Gekommen, um nicht zu bleiben

wasserturm

So schnell ändern sich Perspektiven, Einstellungen, Lebensziele, Gefühle.

In Wien hatte ich eine harte Zeit, sechseinhalb Jahre lang. Angefangen von einer Zweck-WG, die zum Alptraum wurde, über einen soziopathischen Arbeitgeber, der mehr in den Bore-Out als in den Burn-Out drängte und meine Fähigkeiten absprach, bis hin zum ununterbrochenen Lärm einer Großstadt, im Alltag, in der Nachbarschaft, allgegenwärtig. Als ich Ende November die einmalige Gelegenheit hatte, all dem den Rücken zuzukehren und einen Neustart zu vollziehen, ergriff ich sie natürlich.

Nicht selbstverständlich, denn die Abkehr von Wien hatte einen hohen Preis. Den Verlust eines enormen Bekannten- und Freundeskreis, wie ich ihn noch nie vorher besessen hatte. Der mir von Beginn an fehlte. Es heißt immer noch so oft, dass Autisten nicht zur Empathie fähig seien, aber wie nennt man dieses tiefe, schmerzvolle Gefühl im Herzen, wenn man Menschen vermisst, die einem gut taten? Als ich in Salzburg anfing, war alles neu. Beinahe so neu wie damals nach der Matura, als ich von daheim auszog. Am Anfang genoss ich meine Wohnlage, in einer ruhigen Nebenstraße, kein Durchzugsverkehr. Nachts bei geöffnetem Fenster schlafen können habe ich jahrelang vermisst. Keine schreienden Betrunkenen, die einen nachts aufwecken. Auch die Möglichkeit, so rasch in die Natur zu kommen. In Wien bin ich aus Trainings- und Verrücktheitsgründen vier Mal hintereinander auf den Leopoldsberg gestiegen, über den Nasenweg, um die 1000 Höhenmeter zu schaffen. In Salzburg genügt der Gaisberg für 850 Höhenmeter und ich kann mit dem Bus wieder zurück fahren. Ruhe ist so wichtig, um den neuen beruflichen Anforderungen gewappnet zu sein. Mir gelingt es heute, um zehn im Bett zu liegen, damit ich um halb fünf in der Früh einigermaßen ausgeruht aufstehen kann. In Wien war das Schlafdefizit hingegen oft beträchtlich, und mehr als einmal musste die Polizei gerufen werden, damit die betrunkenen und lauten Nachbarn zu unchristlichen Uhrzeiten Ruhe gaben, die natürlich immer alles abstritten „Der Fernseher war so laut.“ Mir gingen auch die anderen Nachbarn auf den Sack, die die Wohnungstür immer wuchtig zufallen ließen, als seien Türgriffe lediglich zu dekorativen Zwecken angebracht worden.

Nachbarschaft

Jetzt wohne ich in einer teuren, spießigen Wohngegend Salzburgs, viel Grün um mich herum. Überwiegend ältere, alles inländische Mieter. Wer glaubt, hier würde es damit ruhig und rücksichtsvoll zugehen, hat sich leider geirrt. Die Türen fallen genauso wuchtig ins Schloss wie vorher. Es gibt keine Hausordnung, weil – so der Makler – „dies eine eng verschworene Gemeinschaft sei“. Entsprechend hält sich mein handwerkender pensionierter Nachbar unter mir auch an keine Ruhezeiten, arbeitet sonn- und feiertags lautstark im Garten, wo er für die Oberschicht kleine Boote umbaut oder repariert. Einer, der sich handwerklich echt gut auskennt. Ich würde es bewundern, wenn ich nicht darunter leiden würde, dass er fast JEDEN Tag arbeitet, manchmal frühmorgens, manchmal am Abend. Ohne festgelegte Uhrzeiten. Wenn er nicht arbeitet, hat er oft Gäste auf der Terrasse, die nicht selten bis Mitternacht bleiben. Ich habe also einen Balkon, aber nie Ruhe, und kann mich nicht einmal darauf einstellen, weil die Zeiten ständig wechseln. Zwar hat er angeboten, ich könne ihm meine Arbeitszeiten in den Briefkasten werfen, und er richtet sich danach, aber ich würde ja auch gerne mal an meinem freien Tag am Balkon sitzen, ohne Motorenlärm oder lautstarkes Unterhalten seiner Gäste. Das ist auf Dauer kein Auskommen so. Ich kann ihm Besuch schließlich nicht verbieten. Sieht man davon ab, bleibt als Vorteil die Nachtruhe erhalten. So gut geschlafen wie seit meiner Übersiedlung habe ich die letzten 10 Jahre nicht mehr. Meine Geräuschempfindlichkeit ist leider stark ausgeprägt, und wird vom Umfeld oft nicht verstanden und mit „Reiß Dich mal zusammen.“ „Daran gewöhnst Du Dich“ und „Du bist aber empfindlich/anspruchsvoll!“ kommentiert. Gewöhnen kann ich mich an manche Geräusche, nicht an alle. In Wien gewöhnte ich mich sehr schnell an die vorbeifahrende Straßenbahn nahe meiner Wohnung. Auch die tiefbassig gluckernde Harley Davidson oder hier der Rettungshubschrauber stören mich kaum. Regelmäßige tiefe Geräusche sind besser auszuhalten als grelle, unregelmäßige Geräusche, wozu leider auch Kinderstimmen zählen. Zweckgebundene Geräusche sind natürlich ebenfalls leichter auszuhalten, wie in meiner Arbeit, wo es viele Erinnerungs- und Alarmsignale gibt.

