Fremd in der Fremde

Clipboard01Vergangenes Wochenende: Geführte Schneeschuhwanderungen in einer Gruppe mit 20 Teilnehmern. Die Angaben auf der Webseite des Alpenvereins hatte ich bei der Anmeldung falsch interpretiert, denn das maximal 10 Teilnehmer pro Gruppe bezog sich auf den Guide, und bei zwei Guides hieß das 20 Teilnehmer. Das war schon bei dem ersten geführten Wanderwochenende Ende Januar eine Herausforderung. Ich hätte natürlich absagen können, aber mich sprachen die sportlichen Herausforderungen und die mir völlig unbekannte und öffentlich schwer erreichbare Region an.

Neben den technischen und konditionellen Herausforderungen, die ich alle – auch dank meiner allgemeinen körperlichen Verfassung – gut bewältigen konnte, gibt es auch autistische Herausforderungen. Für meinen Autismus bedeutet das: Wie bewegt man sich als Neuer in einer Gruppe von Menschen, die ich nicht einschätzen kann und die umgekehrt nichts von meinem Autismus wissen, ohne ständige Missverständnisse und Fettnäpfchen?

Natürlich kann man sich beruhigen und sagen, dass es jedem so geht, wenn er neu ist, aber mein kommunikativer Zugang ist eben ein anderer, was schon im Vorfeld damit begann, dass ich mich nicht traute, den Guide anzurufen, wie er es sich von jedem neuen Teilnehmer gewünscht hätte, um festzustellen, ob er dem Anspruch seiner Wanderungen gerecht wird, und dass ich mehrfach wegen Mitfahrgelegenheit um eine E-Mail bat, während der Angeschriebene diese Bitte ignorierend meinte “ruf doch am besten an, das geht schneller.”

Das Kennenlernen und Smalltalk führen

Was darf man erzählen, was ist zu persönlich? Meine autistische Ehrlichkeit – ich kann meine aktuelle Gefühlslage einfach nicht überspielen – ließ meist durchklingen, dass ich in Salzburg unglücklich war. Nicht vom Job, nicht von den Bergen, sondern aufgrund der mangelnden Mobilität, Kultur und vor allem Freunden. Gleich einen depressiven Eindruck hinterlassen war nicht meine Absicht. Smalltalk fiel mir also schwer, und wenn das Gegenüber von Leistungssport oder technischen Berufen erzählt, wusste ich oft nicht mehr, was ich fragen sollte, weil ich dazu keinen Zugang habe.
Ich versuchte ein wenig mit dem Wetterfrosch-Narrativ abzulenken, weil mich die Leute dann eher über mein Berufsfeld ausfragten und das sowieso spannend finden, und ich dafür nicht ständig darüber nachdenken musste, was ich andere fragen konnte, um redensartlich “das Eis zu brechen”.

Lautstärke

Zwanzig Leute sind nunmal lebhafter und lauter als eine kleinere Gruppe. Wenn zwanzig Menschen durcheinanderreden, bleibt für mich nur ein Geräuschbrei übrig. Ich weiß nicht, welchem Gespräch ich mich zuwenden soll, weil ich fünf Gespräche gleichzeitig mitkriege, ohne was zu verstehen allerdings, denn es dringen nur Satzfragmente zu mir. Im Gegensatz zu den meisten Nichtautisten kann mein autistisches Gehirn wichtige von unwichtigen Geräuschen nicht unterscheiden, der Reizfilter ist kaputt. Wenn mich dann jemand direkt anspricht, kostet es enorme Konzentration, nicht den Faden zu verlieren. Ein anderes Problem gerade bei so vielen Leuten ist, dass man immer wieder unterbrochen wird, die Gesprächsthemen rasch wechseln. Ich brauche leider immer eine gewisse Zeit, “mich einzuschwingen” und muss so ständig von neuem anfangen.

Reden, dann Denken oder erst Denken, dann Reden?

