Flashbacks

ffDie sentimentalen Phasen nehmen gerade zu. Ich bin (zuviel) alleine und habe viel Zeit, über verpasste und genutzte Chancen nachzudenken. Als ich von Wien nach Salzburg wechselte, hatte ich keine andere Wahl. Entweder weiter auf Teilzeit bleiben, bis auch die Reserven rasant schwinden, oder einen Vollzeitjob in einer fremden Stadt ohne soziales Auffangnetz. Zum Zeitpunkt der alternativlosen Wahl war es die richtige Entscheidung. Dass ich so abhängig sein würde von meinen (geliebten) Türöffnermenschen, war mir nicht bewusst. Ich hoffe, dass es keine Jahre bis zur Rückkehr werden. Salzburg ist für mich Exil, so günstig der Arbeitsplatz für mich auch ist. Dabei war der Weg dorthin ein persönlicher Meilenstein.

Der Beitrag von Bloggerkollegin Sari-Nijha über Mobbing hat mich sehr bewegt. Auch in meiner Biografie gab es Jahre mit Ausgrenzung, Bedrohung und Ausnutzung. Wenig im körperlichen Sinn, aber die Seele kann trotzdem schweren Schaden nehmen, wenn es unterschwellig passiert. In der Pubertät war es besonders schlimm, als Mobbing aktiv ausgeübt wurde. Am Ende standen nur noch zwei, drei Klassenkameraden auf meiner Seite, viele enthielten sich (Mitläufer) und am anderen Ende waren nur wenige, die sich zum Täter berufen fühlten. Ich erinnere mich an die Gänge im Gymnasium im Erdgeschoss mit dem Lichthof in der Mitte. Wie ich von einem Mob von zwanzig Schülern an die Wand gedrängt werde. Einen Tag später bekam ich schulfrei und der damalige Vertrauenslehrer schiss die Klasse zusammen. Von der neunten Klasse an war das aktive Mobbing beendet, dann gings passiv weiter: Ich sagte etwas und bekam keine Antwort, ich war Luft in Konversationen, Luft auf “Kollegstufenfeiern” oder sonstigen Klassenveranstaltungen. Das Gefühl, nirgends eingeladen worden zu sein, nicht bemerkt zu werden, sondern höchstens zu stören. Einen Witz reißen, keiner lacht, der zweite Schüler macht denselben Witz, alle lachen. Ich glaube, aus dieser Zeit stammen viele Traumata, die ich selbst heute noch spüre. Schweigen ist unangenehm, unterbrochen werden auch, und andere anschreiben ist oft mit dem Gefühl verbunden, gerade zu stören. Wenn keine Antwort kommt und man glaubt, man hätte einen Freund oder eine Freundin, aber es kommt nie was zurück, bis man selbst wieder hinschreibt, das sind die Momente, wo es wehtut. Zu Beginn des Gymnasiums waren meine Noten hervorragend, dann wurden sie immer schlechter und als ich nach Abschluss der mittleren Reife wählen musste, welche Fächer ich in der Oberstufe als Leistungskurse belege, war es egal, weil es standen überall 4er drin. Trotzdem habe ich die Matura mit einer 2,7 abgeschlossen – zuletzt packte mich gar der Ehrgeiz, ich stand auf 2,8 und nur wenige Punkte von der besseren Durchschnittsnote entfernt. Ich belegte noch einmal Mathe Grundkurs mündlich bei meinem Lieblingslehrer, und kam durch. Sonst gab es die üblichen Schwierigkeiten in der Schulzeit mit mündlicher Mitarbeit, aber es sollte noch über 15 Jahre dauern, bis ich die Diagnose erhielt.

