Anschluss finden ist schwierig

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Vor kurzem wurde ich gefragt, wie mir das in Innsbruck und Wien zuvor gelungen ist, wo ich je sechs Jahre gewohnt habe.  Dazu muss ich etwas weiter ausholen. Im Gegensatz zu vielen Nichtautisten habe ich keinerlei Kontakt und auch nie das Bedürfnis danach gehabt, alte Schulkollegen wiederzusehen. Man kann sich wahrscheinlich vorstellen, dass mit zwischenmenschlichen Missverständnissen und noch dazu ohne Diagnose/Erklärung ein autistisches Schulleben alles andere als einfach ist, im Grunde war es traumatisch. Ich verstand mich mit den Lehrern immer deutlich besser als mit Gleichaltrigen oder Jüngeren. Ich war ja schon immer ein Kopfmensch und maß mich nicht mit anderen Schülern. Ein gutes Lehrerverhältnis macht Schüler nicht unbedingt beliebter. Ich hatte wechselnde Freunde abseits der Schule, und ein Kumpel, mit dem ich früher oft meine Freizeit verbrachte, verlor ich aus den Augen, als ich ins Gymnasium kam und er in die Realschule ging. Die meiste Zeit verbrachte ich alleine, erst durch meine Wetterleidenschaft ergaben sich bis 2002 zaghafte Kontaktversuche mit meist älteren Leuten, über deren Wetterhobby durch die regionale Zeitung berichtet worden war.

Erst mit dem ersten Internet-Zugang ab Dezember 2001 änderte sich mein Eremitendasein, das dafür sehr schnell. Ich lernte noch im Dezember im damaligen „msn-Forum“ von Kachelmann einen Wetterverrückten mit dem Pseudonym „Cumulonimbus“ kennen, und vor allem deswegen, weil ich mich mit dem gleichen Pseudonym dort anmeldete und er mich bat, meines zu ändern, damit der Name eindeutig zugeordnet werden konnte. Daraus ergab sich eine jahrelange intensive Internet-Freundschaft. Er wurde zu meinem Mentor, brachte mir unglaublich viel bei, obwohl er Meteorologie nie studiert hatte. Als passionierter Gleitsegelflieger, wodurch er später einen 1-Mann-Wetterdienst gründete und wahnsinnig viel Energie und Zeit hineinsteckte, kannte er sich gut aus. Er wäre heute sicher stolz auf meinen Werdegang, dass ich eines Tages einmal in der Fliegerei lande und das professionell betreibe, was er schon getan hat. Mit großer Bestürzung habe ich Mitte Oktober 2014 von seinem Freitod erfahren, ein Verlust, den ich nie richtig verarbeiten konnte. Neben ihm gab es noch weitere Wetterfreunde im Internet, aus denen sich langjährige Freundschaften entwickelten, die auf Gegenseitigkeit beruhen. Im Grunde sind daraus für mich die ersten Freundschaften überhaupt entstanden, im Alter von 20 Jahren. Der Nachteil ist naturgemäß, was sich bis heute gehalten hat, dass die liebsten Menschen zu weit weg wohnen, um sie regelmäßig zu sehen.

Die Abnabelung vom Elternhaus fiel mir damals leicht, in Deutschland hielt mich nichts und so war der Weg nach Innsbruck vorgezeichnet, wo mir ein leichteres Studium angekündigt wurde, zudem stärker auf meine speziellen Interessen (Wettervorhersage) zugeschnitten. Laien wissen schließlich nicht, dass nur ein Bruchteil der Meteorologie aus der Wettervorhersage besteht (dafür viel Klimatologie, Programmieren, Glaziologie speziell in Innsbruck, etc). In Innsbruck kannte ich dank Internet schon ein paar Wetterverrückte, einsam habe ich mich in den sechs Jahren selten gefühlt, aber lokale Kontakte sind auch nur wenige entstanden, vor allem noch zu einem ortsansässigen Schriftsteller, der mir die österreichische Literatur, vor allem Thomas Bernhard, näherbrachte. Ich ging auch ein paar Mal mit einem Innsbrucker wandern, der jedoch ausschließlich im Karwendel unterwegs war, und ich hasste schmale, ausgesetzte, steile Schotterwege. Mein Lieblingsterrain waren die gemütlichen Geländeformen bzw. kristallines Gestein der Zentralalpen. So hielt unsere Wanderbekanntschaft nicht sehr lange. Immerhin gelang es mir, mit dem Konzertlokal Treibhaus eine Art Stammkneipe aufzubauen, die ich regelmäßiger besuchte, ohne allerdings mit fremden Gästen in Smalltalk einzutreten.