Entweder brauche ich zu lange, um einen Satz gedanklich zu formulieren und dann auszusprechen, oder ich sage erstmal etwas und denke dann: “Mist, das wollte ich so gar nicht sagen!” Aber der Satz ist draußen und wird sofort aufgegriffen und ich komme mir wie ein Volltrottel vor, z.b. Bemerkungen über meinen (gar nicht zu hohen) Puls bei der Rast oder die schmerzende Schürfwunde, die ich mit Schnee kühlte. “Tut weh!“, sagte ich im ersten Impuls, dabei sah es nach nichts aus und war auch nicht dramatisch.

Gruppendruck

Bemerkungen wie “Du bist aber zögerlich”, “Sei ein Mann” oder “Sei nicht so negativ!” helfen mir nicht weiter. Gerade am zweiten Tag lag es vor allem am schmerzenden Knie, dass ich zögerlich war, aber auch an der fehlenden Technik und Defiziten in Körperwahrnehmung und Koordination. Ich bräuchte Ruhe und Zeit, um mich auf Neues einlassen zu können (z.b. einen irrsinnig steilen Hang hinunterzurutschen). Die meisten Mitgeher waren älter oder Leistungssportler oder Skifahrer oder alles zusammen und hatten weniger Hemmungen oder gar Furcht vor steilen Hängen. Natürlich zweifelte ich in solchen Augenblicken, ob die Teilnahme eine gute Idee war. Letzendlich habe ich aber alle heiklen Stellen gemeistert, was a posteriori auch wieder ordentlich Selbstvertrauen gibt und den eigenen Aktionsradius erweitert. Nachdem auch andere Teilnehmer öfter mal versuchten, das Rutschen zu vermeiden, hielt ich mich eher an sie und musste so gesehen kein schlechtes Gewissen haben, dass ich nicht jeden “Downhill”-Spaß mitmachte.

Ich werde nie Skifahren, “Downhill” Mountainbiken oder Rodeln, weil ich meinen Körper bei hohe Geschwindigkeiten nicht kontrollieren kann, aber im Rahmen dessen, was ich machen kann, habe ich mich über die Jahre hinweg schon enorm gesteigert.

 

Trotzdem Spaß haben

Solange ich nicht rede, kann nichts schiefgehen, könnte ich resümieren, aber ich hatte auch viele nette Gespräche, mit Menschen, mit denen ich durchaus öfter gemeinsam würde, täte sich die Gelegenheit ergeben. Nach kurzer Zeit werden individuelle Gehstile, Vorlieben, die ein oder andere Skurrilität sichtbar – insbesondere letzteres spricht mich natürlich sofort an.

Die Situation war völlig neu für mich. Früher bin ich ausschließlich in Gruppen gewandert, wo mich zumindest der Guide schon länger persönlich kannte. Ich hielt mich dann meist an ihn und fand langsam, auch dank der ein oder anderen Überleitung, zu den anderen Teilnehmern. Ich musste das Eis nicht brechen, es wurde für mich gebrochen oder war nie vorhanden. Ich möchte nicht übertreiben, aber als Fremder (und als Autist) fühlt sich manchmal an, als würde ich jedes Mal ein Bewerbungsgespräch um des ersten Eindrucks Willen führen. Dabei bin ich unter Gleichgesinnten und muss mich nicht rechtfertigen. Deswegen gehe ich hier auch mit, meide aber Menschenmassen in Einkaufszentren oder Großstädte zur Hauptsaison.

In einem der beiden Wanderberichte über das Wochenende habe ich mich übrigens geoutet, als Asperger. Wie im vorletzten Blogeintrag über Selbstdiagnosen erläutert habe, verwende ich sowohl Autist als auch Asperger als Selbstbeschreibung. Unabhängig von allen vermeintlichen oder tatsächlichen Abgrenzungen und neuen medizinischen Definitionen (DSM-V vs. ICD-10) möchte ich auch das Erbe des österreichischen Kinderarztes Hans Asperger nicht in Vergessenheit geraten lassen, der noch vor 1930 seine Verdienste in der Heilpädagogik hatte, die in ihrer ideologischen Ausrichtung selbst heute unerreicht ist.

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One thought on “Fremd in der Fremde

  1. blutigerlaie 11. March 2018 / 19:00

    Diese Woche hab ich fix vor, in einen Sportkurs zu gehen, wo man immer paarweise Übungen macht…weiss,nicht, wer teilnimmt… dann denk ich an dich, dann wird es mir genauso gehen

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