Verkehr

Viele meiner Mitleser und andere vielleicht über Umwege, werden sich auch daran erinnern, wie ich mich öfter über die Verkehrssituation in Wien beklagt habe. Wien ist kein gutes Pflaster für Radfahrer. Wien hat sich dagegen entschieden, Unterführungen oder Übergänge zu bauen, sondern Fußgänger, Radfahrer und Individualverkehr friedlich koexistieren zu lassen. So sind längere Strecken in der Stadt ampelzerfressen und selten baulich abgetrennt. Das berüchtigte Dooring ist allgegenwärtig eine Gefahr, wenn der zu schmale Radstreifen direkt neben parkenden Autos verläuft. Die letzten Monate vor der Übersiedlung bin ich kaum noch Rad gefahren, aus wachsender Angst, dass mich mal ein rücksichtsloser Autofahrer erwischt, obwohl ich immer sehr umsichtig und vorausschauend fahre und keiner der Egomanen bin, die jede rote Ampel mitnehmen müssen. Über meine Straßenbahn, die Linie 2, habe ich mich auch oft aufgeregt, zu spät, kaputt, überfüllt oder gar ausgefallen, wie jeden Samstag, wenn am Ring Demos oder Veranstaltungen waren. Aus Salzburger Perspektive betrachtet Luxusprobleme. Busse fahren hier zu den Randzeiten zu selten, sind selbst dann verspätet, wenn die Intervalle bei 15-20min liegen, der Umstieg auf andere Busse gelingt kaum wegen Verspätungen oder zu wenig Platz an den Haltestellen. In die Arbeit komme ich öffentlich gar nicht. Ich bin auf das Rad angewiesen. Das Jahresticket kostet 365 €, soviel wie in Wien, trotz viel kleinerer Fläche und schlechterem Angebot. Salzburg besitzt dafür eine hervorragend ausgebaute Radinfrastruktur, aber eine schlechte Fußgänger/Überwegs-Infrastruktur. Zu wenige Überwege, zu wenig Zebrastreifen, vielfach Bedarfsampeln, wo einfach regelmäßig Grün für Fußgänger hingehört. Und Verkehr. Ich hatte über den Verkehrsinfarkt in Salzburg vorher gelesen, es mir aber nicht so schlimm vorgestellt. Manchmal stehe ich Minuten und komme einfach nicht über eine normale Hauptstraße. Die Busse stauen sich, aus 30 werden schnell 50min Fahrtzeit. Und ja, viele Einkäufe erledige ich lieber zu Fuß bzw. mit dem Bus, wenn ich keinen riesigen Rucksack mitschleppen will. Oder wenn ich spontan sein möchte und ein Rad nur behindert. Das in der Stadt sowieso nur gefladert wird. Wien hat mich in dieser Hinsicht bequem gemacht, das gebe ich zu. Aber auch bei meinen Fotospaziergängen durch die Stadt gehe ich am liebsten zu Fuß.

Service und Kultur

Von solchen Freizeitaktivitäten abgesehen ist das größte Manko in Salzburg der mangelnde Service. Es gibt viele Radwerkstätten, aber bei vielen muss man vorher einen Termin ausmachen wie beim Arzt. Als ich dann auf Empfehlung eine fand, baute dieser die falsche Schaltung ein. Sowas hab ich auch noch nicht erlebt. Canon hat zwar eine eigene Service-Stelle in Salzburg, ist aber nicht für Kameras zuständig, dafür müsste ich extra nach Linz. Bergsportgeschäfte gibt es im Stadtgebiet gar keines, ausschließlich am Stadtrand, teilweise umständlich erreichbar. Viele Bergsportgeschäfte gibt es auf deutscher Seite oder 20km außerhalb. Ideal für Autofahrer.

Seit ich weggezogen bin, war ich nicht mehr alleine in einem Lokal. Ich vermisse das Tachles und das Café Schmidhansl, aber auch das Jelinek und andere Kaffeehäuser. Und gemütliche, nicht überfüllte Biergärten. Und ein Frühstückslokal, wo man den Kaffee nicht extra zahlen muss. Wie das An-Do am Yppenplatz, wo man günstig wirklich gut frühstücken kann. In Salzburg muss alles geplant sein, weil chronische Überfüllung in dieser tagestouristenverseuchten Schickimicki-Kleinstadt. Selbst Innsbruck, wo ich sechs Jahre lebte, auch Touristenstadt, war in dieser Hinsicht noch gemütlicher und durchmischter.