Die engeren Studienkollegen verschwanden mit Diplom-Abschluss nach und nach, und so hielt mich zum Schluss relativ wenig in Innsbruck. Durch die vergangenen vier schneearmen Winter hatte sich bei mir zudem eine Winterdepression eingenistet. Mit den sonnenverdeckenden Bergen kam ich zwar zurecht, aber ohne Schnee war es im Winter deprimierend dunkel, wenn um halb vier die Sonne verschwand. Skifahren konnte ich nie richtig, aufgrund meiner motorischen Probleme war meine Koordination zu schlecht, gerade bergab habe ich bei zu hohen Windgeschwindigkeiten das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren. Damit schieden Skitouren, Skifahren, Mountainbiken und Rodeln aus. Heute habe ich mir ein Stück weit Freiheit gewonnen, indem ich auch alleine mit Schneeschuhen unterwegs bin und damit in Regionen vordringen kann, die ich ohne Wintersport nie erreichen würde.

In Wien begann ich in einer 2er-WG, wie schon damals nach der Matura, als ich in Mainz zwei Semester studierte. Damals wie auch dieses Mal war die WG ein Desaster: Keine klaren Absprachen, wann wer saubermachen soll, keine Info, wann ich die ganze Wohnung mal für mich hatte oder den Fernseher benutzen konnte. Der WG-Partner war Hauptmieter und vorher länger alleine, und breitete sich in der Wohnung aus. Ich traute mich nicht, einen Teil für mich zu beanspruchen, immerhin zahlte ich die Hälfte. Nach zwei Jahren kündigte er ohne Vorwarnung die Wohnung und ich musste – erstmalig in eine eigene Wohnung übersiedeln. Im Nachhinein kein Fehler. Ich war immer noch ohne Diagnose und hatte so viele Schwierigkeiten in der Kommunikation. Alleine leben war definitiv die bessere Wahl. Darum wäre für mich eine WG heute keine Alternative mehr, auch nicht für den Übergang. Die anderen Kontakte ergaben sich zunächst über ehemalige Studienkollegen, die leider innerhalb zwei Jahren alle aus Wien wegzogen, später auch über Arbeitskollegen. Und wieder übers Internet, über ein Wanderforum und über Wetterforen. Zuletzt über Twitter. So ergaben sich im Laufe der Jahre weitere, echte Freundschaften, mit einer Gegenseitigkeit, die ich vorher nie gekannt habe. Diese Freunde vermisse ich in Salzburg sehr.

In Salzburg bin ich nach dem Dienst zu erschöpft, um in die Stadt zu gehen. Wenn ich frei habe, ist der Haushalt dran oder es zieht mich in die Berge, um das Bewegungsdefizit der Vortage aufzuholen. Ich denke, langfristig wird das wieder mein einziger Anknüpfungspunkt sein, über Wanderforen. In situ fällt mir das Kennenlernen schwer, ich lerne Menschen lieber schriftlich kennen, erfahre etwas über ihre Herkunft und Interessen, dann hab ich Anknüpfungspunkte, oder merke sofort, dass wir zu unterschiedlich sind. Fremde Menschen anzusprechen ist mir noch nie leicht gefallen, ich bin weder gut in Smalltalk noch sehr diplomatisch. Ein bisschen kommt da auch meine Herkunft durch, die direkte Art ist in Österreich die Ausnahme, und als Autist neige ich zum Fakten aussprechen und anschließend erst nach entsprechender Reaktion darüber nachdenken, wie das beim Zuhörer ankommen könnte. In situ habe ich außerdem oft das Gefühl, mich präsentieren zu müssen, einen guten ersten Eindruck zu bieten, was je nach Tagesform und Geräuschkulisse nicht immer gelingt, wie ich mir das vorstelle.

In Summe sind schriftliche Kontakte weiterhin sehr wichtig für mich. Das ist ein wenig ein Dilemma, weil ich nach zwölf Stunden Bildschirmarbeit gerne den restlichen Abend vom Computer wegbleiben würde, aber ohne Mails und Chats kann ich die Kontakte nicht halten. Ich brauche zudem das Schreiben als Lebenselixier. Das, was im Beruf zu kurz kommt, muss woanders ersetzt werden, durch Blogs und Wanderberichte. Mein gutes Langzeitgedächtnis beruht darauf, dass ich Dinge niederschreibe und fotografisch festhalte. Unter den Menschen, die ich derzeit am meisten vermisse, sind jene, mit denen ich oft gemeinsam wandern war, wo ich die Geschehnisse der Vortage ansprechen, aussprechen und diskutieren konnte.

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