Overload an Weltschmerz

Als ich vor etwas mehr als fünf Jahren Twitter beigetreten bin, hatte das unterschiedlichste Gründe. Vorrangig aus Unterforderung damals im Job, aber auch auf der Suche nach neuen Kontakten und Informationen. Ich habe Twitter vorher lange Zeit belächelt, gerade als Nichtsmartphonenutzer und eher die Gefahren darin gesehen als echte Vorteile. Bis zum Jahr 2015, als die sogenannte Flüchtlingskrise ausbrach, hat sich mein Bekannten- und Freundeskreis dank Twitter stets erweitert. Ich habe Lebensmenschen kennengelernt, denen ich unheimlich viel zu verdanken habe, ohne die ich nicht das erreicht hätte, wo ich jetzt stehe. Irgendwann zwischendrin ging Twitter an die Börse und begann seinen Usern zunehmend auf den Kopf zu scheißen, mit der Facebookisierung der Layoute und Inhaltgestaltung. Chronologie dahin. Regelmäßigkeit dahin, zuletzt auch die Zeichenanzahl. Das, was Halt gibt, ersetzt durch immer neue, sinnlose Funktionen. Der Verlust der äußeren Struktur ist natürlich nur das I-Tüpfchen. Im Laufe von 2015 und vor allem 2016 ist die Politik extrem in den Vordergrund getreten, vor allem die weltweite Negativspirale, Rückschritte ins 20. und 19. Jahrhundert. Es ist eigentlich egal, wohin man schaut, ob in in der Türkei, in Europa mit Ungarn und Polen, mit dem Brexit natürlich, mit Pegida und Afd, die heute – 2017 – in Deutschland so selbstverständlich wie brennende Flüchtlingsheime zur Normalität gehören, dass einem die Spucke wegbleibt, und natürlich mit Trump. Ein Mensch genügt, um alles zu zerstören, was über Jahrzehnte mühsam aufgebaut wurde. Und was früher oder später jeden Einzelnen treffen wird, in jedem Job, in jeder Phase des Lebens. Die Unfähigkeit von Oppositionen auf den Rechtsruck zu reagieren. Und natürlich Österreich, jetzt zuletzt der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Über Jahre hinweg bin ich amerikanischen Forschern gefolgt, weil ich über Forschung informiert werden wollte, und nicht, was Trump alles abzuschaffen droht. Über Jahre hinweg bin ich Journalisten gefolgt, weil ich damit einen Horizont erweitern wollte, und nicht den Spin und die Propaganda und die Aufmerksamkeit der Populisten mitübernehmen und jedes noch so unwichtige Thema medial ausgeschlachtet wird. Trump, Trump, Trump, aber natürlich auch hierzulande viel Populismus, vieles, was man ignorieren könnte, stattdessen Franz, Franz, Franz. Schon der stete Strom aus den USA ist schwer zu ertragen, die Berichte aus anderen europäischen Staaten und der Türkei sind resignierend, dann Deutschland, worauf man immer guten Gewissens verweisen konnte, als Bollwerk gegen Rechtsextremismus, wo jetzt Sozialdemokraten Afd-Phrasen nachplappern, und jetzt Österreich. Nein, das ist zu viel, das halte ich nicht auch noch aus.

Ich könnte natürlich reagieren wie manche Mitfollower und einfach komplett unpolitisch werden, ich könnte alle Journalisten, auch die liebgewonnenen „entlassen“ bzw. „entfolgen“, und dann gar keine „News“ mehr lesen, sondern nur noch Tiervideos und Berglandschaften. Bots können das, ich kann das nicht. Ich war seit der Schulzeit ein politisch interessierter Mensch. Wenn man sich ernsthaft mit seiner Diagnose auseinandersetzt, kann man die gesellschaftliche Entwicklung auch nicht ignorieren. Natürlich spielt es eine Rolle, in welchem Umfeld man offen über Tabuthemen reden kann. Und wann immer man mit anderen interagiert und es das eigene Leben betreffende Entscheidungen zu treffen gilt, spielt ein Aspekt der Diagnose(n) eine zentrale Rolle, die man nicht ausblenden kann. Jetzt baut sich ein strukturelles Umfeld auf, das einen offenen Umgang langfristig nicht mehr zulässt, das Gefahr für die eigene Lebensqualität bedeutet. Ich kann das nicht negieren und ich kann nicht so tun als ginge mich das alles nichts an. Doch dieses aufkommende Gefühl der Machtlosigkeit lähmt und in einem Vollzeitjob ist diese negative Beeeinflussung nicht zielführend. Ich kann diese Endzeitstimmung, die Katastrophengedanken nicht ausblenden und ich kann genauso wenig anfangen, bei den 500 Menschen, denen ich folge, auszusortieren, wer mir zu viel Weltschmerz hineintweetet. Ich bin ja selbst auch nicht besser.

Deswegen ist meine einzige – alternativlose – Konsequenz, dem Medium Twitter den Rücken zuzukehren, bis ich vielleicht so viel Resilienz erworben habe, um dem Weltschmerz zu widerstehen oder sonstwie meinen inneren Frieden gefunden habe. Mein Bücherschrank quillt über voller ungelesener Bücher, ein Zustand, der mit Twitter begann, weil Twitter süchtig macht und die Konzentration zunehmend fehlte, längere Texte – ganze Bücher! – zu lesen. Und die Natur und die Berge bleiben mir auch. Tiere sind im Allgemeinen unpolitisch, der Weitblick vom Gipfel auch.

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4 Gedanken zu “Overload an Weltschmerz

  1. reynard1603 16. Dezember 2017 / 18:02

    Konsequente Entscheidung, die ich nachvollziehen kann. Andererseits braucht es weiter kluge Köpfe, die der zunehmenden populistischen Dummheit widerstehen und sich zu Wort melden. Also bitte weiter bloggen!

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  2. atarifrosch 16. Dezember 2017 / 18:09

    Oh 😦 Überlegt hatte ich das auch schon, aber dann wieder – es würde mich einfach zu viele Kontakte kosten, die mir wichtig sind und mir besonders (aber nicht nur) im Bereich Autismus schon sehr viel weitergeholfen haben. Geblieben ist es daher bei gelegentlich notwendigen Pausen und Aussetzern.
    Dein Blog habe ich allerdings im RSS-Feedreader, also wird mir auch weiterhin nicht entgehen, was Du zu sagen hast. Vorausgesetzt, Du bloggst weiter. 🙂

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  3. Sarinijha 16. Dezember 2017 / 18:09

    Ehrlich gesagt fehlst Du mir jetzt schon bei Twitter. Eine leiste Stimme in mir flüstert mir zu, dass ich die Hoffnung nicht aufgeben darf und Du irgendwann vielleicht zurückkommst. Ich hoffe zumindest, dass Du Deinen Blog behälst und ich hoffe ebenso, dass wir irgendwann zusammen eine Wanderung machen. Denk auf jeden Fall daran: Ob Du bei Twitter bist oder nicht, da sind trotzdem immer Menschen, die an Dich denken.

    Gefällt 4 Personen

  4. blutigerlaie 16. Dezember 2017 / 19:40

    Ich versteh es vollkommen und hoffe dennoch, dass du ab und an vorbeischaust. Als Single kann man die Sucht vielleicht schwerer regulieren, wenn man nicht unter sozialem Druck steht, zu kochen etc

    Gefällt 2 Personen

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