Social Media: Immer erstrebenswert?

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Obwohl ich Politik aus diesem Blog weitgehend heraushalten möchte, geistern die Gedanken seit einiger Zeit in meinem Kopf herum. Über Fluch und Segen des Internets habe ich bereits ausführlich geschrieben. Ich – und wahrscheinlich viele andere auch – hätte es nicht für möglich gehalten, dass wir in ein Zeitalter einzutreten drohen, das es zuletzt vor über 80 Jahren gegeben hat. Angela Merkel hat im Juni 2013 in einem anderen Zusammenhang einmal  gesagt „Internet ist Neuland.“ Das wurde – rund 20 Jahren nach dem Populärwerden des Internets – oft belächelt. Wir haben übersehen, dass dieses Internet – wie jede gesellschaftliche Errungenschaft – nicht nur Gutes hervorbringt. Das fällt uns jetzt auf den Kopf. In unserem naiven Weltbild hätte die globale Vernetzung zum Abbau von Vorurteilen und kommunikativ erleichtertem Miteinander führen sollen. Gerade für uns Autisten sind soziale Medien daher ein Segen, weil wir barrierefrei – nicht hürdenfrei – kommunizieren können.

Einschränkungen:

1. Cybermobbing

Mobbing ist ein riesiges Problem in der Kind- und Jugendzeit, häufig auch in der Ausbildung und am Arbeitsplatz. Mobbing kann lebenslange Traumata auslösen, psychisch bedingte Folgeerkrankungen bis hin zur Unfähigkeit, am täglichen Leben teilzuhaben. Mobbing frisst das Selbstwertgefühl auf – besonders, wenn man keine Unterstützer hat und nichts dagegen getan wird. Bis heute ist es schwierig, nachzuweisen, dass man gemobbt wird und dadurch tatsächlich Schäden erlitten hat. Die Täter kommen leicht davon. Mobbing war schon schlimm genug, als es noch kein Internet gab. Damals hatte man wenigstens zuhause Ruhe, wenn der Schulalltag schon zur Hölle wurde, wenn man aus Angst nicht schlafen konnte, wenn man mit Bauchweh zur Schule ging. Heute dank Netzwerke, dank Facebook, dank großer Unternehmen, die sich nicht in der Pflicht sehen, grobe Verstöße zu sanktionieren, ist Mobbing allgegenwärtig – es verfolgt bis in die Freizeit, es hört nie auf und es verbreitet sich zigtausendfach im Extremfall, wie zuletzt bei einem Schlägervideo gesehen, wo ein Schüler betroffen war. Der Film Homevideo thematisiert, was die finale Konsequenz bei Cybermobbing sein kann. Bis heute ist Mobbing schwer in den Griff zu bekommen, weder offline sind die Gesetze ausgereift, noch online kann verhindert werden, dass sich rufschädigende, gemeine, peinliche Dokumente tausendfach verbreiten. Mobbing und Internet sind wie Haut bei einem Sonnenbrand – es vergisst nie. Solche Aktionen geraten leicht außer Kontrolle und sind schwer oder gar nicht reparabel. Das ist definitiv ein Problem. Nun ist ein großer Prozentsatz von Minderheiten, darunter auch Autisten, von Mobbing betroffen. Ich kenne oder las bisher von kaum einen Autisten, der nicht schlechte Erfahrungen gemacht hat, oft beginnend in der frühen Schulzeit. Warum Autisten leichter gemobbt werden, ist hier erläutert.

