Grobmotoriker

Dieses Thema brennt mir schon seit längerem unter den Nägeln: Grobmotorik, Feinmotorik, Koordination und Körperwahrnehmung. Ein paar Beispiele, wo es mich akut beeinträchtigt oder zumindest dafür sorgt, dass ich es kreativ umgehen muss, werde ich nachfolgend detailliert beschreiben. Nicht, um meine Schwächen bloßzustellen, sondern des Aha-Effekts wegen. Das alles können, müssen aber nicht Autismus-Symptome sein, die sich schon früh im Kindesalter manifestieren. Es ist mir wichtig, dass Angehörige, aber auch die Betroffenen selbst diese erkennen und rechtzeitig, wenn möglich und erwünscht, Gegenmaßnahmen ergreifen können. Vieles lässt sich üben, manches fällt im Erwachsenenalter leichter, manches wird sich nie ändern und manches wird man darum versuchen zu vermeiden. Die Welt geht für mich nicht unter, wenn aus mir nie ein Skifahrer wird – ein Schicksal, das ich übrigens mit Temple Grandin teile.

Koordination und Gleichgewicht

Die Koordinations- und Gleichgewichtsschwierigkeiten führten dazu, dass ich das Radfahren erst im Alter von 9 Jahren lernte. Der Durchschnitt in der Bevölkerung liegt bei 4 Jahren. Auch Klettern war damals überhaupt nicht meines, dazu erlebte ich die autismustypischen Probleme im Sportunterricht, sei es das Reckturnen, die Rolle rückwärts, die nicht flüssigen Bewegungen von Armen und Beinen beim Schwimmen (Brustschwimmen schwierig, Kraulen unmöglich, Rückenschwimmen ohne jede Chance). Beim Weitsprung traf ich das Absprungbrett nie richtig, beim Werfen passten Armbewegung und Koordination mit den Beinen auch nicht zusammen. Es gab damals also schon einige Anzeichen motorischer Unbeholfenheit, aber eigentlich nie eine richtige Ursachensuche.

Beim Skikurs kam ich über den Pflug nie hinaus, dazu gesellt sich ein anderes Problem: Die Furcht vor zu hoher Geschwindigkeit, speziell beim Radfahren (im weiteren Sinne auch Mountainbiken), beim Rodeln und beim Skifahren. Wann immer das Tempo zu hoch wird, habe ich das Gefühl, mein Sportgerät nicht mehr kontrollieren zu können. Das hält mich bis heute davon ab, nochmal einen Skikurs zu besuchen. Im hochalpinen Gelände, meinem derzeitigen Zuhause, fahren leider fast alle nur Ski, kaum einer geht wie ich Schneeschuhwandern. Immer wieder werde ich danach gefragt, warum ich keine Skitouren gehe, dass ich das lernen muss, dass das doch jeder macht, usw. Konditionell würde es mir keine Probleme bereiten, ich überhole beim Schneeschuhwandern auch mal Skitourengeher. Aber das, was dem Mountainbiker, dem Rodler und dem Skitourengeher die größte Freude bereitet, löst bei mir die größten Ängste aus: Die Abfahrt. Mal davon abgesehen, dass ich die Schwünge nie gelernt habe, gehört eben das zu den Dingen, wo ich Körperwahrnehmungs- und Gleichgewichtsprobleme wieder stärker spüre. Das Schneeschuhwandern gibt mir alles, was ich brauche – ich dringe dabei in tiefwinterliche Regionen vor, in die ich zu Fuß nie käme und vor 2012 auch nie kam, und brauche außer den Schneeschuhen selbst keine zusätzliche, kostenintensive Ausrüstung.

Körperwahrnehmung und Grobmotorik

Beim Thema Körperwahrnehmung geht es die Fehleinschätzung der Reichweite seiner eigenen Gliedmaßen und die von anderen. Das bedeutet, wenn man an einem Tisch sitzt, berühre ich oft versehentlich mit meinen Füßen die Füße von anderen. Beim (schnellen) Gehen in einer Gruppe laufe ich häufig Gefahr, dem anderen in die Hacken zu treten. Ich kann buchstäblich nicht einschätzen, wo meine langen Haxen aufhören, und auch das Tempo nur schwer dosieren. Für andere gehe ich häufig zu schnell. Wenn ich nach einem Glas greife, muss ich aufpassen, es nicht fallen zu lassen oder dass es am Tisch umkippt. Es ist auch gar nicht so einfach, es beim Gehen nicht zu verschütten (gut, das passiert auch vielen Nichtautisten).

Ein anderes Problem ist das Ausüben des richtigen Drucks mit den Fingern bzw. Händen. Das fällt mir besonders auf, wenn ich auf Fußgängerampeln drücken muss und sich ewig nichts tut. Wie fest muss ich draufdrücken, bis das Signal kommt? Ebenso beim Zusammenbau von Möbeln, beim Betätigen von Lichtschaltern oder speziell bei Plastikteilen wie bei Fahrradbeleuchtung o.ä., wo man nicht zu viel Druck ausüben darf, weil sonst etwas abbricht. Am meisten kämpfe ich derzeit aber mit den Schranktüren am Arbeitsplatz. Irgendein Schlaumeier hat sich das System ohne Griffe ausgedacht, wo man stattdessen Druck ausüben muss, um sie zu öffnen und zu schließen. Das ist um keinen Deut hygienischer (sondern gibt nette Fingerabdrücke) und ich weiß auch nach mehreren Monaten Eingewöhnung nicht, wie viel Druck ich ausüben muss, damit sie auf- und zugehen.

