Premium-Fehlinformationen über Autismus

Eher zufällig stieß ich auf diesen Artikel über Hans Asperger, als ich nach einer Verbindung zwischen der österreichischen Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek und Asperger suchte. Leider ist er hinter einer Paywall verborgen, die die Zeitung „Die Presse“ Premium-Artikel nennt. Erläuterung dazu:

In premium-Geschichten wie Reportagen, Analysen, Kommentaren oder Dossiers steckt besonders viel Energie, Zeit, Expertise oder Rechercheaufwand.

Der Inhalt des Artikels straft dieser mutigen Ansage leider Lügen. Er kaut lediglich die bekannten Klischees über das Asperger-Syndrom wider, die in der Story über den Benenner himself verpackt werden.  Das grundsätzliche Problem von Journalisten mit „Spektren“ wird wieder einmal sichtbar: Pars pro toto. Verallgemeinerungen, die gerade bei einer so großen individuellen Vielfalt wie im Autismus-Spektrum nicht zulässig sind.

„Sie leiden unter einem Mangel an Empathie, an der Unfähigkeit, Mitmenschen in die Augen zu schauen und Freundschaften zu schließen.“

Hierbei muss man unterscheiden in affektive und kognitive Empathie. Die affektive Empathie ist nicht betroffen, nur die kognitive Empathie. Doch das lässt sich umgekehrt auch bei Nichtautisten nicht verallgemeinern. Gerade in Konfliktsituationen neigen Menschen dazu, auf ihrem Standardpunkt zu beharren und sich nicht in das Gegenüber hineinversetzen zu können. Das Ergebnis nennt man Streit, Prügelei oder Krieg. Wie Ludger Tebartz van Elst in seinem Vortrag in Rosenheim exemplarisch aufführte, gilt es in fernöstlichen Kulturen etwa als unhöflich, anderen Menschen direkt in die Augen zu schauen, auch hierzulande verbindet man damit mitunter Aggression (was sich auch im Tierreich wiederfindet, wie bei Kühen oder Hunden). „Auch ein Assistenzarzt dreht den Kopf weg, wenn der Chefarzt ihn anschnauzt).“ Sehr wohl können auch Freundschaften geschlossen werden, insbesondere mit anderen Autisten, aber auch mit Gleichgesinnten bzw. generell Andersartigen. Das ist nicht weniger gültig als mit Nichtautisten (wiewohl ich Schwierigkeiten nicht verhehlen kann, Freundschaften aufrechtzuerhalten, aber es ist nicht unmöglich).

„…, einer Erkrankung mit ausgeprägtem Unvermögen,….“

Autismus ist keine Erkrankung, es handelt sich um eine angeborene, lebenslange neurologisch andere Verdrahtung des Gehirns, die sich in einer anderen Wahrnehmung der Welt auswirkt. Diese grundsätzlich andersartige Wahrnehmung kann man nicht therapieren. Reizüberflutung oder Synästhesien lassen sich nicht abstellen, der besondere Blick für Details kann aber auch eine Stärke sein.

„eine milde Form des Autismus, … Er spricht von „autistischen Psychopathen“ – was heute furchtbar klingt, aber der fachlichen Wortwahl der Zeit entspricht.“

Erkrankung und Krankheit klingen auch heute noch furchtbar, weil sie Heilung implizieren. Heilung ist aber nicht möglich und auch nicht in allen Aspekten des Autismus wünschenswert. Heilung von Reizüberflutung ja, Heilung im Sinne von „Gespräche aufrechterhalten oder telefonieren zu können“ ja. Symptomatische Verbesserungen sind möglich und treten mit fortschreitendem Lebensalter auch ein, aber das autistische So-Sein durchdringt die ganze Persönlichkeit und lässt sich nicht entfernen.

Im Verhältnis zu stärker betroffenen Autisten, die sich verbal nicht mitteilen können oder körperliche Mehrfachbehinderungen aufweisen, die Kommunikation grundsätzlich erschweren, ist der Asperger-Autismus mild, aber Betroffene sehen das großteils anders, wenn sie ihre eigenen Lebensrealitäten betrachten. Diese ist gekennzeichnet durch eine überdurchschnittliche hohe Rate an Depressionen und Angsterkrankungen und auch die Suizidrate ist bei Asperger-Autisten deutlich erhöht (vgl. Cassidy et al (2014). Die Arbeitslosenrate bei Autisten liegt über 70%, und das nahezu weltweit.

