Grenzen von Social Media

22
Das Stadtleben sorgt oft für eine Überreizung, dafür lebt man in Anonymität.

Mir sind in den letzten Wochen und Monaten zunehmend die Grenzen der allgegenwärtigen Social Media Überflutung bewusst geworden. Zu den Vor- und Nachteilen von Internet allgemein habe ich schon ausgiebig gebloggt. In diesem Beitrag möchte ich erläutern, weshalb insbesondere Facebook und Twitter gravierende Nachteile haben gegenüber Internetforen, welche es schon von Beginn an gibt, unabhängig von der Datenabgreiferei, über die man selbst wenig Kontrolle hat. Jede Medaille hat zwei Seiten und ich kann derweil nicht mehr hören, wie super Twitter für Autisten ist, als gäbe es hier überhaupt nie Missverständnisse. Ich erlebe hier denselben Shit wie ich in meiner Schulzeit erlebt habe. Gruppendynamik kann sich frei entfalten. Die Kontrollinstanz fehlt. Niemand schreitet ein, um ausufernden Streit, Anschuldigungen, Verleumdungen und Lügen zu unterbinden

Foren

Ich hab im Dezember 2001 das Licht des Netzes erblickt und mich sogleich in einem Forum angemeldet. Im März 2002 war ich bereits in drei Foren aktiv, es folgten weitere. Heute schreibe ich immer noch aktiv in fünf Foren, in den meisten seit über 10 Jahren mit nur kurzen Unterbrechungen. Die Menge der Beiträge ist weitaus übersichtlicher und überschaubarer als in anderen sozialen Medien. Man kann auch lange Beiträge schreiben, weil es keine Zeichenbegrenzung gibt und hat meistens eine gewisse Gestaltungsmöglichkeit. Echte Diskussionen sind also möglich, indem man sich von Beginn an klar ausdrücken kann ohne wichtige Informationen aus Platzmangel weglassen zu müssen. Das Allerwichtigste in meinen Augen sind aber die Moderatoren, welche frühzeitig ausufernde Diskussionen unterbinden bzw. ggf. die beteiligten Schreiber ermahnen, sich an die Forenregeln zu halten. Früher hieß es auch Nettiquette (net + etiquette). Wenn die Gesinnung des Forenbetreibers durchschlägt bzw. dieser nicht objektiv agiert, können natürlich auch die Moderatoren Fehlbesetzungen sein, aber im Allgemeinen habe ich die Teams an Moderatoren bisher immer recht ausgewogen erlebt, mit den Ecken und Kanten, die jede Persönlichkeit hat. Ein Moderator hält sich in seiner Vorbildfunktion in der Regel aber stärker zurück als die User selbst. Er greift dann ein, wenn die Sachebene verlassen wird und User gegeneinander persönlich werden, bzw. wenn die festgeschriebenen Regeln verletzt werden. User, die wiederholt über die Stränge schlagen, werden verwarnt und in letzter Konsequenz gesperrt. Im Gegensatz zur Millionen Nutzern in den sozialen Medien handelt es sich selbst in größeren Foren meist nur im wenige Zehntausend User, also können Moderatoren zeitnah Maßnahmen ergreifen.

Mobil konzipierte Netzwerke befrieden den Geltungsdrang

Die meisten Foren haben mit der Einführung sozialer Netzwerke wie StudiVZ, Facebook und Twitter deutlich an Attraktivität und Userzahl verloren. Das mag einerseits daran liegen, dass viele Foren nicht für mobile Benutzung konzipiert wurden, andererseits auch an der zunehmenden Profilierungs- und Vernetzungssucht, die mit Facebook, Instagram & CO viel leichter realisiert werden konnte. In Foren dauert es länger, sich Reputation zu erarbeiten als in einem schnellebigen Medium wie Twitter oder Facebook. Der Geltungsdrang lässt sich hier hervorragend ausleben, weil der Schneeballeffekt (Beiträge „teilen“ bzw. „retweeten“) Reichweite verschafft. Bestes Beispiel dafür ist der neue US-Präsident: Journalisten aus aller Welt stürzen sich wie Mistkäfer auf jeden Schiss, den er ins Twittermedium loslässt. Ich kann mich erinnern, dass Twitter bereits als gemütlicher betrachtet wurde, bevor die ganzen berühmten Journalisten dieses Medium entdeckt hatten. Jetzt leben wir in einer Zeit, in der wir uns wünschen, dass Politiker dieses Medium nie entdeckt hätten. Es wird schneller hineingeschissen als man den Mist korrigieren kann. Das hat natürlich auch den ganzen Harem an Anhängern nachgezogen, die ihrerseits Verschwörungstheorien verbreiten, wogegen man gar nichts tun kann. Auf Facebook natürlich dasselbe.

