Autismus als Spektrum

Das Autismus-Spektrum, das nach den neuesten Definitionen Asperger-Syndrom, frühkindlichen Autismus und atypischen Autismus miteinschließt, lässt sich bestenfalls so darstellen wie im zuletzt übersetzten Artikel.

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Im Autismus-Spektrum zeigen Autisten Auffälligkeiten mehr oder weniger ausgeprägt in allen Bereichen, aber niemals die exakt selben Auffälligkeiten. Deswegen ist ein Autist genauso einzigartig wie ein Nichtautist auch. Schwierigkeiten verändern sich über die Lebensspanne hinweg. Reifeprozesse und Unterstützung von außen können zur Verbesserung führen, Erschöpfung und Depressionen genauso zur Verschlechterung.

Autismus umfasst Auffälligkeiten oder Einschränkungen in diesen fünf Teilbereichen:

  • Sprache: Dazu zählen vor allem die bekannten Schwierigkeiten in Kommunikation und Interaktion, also keine entwickelte Sprache, was es besonders schwierig macht, seine Gefühle und Bedürfnisse mitzuteilen, bis hin zu sehr gewählter Ausdrucksweise und Sprachentalenten, aber unempfänglich für Ironie, Subtext und impliziten sozialen Regeln, und dafür direkte, ehrliche Aussagen.
  • Motorik: Das betrifft Gleichgewichtssinn und Körperwahrnehmung, Koordination, Grob- und Feinmotorik, „ungewöhnlicher Gang“, Gehen auf Zehenspitzen, Unvermögen oder Schwierigkeiten, Rad zu fahren, Ball fangen, Ballsport allgemein, etc.
  • Sensorik: Hier sind alle anderen Körpersinne vertreten: Lärm-, Geruchs-, Berührungs-, Geräuschs- und Lichtempfindlichkeit. Aber auch Unterempfindlichkeiten bei Kälte oder Wärme, gegenüber Druck, etc. Studien und Umfragen unter Autisten zeigen, dass fast alle sensorische und/oder motorische Auffälligkeiten aufweisen.
  • Exekutivfunktionen: Ein weites Feld, das von zielgerichtetem Handeln, Wunsch nach Gleichförmigkeit/Routinen bis zum Umgang mit Stress und plötzlichen Veränderungen reicht. Exekutivfunktionen sind ein Maß für die Selbstständigkeit, auch hier gibt es die unterschiedlichsten Ausprägungen
  • Wahrnehmung: Die gängigste Definition von Autismus geht über das „anders verdrahtete Gehirn“, wodurch eine von der Mehrheitsgesellschaft abweichende andere Wahrnehmung entsteht. Das ist ausdrücklich neutral formuliert, weil diese andere Wahrnehmung, wie zuvor gebloggt bzw. darüber berichtet, auch Chancen beinhaltet, aus dem Mainstream auszubrechen und innovative Stärken zu entwickeln. Temple Grandin führt für die andere Wahrnehmung u.a. das Denken in Bildern oder Mustern an.

Muss Autismus therapiert werden?

Autismus ist für mich keine Krankheit. Auch den Begriff „Autismus-Spektrum-Störung“ lehnen viele (nicht alle!) Autisten ab. Sie sind Autisten. Der Autismus gehört untrennbar zu mir, er durchdringend meine gesamte Persönlichkeit. Deswegen bin ich auch Autist und kein Mensch mit Autismus. Autisten sind genauso Menschen. Mensch mit Mensch? Über den Begriff Behinderung kann man streiten. Je nach Tagesform fühle ich mich behindert oder erst stark durch meinen Autismus.

Tony Attwood, eine australische Autismuskoryphäe spricht daher auch davon Autismus „zu entdecken“, nicht zu diagnostizieren. Ich möchte meine andere Wahrnehmung nicht therapiert haben. Bei Exekutivfunktionen und Sensorik ist eine unterstützende Begleitung sicherlich sinnvoll, am ehesten lassen sich noch (ausbleibende) Sprache und motorische Defizite therapieren. Das ist auch deswegen so wichtig, weil nonverbale Autisten lebenswichtige Bedürfnisse wie Hunger, Durst oder Schmerzen nicht oder nicht immer verständlich mitteilen können. Gee Vero, Buchautorin und selbst Autistin, betont, dass autistisches Verhalten oder Stressreaktionen Folge der anderen Wahrnehmung sind. Bestenfalls lässt sich das Umfeld so anpassen, dass die Auslöser („Trigger“) seltener werden oder ganz verschwinden. Weil man bei Überempfindlichkeiten gegenüber Umwelteinflüssen schlecht die Sonne vom Himmel verbannen kann, hilft mitunter auch nur eine gute Sonnenbrille und grelle Sonne meiden. Therapiebedürftig sind viel häufiger seelische Begleiterkrankungen wie Depressionen, Ängste, Zwangsstörungen, Traumata, die immer Folge einer gestörten Interaktion mit der Umwelt sind, wobei die Schuld aber nicht beim Autisten zu suchen ist, sondern viel häufiger im Informationsmangel des Gegenüber. Daneben gibt es auch körperliche Begleiterkrankungen wie Migräne, Epilepsie, verschiedene genetisch bedingte Syndrome, bei denen Autismus gehäuft vorkommt (Ehler-Danlos, Klinefelter, Triple X, fragiles X, Rett-, etc.). Bei allen Begleitsymptomen muss man sich aber dessen bewusst sein, dass hier keine ursächliche Autismusbehandlung stattfindet.