Als ich damals wenige Monate nach dem Schulabschluss mit Anfang zwanzig von daheim auszog, um in Mainz zu studieren, war es ein Wurf ins kalte Wasser, ungefähr vergleichbar mit Salzburg jetzt, mit dem Unterschied, dass die engen Bezugspersonen vorher vor allem die Familie war, und in Wien ein paar wirklich liebgewonnenen Türöffnermenschen. Ich zog in eine 2er WG in einem Studentenwohnheim, mit einem sehr reinlichen Physikstudenten, der dauernd an mir herummäkelte. Ich bekam einiges einfach organisatorisch nicht auf die Reihe, was aber auch daran lag, dass ich viel zu viel Zeit im Internet verbrachte. Das Internet war zwischen Matura und Studium bereits zur Droge geworden, der Austausch mit Gleichgesinnten DIE Erlösung. Dass man es dabei auch übertreiben kann und dass ich die Kontrolle über mein Leben phasenweise völlig verlor, war mir damals nicht bewusst und ich ignorierte sämtliche Bedenken. Die Umstände waren nicht günstig, um das Internet zu reduzieren, selbst wenn ich gewollt hätte. Zu den anderen Komillitonen hatte ich kaum Kontakt, sie waren alle anders als ich (bzw. umgekehrt). Ich war einer der wenigen, die sich wirklich für das Studium interessierten, weil ich schon von Kindheit an wetterbegeistert war. Sie studierten, weil Erdkunde ganz nett klang oder weil ihnen nichts besseres einfiel. Nach Kursende war das Thema Meteorologie durch “hoffentlich wird das Wochenende schön!” hörte ich und verdrehte die Augen. Es war für mich völlig unverständlich, wie man nicht wetterbegeistert sein konnte für das exotische Studium. Tatsächlich handelte es sich in Mainz um ein Physikstudium mit Nebenfach Meteorologie. Quantenphysik, mathematische Beweise, Bronstein – ich verstand überall nur Bahnhof. Physik hatte ich in der 11. Klasse abgewählt, selbst mit der bayrischen Mathematik kam ich in Mainz nicht weit. Durch die Empfehlungen zweier Studienkollegen in Innsbruck verschlug es mich dann Ende 2004 dorthin und ich fing das Studium großteils nochmal von vorne an. Anrechenbare Scheine hatte ich kaum vorzuweisen. Schon damals wurde mir bewusst, was Bürokratie ist, als es darum ging, Bafög zu verlängern. Zählte Innsbruck als neues Studium oder als Fortsetzung? Keiner konnte Klarheit schaffen. Ich erhielt zwei Semester einen aberwitzig niedrigen Beitrag und wurde entsprechend von meinen Eltern aufgestockt. Das muss ich hier auch ausdrücklich betonen – an finanzieller Unterstützung hat es nicht gefehlt. Ich lebte die studentengenretypische Sparsamkeit, ganz im Gegensatz zu fast allen Studienkollegen, von denen viele Jobs annahmen, um sich den teuren Skipass zu leisten. Nebenher noch arbeiten war für mich nicht vorstellbar, erst knapp zehn Jahre später sollte ich erfahren, warum: Keine Löffel.

In meiner persönlichen Entwicklung ging vieles weiter. Ich besuchte über mehre Jahre eine Verhaltenstherapie, auch wenn es mehr Gesprächstherapie war und wir regelmäßig überzogen, was aber auch daran lag, dass der Therapeut unter Supervision war und diese bis zuletzt nie beendete. Ich spürte auch im Studium trotz besserer Voraussetzungen wieder die Distanz, selbst zu den engeren Studienkollegen. Nicht Ski fahren können exkludiert sicherlich von vorneherein bei vielen gemeinsamen Aktivitäten, das ist in Salzburg übrigens wieder genauso, aber ich war auch nicht schwindelfrei und hatte Schwierigkeiten mit Koordination und Gleichgewicht und traute mir erst am Ende des Studiums anspruchsvollere Bergtouren zu. Regelmäßig gingen wir ins heftig verrauchte Irish Pub oder andere Lokale. Immer war es mir zu laut, in der Gruppe bekam ich wenig mit, der Rauch war zusätzlich belastend. Wenn die eine Studienkollegin dabei war, gings immer in die Disco. Ich konnte weder mit der Musik noch mit 3cm Makeup was anfangen, es war eng, laut, stickig, zwischendrin ein paar Muskelprotze und ich war den ganzen Abend damit beschäftigt, auf Handy, Geldbeutel und Jacke aufzupassen, was oft meine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nahm, speziell wenn man schon ein paar Bier intus hatte. Während ich an der Diplomarbeit schrieb, fand ich eine Routine, die mir die Teilnahme an der Gesellschaft ermöglichte – es war die Zeit während der WM-Übertragung (2010) und ich besuchte fast täglich das Treibhaus, trank ein oder zwei Bier und verfolgte das Spiel in einem Raum, wo insgesamt weniger los war, weil die meisten lieber draußen waren. Ein wenig bedaure ich heute, dass ich meinen Wohnort damals nicht häufiger zum Wandern nutzte, aber ich war sehr unerfahren und hatte auch in der gesamten Studienzeit damit zu kämpfen, mich vom exzessiven Internetgebrauch zu entwöhnen. Vergeudete Lebenszeit, unnötige Streitereien über banale Dinge im Netz. Aufgrund dieser persönlichen Erfahrungen bin ich skeptisch, wenn von Autisten das Internet als eierlegende Wollmichsau angepriesen wird, das ist es nicht. Ich hab auch meinen Bücherkonsum dramatisch reduziert, lese vielfach nur noch Sachbücher und schaffe es dennoch kaum, längere Texte am Stück zu lesen. Die klassische Krankheit des digitalen Zeitalters. Trotzdem würde ich nie auf ein E-Book umsteigen, ich schätze den haptischen Genuss zu sehr. In einem durchdigitalisierten Vollzeitjob ist man ohnehin um jede Zeit froh, in der man nicht auf digitale Werkzeuge angewiesen ist. Das Studium habe ich dann mit einer zweijährigen Diplomarbeit beendet. Das lag noch im Schnitt, kurz darauf wurde auf das verschulte Bachelor-Master umgestellt. Es gibt Autisten, die damit besser zurechtkommen, weil mehr Struktur vorhanden ist. Für mich wäre es der Horror, wenn man gezwungen ist, alle Prüfungen zu bestehen, um das nächste Modul belegen zu können. Im Diplom konnte ich die Prüfungen beliebig vorziehen und hatte keinen so extremen Druck, ok, ausgenommen Physik I und II, wo ich alle drei Versuche ausreizte, da war der Druck am Ende schon extrem. Oder als ich in zwei Semestern über 20 Prüfungen ablegte, um nicht aus dem Diplom zu fallen. Harte Zeiten. Dahinein fiel auch die Diagnose 47,XXY (Klinefelter-Syndrom), mit im Nachhinein gesehen miserabler humangenetischer Beratung. Keine einfache Zeit.