2. Filterbubble „Echokammern“

Filterblasen, auch Echokammern genannt, sind die Folge davon, nur jene Meinungen zuzulassen bzw. zu lesen, welche der mit der eigenen Meinung übereinstimmen. Im Endstadium gibt es nur schwarz und weiß, dafür oder dagegen. Autisten wird nachgesagt, dass sie zum schwarzweiß Denken neigen. Das gilt jedoch – im Hinblick auf die aktuelle politische und gesellschaftliche Entwicklung – eher nicht. Andererseits sagt man ihnen nach, ihnen sei Herdendenken fremd und sie denken gerne abweichend vom Mainstream. Ich halte durch meine langjährige Erfahrungen in sozialen Netzwerken von solchen generalisierenden Zuschreibungen immer weniger. In den Autismus-Genen, wie auch immer sie aussehen mögen, und sie sind SEHR vielfältig, gibt es kein fixes Gen, was vorherbestimmt, sich genau gemäß den Autismus-Stereotypen entwickeln zu müssen. Schwarzweißsicht ist ebenso wenig determiniert wie „Thinking outside the box“. Das Beharren auf einer eigenen Meinung muss nicht zwingend Schwarzweißsicht sein, auch wenn es auf Dauer anstrengend sein kann. Wenn ich mir anschaue, wie Hasskommentare im Netz massiv zugenommen haben und wie einseitig die Weltbilder sich darstellen, mit angeblicher Lügenpresse, mit den allerschlimmsten Vorurteilen gegenüber Minderheiten, mit Verhetzung und den Mistkübel über sie ausschütten, dann lässt sich das nicht an Genen festmachen oder an psychischen Erkrankungen. Es liegt auch an dieser speziellen Form der Kommunikation, die Widerspruch unterdrückt. In Facebookgruppen bestimmt der Gruppenadmin, wer eintreten und was jemand schreiben darf. Facebookgruppen sind damit die digitale Form des Wirtshaus geworden. Der Wirt bestimmt, wer kommt und wer gehen muss. Der Stammtisch hat sich verlagert, aber das, was damals nur so dahin gesagt wurde, kann sich jetzt ebenfalls tausendfach verbreiten. Das hat man unterschätzt! Ein Gedanke, einmal eingepflanzt, ist wie ein Virus, um aus dem Film Inception zu zitieren. Die mediale Berichterstattung, die inzwischen stärker „vom Volke“ ausgeht als einem Recht sein kann, weil nicht mehr gefiltert wird in „wesentlich und unwesentlich“ und „seriös recherchiert“ und „vorschnell behauptet“, hilft mit, die Echokammer-Weltbilder zu bekräftigen. Als Lügenpresse werden gut recherchierte Meldungen bezeichnet, während Verhetzung und Diffamierung „die Meinung des Volkes“ entsprechen, genauer gesagt der Meinung jener, die jetzt lautstark hassen. „Wir“ und „die“, gegenargumentieren ist schwierig geworden. In unserer einfältigen Vorstellung, und anfangs sah es durchaus positiv aus, hätte man mit sozialen Netzwerken Völkerverständigung betreiben können. Der – später niedergeschlagene – Arabische Frühling wurde durch soziale Netzwerke mitermöglicht, sich abseits der Zensur zu vernetzen und gemeinsame Aktionen zu initiieren. Dank sozialer Netzwerke habe ich Menschen unterschiedlicher Herkunft, Religion und mit und ohne Behinderungen in meinen Timelines, mit Menschen Kontakt, die ich offline nie getroffen hätte, und wenn – auch autismusbedingt – vermutlich nie angesprochen. Bestenfalls hätten all jene, die jetzt zu den Hatern zählen, positive Erfahrungen (im Netz) mit Diversität gemacht.

Jetzt haben wir die harten Fakten vor uns liegen: In den USA ist ein rechtspopulistischer Präsident am Schalthebel der Weltmacht, der die wichtigsten Ämter mit rechtsextremen Personen besetzt. Hass gibt es nicht nur im Netz, sondern auch offline gegen Minderheiten, so wie nach dem Brexit und so wie tausendfach inzwischen in Deutschland, wo die AfD es noch nicht in die Regierung geschafft hat. Auch in anderen Ländern ist Menschenverachtung zunehmend nicht nur im Netz vertreten, sondern wirkt sich unmittelbar im Alltag aus. Die Dämme sind gebrochen, die Hemmungen sind weg, und die Regierungen legitimieren sie, indem sie die Politik der Populisten betreiben. Sowohl die Aussagen als auch die Parteiprogramme der neuen Rechten und deren Anhänger sind klar rechtsextrem, teils nationalsozialistisch. Da gibt es überhaupt nichts zu verharmlosen. Wutbürger, besorgte Bürger, X-Gegner, Erzkonservative, vergesst solche Euphemismen!

Universell gültige Grund- und Menschenrechte sind die wichtigste Errungenschaften als Konsequenz der Naziherrschaft. Diese sind nicht diskutabel, nicht verhandelbar. Hier gibt es keinen Diskussionsbedarf mit Rechtspopulisten. Sich auf ihre Ansichten einlassen, mit ihnen reden, sie ihre Sicht (medial aufgebauscht in unzähligen Talksendungen, inzwischen selbst in öffentlich rechtlichen Sendern) darlegen lassen, es hat Grenzen! Der Standpunkt der angeblichen Lügenpresse, der „Linken“, der Gemäßigten, dass „jeder Mensch frei und gleich an Würde und Rechten geboren wurde“ (Allgemeine Erklärung der Menschenrechte) ist unverrückbar. Genau diese Errungenschaften werden derzeit bereits ausgehöhlt, indem man etwa Flüchtlingen weniger Sozialhilfe gibt als Staatsbürgern, indem ein amerikanischer Präsident mit Eugenetik argumentiert, weshalb ER so erfolgreich sei und die Rechte behinderter Menschen einschränken will und fremdenfeindlich motivierte Straftaten gegen Minderheiten, wie hunderte brennende Flüchtlingsheime oder Alltagsrassismus, lascher geahndet werden.