Kompensation als Stärke, aber auch als Last

Auch vor zwei Tagen bei der Specialisterne-Veranstaltung über Autismus und Arbeit, wurde ich (wieder) erwähnt mit „auf mich wirkst du normal“. Das hat bei mir mehrere Gründe:

1. handelt es sich um ein Spektrum, wo Auffälligkeiten in unterschiedlicher Ausprägung vorliegen können. Die Sprache ist bei mir vergleichsweise wenig betroffen, auch meine „Stressreaktionen“ zeigen sich nicht durch selbstregulierendes Verhalten wie zappeln, Hände flattern, klatschen, etc.

2. war das Thema auf dieser Veranstaltung, aber auch die Fragen mein Lieblingsthema, sowohl meinen Beruf und Leidenschaft Wetter als auch mein Spezialinteresse Autismus betreffend. Nahezu jeder wird bestätigen, dass die Nervosität weit weniger groß ist, wenn man über etwas sprechen darf, wo man sich auskennt. Autistisches Verhalten zeigt sich besonders oft in unbekannten, unabschätzbaren Situationen mit erhöhter Nervosität (bis hin zu Panikattacken), schlechterdings gepaart mit sensorischer Überlastung (zu viele Menschen, zu laut, alle reden durcheinander).

3. gelingt es mir die meiste Zeit zu kompensieren, Ängste und Befürchtungen zu unterdrücken, den Geräuschpegel zu ignorieren oder mithilfe von Alkohol zu dämpfen, mich stärker auf die Person zu fokussieren, mit der ich gerade ein Gespräch führe, sodass ich vorübergehend ausblenden kann, dass im Raum gerade 60 Menschen quer durcheinander reden. Nur manchmal werde ich irritiert, vor allem, wenn ein Dritter dazwischenplatzt, um sich zu verabschieden oder etwas zu fragen. Das reißt mich mitunter aus dem Konzept und ich verliere den Faden.

Die Kompensationsfähigkeit ist wesentlich dafür verantwortlich, wie stark man seinen Autismus nach außen zeigt. Sich wenig Mühe dabei geben mag hilfreich für eine eindeutige Diagnose sein, ist aber kontraproduktiv für die Beurteilung durch andere. Wer auffällig zappelt oder redet, wird oft nicht ernstgenommen, die Intelligenz unterschätzt. Neuere Intelligenztests wie Raven’s Standard Progressive Matrices haben gezeigt, dass Autisten besser abschneiden als beim Standard-IQ-Test, welcher auch verbale Tests enthält. Mit anderen Worten: Wie jemand nach außen wirkt, sagt nichts über dessen Intelligenz aus.

Wer sich jedoch besonders viel Mühe gibt, nach außen möglichst unauffällig zu wirken, zahlt einen Preis dafür. Zum Einen braucht man Erholung und Rückzugsmöglichkeiten, zum anderen ist die Erwartungshaltung des Umfelds die gleiche wie bei Nichtautisten „du wirkst normal, also kannst du dasselbe wie wir auch.“ Diese Erwartungshaltung nicht immer erfüllen zu können führt auf Dauer zu Depressionen und Angsterkrankungen bei kompensierfähigen „hochfunktionalen“ Autisten.

Ich habe es schon oft geschrieben und möchte es immer wieder betonen: Der Umgang mit dem eigenen Autismus ist eine ewige Gratwanderung. Ich möchte nicht ausschließlich über meine Schwächen wahrgenommen werden, aber normal zu wirken birgt genauso die Gefahr zu hoher Ansprüche an das eigene Handeln. Es ist situationsabhängig, ob und wie man sich als autistisch outet. Ein wohlwollendes stärkenorientiertes Umfeld wie es inklusive Schulen bereits aufweisen ist von Vorteil, ein abwertendes defizitorientiertes Umfeld bietet keinen günstigen Anlass.

Hinweis: Auch der ausführlichste Text über Autismus ist niemals vollständig und es gibt immer andere Ansichten, neuere Erkenntnisse und notwendige Ergänzungen. Ich kann nur über das schreiben, was ich kenne und wovon ich überzeugt bin.

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Ein Gedanke zu “Autismus als Spektrum

  1. jubotwin 11. November 2016 / 1:39

    5 ⭐️ für den Artikel. Top (: sehr informativ

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