt also kaum Möglichkeiten, über seinen Autismus zu sprechen, ohne bei einer Tätigkeit zu stören.

Ich weiß, dass es vielen Autisten sogar Recht ist, und trotz vorhandenen Unbehagens den Autismus lieber aus der Arbeit heraushalten wollen. Mich persönlich kostet es allerdings auf Dauer mehr Energie, ständige Missverständnisse zu beseitigen oder stundenlang über unüberlegte Formulierungen zu grübeln statt einfach mal Tachles reden zu können, und den Zeitgenossen die Möglichkeit zu geben, mein (autistisches) Verhalten entsprechend einzuordnen. Damit ist keine Narrenfreiheit auf meiner Seite gemeint, sondern es nimmt gewaltig Druck weg, mich normal zu verhalten, was einfach nicht immer gelingt, schon aufgrund meiner autistischen Ehrlichkeit.

Zuletzt auch noch etwas über die Verantwortung von Journalisten. Ich habe wenige gute Erfahrungen in Österreich gemacht, etwa im Rahmen eines Radiointerviews mit Anna Masoner vom österreichischen Rundfunk oder ein schöner Text von Martin Stepanek für die FutureZone. Doch wenn ich sehe, was in den letzten Wochen wieder über Autismus geschrieben wurde, dann ist das speziell in Österreich ungemein frustrierend.

Es ist löblich, dass “Presse” die drohenden Verschlechterungen von Autisten auf Jobsuche anspricht, wenn jetzt beim österreichischen Arbeitsamt (AMS) massive Kürzungen der Mittel bevorstehen.

Softwaretester, Datenbankspezialist oder Programmierer – sie alle stehen auf der Liste der Mangelberufe des AMS. Gleichzeitig sind es jene Bereiche, für die sich Personen mit Aspergersyndrom – einer milden Form des Autismus – besonders eignen.

[…] In Österreich sind mehr als 80.000 Personen von der Wahrnehmungsstörung betroffen.

Gleichzeitig … ja, sie eignen sich für Asperger-Autisten, aber ich kenne weitaus mehr in vielen anderen Berufen auch.

Mein Autismus-Spektrum ist jedenfalls nicht gestört, auch meine Wahrnehmung ist nicht gestört. Gee Vero, eine von mir sehr geschätzte und gerne gelesene autistische Künstlerin und Buchautorin, beschreibt das so:

„Da Wahrnehmung subjektiv ist, hat jeder von uns seine eigene Wahrnehmung. Wir sind also alle anders. Wenn wir alle anders sind, dann ist anders zu sein die Norm – und Autismus eine Variante dieser Norm“

Quelle: https://www.noz.de/lokales/osnabrueck/artikel/1030578/gee-vero-spricht-in-osnabrueck-ueber-autismus

Unsere besondere Wahrnehmung ermöglicht es uns ja erst, in den genannten Berufen besonders zu brillieren, aber eben nicht nur dort. Von den 19000 arbeitsfähigen, aber arbeitslosen Autisten wollen nicht alle in diesen drei Berufsfeldern arbeiten!

Ein sehr ausführliches und lesenswertes Interview mit der bekannten autistischen Psychotherapeutin Christine Preißmann ist kürzlich im “Profil” erschienen.

profil: Sprechen Sie mit den Patienten über Ihre Krankheit?

[…]
Man spricht nun von Autismus-Spektrum-Störungen, um der enormen Bandbreite der Krankheit gerecht zu werden.

Es ist keine Krankheit.

Und die “Salzburger Nachrichten” drucken eine Presseagenturmeldung einfach so ab:

“Mangel an medizinischen Instituten im Kampf gegen Autismus”

“In Wien sagte man mir, dass man mir nicht helfen könne, dass es für Tiago nichts zu tun gebe, dass sie für die Behandlung der Krankheit nicht ausgerüstet seien”

“Der Sohn meiner besten Freundin hatte dasselbe Problem, und sein Zustand hatte sich verschlechtert. “

Wieder Krankheit und Problem, und etwas, was bekämpft werden muss.

Das Wort Krankheit habe ich selbst schon zu oft gehört, wenn ich meinen Autismus thematisiert habe. Ich bin inzwischen weitaus entspannter über falsche Begrifflichkeiten in der Öffentlichkeit, ja selbst der politische Autismus regt mich nicht mehr sonderlich auf, aber bei Krankheit hört für mich die Toleranz auf.

Autismus kann und muss nicht geheilt werden, sondern es braucht mehr Akzeptanz und Toleranz von Andersartigkeit. Fangen wir mit Begriffen an!

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2 thoughts on “Autisten sind nicht gestört, sie stören andere

  1. JanJan 23. March 2018 / 15:01

    Autisten sind nicht gestört, sie WERDEN gestört. Zumindest empfinde ich persönlich es genau SO.

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