Feinmotorik und visuelle Erfassung komplexer Anleitungen

Das klingt etwas sperrig im Titel, ich weiß aber nicht, wie ich es anders schreiben soll. Es handelt sich hier jedenfalls um jenen Teil, bei dem ich mich regelmäßig blamiere, weil man „so etwas“ können sollte.

Beispiel Drehsinn: 

Eine befreundete Autistin und Ergotherapeutin hat bei mir schon vermutet, dass ich in Wahrheit Linkshänder sei, obwohl ich seit jeher alles mit rechts mache. Das würde auch erklären, weshalb ich mir so oft mit dem Drehsinn schwer tue, etwa, in welche Richtung man einen Schlüssel drehen muss, in welche Richtung der Wasserhahn zugeht, aber auch bei anderen Problemstellungen wie Schnürsenkel richtig binden oder ein Blatt Papier umdrehen. Letzteres passierte damals im Kunstunterricht mit Kohlezeichnungen. Ich sollte auf der Rückseite weiterzeichnen. Er wartete, dass ich es richtig herum drehte. Ich drehte es erst drei Mal falsch herum und er rief verwundert-amüsiert aus „Sowas hab ich noch nicht erlebt.“ Blöd, dass sich solche peinlichen Erinnerungen immer tief in mein Langzeitgedächtnis eingraben.

Schwer tue ich mir auch mit zu kleinen, ungenauen Anleitungen ohne Zwischenschritte, wenn ich Einzelteile zusammenbauen muss, also alles, was mit Technik und Intuition zu tun hat, wie etwas später aussehen soll. Da fehlt mir das Vorstellungsmögen völlig!

Beispiele …

… Rucksackriemen, so zu ziehen, dass er optimal sitzt.

… Kameraschlaufen einfädeln.

… Grödeln/Steigeisen befestigen, man muss die Bandschlingen in einer bestimmten Reihenfolge um den Schuh herumbinden, damit sie richtig halten. Schon nach der zweiten Runde bin ich verloren und weiß nicht, wie es weitergeht. Das ist der Hauptgrund dafür, dass ich meine Grödeln noch nie benutzt habe und grundsätzlich im Winter und Frühjahr jedes Gelände meiden muss, wo ich welche benutzen müsste, um gefahrlos gehen oder queren zu können.

… Klettersteigset anlegen. Seit fünf Jahren liegt es unbenutzt daheim herum, weil ich alleine wiederum aufgeschmissen wäre. Ich hätte kein Vertrauen, dass es dann auch hält.

Videos im Netz, die all diese teilweise banalen Anleitungen visualisieren, nützen mir wenig. Es müsste mir jemand vor Ort zeigen und es mich selbst machen lassen und gleich korrigieren, damit ich es nicht falsch nachahme. Viele Anleitungen in Papierform überspringen die winzigen Zwischenschritte, die ich brauche, weil ich nicht die Vorstellungskraft besitze, sie zu interpolieren. Die Frustration beim Scheitern ist enorm, zumal ich mich dann oft nicht traue, zu fragen.

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3 Gedanken zu “Grobmotoriker

  1. Sarinijha 1. Januar 2018 / 22:50

    Bisher dachte ich eigentlich, dass ich keine Probleme mit der Motorik hätte, aber ich konnte mich in Deinen Worten wiederfinden und erkennen. Fahrradfahren und Schwimmen habe ich wesentlich später als die meisten anderen Kinder gelernt. Dabei habe ich mich durchaus bemüht, nur kein Ergebnis zustande gebracht. Klettern mochte ich, allerdings nur unbeobachtet auf Bäume. In der Schule hatte ich allerdings mit sämtlichen Disziplinen meine Schwierigkeiten.

    Vor wenigen Tagen gab es hier in Italien übrigens eine Schneeankündigung und meine Oma sagte direkt: „Ob wir noch die Skier haben?!“ Ich sah sie nur mit großen Augen an und fragte, ob ich mir wohl die Beine brechen soll. Dabei macht mir genau wie Dir auch die Geschwindigkeit Angst.

    Seltsamerweise hatte ich sogar bei mir auch schon die Vermutung, dass ich in Wahrheit Linkshänderin sein könnte. Auch das sagte meine Oma noch vor wenigen Tagen, weil ich einige Dinge mit links erledige und es mir auf diese Weise leichter fällt.

    Daher danke ich Dir mal wieder für Deinen Beitrag, der für mich im Moment auf jeden Fall sehr aufschlussreich war.

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  2. blutigerlaie 2. Januar 2018 / 7:39

    Ich bin.auf keinen Fall Linkshänderin, auch meine Kinder nicht, aber wir haben alle diese Probleme. Es verstärkt sich noch, da die Motivation, sich zu bewegen, wenn Frust und Kritik der Dank sind, gegen Null geht.
    Bei uns ist Radfahren Thema, ich kann es ganz gut, aber hasse es. Keine Radtour,weil ich die Sinneseindrücke auf unbekannter Strecke schlecht verarbeiten kann. Und schlecht Abstand halten.

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