Multitasking und Telefonate

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Asperger-Autisten sind nicht dafür berühmt, mehrere Sachen gut gleichzeitig zu können. Sie bevorzugen Aufgaben schrittweise zu erledigen, also eins nach dem anderen und tun sich damit schwerer, die Aufmerksamkeit zu teilen. Doch selbst wenn es mit viel Übung und mit dem Abarbeiten eines bestimmten Musters („Routine“) gelingt, mehrere Aufgaben gleichzeitig zu erledigen, bleibt etwas unweigerlich auf der Strecke: die zwischenmenschliche Kommunikation. Das kann sich etwa so äußern, dass man im Multitasking-Prozess schroff oder gar unhöflich erscheint, etwa nicht antwortet, knapp antwortet, undiplomatisch antwortet und dabei gar noch das Gesicht verzieht. Entweder konzentriert man sich auf die Aufgabe oder mehrere Aufgaben zugleich oder auf die Kommunikation. Das Gehirn ist nur begrenzt teilungsfähig. Ich persönlich glaube ja, dass kein Mensch während Multitasking 100 % Leistung bringen kann, zumindest nicht über längere Zeit hinweg, aber wie dem auch sei, die Unhöflichkeit des Asperger-Autisten hat hier eben ihre handfesten Gründe, und ist nicht Teil eines schlechten Charakters oder einer schlechten Kinderstube.

Multitasking lernen am Beispiel des Telefonierens

Lässt sich etwas trainieren, was eher als typisches Defizit bei Asperger-Autismus betrachtet wird? Unter bestimmten Voraussetzungen ja. Es hängt etwa davon ab, wie reizempfindlich der Asperger-Autist selbst ist, ob man an Umgebungsreizen etwas verändern kann, und vor allem spielt der Zeitfaktor eine wesentliche Rolle. Man kann einen Menschen nicht mit Gewalt umbiegen. Struktur ist ebenso wichtig wie Lob und Wertschätzung für selbst winzige Fortschritte.

Ich sehe das an meiner autismustypischen* Abneigung gegenüber Telefonieren. Soweit wie möglich versuche ich Kommunikation auf die schriftliche Ebene zu verlagern, wo ich mich zuhause fühle, aber Missverständnisse natürlich ebenso vorkommen. [* Ich kenne auch Autisten, die damit keine Probleme haben, weil sie so sozialisiert wurden]

Wie es neulich jemand treffend ausdrückte: „Am Telefon ist es schwierig zu erklären, besser niederschreiben, da kann man es durchdenken.“ Nun wurde ich aber durch einen Umstand gezwungen, das Telefonieren zu erlernen, es gab keine Alternative.

Dabei kam ich zu mehreren Schlussfolgerungen:

Ein wesentlicher Hemmschuh beim Telefonieren ist bereits das Abheben, wenn es klingelt. Man weiß ja nie, wer dran ist, was der will, ob man alle Fragen beantworten kann, und vielleicht ist man gerade beschäftigt und hat eigentlich gar keine Zeit für dieses Gespräch. Ein bahnbrechender Fortschritt war also, durch konsequentes Abheben beim ersten Läuten die Angst vor dem Abheben zu verlieren und damit auch die Alarm schlagende Amygdala zu beruhigen, sobald das Telefon läutet. Inzwischen habe ich keine Furcht mehr, zum Hörer zu greifen und verfalle entsprechend vorher auch nicht mehr in Schockstarre.

Struktur war der nächste Schritt: sich Standardsätzchen zurechtlegen, wie man sich vorstellt, und – schwieriger – Zeit herausschinden, wenn man am falschen Fuß erwischt wurde oder gerade unter Zeitdruck ist. Wesentlich für meine Struktur ist das Zurechtlegen einer Checkliste, um ggf. nachhaken zu können und nichts Wichtiges zu vergessen.  Interessanterweise bereitet es mir keinerlei Probleme, wenn das Gespräch auf Englisch stattfindet, obwohl ich geringe Sprachpraxis habe. Ich lese viel Englisch, habe schon viel übersetzt (auch hier im Blog), schaue Filme und Serien auf Englisch und habe selten Gelegenheit, wie heute, einem US-Amerikaner aus Chicago, den Weg zu seinem Hotel zu erklären, und zwar so, dass er damit sogar etwas anfangen konnte.

