Rückblick auf ein turbulentes Jahr 2017

Für mich ging die Wandersaison 2016 nahtlos in 2017 über, indem ich zu Jahresbeginn mit einem Freund ins Mariazellerland fuhr und bei eisiger Kälte (bis -18°C) tiefwinterliche Schneeschuhtouren absolvierte.

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Damit schob ich das Problem Wohnungssuche in Salzburg vorerst auf. Die Prioritätensetzung rächte sich später, als die Zeit vor den Prüfungen und dem Beginn der Ausbildung am neuen Wohnort bereits knapp wurde. Ich geriet ausgerechnet auch noch an einen unzuverlässigen Makler und hatte auch mit den Nachbarn nicht das beste Los erwischt – was ich aber erst nach dem Einzug bemerkte. Deswegen gilt für mich künftig bedingungslos: Entweder ist ein zweiter bei der Wohnungssbesichtigung dabei oder ich lasse es ganz bleiben. Abseits davon war das Frühjahr recht erfolgreich.

Alle schriftlichen und mündlichen Prüfungen bestanden, trotz der autismustypischen Schwierigkeiten (umformulierte Fragen beeinträchtigen den Prüfungserfolg). Die Übersiedlung geglückt, dank tatkräftiger Hilfe meines Bruders und seiner Freundin. Die Akklimatisierung am neuen Wohnort lief anfangs gut. Ich kostete das neue Betätigungsfeld für meine Wanderpläne voll aus, bemerkte aber schon bald, dass Salzburg im Vergleich zu Wien ein deutlicher Rückschritt in Sachen Mobilität und Unabhängigkeit war – und zwar solange ich mich (weiterhin) weigere, wieder Fahrstunden zu nehmen und mir zumindest leihweise ein Auto zuzulegen.

Beinahe trotzig zeigte ich dieses Jahr, dass man auch ohne Auto schöne Wandertouren machen kann. Von 80 Touren insgesamt bis einschließlich 29.12. (am 31.12. wird noch eine Abschlusstour hinzukommen, allerdings als Mitfahrer) habe ich ganze 62 mit öffentlicher Anreise bewältigt. In den Buchhandlungen gibt es kaum Wanderführer für öffentliche Anfahrten, so gesehen hätte ich hier schon einiges anzubieten. So etwas erfordert natürlich ausgiebige Planung, die mir allerdings auch viel Freude bereitet, als Kartenmensch von Kindheit an. „Du hast vermutlich keinen Fernseher!“ kommentierte Roman schmunzelnd, der Hüttenwirt vom Matrashaus, neulich, als wir uns zu einer Schneeschuhtour verabredeten, in Anspielung auf meine sehr penible Tourenplanung, u.a. Hangneigung, Lawinengefahr, Forstweganteil, weglose Passagen, Aussicht, Neuschneemenge, Schneefallgrenze, Wegbeschaffenheit, Routenführung (Runde oder Überschreitung), Haltestellenverteilung (möglichst dort starten, wo selten Bus oder Zug fahren und dort ankommen, wo häufiger Bus oder Zug zurückfahren, um nicht unter Zeitdruck zu geraten), Wetterablauf, einkalkulieren, bei Dunkelheit auf Forstwegen/Asphaltstraßen zurückzugehen, Aufsuchen anderer Tourenberichte über selten begangene Gipfel/Steige, älteres Kartenmaterial, Satellitenfotos. Ja, das ist eine Menge Holz vor der Tour. Die Nachbereitung ist ebenso aufwändig, der obligatorische Wanderbericht, die Sortierung, Bearbeitung und Beschriftung der Bilder, ggf. Einbindung eines Tracks und Gehzeiten, Höhenmeter, Streckenkilometer, dazu Recherche zu entfernten Gipfeln, aber auch zu kulturellen Höhepunkten (alte Gebäude, Kirchen, Burgen, Naturdenkmäler) und zuletzt auch Flora und Fauna. Jede Wanderung wird so zu einem Gesamtkunstwerk, in dem ich vorher, während und nachher aufgehen kann, indem ich ich sein darf. Der Weg ist das Ziel, trifft für mich in jeder Hinsicht zu – nicht nur, wenn ich auf aussichtslose Waldgipfel steige.

