Die Sache mit dem Einkaufen

salzb

Wirklich rational erklären kann ich das nicht. Das hängt von der Tagesform und vor allem davon ab, wie viel Energie („spoons“) ich davor schon verbraten habe. Ich fechte da auch immer wieder Kämpfe mit mir selbst aus:

Der Ideologe in mir möchte die Einzelgeschäfte fördern und deren Existenz von Marktketten und Onlinehandel nicht kaputtmachen lassen. Problem: Nirgends ist man direkter in Interaktion als in kleinen Geschäften, wo man nur vom Ladeninhaber und maximal 1-2 Assistenten bedient wird. Direkte Interaktion bedeutet, sich vor Ort und im Moment entscheiden zu müssen. Es besteht außerdem die Gefahr, sich etwas aufdrücken zu lassen, während ich beim Onlinekauf selbst entscheide, ob ich dem salbungsvollen Werbeblabla Glauben schenken kann. In so kleinen Läden einkaufen fährt mein Stresslevel immer ziemlich hoch; selbst wenn ich den Ladenbesitzer kenne, bin ich nach dem Einkauf völlig nassgeschwitzt.

Das nächste Level sind Einkaufszentren mit großen Geschäften. Vorteil: Die Chance, dass man ein paar Minuten unbehelligt sein und sich umschauen kann, ehe man angelabert wird, ist vergrößert, aber der Nachteil sind die vielen Leute um einen herum und der allgemein hohe Lärmpegel in Einkaufszentren verbunden mit dudelnder Musik. Dort halte ich es also auch nicht sehr lang aus. Wegen der taktilen Überempfindlichkeit vertrage ich viele Stoffe ohnehin nicht und konnte mit dem, was „modisch ausschaut“ noch nie etwas anfangen. Meist fühlte ich mich unwohl, wenn die Verkäuferin zufrieden war.

Ich kaufe daher die meisten meiner Kleidungsstücke in Outdoorgeschäften, die größeren Wert auf Funktionalität und Bequemlichkeit legen, vor allem handelt es sich um leichte und meist hochwertige Stoffe. Außerdem weiß ich dort meist sehr genau, was ich will, weil ich Erfahrung mitbringe und wertvolle Tipps von Wanderfreunden, die teilweise selbst im Bergsport arbeiten.

Einkaufscenter wie etwa der Salzburger Europark bringen mich dagegen rasch zu einem Overload. Viel Gewusel, Musik tönt aus den Geschäften, nicht einmal im Buchladen (Thalia) ist es angenehm, sondern deplatziert hektisch. Ja, Buchläden sind auch so eine Sache. Oft will ich nur stöbern, selten suche ich etwas Bestimmtes. Und wenn es exotische Titel sind, bleibt mir Amazon meist nicht erspart, speziell bei englischer Literatur.

Das bringt mich zur bevorzugten Kaufoption für Autisten: Onlinehandel. Als ich 2004 erstmals einen Ebay-Account hatte, erwarb ich mehrere uralte Meteorologiebücher, weniger aus echtem Interesse als einfach etwas Uraltes zu besitzen. Ebay habe ich rasch verlassen und bin natürlich für viele Jahre bei Amazon gelandet, um Bücher und DVDs zu bestellen. Selten größere Geräte, aber manchmal kommt man da nicht drum herum. Online bestellen hat jedoch einen anderen Nachteil, speziell im Schichtdienst, wenn man nie zuhause ist, wenn die Bestellung kommt und dann zwangsläufig beim Nachbarn abholen muss, denen man sonst aus dem Weg geht, weil es wieder direkte Interaktion ist und meist Smalltalk, worin Autisten jetzt nicht herausragend versiert sind. Zum Glück gibt es hier in Salzburg anscheinend eine Kooperation mit den Trafikläden, wo man sein Paket abholen kann und lediglich durch die Trafik-Öffnungszeiten eingeschränkt ist, die aber meist nicht schlechter als der Post selbst sind.

Ärgerlich hingegen ist für mich oft das Online-Angebot von Sport- oder Elektronikgeschäften aufgebaut mit umständlicher Navigation, zu wenig Filtermöglichkeit (Vorbild: Conrad, oft schlecht hingegen fast alle Bergsportgeschäfte) und unübersichtlicher Darstellung. Ich behelfe mir bei Einkäufen im Geschäft oft damit, mir die entsprechenden Produkte im Online-Shop herauszusuchen. Idealerweise sollte man so auch mit Amazon verfahren und dann im Einzelhandel bestellen.