Unmoderiert außer Kontrolle

Und das ist der entscheidende Unterschied zu einem Forum. Hier kann man als Moderator von seinem Hausrecht Gebrauch machen und Faktenverdreherei löschen oder zumindest klarstellen. Auf Twitter geht das nur bedingt. Was man nicht hören will, wird geblockt oder stummgeschaltet. Es wird nichts moderiert, weil dafür weder das Personal ausreicht, die Algorithmen intelligent genug sind, um nicht Unschuldige zu beeinträchtigen und weil die Kontrolle nicht transparent genug wäre. Wer entscheidet, was gegen die Regeln verstößt? Im schlimmsten Fall sammeln sich nämlich mehrere, um eine unliebsame Person loszuwerden, indem sie sie melden, obwohl die Person tatsächlich nichts getan hat. Kritiker können so mundtot gemacht werden. Speziell auf Twitter ist mir wiederholt aufgefallen, wie schnell sich ein Zwiegespräch zu einem regelrechten Shitstorm hochschaukeln kann. Der Ursprung lag in einer missverständlich, weil aus Platz- oder Zeitmangel verkürzt wiedergegebenen Aussage, oder weil man schlicht in dem Moment nicht daran dachte, dass man das auch ganz verstehen kann. Menschen lesen das, was sie lesen wollen, wichtiger Subtext wie Tonfall, Gestik, Mimik, Körperhaltung, aber auch Hintergrund bzw. Kontext gehen oft flöten.

Künstliche Verhaltensregeln

Ein wunder Punkt, den anzusprechen jetzt nicht unbedingt auf Gegenliebe stoßen wird, aber manchmal geht mir das „das darf man nicht sagen/schreiben, weil …“ auch zu weit. Konsens besteht imho bei gesellschaftlich anerkannten No-Go’s wie dem N*-Wert. Wenn jemand aber Idiot oder dumm oder bescheuert schreibt, ist da nicht sofort ein Zusammenhang zum Dritten Reich. Sicherlich ist der Grat dünn, insbesondere, da wir derzeit auf dunkle Zeiten zusteuern, wo wir sehr aufpassen müssen, wie mit geistig behinderten Menschen umgegangen wird. Wenn die meisten von uns im Alltagsgebrauch diese Zuschreibungen benutzen, dann aber nicht für intellektuell beeinträchtigten Menschen, sondern für intelligente Menschen mit (affektiven) Aussetzern, so wie uns (mir) selbst solche Worte herausrutschen, wenn wir gerade in Rage über etwas oder jemand sind. Inzwischen ist es jedenfalls schon soweit gekommen, dass ich ganze Passagen oder Tweets weglasse, weil ich Schiss habe, mit einem bestimmten Ausdruck jemanden auf die Füße zu treten bzw. Empörung auszulösen. Ich hatte unlängst ein Erlebnis, wo sich ein älterer Mensch sehr für Flüchtlinge engagiert hat. Im ersten Satz sprach er jedoch von Asylanten, was man sofort negativ konnotiert, weil es auch oft abwertend gemeint ist. Auf Twitter würde man wohl schon alleine durch die Wortverwendung empörte Reaktionen auslösen, so wie irgendwas mit Autismus oft schon empörte Reaktionen auslöst. Die Zeit und den Raum sich zu erklären, Kontext herzustellen, reicht aber oft nicht aus. Mein Eindruck ist, dass viele Menschen, die heikle Begriffe verwenden, einfach nur schrecklich ahnungslos sind, bzw. sich nichts dabei denken und trotzdem sehr engagiert und sozial gerecht sein können. Kann man das zum Vorwurf machen? Ohne Twitter wüsste ich heute wohl noch nicht, welche zig Unterteilungen es bei nonbinären Geschlechtern gibt (also neben Mann und Frau). Vieles über andere Kulturen, über Behinderungen und bestimmte Ausdrucksweisen habe ich nur hier gelernt, weil ich „da draußen“ keinen Kontakt herstellen kann. Ich verkneife mir heute auch ein Idiot und dumm wesentlich häufiger, nicht nur, weil man es negativ konnotieren könnte, sondern weil es oftmals verharmlost. Dennoch würde mir nicht als Erstes herausrutschen, „das darf man aber nicht sagen, weil …“