Ende April bestand ich dann die erste Arbeitsplatzprüfung (mündlich) und Ende Juli die zweite und vorerst letzte Arbeitsplatzprüfung, ebenso mündlich und psychisch sehr fordernd. Im Anbetracht der Schwierigkeiten und Unsicherheiten dabei liefen die ersten Wochen sehr gut. Ich merkte vor allem, das ich viel besser arbeiten konnte, wenn nicht ständig jemand (still) hinter mir stand oder ununterbrochen redete. Das wirft natürlich Zweifel über meine Teamfähigkeit auf. Ja, in einem idealen Arbeitsverhältnis hätte ich ein Einzelbüro fernab von geräuschvollen Druckern, Kaffeemaschinen, Flurgesprächen und zufallenden Türen mit einer projektbezogenen Tätigkeit ohne Zeitdruck und Verantwortung, in der ich meinen Forscherdrang und analytisches, detailbezogenenes Denken voll ausleben könnte. Aber diese Arbeitswelt ist – großteils – dank Digitalisierung und Automatisierung längst Geschichte, – nicht einmal an Universitäten wird reine Grundlagenforschung ohne unmittelbare Wirtschaftsinteressen noch gefördert und gefordert. Selbst als Autist kann ich mich an die neue Realität anpassen und Teamarbeit ist nichts per se schlechtes oder gar unmögliches. Wissen teilen, von den Erfahrungen der anderen profitieren, sich gegenseitig helfen, eine zweite Meinung haben, Gesprächsbedarf ausleben können. Gerade in Berufen mit Schichtarbeit wie in meinem sind die Kollegen phasenweise der einzige Kontakt zu anderen Menschen, als Autist spürt man diese Abhängigkeit noch mehr als Nichtautisten. Für jene Autisten, die sich in (neuen) Technologien spezialisiert haben, ist die Zukunft rosiger als für den Rest, die künftig noch einen stärkeren Druck auferlegt bekommen, den geeigneten Job zu finden.

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Im Juni war ich dank Wandergruppe erstmals in der Niederen Tatra und überhaupt das erste Mal im Ausland wandern. Auch wenn sich in dieser Zusammensetzung der Gruppe leider künftig keine Touren mehr ergeben werden, hoffe ich, irgendwann nochmal dort unterwegs sein können.

Mit bestandenen Prüfungen im Hinterkopf konnte ich den Spätsommer und Herbst erstmals seit langem wieder genießen. Im Vorjahr hatte ich um diese Zeit noch einen Teilzeitjob und musste meine Reserven angreifen, ohne Aussicht auf eine Vollzeittätigkeit. Diese Sorgen waren vorerst mal vom Tisch.

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Bei meiner Hüttenübernachtung am Hochkönig, 2941m, lernte ich den Hüttenwirt Roman (und seine Frau Jeni) erstmals persönlich kennen. Wir hatten uns bis dahin nur über ein Wanderforum gelegentlich geschrieben und er hat meine Wetterberichte gelesen. Es wurde zu einer bleibenden Begegnung und war eine der schönsten Solotouren für mich in diesem Jahr.

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Der persönliche Höhenpunkt war sicherlich die erste 24-Stunden-Wanderung, die als Benefizveranstaltung für die Nepalhilfe von der 8000er-Bezwingerin Gerlinde Kaltenbrunner konzipiert wurde. Ich hielt die für mich bis dahin nie erreichten 66km und 2800 hm ohne größere Probleme durch. Auch hier lernte ich zwei nette Mitwanderer kennen und unterhielt mich so gut und intensiv wie selten. Für das Jahr 2018 steht meine Teilnahme, sollte das Event wiederholt werden, fest.

Mein Oktoberurlaub in Bad Aussee sollte dann die Entschädigung für einen unbeständigen Sommer werden, vier Tage Traumwetter und atemberaubende Landschaften. Zuvor hatte ich auf der Schneealpe einen Fotokurs besucht und gelernt, meine Spiegelreflexkamera im manuellen Modus zu bedienen.

