Geschafft.

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2800 Höhenmeter (laut Veranstalter sogar 2900, nachgemessen habe ich aber weniger) und 66 Kilometer sind es am Ende geworden. Etwas länger und mehr Aufstieg als ursprünglich geplant, aber der durch den Regen durchnässte Untergrund erforderte eine Adaption der Strecke. Müde, aber glücklich erreichte ich nach 24 Stunden unterwegs sein in Bad Goisern das Ziel. Eine körperliche, mentale und autistische Meisterleistung.

Körperlich…. weil es alles bei weitem toppte, was ich bis dahin gemacht hatte. Das richtige Gehtempo spielt ebenso eine Rolle wie die Ernährung. Alkohol ist absolut tabu, ebenso allzu deftiges und üppiges Essen. Ich blieb meist bei Suppen und isotonischen Getränken. Der erwartete Motivationseinbruch in der Nacht kam nicht. Lediglich nach dem Abendessen, als ich mir doch gierig den Teller mit Spaghetti Bolognese aufhäufte und noch eine Suppe nachschob, kam ein Müdigkeitsschub, da marschierten wir gerade entlang des Soleleitungswegs. Danach legte ich eher wieder das Tempo zu. „Haile“ lautete mein Spitzname in der Oberstufe vom Gymnasium, weil ich beim 800m-Lauf im Sportunterricht das Feld von hinten aufrollte und noch fünfter wurde. Wenn die Waden stärker zwickten, verlangsamte ich das Tempo, sobald das Zwicken nachließ, zog ich wieder an. So konnte ich auch die letzten 20 Kilometer noch fast schmerzfrei durchgehen.

Mental … eine Kopfsache, so lange bei Nacht zu wandern. Die Stirnlampe stellte ich bald auf die hellste Stufe, das erleichterte die Konzentration und das Wachbleiben. Auch zuhause brauche ich nach dem Aufwachen immer maximale Beleuchtung in der Wohnung. Das Schlechtwetter war sehr ärgerlich. Erwartet ja, aber gar keine Aussicht, keine Auflockerungen? Ich hatte den Dachstein und Hallstätter See noch nie aus dieser Nähe gesehen, und dabei sollte es auch bleiben. Erst während der Wanderung dämmerte mir wortwörtlich, dass wir durch den Nebel auch Sonnenuntergang und Sonnenaufgang verpassten. Ein Grund mehr, beim nächsten Mal wieder dabei zu sein, die nächste Chance zu nutzen. Als wir in der Früh um 7 nach exakt 24 Stunden wieder in Bad Goisern anlandeten, mischte sich etwas Wehmut in das Glücksgefühl. Ich hätte durchaus noch ein paar Kilometer durchgehalten, und so ein intensives Gemeinschaftsgefühl mit so vielen Gleichgesinnten erlebte ich sonst kaum.

Autistisch … nein, man kann das nicht so strikt trennen. Es kostet bereits Überwindung, überhaupt mitzugehen, wenn 150 Teilnehmer angekündigt werden (insgesamt wurden es sogar 160). Ich gehe viel allein, aber auch gerne zu zweit, gerade bei Touren, die mir alleine zu riskant sind oder wo ich grandiose Eindrücke gerne mit anderen teilen würde. In Kleingruppen bin ich seit Jahren gelegentlich unterwegs, bei Forumstreffen und bei privat geführten Wanderungen. Bisher waren wir maximal 20, wohl fühle ich mich noch bei 10-15, dann ist normalerweise Schluss. Es war für mich nicht leicht, über Stunden hinweg in der Kolonne zu gehen, das eigene Gehtempo anzupassen. Schon bei meiner letzten Gruppenwanderung zu zehnt merkte ich, dass mein Gehrythmus anders ist und ich immer wieder vorne weg stürmte, zum Ärger unseres Bergführers, um so gehen zu können, wie ich es gewohnt war. Ja, das geht jedem so, aber „sonderbarer Gang“ ist eine der Merkmale von Autismus, dazu zählt bei mir, dass ich nicht langsam gehen kann. Wenn ich mit anderen Menschen zusammentreffe, höre ich nicht selten, dass ich langsamer machen soll. In der Kolonne gehen bedeutet oft, dass ich dem Vordermann in die Hacken trete oder mit den Stecken auf den Schuh steche, weil meine Körperwahrnehmung schlecht ist. Es ist für mich wahnsinnig schwer einzuschätzen, wie weit meine Beine/Füße reichen. Darum habe ich drei Mal während der Wanderung plötzlich deutlich beschleunigt, meinen (frisch kennengelernten) Wanderpartner zurückgelassen und habe wie Haile im Schulsport alle überholt, bis ich vorne war.

