Briefe an einen zehnjährigen Autisten

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Hintergrund:

Ein zehnjähriger Autist findet seinen Autismus peinlich und sieht sich selbst als defekt.

Alle Autisten waren mal zehnjährige Autisten und das Aufwachsen mit Autismus war für die meisten von uns alles andere als leicht.

Daher rufen wir alle Autisten (egal welchen Alters) dazu auf, einen Brief an den zehnjährigen Autisten zu schreiben um ihm dabei zu helfen, Autismus als Teil von sich anzunehmen und herauszufinden, wie großartig es auch sein kann anders zu sein.

Quelle: http://briefeaneinenautisten.tumblr.com/post/117540124631/%C3%BCber-die-aktion

Folgender Text wurde von mir bereits auf einem anderen Blog veröffentlicht, ist inzwischen leider gelöscht worden.

Lieber junger Mensch,

vor über zwanzig Jahren stand ich an Deiner Stelle. Damals hatte ich noch keine Diagnose. Lange Zeit wusste ich gar nicht, warum ich anders war, obwohl ich es sehr wohl spürte. Ich konnte mich stundenlang mit meiner Legostadt beschäftigen, habe viel gelesen und fing recht früh an, die Wolken und das Wetter zu beobachten. Während die Gleichaltrigen im örtlichen Sportverein waren, sich rauften, auf Bäume kletterten oder Schabernack im Ort trieben, blieb ich oft zuhause und beschäftigte mich alleine. Auch später hatte ich kein Interesse an Discos oder Autos, stattdessen zeichnete ich bis zu fünf Mal am Tag das Wetter auf und führte umfangreiche Listen über die Wetterwerte und Wetterzustände. Für mich war dies normal, die Erholung vom Alltag. Ich konnte regelrecht darin aufgehen und saß oft stundenlang am Fenster, wenn es regnete oder schneite, liebte, wenn es auf dem Dachfenster prasselte, und stellte eigene Überlegungen zum Wetter auf und wartete begierig darauf, sie beweisen zu können.

Die Schulzeit selbst war schwierig, das gebe ich offen zu. Vielleicht hätte mir eine frühe Diagnose geholfen, andererseits wusste man damals weit weniger als heute und es gab noch kein Internet. Es wäre schwieriger gewesen, jemanden kennenzulernen, der so ist wie ich. Damals fühlte ich mich oft einsam und verstand nicht, warum ich von anderen Kindern gehänselt wurde. Manchmal muss ich sie unabsichtlich provoziert haben, weil ich die sozialen Regeln nicht wusste. Kinder können jedoch auch sehr gemein sein, ohne dass man selbst etwas dazu kann.

Es hat lange gedauert, bis ich mich so akzeptieren konnte wie ich bin. Ich machte mein Spezialinteresse zum Beruf, vom Wolkenbeobachter zum Wetterfrosch. Ich akzeptiere heute, dass ich nicht jemand bin, der ständig abends weggehen muss und sich unter vielen Menschen bewegt, sondern ich gehe gerne wandern, alleine oder mit Freunden, die genauso gerne wandern gehen. Gleichgesinnte sind wichtig. Das können andere Autisten sein, aber auch allgemein Menschen, die Dein Spezialinteresse teilen.

Wenn ich mit anderen Autisten rede oder mich mit ihnen treffe, macht mir meine eigene Unbeholfenheit nichts mehr aus. Ich kann so sein wie ich eben bin und werde so akzeptiert. Dann zählen weniger Äußerlichkeiten oder sich so zu verhalten, wie es erwartet wird, sondern man kann offen über alles reden, über seine Interessen und auch tiefsinnige Gespräche führen. Oberflächliches Dahinreden mag ich nicht so. Von Defiziten spürt man nichts mehr, bzw. kann man sich über seine Defizite gegenseitig austauschen, und weiß, dass der andere das viel eher verstehen kann. Er oder sie kennt das ja auch. Man nimmt auch eher aufeinander Rücksicht. Wenn man weiß, dass der andere auch sehr geräuschempfindlich ist, trifft man sich an einen ruhigen Ort. Dann klappt das auch besser mit dem miteinander reden.

Das, was ich sehr an mir schätze, ist die Fähigkeit, viel Wissen in kurzer Zeit aufzusaugen.  Ich liebte es schon als Kind, in einem Fremdwörterbuch zu schmökern (vor allem griechisch-latein) und interessierte mich für medizinische Fachbegriffe. Auch heute noch setze ich mich intensiv mit allem auseinander, das mich sehr interessiert, etwa mit Architektur, mittelalterlichen Kirchenbauten, Geschichte von den Städten, in denen ich lebe und zufällig einmal zu Besuch war, mit Autismus und allem drum herum. Stundenlang kann ich darüber lesen und schreiben, die Zeit vergeht, und ich denke ganz fest nur an das Interesse. Vor lauter Interesse vergesse ich, dass ich einsam bin und habe stattdessen gute Gefühle. Und später kann ich anderen Menschen etwas von meinem Wissen erzählen, wenn sie danach fragen, oder wenn man sich mit Gleichgesinnten trifft. Das, was man da macht, hat also alles seinen Sinn, selbst wenn es manchmal wie sinnloses Wissen erscheint.

Vielleicht ist das die Erkenntnis, die ich Dir mit auf dem Weg geben kann. Wie Du denkst, wie Du fühlst, was Dich interessiert, das ist gut so. Du wirst – auch dank Internet und dieser Briefe – merken, dass Du mit Deiner Wahrnehmung und Deinem Denken nicht alleine bist. Du wirst Gleichgesinnte finden, die Dir Hoffnung geben, die zeigen, dass Du nicht falsch bist und dass es viele „andere“ gibt.

Dein Forscher

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2 Gedanken zu “Briefe an einen zehnjährigen Autisten

  1. Juliane Amiri 15. November 2016 / 9:19

    Sehr wertvoll. Macht aus ’scheinbar sinnlos‘ ein überzeugendes ‚Sinnvoll‘. Sehr ermutigend! Führt zu einer beruhigenden innerlichen Akzeptanz, meiner Meinung nach. Ich hätte diesen Text unheimlich gern als Zwölfjährige gelesen…nun hat es mich 30 Jahre später trotzdem noch tief berührt. Danke!!! für diese großartige Inspiration, Forscher!

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