Wege aus der Kopfkrise

Meistens sind es wiederkehrende Gedankenstrudel, die sich verhaken und dann in die Schlaflosigkeit führen. In der Müdigkeit passieren wieder Fehler, Missverständnisse und die Reizempfindlichkeit ist heraufgesetzt. Es wäre vermessen zu sagen, dass alle aufgezählten Strategien immer helfen – am meisten helfen würde mir ein Partner oder ein Haustier, vorzugsweise Hund oder Katze. Das ist aber in meinem Lebensentwurf beruflich nicht umsetzbar, also muss ich mein chronisch erhöhtes Stresslevel anders erniedrigen. Die Idee für diese Auflistung kommt von Amy’s Blog – danke an dieser Stelle!

Schreiben

An oberster Stelle steht das Schreiben. Ich kann ohne einen analogen Blog (sprich, einen Notizblock) samt Stift nicht das Haus verlassen. Deswegen hab ich auch meist einen Rucksack mit. Ich muss die Gelegenheiten haben, mir etwas zu notieren. Aber was einerseits alltagspraktisch ist, dient in vielen Fällen der Entspannung und dem Aussprechen/schreiben von täglichen oder langfristigen Herausforderungen, in welcher Form auch immer: E-Mails, die ich allerdings dann nicht immer abschicke, Blogtexte, Listen. Nach Tagen ohne Möglichkeit zu Schreiben, etwa auf Schulungen, Tagungen oder auch Urlaub werde ich langsam unrund, weil Schreiben für mich lebensnotwendig ist. Für mich ist die schriftliche Dokumentation zudem notwendig, um nichts zu vergessen, was nach einem Gespräch, so wichtig und befreiend es gewesen sein mag, leicht passieren kann. Beim Schreiben kann ich Situationen, Gespräche, aber auch Konflikte reflektieren und analysieren.

Bergsport

Vor meiner Übersiedlung war ich regelmäßig bouldern, jetzt fehlt die Überwindung und Motivation alleine. Abgesehen davon nutze ich jede Gelegenheit, um in die Berge zu gehen. Nicht immer eine große oder schwere Tour, sondern Hauptsache Bewegung und Naturerlebnis. Die Sinne werden angeregt, ich fokussiere auf Wegsuche und Umgebung, Probleme werden in den Hintergrund gedrängt. Das Befreiungswandern klappt nicht immer, in depressiven Episoden ist auch das Selbstbewusstsein geringer, ich traue mir dann schwierigere Wegpassagen seltener zu als in besserer psychischer Verfassung. Darum versuche ich mir, wenn der Kopf blockiert, nicht zu anspruchsvolle Touren vorzunehmen. Vor allem sollte die Anreise unkompliziert sein, weil auch das abschreckend ist.

Fotografie

Wie anfangs gebloggt, ist ein Spezialinteresse von mir das Fotografieren. Seit der Übersiedlung bin ich in einem mir ziemlich fremden Gebiet unterwegs. Alles ist neu, und so bin ich nicht nur am Berg, sondern verstärkt wieder in Städten unterwegs. Vor allem alte Kirchen haben es mir angetan, aber auch verwinkelte Gassen und ein Schuss Streetfotografie, nachdem das Touristenpublikum hier wieder ein wenig anders als in Wien ist. Fotografieren bedeutet für mich eine zweifache Entspannungsroutine: Im Schaffensprozess selbst – unterwegs sein, fokussieren, äußere Reize ausblenden (manchmal behelfe ich mir mit Kopfhörern), Motive aussuchen, an den Einstellungen der Kamera drehen – und in der Nachbearbeitung. Ich stell anschließend nicht einfach nur einen Stapel Bilder online, sondern jedes Bild erzählt seine eigene Geschichte. Ich recherchiere viel zur Herkunftsgeschichte von alten Gebäuden, Orts- und Flurname oder beschrifte meine Gipfelpanoramen, schreibe zum jeweiligen Wetter und identifiziere Flora und Fauna. Ja, das kostet zweifellos viel Zeit, nicht selten dauert so ein Wanderbericht länger als die reine Gehzeit. Doch ich mache das gerne und mein Tourenbuch ist auch ein Nachschlagewerk geworden, ein Tagebuch für Wetter und Tourenideen.