Wir, dazu zählen in diesen dunklen Zeiten gerade (Regierungs-) Politiker und Journalisten, müssen uns nicht auf den Standpunkt von Rechtsextremen einlassen. Wir müssen nicht versuchen, etwas Gutes daran zu finden, wir müssen ihre Sichtweise nicht verstehen lernen. Wir müssen die Ursachen für Populismus ansprechen und beseitigen: Arbeitslosigkeit, Zukunftsängste und sozialer Abstieg durch sozialfeindlichen Systemumbau. In Deutschland war es die neoliberale Politik unter Rotgrün (!) mit Hartz4 als Super-Gau, die desillusioniert hat, die dazu führt, dass Menschen aus Protest nicht mehr Links, sondern Rechts wählen, weil sie von links verraten wurden. In vielen Ländern sind die Sozialdemokraten schwach und opportunistisch geworden, bleiben lieber an der Macht statt ihre Werte zu vertreten. In den USA hätte Bernie Sanders eine andere Politik aufgezogen als seine gescheiterte Widersacherin Clinton. Wir sind an einem Punkt angelangt, wo dagegen anreden scheinbar vergebens geworden ist, weil, wie erreicht man Menschen, die in ihren Echokammern gefangen sind? Es hilft nur tun, tun, tun, statt auf die Schlagworte der Rechten (Flüchtlinge, Migration, Mindestsicherung, Islam, etc.) immer wieder reflexhaft einzugehen, die nichts zur Problemlösung beitragen.

Warum schreibe ich das hier auf einem Blog über Autismus? Man sagt Autisten nach, sie hätten keine oder weniger Gefühle, was falsch ist. Autisten haben oft mehr Gefühle als ihnen recht ist. Über-Empathie. Manche Autisten schauen aufgrunddessen kaum Nachrichten, weil sie das medial berichtete Leid zusätzlich zum Alltag nicht mehr ertragen. Es nimmt einen schwer mit, es macht einen atemlos, es sorgt für Enge in der Brust. Mich belastet diese gesellschaftliche Entwicklung sehr. Nicht nur, weil ich Nachteile für Autisten befürchte, weil bereits der Ist-Zustand alles andere als gut zu nennen ist und viel mehr getan werden müsste für Inklusion und Respekt, sondern weil es uns alle betreffen wird, und die Zukunft noch ungewisser werden wird. Weil ich – so wie viele reflektierte Menschen auch – die Anzeichen für einen Rückfall in die 30er Jahre sehe und daran nichts Paranoia ist, wenn man sich die Aussagen und Vorhaben Trumps und weiterer Populisten in (drohender) Regierungsverantwortung anschaut, und wie das immer noch verharmlost wird! Das verursacht mir nahezu körperliches Unbehagen. Ich müsste mich völlig aus den Netzwerken zurückziehen, um mich diesem zu entziehen, aber das wäre gleichbedeutend mit Isolation. Ein Dilemma, auf das ich noch keine Antwort weiß.

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2 Gedanken zu “Social Media: Immer erstrebenswert?

  1. phobine 22. November 2016 / 18:43

    Sehr gut auf den Punkt gebracht, was mir seit langem Unbehagen bereitet. Danke!

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  2. Daniel Rehbein 24. November 2016 / 22:40

    Ein langer und sehr starker Text. Es ist wirklich erschreckend, wie Begriffe umgedreht werden. Bürger, die andere hassen, werden als besorgt bezeichnet, oder sie bezeichnen sich selbst so. Angeblich ganz harmlos! Tatsächlich bin ich (wie viele anderen) ein besorgter Bürger, besorgt über den immer stärker sich artikulierenden Rechtsruck in der Gesamtgesellschaft.

    Viele Zeitungen sind in ihren Online-Ausgaben inzwischen dazu übergegangen, bei allen Themen, die mit Ausländern oder mit Rassismus in Zusammenhang gebracht werden können, keine Kommentarmöglichkeit mehr anzubieten. Der Haß der Menschen, der in den Kommentarfeldern ausgeschüttet wird, ist einfach unerträglich geworden. Aber die Hasser geben dadurch nicht auf, wenn sie keinen Kommentar schreiben können, dann benutzen sie als Ventil, Artikel als irrelevant zu bezeichnen.

    Ich hatte hier mal etwas über diese Beobachtung geschrieben:

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