Ungefiltert in den Overload 

Der letzte Punkt betrifft speziell hochsensible Menschen ein wenig mehr als andere. In manchen Foren wird zum Glück Politik konsequent verbannt, wenn es nicht ein Spezifikum des Forums selbst ist. Nach fünfzehn Jahren Erfahrung mit Foren stelle ich fest, dass es fatal ist, politische und religiöse Themen zuzulassen. So erfährt man möglicherweise einen ideologischen Hintergrund eines sonst sympathischen Users, der dem eigenen völlig zuwider ist. Es gelingt einem (mir) dann nicht mehr, die Beiträge dieses Users unvoreingenommen zu lesen. („Er schreibt ja sonst gut, aber er wählt AfD und verherrlicht Trump“) Das hat auch schon soweit geführt, dass Bekannt- und Freundschaften zerstört wurden. Selbst wenn Politik zugelassen ist, sorgen gute Moderatoren dafür, Politik auf ein Unterforum zu beschränken. Ich werde damit also nirgends belästigt als in diesem einen Unterforum. Auf Twitter ist das spätestens seit Trumps Wahl anders geworden. Ich hatte schon extra Listen über bestimmte Themen angelegt, doch nun twittern auch die Mediziner und Autismusforscher ununterbrochen über Trump. Es gibt bis auf Katzenbots praktisch keine Liste mehr, wo nicht die Weltpolitik im Vordergrund steht. Das ist natürlich verständlich, weil dieser Hitlerverschnitt alle Bereiche des täglichen Lebens und der Forschung durchdringt, über die ich mich informieren will. Es gibt kein Entrinnen. Doch wie einige andere User muss ich die Art und Menge an Information filtern, die täglich auf mich einprasselt. Wenn der offline-Alltag bereits herausfordernd genug ist, brauche ich den ständigen Weltschmerz nicht auch noch in meiner täglichen Dosis Online-Information. Die Zeitungen kann man derzeit ohnehin nicht mehr aufschlagen. Die ersten User haben sich bereits verabschiedet bzw. sind in die Twitterpause gegangen, weil die Intensität, mit der die Welt gerade den Bach hinuntergeht, zuviel für sie ist. Ich wäre der erste, der eine Twitterabschaltung in Kauf nehmen würde, wenn das den weltweiten Wahnsinn beendet, den der amerikanische Hitlerverschnitt (es gibt ja leider mehrere Diktatorenanwärter, die in den Faschismus abdriften) wie ein Brandbeschleuniger verstärkt.

Mein vorläufiges Résumée:

Ich weiß nicht, wohin das alles steuert. In Zeiten, wo autoritäre Staatsformen wie Pilze aus dem Boden schießen, bereitet es mir zunehmendes Unbehagen über Datenkraken wie Twitter und Facebook zu kommunizieren, das betrifft natürlich auch Mailprogrammriesen und Suchmaschinen. Davon abgesehen werden in meinem Fall die Foren wohl die sozialen Netzwerke überleben. Die zu lösende Aufgabe wird sein, die wichtigen Kontakte weiter zu pflegen, wenn Twitter und Facebook nicht mehr da sind. In der Dystopie, dass das Internet irgendwann zusammenbricht bzw. auf bestimmte Regionen beschränkt wird, zählen aber wohl ohnehin nur noch die engsten Kontakte in unmittelbarer Umgebung. Wenn ich mich so im Bekanntenkreis umhöre, scheint Facebook seinen Zenit überschritten zu haben. Auch auf Twitter verabschieden sich schon die ersten endgültig. Offenbar haben auch die Mitmenschen immer weniger Lust, überall mit Bullshit behelligt zu werden. Wenn man nicht gerade zum Hauptberuf „ich argumentiere den Bullshit in Grund in Boden“ hat, dann schafft man (ich) es schlicht nicht mehr, jedem Bullshit etwas zu entgegnen.

Das ist eine traurige Feststellung: Gutes verbreitet sich nicht von alleine, Böses schon. Gute Menschen haben ein endliches Maß an Zeit, dagegen zu halten, bösen Menschen ist es anscheinend ihr liebster Zeitvertreib. Gewisse gesellschaftliche Errungenschaften sind für mich indiskutabel: Grund- und Menschenrechte gelten für jeden.

John Connor: You just can’t go around killing people.
The Terminator: Why?
John Connor: What do you mean why? ‘Cause you can’t.
The Terminator: Why?
John Connor: Because you just can’t, OK? Trust me on this.

(Terminator 2 – Judgement Day)

Advertisements