Wochenpläne

Wie bei Amy hat es sich als effektiver erwiesen, sich keinen zu strikten Tagesplan zu machen. Ich erneuere alle paar Tage meine To-Do-Listen, ohne mich festzulegen, wann genau ich etwas einschieben kann. Selbst wenn ich objektiv Zeit habe, kann schlechter Schlaf, Kopfweh, unrundes Gefühl, Fettnäpfchentag, Reizempfindlichkeit, etc. verhindern, eine Aufgabe auf der Liste umzusetzen. Ebenfalls vorteilhaft ist die Aufdröselung in kleine Aufgaben, also nicht einfach putzen, sondern Küche, Wohnzimmer, Bad putzen. Ich schreibe mir Zettel, die ich gelegentlich verliere, fürs Einkaufen. Wenn ich daran denke, fotografiere ich sie mit dem Handy ab, denn letzteres vergesse ich so gut wie nie. So kann es sein, dass ich nach einem 12-Std.-Arbeitstag produktiver bin als an einem vermeintlich freien Tag dazwischen. Meine Tagesform kann ich nicht planen, deswegen lasse ich mir diesen Freiraum. Bisweilen sind auch Aufgaben dabei, die ich gerne erledige, wie Wanderberichte schreiben oder diesen Eintrag bloggen.

Sich etwas gönnen

Gleich nach dem Abhaken der To-Do-Liste steht die Belohnung. Das kann Frühstücken gehen sein, das lang gewünschte Teleobjektiv, ein gutes Essen, auch selbst kochen, wozu ich sonst seltener komme oder ein Ausrüstungsgegenstand fürs Wandern. Wichtig für mich ist, die Belohnung nicht an der Größe der Aufgabe auszurichten, da das subjektiv ist. Wenn ich es schaffe, die Wohnung durchzusaugen und durchzuputzen oder zum Friseur zu gehen, ist das für mich bereits eine gewaltige Energieleistung. Für viele „gehört es zum Alltag wie selbstverständlich dazu“. Selbstverständlich ist für mich jedoch gar nichts.

Ablenkung

Früher hab ich mehr gelesen. Das Smartphone ist und bleibt ein Hemmschuh, aber auch die tägliche Erschöpfung. Stattdessen schaue ich vermehrt Filme auf Netflix, meine Lieblingsserie (Star Trek, Raumschiff Voyager), ab und zu Fußball, wenn er frei übertragen wird. Was immer geblieben ist, ist die Musik. Nicht mehr so exzessiv wie vor und während dem Studium, als ich bis zu 16 Stunden täglich Musik hörte, aber immer noch elementar. Häufig höre ich Ö1, einer der wenigen Radiosender, wo keine Werbung dazwischenfunkt und kein oberflächliches Geblubber nervt, wenn man sich gerade konzentrieren möchte. Beim Schreiben ist Musik ein wichtiger Auslöser meiner Kreaktivität, vor allem psychedelische Musik wie Morcheeba, Pink Floyd und Klaus Schulze begleiten mich schon seit zwanzig Jahren, dieselben Lieder hundertfach, tausendfach gehört. Temporär gut ablenken tun Gespräche offline, aber dazu müssen die Personen passen. Eine größere Gruppe, bei der ich akustisch wieder im Nachteil bin, frustriert mehr. Lieber bin ich dann im kleinen Rahmen.

Hilfe suchen

Ultima ratio bleibt externe Unterstützung. Ich bin kein Wunderwuzzi, der jede Schwierigkeit wuppt, obwohl ich ziemlich selbstständig bin. Eine zweite Meinung ist kein Fehler. Gerade in sozialen Situationen, wo mir das intuitive Gespür fehlt, etwas anzusprechen, ohne andere vor den Kopf zu stoßen, bin ich froh, wenn mich „neurotypische“ Menschen mit Erfahrung im Autismus-Bereich beraten können. Hier schätze ich sehr, dass meine Berater auch per Mail erreichbar sind, was für mich barrierefreier ist als ein Telefonanruf.

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