Im letzten halben Jahr der Diplomarbeit spürte ich den Druck noch stärker. Jobangebot durch Vitamin B, Jobzusage, ein bisschen flunkern “die Diplomarbeit liegt schon in den letzten Zügen”, dabei hatte ich bisher nur exzessive Literatursuche betrieben, aber mit dem Programmieren, dem ich auswich, wie der Teufel dem Weihwasser, noch nicht einmal angefangen. Innerhalb von vier Monaten brachte ich alles zusammen, inklusive einem Nervenzusammenbruch, man könnte auch sagen, Burnout. Meltdown-Anteile wohl auch ein bisschen. Die Dauerbaustelle auf der Uni, weil in der Zeit die neue Unibibliothek gebaut wurde, zehrte zusätzlich an den Nerven. Bohren, Hämmern, Abrissarbeiten. Ich war sehr geräuschempfindlich, was naturgemäß keiner ernstnahm “das musst du ausblenden”, es sollte immer noch 5-7 Jahre dauern, bis ich den Grund dafür erfuhr.

Zwei Tage nach der Diplomprüfung bin ich schon nach Wien übersiedelt. In ein winziges WG-Zimmer. Die zwei Jahre mit dem Mitbewohner und Hauptmieter haben ein anderes Trauma verursacht, über das ich vielleicht mal an anderer Stelle schreiben werden. Nachdem er mir unerwartet nach Weihnachten ohne Angaben von Gründen aufkündigte, fand ich im Rekordtempo eine eigene Wohnung, in der ich bis zur Übersiedlung nach Salzburg blieb. Mit Wohnungen stehe ich auf Kriegsfuß seit dem Auszug. Die Wickel mit dem WG-Mitbewohner im Studentenheim, danach zwei Jahre in Innsbruck mit dem paranoiden Vermieter, der wahrscheinlich in Abwesenheit auch in meiner Wohnung war und eine Staatsaffäre daraus machte, weil ich auf der Wiese im Vorgarten einen Baumarkt-Regenmesser aufstellte (gut, ich hätte fragen können), dann vier Jahre in einer 32m² großen Garconniere mit Wänden aus Papier, zwielichten Nachbarn, Kindergarten gegenüber und Studentenheim im Hof, wo es besonders im Sommer laut wurde, wenn die Amerikaner da waren, die es ausnutzen mussten, dass man sich in Österreich auch mit unter 21 bis zur Besinnungslosigkeit betrinken darf. Dann die angesprochenen zwei Jahre unter beengten Platzverhältnissen, aber vergleichsweiser Mietabzocke, und dann vier Jahre wieder in einem durch Baupfusch verunstalteten Haus mit Wänden aus Papier und sehr hellhörigem Stiegenhaus, mit rauchenden Nachbarn und Straßenlärm und Nachtschwärmerlärm zwischen Thaliastraße und Ottakringer Straße. Aktuell ist das Stiegenhaus auch wieder sehr hellhörig und in den gottverdammten fünfzehn Jahren, die ich jetzt schon in diversen Mehrfamilienhäusern wohne, habe ich noch nicht erlebt, wie die Mitmenschen es gelernt hätten, den Türgriff zu benutzen. Natürlich wohnt unter mir wieder ein Raucher, der in seiner Pensionsfreizeit Elektromotoren in kleine Boote einbaut, und dabei den maximalen Krach verursacht, der mich nach zwölf Stunden Dienst regelmäßig auf die Palme bringt.