Meine Solotouren zwischen Dachstein und Totem Gebirge wurden dann zu einem intensiven Naturerlebnis, ganz meinem Spezialinteresse im Spezialinteresse, Jagdsteige, weglos, unmarkierte Steige gehen.

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Sehr lehrreich und ebenso eine Gelegenheit, neue Kontakte zu Autisten und Professoren zu knüpfen war die Autismus-Fachtagung in Rosenheim.

Wenn ich so auf das Jahr zurückblicke, sind es immer wieder die Berg- und Naturerlebnisse, die mich am bzw. im Leben halten. Stehen wichtige Lebensentscheidungen an, gehe ich in die Berge. Bin ich frustriert, gehe ich in die Berge. Streikt wieder einmal das Zwerchfall (chronische Refluxbeschwerden), gehe ich in die Berge. Bin ich reizüberflutet und kurz vor dem Kollaps, gehe ich … Berge sind meine universelle Antwort in allen Lebenslagen. Es müssen keine hohen Berge oder anspruchsvollen Wege sein. Im Gegenteil, bei psychischem Unwohlsein bevorzuge ich unschwierige Touren, wo ich mich ganz auf das Fotografieren konzentrieren kann – ohne Zeitdruck.

Jetzt ist das Jahr fast um, meine „Wander-To-Do-Liste“ ist gut gefüllt, nicht weniger als 50 Touren warten auf ihre Umsetzung, das passende Wetter und ausreichend Zeit vorausgesetzt. Damit verdränge ich auch ein wenig meine Anpassungsschwierigkeiten in Salzburg.

Was wird das Jahr 2018 bringen?

In den vergangenen fünf Jahren war ich regelmäßig mit Wandergruppen unterwegs. Weil unser Bergführer leider gesundheitlich angeschlagen ist, wird das im kommenden Jahr nicht mehr möglich sein. Ich muss meine Urlaube also selbständig planen, was mir immer sehr schwer fällt, weil ich mich nie entscheiden kann, bis es dann zu spät ist und keine freien Plätze mehr finde. Geführte Touren übers Wochenende habe ich jetzt schon über den Alpenverein fixiert, für den Großteil des Jahres ist aber noch offen, was ich mache. Gerne würde ich einmal ins Ausland, aber solo fehlt mir dazu die Motivation. Ich bin sonst oft genug alleine, der Gesprächsbedarf ist immens. Wahrscheinlich wird sich im Laufe des Jahres auch entscheiden, wie lange ich in Salzburg bleibe oder ob ich nach Wien zurückkehre. Die Gründe für eine Rückkehr habe ich schon oft genug erläutert, von der Mobilität über kulturelle Angebote, bessere Einkaufsmöglichkeiten natürlich hinzu den schlagenden Faktoren Freundes- und Bekanntenkreis und auch professionelle Unterstützung. Zwar wird hin und wieder angemerkt, dass in Wien die Berge ja viel weiter weg seien. Das hängt wohl davon ab, was man unter Bergen versteht. Ich werde auch künftig überwiegend solo unterwegs sein und hochalpine Regionen wie im Großteil des Salzburger Landes und im Berchtesgadener Land verzeihen Fehler seltener als die vergleichsweise gutmütigen Voralpen Niederösterreichs oder die Wachau. Ich habe also auch alleine mehr Möglichkeiten, mich ohne unnötiges Risiko zu betätigen. Diesbezüglich bin ich sehr kreativ.

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2 Gedanken zu “Rückblick auf ein turbulentes Jahr 2017

  1. lizzzy07 29. Dezember 2017 / 19:31

    Ich hätte durchaus noch ein paar Vorschläge für Wandertouren bei mir in der Ecke: Zeitzgrund, Mühltal, Täler-Pilgerweg, Lutherwege, Thüringer Städtekette, Rennsteig, Saale-Horizontale, auf den Brocken, Im Hainich, Drei-Gleichen-Rundweg, Wanderweg „Deutsche Einheit“ (einmal quer von West nach Ost durch Deutschland). Diese Liste ist noch unvollständig? Soll ich uns mit Frau Lieberknecht verabreden? Manche Strecke davon würde ich gern selbst mal wandern. Ich kann mich allein bloß schlecht dazu aufraffen.

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