Kontakte

Es fällt mir außerordentlich schwer, vor Ort Kontakte zu knüpfen. Über die Arbeit ergeben sich dazu kaum bis gar keine Gelegenheiten. Wegen der Länge der Arbeitstage ergibt sich auch davor oder danach keine Gelegenheit. An freien Tagen möchte ich am liebsten in die Natur, in die Berge, etwas, woran ich in Salzburg bzw. im angrenzenden Nordalpenbereich, häufig durch das chronische Schlechtwetter gehindert werde. Daran kann ich mich am ehesten gewöhnen. Der durchwachsene Sommer 2014 hat mich abgehärtet. Seitdem gehen mir die Schlechtwetterziele nicht aus. Ich bin da durchaus kreativ und komme auch in schlechten Jahren zu genügend Wanderungen. Man muss seine Ansprüche halt deutlich zurücknehmen. In Salzburg ist es mit Wanderpartnern allerdings ein ähnliches Problem wie damals in Innsbruck während dem Studium. Es gibt nur „Verrückte am Berg“ (sorry), also Extrembergsteiger, die schwindlige Routen klettern, etc., aber keinen auf meinem Niveau, das von außen betrachtet gut sein mag, weil ich im Schnitt meine 50 000 Höhenmeter gehe, aber andere bringen es auf das Doppelte und Dreifache mit viel anspruchsvolleren Touren. Ich bin der Schmalspurwanderer, der gerne unmarkiert, weglos oder alte Jagdsteige geht, auf bewaldete Gipfel ohne Aussicht, dafür mit viel Flora- und Faunaerlebnis. Der viel stehenbleibt, um zu fotografieren, dafür ein höheres Tempo geht, ohne Trailrunning. Der nach fast JEDER Tour einen Wanderbericht schreibt, der auch mal bei romanischen Kirchen stehenbleibt und später über deren Entstehungsgeschichte recherchiert.

Gerade in den letzten Monaten und Jahren in Wien hatte ich dank social media viele Menschen kennengelernt, die regelmäßig mit mir wandern gingen. Die mich so akzeptierten, die nichts Unmögliches verlangten, was über meine Grenzen hinausging. Entgegen all den Lästereien „echter“ Alpinisten im westlichen Österreich habe ich erst in Wien die Liebe zum Bergwandern entdeckt und empfinde den Mangel hoher Berge im Osten nicht als Manko. Diese Bergfreunde vermisse ich wirklich sehr. Seit der Übersiedlung habe ich fast alle Touren alleine gemacht; oft kann ich mich bis in die Früh nicht entscheiden, was ich machen soll, oft zögere ich wegen ausgesetzter oder heikler Stellen in der Route, die ich zu zweit eher angehen würde. Manchmal bleibe ich frustriert zuhause, weil ich mich alleine nicht aufraffen konnte. Wann immer man sich verabredet hatte, habe ich noch nie abgesagt. Die Freude war immer zu groß, gemeinsam unterwegs sein zu können. Natürlich ist auch der Umstand, dass ich selbst kein Auto besitze, ein Manko. In Wien fand ich immer wieder Tourenpartner, die mich bewusst mit dem Auto in Regionen brachten, in die ich öffentlich schwer oder gar nicht hinkam. Das wäre für mich hier aber kein Ausschlussgrund, wie gesagt, ich bin kreativ und oft ist man ohne Auto besser dran, bei Überschreitungen, wie ich sie oft mache.

Wenn ich alles zusammennehme, dann werde ich in Salzburg auf Dauer nicht glücklich, und das liegt nicht an der Arbeit, die mir Spaß macht und erfüllend ist. Ich habe es geschafft, trotz aller Widrigkeiten im Vorfeld in diesem anspruchsvollen und sehr verantwortungsvollen Beruf Fuß zu fassen. Darauf bin ich auch sehr stolz. Was sich leider nicht so entwickelt hat, ist das Fuß fassen am neuen Wohnort. Ich werde mit dieser Stadt nicht warm. Ich vermisse meine Unabhängigkeit, die ich durch die guten öffentlichen Verkehrsmittel und Serviceangebote in Wien hatte. Die Work-Life-Balance muss eben stimmen. Ewig alleine wandern macht nicht glücklich, wenn man dieses Erlebnis nicht mit anderen teilen kann. Ich brauche diese Bewegung auch. Weil die Natur mir Kraft gibt, die Ruhe die Energie spendet, die Bewegung für meine Gesundheit so wichtig ist. Eine Möglichkeit, in diesem Beruf zu bleiben und trotzdem nach Wien zurückzukehren, wäre für mich die beste Lösung. Vor einem halben Jahr hat mich die Ungewissheit, wie es weitergeht, noch sehr geängstigt, nicht schon wieder übersiedeln. Länger bleiben können, sesshaft werden, nicht schon wieder herausgerissen werden. Inzwischen bin ich diesbezüglich deutlich gelassener geworden. Es wird irgendwie weitergehen, meine neuen Arbeitgeber sind viel besser als mein erster in Wien, rücksichtsvoller, verständnisvoller. Sie haben sich auf mein Outing eingelassen statt dichtzumachen. So gesehen blicke ich mit Optimismus in die Zukunft. Bis dahin gebe ich mein Bestes und bleibe dran.

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