Kompromisse

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Ganz verlassen konnte ich Twitter dann doch nicht. Ich entschied mich jedoch zu einer rigorosen Maßnahme: Ich deinstallierte die App vom Handy. Auf diese Weise kann ich unterwegs nicht nachschauen, sondern erst nach Feierabend oder nach der Wanderung. Zurück zu analogen Zeiten – immerhin benutzte ich Twitter von 2012 bis 2015 an einem, was man heute analogen Handy nennt, Klapphandy. Das ging mäßig zufriedenstellend, deswegen interagierte ich mehr vom Computer aus mit, was dann zu lange Computerzeiten mit sich brachte. Mein letzter Eintrag zu Licht ins Dunkel fasst meinen Weltschmerz gut zusammen – zum Zweck meiner Katharsis beschäftigte ich mich intensiv mit dem, was mir Angst machte, und kann nun nicht mehr überrascht werden. Das, was sonst so über die Timeline flattert, verdränge ich derzeit – ich lese nicht viel davon, sondern tue das, was ich monatelang immer weniger konnte: Ausblenden.

Ein paar Gründe für das Nichtverlassenkönnen:

Wie Bloggerkollegin BlutigerLaie bei Türöffnermenschen kommentierte:

Ich hatte auch schon überlegt, ob Autist-Mentoren-Verbindungen häufiger als vermutet auftauchen. Die Kehrseite davon sind wohl viele, viele Verbindungen, in der Autisten psychologisch und strukturell von jemandem abhängig werden, weil sie ihn oder sie als Hilfe für das Funktionieren in der Aussenwelt unbedingt brauchen.

Mir ist mehrfach aufgefallen, dass andere die Plattform verlassende Twitterer es damit begründen, dass sie offline ohnehin ihre festen Netzwerke haben, persönliche Bekanntschaften, telefonischer Kontakt usw, und nicht auf Twitter angewiesen sind. In diesem Ausmaß liegt das bei mir leider nicht vor, hinzu kommt der Schichtdienst, wodurch es noch schwieriger ist mit dem Kennenlernen und Kontakte aufrechterhalten. Ich profitiere also sehr davon, auch online Kontakt halten zu können. Selbst wenn mir ausreichend Zeit beschieden wäre, kosten Telefonate und persönliche Treffen immer Löffel, selbst wenn es mich erfreut hat.

Twitter hat mir maßgeblich geholfen, Vorurteile, Halbwissen und Unwissen in den verschiedensten Bereichen und den verschiedensten Menschen gegenüber abzubauen. Vielleicht ist es für mich auch daher so erschreckend, dass sich Twitter – seit Trump und Pegida – zur zweiten Propagandaplattform nach Facebook entwickelt hat. Oder wie es Barack Obama im Interview mit Prinz Harry kürzlich so treffend ausdrückte:

One of the dangers of the internet is that people can have entirely different realities. They can be just cocooned in information that reinforces their current biases.

Dabei war Internet ursprünglich grenzenlos, wertfrei und erniedrigte die Hürden, in die Realitäten der anderen zu schauen. Austausch findet heute immer weniger statt. Derzeit wäre es wirklich besser, das Internet würde gänzlich niedergehen, ehe wir uns selbst im ungezügelten Hass auf andere vernichten.

Aber zurück zur Diversität, die ich sehr schätze. Seitdem interessiert mich bei Zeitungsartikeln oder Radiobeiträgen immer, wer dahintersteckt. Ein persönlicher Bezug, die persönliche Note des Urhebers, die Gelegenheit, Feedback zu geben. Ich mag das. Ö1 etwa höre ich fast täglich – und folge vielen Ö1-Journalisten. Sie sind aus meinem Wissensdurst nicht mehr wegzudenken. Daneben folge ich auch einigen Meteorologen und erhalte interessante Informationen zu meinem täglich Brot. Vieles habe ich inzwischen in Listen organisiert, damit ich gezielter das lesen kann, was mich interessiert, wann ich Lust dazu habe.

Zum Schluss noch ein kritischer Punkt:

Mir tut die am Handy twitterlose Zeit sehr gut. Ich lese wieder mehr, vor allem ohne Unterbrechungen, ich lese vor allem wieder öfter längere Texte, auch am Handy, also etwas, wo wirklich gehaltvolle Informationen enthalten ist. Bei meinen Wanderungen bin ich wieder intensiver am Naturerlebnis, nicht mit dem Ziel, einen schönen Moment fotografisch festzuhalten, um ihn zu twittern, sondern um ihn festzuhalten, einzusaugen, darin aufzugehen, und dann abends in Ruhe zu sortieren, was davon herzeigbar ist und was nicht. So wie ich das vor der Twitter-Ära auch gemacht habe. Ein Nebeneffekt ist, dass der Akku länger hält.

Ob ich also bald wieder in alte Muster zurückverfalle – Twitter zurück am Handy und sich wieder emotional zu sehr darin verlieren, zu viel zu tweeten, an Konzentration zu verlieren ebenso wie die Auszeiten, die Fähigkeit zur Langeweile, die das Gehirn manchmal braucht, um sich neu sortieren zu können? Ich möchte das nicht mehr, nicht in diesem Ausmaß. Das zu dosieren ist gar nicht so leicht bei einem Medium, das das Belohnungszentrum im Gehirn in suchtartigem Ausmaß aktiviert. Für Nichtautisten mit Impulskontrolle wäre es jetzt leichter zu sagen, ich wende mich dauerhaft ab oder dosiere, weil mich mein soziales Offline-Netz am Leben erhält. Diese rigorose Maßnahme bleibt mir verwehrt. Fürs Erste ist meine Resilienz soweit zurück, dass ich wieder mitlesen kann. Alles weiter wird sich zeigen.

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Ein Gedanke zu “Kompromisse

  1. Forscher 3. Januar 2018 / 21:14

    Nach 4 Tagen Wien, wo ich Twitter wieder am Handy installiert habe, habe ich es auf der Rückfahrt wieder entfernt. Man verfällt zu schnell in den alten Trott. Neue Technologien sollen von Nutzen sein und nicht im Übermaß eine gefühlte Belastung.

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