Eine weitere Herausforderung ist das sich ständig neu orientieren müssen auf den Hütten, wo man etwas findet. Wie die Essens- und Getränkeausgabe abläuft. Das Gewusel bei den Pausen, die Enge, sich an anderen vorbeiquetschen, überall im Weg stehen, aber auch wenn alle im Gastraum sitzen und man kaum aneinander vorbeikommt. Für einen Menschen mit funktionierenden Reizfiltern war das lästig, ohne Reizfilter dagegen sehr anstrengend. Ich ging daher oft wieder aus den Hütten, stand irgendwo am Rand, wo ich niemandem im Weg stand. Gerade bei der letzten Rast beim Predigstuhl, als fast alle ins Gasthaus gingen, blieb ich bei den Biertischen sitzen, aß gedankenverloren meine Suppe und genoss die Minuten ohne Menschenmenge um mich herum.

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Bei der Wanderung war auch ein kleiner Hund dabei, der die ganzen 66km durchhielt. Ich beobachtete den Hund genau. Die autistische Viehzuchtforscherin und Autismus-Expertin Temple Grandin schrieb in ihrem Buch „The Animal Translation“ über die Gemeinsamkeiten von Tieren, insbesondere Hunden, und Autisten. Die Ursache für die kaputten Reizfilter liegen im Frontalhirn. Wenn Autisten auf Tonsignale hören, bleibt ihr visueller Cortex (Sehrinde) aktiver als bei Nichtautisten, sie werden immer noch von der Umgebung abgelenkt. „Intense World Syndrom“ oder „Too much information“ sind Schlagworte, die die sensorische Über(- und Unter)empfindlichkeit gut beschreiben. Tiere sind zum Überleben darauf angewiesen, jedes Geräusch richtig zu interpretieren, sofort Freund oder Feind einschätzen zu können. Deswegen sind Tiere im Allgemeinen schreckhaft, außer sie haben keine Feinde oder keine schlechten Erfahrungen gemacht, so wie dieser Steinbock im Reservat am Röthelstein im Steirischen Hügelland, der selbst wenige Meter vor mir keine Anstalten machte, zur Seite zu gehen, als er mich erblickte.

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Zurück zum Hund, er war sichtlich ununterbrochen von vielen Reizen umgeben, viele fremde Menschen mit grellen, bunten Jacken, die an ihm vorbei gingen, sodass er sich immer wieder hektisch umdrehte, sie taxierte und dann weiterging. Am Ende der Wanderung, als wir alle mit Stirnlampen bestückt waren, knurrte er plötzlich einen Wanderer an und bellte, obwohl er sich objektiv nicht von den anderen unterschied und keine Bedrohung darstellte. Meine laienhafte Interpretation ist, dass auch der Hund eine gewisse Erschöpfung durch die Dauerüberrreizung verspürte.

kuhhh

Kühe sehen sehr schlecht und sind farbenblind. Die maximalen Kontraste werden im gelbgrünen Bereich erreicht.

Anyway, ich habe es trotzdem geschafft und freue mich aufs nächste Mal. Es ist auch kein Widerspruch. Es gibt unzählige Autisten, die gerne auf Konzerte gehen und sich dafür überwinden, obwohl dort weitaus mehr Menschen sind als bei so einer Wanderung, wenn auch nicht den ganzen Tag (außer bei einem Festival). Ich weiß jetzt, was ich mir zutrauen kann und dass immer noch Luft nach oben ist. Und dass ich mich nach diesem Gefühl der Gemeinschaft, des bedingungslosen Vertrauens, sehne.

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3 Gedanken zu “Geschafft.

  1. lizzzy07 21. September 2017 / 12:54

    Ich freue mich für dich, dass du es geschafft hast. Und ja: Ich könnte mir wirklich gut vorstellen, dass da noch was geht. Wo ist die Grenze des Machbaren? Die suchen wir wohl beide noch. Ich suche vor allem auch die Grenzen des Vorstellbaren. Gibt es noch mehr als die offensichtlichen Möglichkeiten, die ich mir jeweils aus unterschiedlichen Gründen nicht als Dauerzustand vorstellen kann?

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  2. Lutz Prauser 21. September 2017 / 15:18

    Mein Respekt. Ich finde diese Leistung, auf der die Schilderung beruht, riesig… und weit weit weg von dem, was ich jemals zu tun bereit wäre. Allein wegen dem Geschilderten…

    Gefällt 1 Person

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