Der folgende Absatz über das historische Wirken von Asperger in der Nazizeit ist versöhnlich, zumal differenziert. Im letzten Teil des Artikels hielt sich dann der Rechercheaufwand wohl in Grenzen. Wieder einmal wird „Rain-Man“ als Musterbeispiel angeführt, warum nicht „Ben X“?

„Er spielt Kim Peek, einen sogenannten Inselbegabten mit einer Erkrankung aus dem Autismusspektrum, etwa einem Asperger-Syndrom entsprechend, […]“

Das Phänomen hat einen ganz eindeutigen Namen, der hier aber nicht fällt: Savant-Syndrom. Obwohl ich nicht zu den Autisten gehöre, die Savantsyndrom und Autismus streng voneinander getrennt haben wollen (siehe Teil 1 und Teil 2 einer Blogreihe), sollte man das Phänomen der Extremform einer Inselbegabung doch korrekt benennen, um kein falsches Bild über den prozentualen Anteil von Inselbegabungen bei Autismus zu erwecken (der in dieser Extremausprägung so gering ist, dass pars pro toto die falsche Annahme ist).

Kinder, die sich in die Welt der Physik, der Mathematik zurückziehen – anstatt Herzen anderer zu erobern. Es sind Streber, Sonderlinge, Stubenhocker, die sich in ihrem Zimmer den Kopf zerbrechen, während andere draußen Fußball spielen, hochbegabte Theoretiker ohne soziale Intelligenz, wie sie in der US-Sitcom „The Big Bang Theory“ vorgeführt werden, in der Jim Parsons als asoziales Wunderkind Dr. Dr. Sheldon Cooper quantenphysikalische Probleme löst.

Dem Autor des Premium-Presseartikels empfehle ich ein wenig Rechercheaufwand:

  • Kohl, Seng, Gatti – Typisch untypisch. Berufsbiografien von Asperger-Autisten. Individuelle Wege und Erfahrungen, Kohlhammer, 2017
  • Lorenz and Heinitz: Aspergers – Different, Not Less: Occupational Strengths and Job Interests of Individuals with Asperger’s Syndrome, PlosOne, Juni 2014, 9(6)

Alleine aus diesen beiden Quellen wird deutlich, dass Asperger-Autisten nicht nur „in der Welt der Physik und Mathematik“ zuhause sind. Die ständige Wiederholung dieser Klischees führt leider dazu, dass ein signifikanter Anteil von Autisten auf dem Arbeitsmarkt keine Jobangebote erhält, weil ihre Fähigkeiten in anderen Bereichen nicht erkannt oder nicht geglaubt werden.

Längst sind schrullige Nerds die neuen Film- und Fernsehhelden. Sie werden von der Gesellschaft auch anerkannt und geschätzt. Wie Bill Gates, dessen Lebenswerk das Potenzial gezeigt hat, das in Nerds steckt:

Ein schöner Schlussabsatz eines sogennanten Premium-Artikels. Wer berühmt wird, ist anerkannt. Der Rest hat Pech gehabt. Der große Rest wird nicht einmal erkannt, weil das Bewusstsein für Asperger, für die Diagnose, für den Umgang damit, hierzulande fehlt! Ich hätte mir gewünscht, dass der Autor in einem Schlussabsatz anspricht, wie wenig vom Erbe Aspergers geblieben ist, dass viele Menschen nicht einmal vom Asperger-Syndrom wissen und dass es viel zu wenige Diagnosestellen für erwachsene Asperger-Autisten gibt, geschweige denn für alle Altersgruppen ausreichende Therapiemöglichkeiten (für Alltagsschwierigkeiten), Assistenzen (Mensch & Hund) und Jobangebote.

Wenn das Premium-Qualität sein soll, verzichte ich künftig lieber darauf.

Advertisements

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s