Wie soll man reagieren, wenn sich jemand als Autist*in outet?

 

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Der Aspies-Quiz-Fragebogen im Original

“Ich bin übrigens Autist.”, jetzt ist es heraußen.

Jeder autistische Mensch geht anders mit der Diagnose um. Manche erzählen es keinem, andere weihen nur die engsten Vertrauten ein, wieder andere nur den Chef. Im Verlauf des Lebens kommt es jedoch immer wieder zu Situationen, wo die Offenlegung vorzeitig Konflikte und Missverständnisse verhindert. Leichtfertig geht niemand damit hausieren. Und einfach fällt es auch nicht. Zu oft ist man mit Vorurteilen konfrontiert, sodass man es sich zwei Mal überlegt, ob man sich das wirklich antun will, dagegen anzureden.

In der unmittelbaren Reaktion gibt es auch sehr unterschiedliche Erfahrungen, etwa Erstaunen “Das hätte ich bei Dir nie gedacht, Du bist doch so kommunikativ.” oder auch Ablehnung “Das ist nur eine Ausrede.”, am häufigsten aber (betretenes) Schweigen, die erlebte Unfähigkeit, wie man darauf reagieren soll, vielleicht mit bestimmten (klischeehaften) Bildern im Kopf oder einfach mit totaler Unwissenheit. Ist das eine Erkrankung? Eine Behinderung? Ist das ein Tabuthema? In vielen Fällen, sofern nicht grundsätzlich bereits eine Verbindung zu dem Thema bestand (Lehrer*Innen, die beruflich mit autistischen Schülern zu tun haben, Psychologinnen, ein Freund der Familie ist Autist, usw. ), gab es hinterher keine Nachfragen mehr.  Es wird dazu geschwiegen. Das kann durchaus positiv sein, wenn keine negative Verhaltensänderung einem selbst gegenüber erfolgt, es kann aber auch negativ sein, wenn sich an bestehenden Missverständnissen und Konfliktsituationen nichts ändert.

Mit der Offenlegung gehe ich ein Risiko ein: Vorher anerkannte Stärken können plötzlich in den Hintergrund geraten, weil man mit Autismus allgemein Erkrankung und bestimmte Schwächen assoziiert. Es kann einem im schlimmsten Fall weniger zugetraut werden, obwohl bestehende Fähigkeiten durch ein Coming Out nicht verschwinden. Autismus ist außerdem keine intellektuelle Behinderung. Diese kann als Begleiterscheinung einer häufig genetischen Ursache hinzukommen, muss aber nicht. Und nebenbei erwähnt: Nicht sprechen ist nicht gleich geistig behindert. Jedenfalls hat die Offenlegung einen bestimmten Zweck, so wie die Diagnose einen bestimmten Zweck hatte: psychischer Leidensdruck.

Wie soll man sich nun verhalten?

Ich kann natürlich nur für mich sprechen, was ich von jenen wünschen würde, denen gegenüber ich so eine sensible Information preisgebe:

Fragen. Fragen. Fragen!

Wie wirkt es sich bei Dir aus?
Damit signalisierst Du, dass Du anerkennst, dass es sich bei Autismus um ein Spektrum handelt und es bei jedem ein wenig anders ausgeprägt ist. Es nützt in dem Fall nichts, schnell in einem Buch die Symptome nachzuschlagen und eine falsche Vorstellung zu entwickeln, wie ich in Deinen Augen sein müsste. Das geht meistens schief und führt dazu, dass man Vorurteile entkräften muss.

Worauf muss ich achtgeben?
Das gilt vor allem für Ärzte, Behördengänge und im Berufsleben allgemein. Beim Arzt etwa mit Berührungen oder mit flackerndem Licht im Behandlungsraum, im Büro mit Lärmkulisse oder Bevorzugung schriftlicher Kommunikation. Bei Bekannten oder Freunden kann es erklären, warum man in geräuschvollen Umgebungen oft abgelenkt oder gestresst wirkt und lieber ein ruhiges Café bevorzugt anstelle einer überfüllten Kneipe.

Möchtest Du ausführlicher darüber reden?
In den meisten Fällen wäre es für mich eine riesige Erleichterung, wenn ich sowohl die Zeit als auch die passende Umgebung (ruhig, ungestört) hätte, um über meinen Autismus und über die bekannten Vorurteile zu erzählen. Wieder spreche ich nur von mir, aber es kommt nicht so oft vor, dass man mit jemand darüber reden kann und oft staut sich einiges an, was man gerne loswerden würde. Speziell dann, wenn es unmittelbare Schwierigkeiten und Sorgen gibt.

Wenn ich Fragen habe, wende ich mich direkt an Dich.
Das ist der ideale Weg. Besser als sich erst einzulesen bei möglicherweise fragwürdigen Quellen und dann mit veralteten Informationen über Autismus bombardieren. Man wird für sich selbst außerdem Experte und hat vielleicht schon Lösungswege entwickelt, um autismustypisch problematische Situationen besser zu bewältigen. Aber bitte dann auch über Fragen nachdenken und diese tatsächlich stellen. Es ist nahezu ausgeschlossen, dass so ein Coming Out keine Fragen aufwirft.

“Wo kann ich mich darüber informieren?”
An erster Stelle bei mir. Ich kann Dir aber vor allem seriöse Bücher und Artikel nennen, wo ausgewogen über Autismus geschrieben wird. Eine Auswahl findet sich im Menüpunkt Literatur. Besonders hervorheben möchte ich dabei die Seite Autismus Kultur. In Buchform sind derzeit Kohl et al. 2017, Gee Vero 2014, Rudy Simone 2010, Steve Silberman 2015 und Ian Ford 2010 meine Favoriten, aber jedes Buch deckt eben nur Teilaspekte ab – weswegen ich mich intensiver eingelesen habe.

Die Essenz von allem: Interesse bekunden. Sich auf den Autismus einlassen. Den anderen ernstnehmen und zu hören. Vor allem: Respekt zeigen. In emotional und psychisch sehr fordernden Situationen wie einem Coming Out ist es sehr ungünstig, wenn man ständig unterbrochen wird und immer wieder von neuem anfangen muss. Wer immer diesen Schritt geht, kann stolz auf sich sein.

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One thought on “Wie soll man reagieren, wenn sich jemand als Autist*in outet?

  1. lizzzy07 7. December 2017 / 22:41

    Ich habe es mal versucht.. Nun ja, es hat sich nicht wirklich was verändert. Im Guten wie im schlechten. Und reichlich ahnungslose Gegenüber. Und blöderweise nur ein Teil der jenigen, die es wissen sollten. Überhaupt haben die Verantwortlichen gefühlt das Projekt konterkariert. Gefühlt hätte ich es mir auch sparen können – Aufwand für nichts.

    Bei der Jungen Union funktioniert es so, dass ich einfach sage: Nehmt auf Sache x Rücksicht. Dann ist das schon Ok. Ich muss die Diagnose nicht erwähnen. Da bin ich froh drum, dass vor allem zählt, dass alle miteinander zurechtkommen. So zu verfahren funktioniert am besten. Oder ich kann es sowieso komplett vergessen, mit Person x auszukommen. Daran würde ein Outing auch nichts ändern. Da ist die Information „Christin“ mitunter wichtiger (wegen der Perspektive, aus der ich meine Ansichten vertrete zu gewissen Themen)

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