Löffelräuber: Auf die Folter gespannt werden.

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Wenn ewig um den heißen Brei herumgeredet wird, wenn etwas nicht sofort erledigt werden kann, wenn vage Ansagen kommen statt konkrete Zeitpunkte – diese Situationen ziehen extra viel Energie alias Löffel (vgl. Löffel-Theorie). und erschweren adäquate Reaktionen. „Das mag keiner“, „das geht mir auch so, und ich bin kein Autist“, ja – aber als Autist kann man sich regelrecht verirren im Labyrinth aus „worst-case“-Gedankenszenarien, und man kann vor allem sich und seine Umwelt damit verrückt machen, indem man an nichts anderes mehr denkt und die Konzentrationsfähigkeit verliert. Ein paar Beispiele:

* Anruf in Abwesenheit, wenn eine SMS genauso möglich wäre. Grundsätzlich werde ich selten angerufen. Wenn ein Anruf kommt, ist es wichtig. Darum zucke ich auch zusammen, wenn es läutet oder wenn ich später entdecke, dass angerufen wurde. Oftmals zögere ich den Rückruf hinaus, weil ich mich vor dem Inhalt des Gesprächs fürchte, vor Hiobsbotschaften und vor etwas, das eine unmittelbare Handlung meinerseits nach sich zieht und meine (aktuellen) Routinen unterbricht.

Dieser Cartoon von Schattenspringer-Autorin Fuchskind trifft es perfekt:

fuchskind
Quelle: dieser Tweet bzw. ihre neue Graphic Novel „Die Abenteuer von Autistic Hero-Girl.“

SMS (und E-Mails) rufe ich hingegen sofort ab und kann mich aufgrund des Inhalts bereits (seelisch) darauf einstellen, was zu tun ist oder was mich erwartet, mit Ausnahme einer E-Mail mit dem Inhalt „Ruf mich am besten an!“ Denn beim Anruf geht für mich leider mehr Info verloren als ich erhalte, insbesondere wenn Nebengeräusche durchs Telefon, schlechten Empfang oder simultane Gespräche hinzukommen.

* Hochzeitungseinladung. Unter der Rubrik „Dresscode“ steht ein „Männer, ihr wisst, was zu tun ist.“ – Ja? was denn?

„Da ist etwas vorgefallen. Da sollten wir am Nachmittag darüber sprechen.“ – Warum nicht jetzt? Die Gedanken fahren Achterbahn bis zum Nachmittag, das Adrenalin schießt in die Decke, ich bekomme Hunger und werde zittrig. Darum – wenn etwas zu besprechen ist, sagen, worum es geht, oder am besten gar nicht aufschieben, sofort zum Punkt kommen.

„Sie werden morgen angerufen!“ – Ja, aber wann genau? Meist bin ich dann den ganzen Tag unfähig, traue mich nicht mal aufs Klo zu gehen, weil es könnte genau dann der Anruf kommen. Oder mal kurz rausgehen, denn draußen sind die Umgebungsgeräusche oft so laut, dass ich akustisch vom Gespräch nichts mehr mitbekomme, nichts behalte und drei Mal nachfragen muss, was ich in der Stresssituation dann leider oft vergesse.

Um bei diesem Beitrag auf den Punkt zu kommen:

Es geht um ausreichend Information, einfach sagen, was Sache ist, keine blumigen Umschreibungen, kein zwischen den Zeilen lesen müssen. Speziell vor wichtigen mündlichen Gesprächen, egal ob vis-á-vis oder am Telefon, sind Vorabinformationen essentiell, um sich vorzubereiten zu können. Vorbereitung ist das A und O mit Autismus, weil die Intuition oft im Stich lässt. Je weniger zusätzliche Stressfaktoren vorhanden sind, desto leichter lässt sich der ohnehin immanente Stress bewältigen. Komplett stressfrei wird es nie sein, aber es muss einem ja nicht unnötig schwer gemacht werden, oder?

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Ein Gedanke zu “Löffelräuber: Auf die Folter gespannt werden.

  1. autistanbord 15. Januar 2018 / 0:07

    DAS würde ich doch fast uneingeschränkt so unterschreiben! Mit einer Ausnahme: Mir ist es – eigentlich fast aus den gleichen Gründen, die bei dir dagegen sprechen – wirklich am liebsten, ich werde angerufen. Ich die Zeitverzögerung beim SMS/E-Mail-Schreiben schrecklich. Viele Leute machen dann nebenbei gefühlt zwanzig andere Sachen. Es ist mir lieber, sie – und ich – sind direkt auf die eine zu besprechende Sache konzentriert, damit wir das zügig abarbeiten können.
    Außerdem kann ich mich am Telefon auf ein Gespräch viel besser konzentrieren als z. B. in Person, weil ich gefühlt sehr viel weniger Störeinflüsse habe … so sehr dass mich mal zu Studienzeiten bei einer Besprechung, der ich absolut nicht folgen konnte, eine Kommilitonin aus dem Zimmer geschickt hat mit den Worten „Geh raus und mach die Tür zu, ich ruf dich an und erklär dir das.“ (Hat super funktioniert.)

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