Wenn Autismus heilbar wäre, was bliebe dann …?

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Autistische Wahrnehmung

Grundsätzlich halte ich die pauschale Aussage in beide Richtungen verkehrt, d.h. “Kein Autist möchte geheilt werden.” ebenso wie “Jeder Autist möchte geheilt werden.” Das liegt vor allem daran, dass es sich um ein Autismus-Spektrum handelt und es sehr individuelle Lebenswege gibt, mit dem eigenen Autismus umzugehen. Manche empfinden es täglich als schwere Behinderung und sehen selbst dann keine normale Lebensqualität, wenn gesellschaftliche Barrieren abgebaut würden, etwa bei extremer Reizempfindlichkeit gegenüber natürlichen Einflüssen (grelle Sonne, Gerüche, vom Wind verursachte Geräusche, Nahrungsaufnahme, usw.) oder bei Begleiterkrankungen, die körperlich oder seelisch einschränken. Andere zeigen eine höhere Funktionalität, sie können besser kompensieren, führen nach außen hin ein unscheinbares Leben, auch wenn dem ein jahrelanger K(r)ampf vorausgegangen sein mag und die Alltagsbewältigung weit mehr Herausforderungen verlangt als für Außenstehende sichtbar ist. Nachdem es auch “high functioning autism” gibt, kann man beide Sichtweisen nicht einfach in “Kanner” = Krankheit und “Asperger” = Behinderung teilen. Man kann nicht sagen, dass frühkindliche Autisten (Definition nach dem noch gültigen ICD-10) per se geheilt werden wollen und dass Asperger-Autisten ihren Autismus nie als Last empfinden.

Wer sich je die Mühe gemacht hat, intensiv auf Blogs und in Selbsthilfeforen mitzulesen, wird beide Sichtweisen quer durch das Spektrum finden. Manche Asperger-Autisten sagen sehr offen Behinderung zum Autismus, andere reden lieber von autistischer Persönlichkeit oder dem neutralen “autistischen So-Sein”, wie es Ludger Tebartz van Elst ausdrückt. Heilungsbedarf lässt sich aus den letzten beiden Begriffen nicht ableiten. Auch Behinderung impliziert nicht Krankheit, sondern eine Ent-Hinderung kann auch rein als gesellschaftliche Teilhabe gemeint sein, also soziale Barrieren abbauen, Aufklärung, Empowerment und Toleranz von Andersartigkeit.

Autismus kann nach dem heutigen Stand der Forschung nicht geheilt werden, weil Autismus keine Krankheit ist. Autismus bekommt man nicht, Autismus hat man.  Und selbst ein (aus)therapierter Autist bleibt ein Autist, egal ob das “hochintensive” Verhaltenstherapie oder Psychoanalyse ist. Der Autismus ist von der Persönlichkeit nicht trennbar – aber selbst da sind sich die Autisten untereinander nicht einig, wenngleich ich eine Tendenz vor allem bei älteren Autisten dazu sehe, den Autismus separat von der Persönlichkeit zu sehen, während jüngere Autisten und jene, die im heutigen Zeitalter mit allen Erkenntnissen und autistischen Netzwerken diagnostiziert wurden, Autismus und Persönlichkeit als Entität betrachten.

Ich bin Anhänger der “autistischen Persönlichkeit” und erlebe meinen Autismus täglich in jeder Faser meines Lebens. Es gibt keinen Tag ohne Autismus, es gibt allenfalls Phasen, wo er nach außen kaum sichtbar ist, weil ich so sein darf, wie ich bin, ohne aufzufallen. Diese Phasen sind allerdings selten, weil die Menschen, bei denen ich ich sein darf, selten in meiner Nähe sind.

Oliver Sacks, der berühmte Professor für Neurologie und Psychiatrie, beschreibt in seinen Fallstudien “Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte.” (Erstausgabe 1985, Übersetzung 1987) unter anderem auch zwei Fälle mit Autisten mit niedrigem Intelligenzquotient, teilweise fehlender oder rudimentärer verbaler Fähigkeit, aber phänomalen Fähigkeiten zu rechnen bzw. künstlerisch zu zeichnen.

In einem Fall waren das die Zwillinge John und Michael (geboren 1940), die als klassische idiot savants galten und Primzahlen bis ins schier unendliche ausrechnen/erkennen konnten, beschrieben auf S. 273-299. Zum Denken geben sollte der Umgang mit den Zwillingen, die immer glücklich erschienen, wenn sie gegenseitig ihr Primzahlen-Rechenspiel spielen konnten:

Die Zwillinge sollten “zu ihrem eigenen Besten” getrennt werden, um ihre “ungesunden Zwiespräche” zu unterbinden und sie “in die Lage zu versetzen, ihre Umwelt in einer sozial akzeptablen, angemessenen Art entgegenzutreten” (S.292)

Nach der Trennung konnten sie zwar alleine Busfahren, beherrschten Grundhygiene und verrichten niedere Arbeiten für ein Taschengeld, doch hatten sie ihre “numerische Kraft” verloren, “die größte Freunde und den Sinn ihres Lebens.” Auch bei einem anderen geschilderten Fall eines autistischen Kindes mit phänomaler Zeichenbegabung wurde eine Therapie veranschlagt, um “ihre inneren Kräfte auf anderen Gebieten zu maximieren”. Das Kind fing an zu reden – und hörte auf zu zeichnen.