In gewisser Weise ist es für mich auf Englisch sogar leichter, das hat auch wieder etwas mit Autismus zu tun. Wenn der native speaker bzw. der Ausländer, der Englisch benutzt, sich dessen bewusst ist, dass der andere kein native speaker ist, kommt es weniger auf Intonierung, Zweideutigkeiten, Redewendungen, etc. an, sondern man kommt direkter auf den Inhalt einer Frage/Aussage zu sprechen. Das kommt mir, der damit autismusbedingt Schwierigkeiten hat, wiederum sehr entgegen. Es zählt also viel mehr der Inhalt einer Frage und nicht, wie sie gestellt wurde. So sollte es immer sein.

Gewisse Ablenkungsformen lassen sich dagegen nur schwer ausblenden, etwa nervtötende Staubsaugergeräusche im Hintergrund oder laute Gespräche oder lautes Telefonieren anderer nebenher. Während der Staubsauger auf einer Frequenz lärmt, die als unangenehm, manchmal sogar schmerzhaft empfunden wird (wie die Sirene eines Krankenwagens), besteht die Schwierigkeit bei Simultantelefongesprächen darin, dass das Gehirn unentwegt versucht, den unsichtbaren Gesprächspartner am anderen Ende der Leitung zu ergänzen. Zwei Gesprächpartner im selben Raum sind da noch angenehmer. Dieser Effekt des „Gespräch ergänzen“ ist wissenschaftlich belegt.

„Außerdem erinnere ich mich an eine plausible Begründung, warum es uns so viel mehr nervt, ein Handygespräch mitanhören zu müssen als eine normale Unterhaltung zwischen zwei körperlich anwesenden Menschen: Sobald wir nämlich jemandem beim Telefonieren zuhören, so hat eine Studie der britischen York University ergeben, versucht unser Gehirn automatisch, die fehlende Hälfte des Gesprächs zu ergänzen. Das Abschalten oder Ausblenden – denn meist interessiert es uns ja überhaupt nicht, welchen „Bock der Müller da wieder geschossen hat“ fällt es uns deswegen viel schwerer, als wenn sich am Nebentisch zwei Menschen angeregt unterhalten. Die Studie fand außerdem heraus, dass wir fremde Telefongespräche nicht nur störender empfinden als Live-Gespräche, sondern auch subjektiv als lauter – selbst wenn sie objektiv exakt in der gleichen Lautstärke geführt werden.“

Quelle: Christoph Koch, Ich bin dann mal offline: Ein Selbstversuch. Leben ohne Internet und Handy, 2012 (Zitat über Google gefunden, nicht aber in meiner Print-Ausgabe)

Manchen (vielen) Menschen fällt das Ausblenden leichter, weil sie über intakte Reizfilter im Gehirn verfügen, die wichtig von unwichtig unterscheiden könen, während bei Autismus Reizfilter tendenziell schlechter funktionieren und unwichtige (lästige) Reize als gleichwertig gegenüber wichtigen Reizen wahrgenommen werden. In anderen Worten, man möchte A zuhören, aber B quatscht andauernd dazwischen, obwohl er mit C redet und einen das gerade überhaupt nicht interessiert.

Je nachdem, wie sensibel man gegenüber bestimmten Reizen ist, lässt sich also die Belastung/Ermüdung am ehesten über die Umgebungsreize steuern, indem man Geräusche versucht zu vermeiden oder zeitlich in Phasen zu legen, wo gerade kein hoher Workload besteht. Kaputte Reizfilter lassen sich leider nicht einfach so heilen und vor allem kann man sich nicht daran gewöhnen. Aussagen wie „Du bist aber empfindlich!“ oder „Daran gewöhnst Du dich irgendwann!“ sind also nicht hilfreich. Das Einzige, was sich üben lässt, ist die Aufgabe selbst, und durch die Zunahme an Routine auch die Sicherheit, Ruhe und Gelassenheit zu erlangen, bei störenden Umgebungsreizen weitermachen zu können, selbst, wenn man sie nicht ausblenden kann.

Das sind im Wesentlichen jene Erkenntnisse, die ich aus dem noch andauernden Lernprozess der letzten Monate mitnehme. Das wird nicht bei jedem funktionieren und soll bitte auch nicht als „jeder kann es schaffen, wenn er nur lange genug geübt“ verstanden werden. Wie oben dargelegt, hängt es von mehreren Faktoren ab, ob man es trotz eines vermuteten oder tatsächlichen (neurologischen) Defizits schafft, dennoch klarzukommen oder nicht. Wesentlich sind das Verständnis und das sich Einlassen des Gegenübers, und auch der Wille, eventuell unkonventionelle Lösungen zu finden.

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