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Zu meiner Wienliebe habe ich schon geschrieben. Ich glaube nicht, in Salzburg je so heimisch werden zu können wie in Wien. Auch nicht mit dem Gaisberg als Hausberg. Ja, das ist toll, ich kann die Aussagen vieler Bekannten bestätigen. Aber noch toller wäre es für mich, wenn ich solche Tage mit Gleichgesinnten teilen und überhaupt wieder öfter gemeinsam unterwegs sein könnte. Wenn sich nicht immer so vieles vom Alltag oder Beruf wochenlang anstauen würde, um sich das geysirartig über jene arme Person zu ergießen, mit der ich nach langer sozialer Abstinenz wieder einmal Gelegenheit habe zu reden, und dann später das schlechte Gewissen kommt, wieder viel zu viel gesagt zu haben.

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4 thoughts on “Flashbacks

  1. Sarinijha 7. February 2018 / 23:11

    Es ist schon spät und ich bin müde, also vermutlich bringe ich nicht mehr viel Verständliches zustande, aber ich fühle wirklich mit Dir. Manchmal sogar bis ins kleinste Detail. Hier im Haus kennen auch nur meine Mitbewohnerin und ich den Türgriff, alle anderen schlagen sämtliche Türen mit einem dermaßen lauten Knall zu, dass beinahe das Haus wackelt. Leider kenne ich auch das Suchten nach dem Internet. Durch die Ausarbeitungen sitze ich derzeit fast den ganzen Tag nur am Notebook, da ist die Versuchung groß zwischendurch immer mal wieder verschiedene Seiten aufzurufen. Ich hoffe, dass da auch wieder bessere Zeiten kommen, denn manchmal kommt es mir vor, als würde das Leben dadurch irgendwie an mir „vorbeiziehen“. Gleichzeitig ist das Internet wie ein Rettungsanker. Vielen Dank auf jeden Fall für Deinen Beitrag. Ich lese gerne von Dir.

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  2. blutigerlaie 10. February 2018 / 19:51

    Danke dass du deine Erlebnisse teilst. Ich hab so krasse Sachen nicht erlebt, war aber sicher oft am Rande davon. Ich bin meinerseits froh, daß ich bis ins Studium kein Internet hatte, und ich merke an mir selbst, wie ich nur phasenweise mal zu viel drin bin, aber dann ganz von selbst die Sehnsucht nach offline Zeit kommt. Bin sehr sehr froh, daß meine Kinder problemlos Schule, Essen, lange Fahrten ohne auskommen, und alle schätzen wir Zeitung und Buch. Ich glaube es gibt schlimmere Suchteln.

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  3. leidenschaftlichwidersynnig 11. February 2018 / 11:00

    Ich las deinen Beitrag als Mutter eines Kindes, dass es schulisch nicht so weit gebracht hat und nun große Mühe hat, überhaupt den Weg in das Berufsleben zu finden. Und es beschleicht mich das ungute Gefühl, dass ich so vieles nicht einmal erahne, was es in der Schule und anderen Insitiutionen durchmachen musste.
    Ich habe vor mir einen jungen Menschen, der sich immer wieder aufrappelt und um ein selbstbestimmtes Leben kämpft. Wenn ich sehe, mit Schwierigkeiten sie umgehen lernen muss, erfasst mich Wut und Traurigkeit.
    Du beschreibst deinen steinigen Weg. Du hast schon viel geschafft. Ich wünsche dir, dass es einfacher wird, irgendwie. Es ist gut, dass bekannt wird, mit welchen Problem Autisten – und dabei ist es ganz egal ob studiert oder nicht- zu kämpfen haben.

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  4. icelandexploration 4. May 2018 / 23:02

    Interessant deine Geschichte zu hören. Du kannst gut schreiben 🙂

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