Es ist also paradox: In Einkaufszentren oder allgemein großen Geschäften wird die Reizüberflutung rasch zu viel, aber im Einzelhandel fühle ich mich durch die direkte Ansprache oft unter Druck gesetzt und meine Entscheidungsfähigkeit ist auch nicht die allerbeste, besonders bei Elektronikgeräten (Kamera, Computer, Handy), während ich beim Kleidungskauf meist beim erstbesten Stück zugreife. In der Elektronikbranche ist dann auch ganz schlimm, wenn man mehrere „Experten“ fragt, die alle was anderes sagen und hinterher dann „Warum hast du xy gekauft, z war doch viel besser …?!“

So, und jetzt bin ich schon den ganzen Vormittag reizüberflutet und soll dann am Nachmittag einkaufen gehen, dann reicht es mir schon nach einem Geschäft. Hier habe ich seit der Diagnose lernen müssen, mir nicht zu viel an einem Tag zuzumuten. Nicht erzwingen, sondern nichts überstürzen. Meist ist es auch nicht so dringend, alles an einem Tag machen zu müssen. Andererseits, wenn ich mich fit genug fühle, lege ich auch gerne Einkäufe auf ohnehin terminverseuchte Tage, sprich, an denen ich nicht wandern gehen kann. Ich fasse sozusagen die Pflichttermine zusammen, damit ich an den freien Tagen auch wirklich frei habe und nicht noch einkaufen gehen muss, weil ich dann mit dem Zeitmanagement wieder in die Bredouille komme. Darum steht vieles auf To-Do-Listen, wird vorher online herausgesucht, und dann nacheinander abgehakt.

Es ist natürlich speziell in Salzburg eine positive Erkenntnis, dass man auch nach einem Einkaufsvormittag am Nachmittag schnell auf den Gaisberg steigen kann und sogar mit dem Bus hinabfahren kann, wenn einem der Rückweg zu weit wird oder es zu regnen beginnt [ich gehe durchaus gerne im Regen und liebte die Wienerwaldregenspaziergänge, aber der Gaisberg ist die prädestinierte Anlaufstation für die ersten Gewitter und daher im Sommer mit Vorsicht zu genießen].

Summa Summarum ist Achtsamkeit wichtig. Es darf aber auch nicht von mir erwartet werden, dass vier, fünf Einkäufe am gleichen Tag, möglicherweise alles im Einkaufszentrum einfach so von mir weggesteckt werden können, ohne dass ich grantig, hektisch, unruhig werde oder spontan nur raus will. Hilfreich ist übrigens die Mitnahme von Musik am Handy oder MP3-Player, womit ich die Geräusche von außen ausblenden kann. Auch Traubenzucker oder ein Cola helfen, weil durch den steigenden Adrenalinpegel der Hunger bzw. das Unterzuckerungsgefühl früher kommt.

Nichtsdestotrotz kann ich selbständig leben, bringe die meisten Einkäufe, wenn auch manchmal mit Verzögerung, zustande und kann mich selbst verpflegen. Man muss seine Strategie finden. Was auch eine Möglichkeit wäre, ist beispielsweise sich seinen Lebensmitteleinkauf liefern zu lassen, wenn man der lauten Musik und Werbegedudel in den Supermärkten entgehen will, es einem am Bauernmarkt aber auch wieder zu persönlich, direkt und hektisch zugleich ist. Da habe ich mich bisher noch gesträubt, weil ich mir Lebensmittel dann doch vor Ort aussuche und – anders als manch andere Autisten – nicht das Bedürfnis nach den exakt gleichen Lebensmitteln habe.

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Ein Gedanke zu “Die Sache mit dem Einkaufen

  1. Sarinijha 31. Mai 2017 / 20:51

    Ein lesenwerter und nachvollziehbarer Beitrag.
    Ich muss ja gestehen, dass ich bei Lebensmitteln kaum noch Probleme habe. Früher schaffte ich das nicht alleine, aber hier an meinem Studienort ist es sehr ruhig und gelassen. Ich mag den Supermarkt und den kleinen Bioladen, während ich für den Discounter schon mehr „Nerven“ brauche.
    Kleidung jedoch ist eine richtige Hürde. Alleine würde ich niemals in die Großstadt fahren, geschweige denn in ein Einkaufszentrum. Selten schaffe ich es in kleinere Läden zu gehen, aber meist nur in Begleitung meines Hundes. Online ist da (leider) oft die bessere Alternative.
    Liebe Grüße,
    Sarinijha

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