Nigel Dennis, der Nadia, die Autistin, porträtierte, kommentierte das Ergebnis so:

“Wir haben jetzt ein Genie, dem man den Genius genommen hat, sodass nichts weiter übrig ist als eine umfassende geistige Behinderung. Was soll man von einer derart sonderbaren Therapie halten?” (S.293)

Und Sacks resümiert:

“Für die Zwillinge ging es natürlich nicht nur um die Fähigkeit, sondern um das seelische und emotionale Zentrum ihres Lebens.”

Was könnte nun passieren, wenn man meinen Autismus heilt? Ich würde wahrscheinlich viel weniger zuhause sitzen und über alles mögliche schreiben und recherchieren, sondern geselliger sein und Prioritäten auf der sozialen Ebenen haben. Ich würde aber auch meine besondere Wahrnehmung verlieren und das, was meine Fotografien kennzeichnet, der Blick für Details, die anderen eben nicht auffallen. Ich würde dieses tiefe Grundbedürfnis verlieren, immer zu hinterfragen, Ursachen zu suchen, Fehler nicht zu wiederholen, weil das Streben nach Perfektion natürlich dazu führt, dass man sich stetig verbessern und weiterentwickeln will. Ich würde wahrscheinlich eher konform sein, leichter mit dem Strom schwimmen als meine eigene Meinung zu bilden. Meine Not – etwa mit der Reizüberflutung und Menschenmengen – führte dazu, aus dieser die Tugend des Wanderns zu entdecken – weg von der Zivilisation hin zu intensivem Natur erleben. In der heutigen Zeit nicht mehr selbstverständlich. Zwar bedaure ich es öfter, wenn ich mangels Freizeitpartner alleine wandern muss, doch nur alleine erlebt man die Natur so intensiv. Ein stetes Dahinplaudern führt dazu, jene Details zu übersehen, die meine Wanderberichte kennzeichnen. In Gruppenwanderungen sieht man etwa kaum Tiere, weil diese durch den Geräuschpegel frühzeitig verschreckt werden.

Vor knapp drei Jahren übersetzte ich (leidlich flüssig) eine Satire, die neurotypische Menschen als “Störungsbild” sah und deren Defizite aufzeigte. Darunter befinden sich Aussagen wie Neurotypische haben …

… begrenzte Fähigkeiten für logisches und rationales Denken, weil sie nicht fähig sind, Emotionen von Logik zu trennen und beides oft miteinander verwechseln. Ihnen mangelt es oft an kritischem Denken und sie lassen sich leicht von unlogischen Dingen überzeugen.

… begrenzte Fähigkeiten, sich für längere Zeit oder wiederholt auf ein Thema zu konzentrieren. Wohingegen Autisten in ihrem Spezialinteresse regelrecht aufgehen können und intensive Beschäftigung zeigen.

Soziales Interesse wie Kontakte knüpfen und pflegen sei wenig nützlich für die Gesellschaft allgemein, Neurotypische seien entsprechend kaum in der Lage für bahnbrechende Erfindungen und gesellschaftliche Fortschritte voranzutreiben.

Was hier natürlich überspitzt dargestellt wurde, hat einen wahren Kern. Die autistische Persönlichkeit hat ihren notwendigen Platz in der Gesellschaft. Wie schon Hans Asperger ausdrückte.

“It seems that for success in science or art, a dash of autism is essential”

Und das soll bitte nicht nur für sichtbaren Erfolg verstanden werden, für öffentlich bekannte Genies, sondern auch und gerade für das eigene Wohlbefinden, das zu tun, was einem Spaß macht, worin man seinen Lebenssinn sieht.

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2 thoughts on “Wenn Autismus heilbar wäre, was bliebe dann …?

  1. Sarinijha 19. March 2018 / 17:23

    Das überschneidet sich tatsächlich mit meinen Erfahrungen. Hauptsächlich mit meiner „Identitätskrise“, die ich hier während meines Studiums hatte. Im Studium selbst habe ich versucht geselliger zu sein, an vielen Unternehmungen teilzunehmen. Ich habe es einige Zeit auch geschafft, aber dafür sind viele meiner Eigenschaften in den Hintergrund gerückt. Fotografie, Kunst, das Schreiben von Gedichten und Texten, das Lesen. All diese Dinge, die seit meiner Kindheit für mich eine extrem wichtige Bedeutung hatten, spielten in meinem Studium überhaupt keine Rolle mehr. Ich war zwar geselliger, aber ein wichtiger Teil von mir war nicht mehr vorhanden. Erst als ich im letzten Sommer bei meiner Großmutter war, fand ich diesen Teil in mir wieder. Es bedeutete jedoch gleichzeitig, dass ich im Studium selbst plötzlich ruhiger wurde und an Gruppenunternehmungen nicht mehr teilnehmen konnte. Ich vermied Unternehmungen, Vorträge und zog mich ein großes Stück weit wieder zurück; fand so aber wieder zu meinen Leidenschaften zurück. Beides kann nebeneinander nicht existieren; das ist meine Erfahrung. Und ich persönlich habe mich entschieden: Ich möchte ich sein, mit all meinen Leidenschaften und mit meiner Introversion und meinem Unverständnis für Geselligkeiten. Was nicht bedeutet, dass ich Kontakte vermeide, sondern einfach nur Kontakte aufnehme, die mich auf meine Art und Weise akzeptieren.

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    • Forscher 19. March 2018 / 21:30

      Ich hab das am stärksten gespürt als ich für zehn Tage auf einer Fortbildung/Schulung war und keine Gelegenheit hatte, zu bloggen oder Wanderberichte zu schreiben. Ich wurde von Tag zu Tag unrunder und unruhiger. Ich brauche das Schreiben und Fotografieren so oft als Ventil, dass ich es nicht lange ohne sie aushalte.

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