Mein Autismus

Der Text war Teil eines Vortrags, den ich heute bei einer Veranstaltung von Specialisterne Austria und Anecon in Wien gehalten habe.

Ich bin erst seit eineinhalb Jahren diagnostiziert und zähle wohl zu den unauffälligen Autisten. Unauffällig impliziert aber noch längst nicht, ein leichteres Leben zu haben, sondern auch mit hohen Erwartungen konfrontiert zu sein. In der Kind- und Jugendzeit blieb ich Außenseiter, mit anderem Musikgeschmack (z.B. Jazz) als alle anderen, anderen Hobbys, unsportlich und dafür immer viel am Schreiben, meist auf Notizzetteln und Blocks, aber auch Kurzgeschichten, Gedichte, usw. Meine Stärke war der Kopf, nicht der Körper. Meine Reizempfindlichkeit (gerade auf Geräusche) war zwar frühzeitig ausgeprägt, aber trat auf dem ländlichen Leben nicht sonderlich in Erscheinung. Erst mit dem Übertritt ins Studium bemerkte ich die Schwierigkeiten, weniger vom Lärm als vor allem zwischenmenschliche Kommunikation. Missverständnisse gab es immer wieder und ich kam mir oft reichlich naiv vor. Übrigens verstehe ich Ironie und Redewendungen oft problemlos, nur beim „abends werden die Bürgersteige hochgeklappt“ stellte ich mir das  bildlich vor.

Seit einem Jahr blogge ich hier regelmäßig über Autismus, über alles, was mich interessiert und weil ich gerne Englisch lese, übersetze ich englische Texte über Autismus, gelegentlich schreibe ich auf Englisch, weil ich meine Gedanken so besser zum Ausdruck bringen kann.

Viele dringende Themen betreffend Autismus gehören angesprochen, aber mich gibt es nur einmal und deswegen ist mein wichtiges Anliegen die Arbeit. Zuviele Ängste und Vorurteile verhindern, dass Firmen Autisten einstellen oder weiterbeschäftigen. Oft kommt es zu Missverständnissen aufgrund ihres Verhaltens oder unklarer Vorgaben. Und Autisten sind nicht nur in IT-Berufen zuhause, sondern in allen (!) Berufsfeldern, längst nicht nur Männer, sondern auch viele Frauen. Wenn die Rahmenbedingungen günstig sind, ist ein Autist ein genauso wertvoller und produktiver Mitarbeiter wie alle anderen auch.

Mein Werdegang ist sicherlich nicht stereotyp für Autisten. Zwar findet sich in vielen Infotexten oder Büchern über Autismus der Hinweis auf „beschäftigt sich gerne mit dem Wetter“, doch liest man nirgends von Autisten, die ein solches Spezialinteresse zum Beruf gemacht haben. Ich habe es studiert und arbeite seit über 6 Jahren im Schichtdienst. Dieser spezielle Beruf und meine Leidenschaft bringen es mit sich, sich immerzu mit dem Wetter zu beschäftigen. Wetter hört nie auf, nein, auch nachts nicht (schon zwei Mal bekam ich die irritierende Frage, was ein Meteorologe in der Nacht macht), und deswegen ist Vollzeit für mich kein Nachteil. In meiner Freizeit nutze ich mein Wissen, um meine Wandertouren zu planen und fotografiere währenddessen auch die Wetterphänomene, worüber ich später wieder Berichte und Fallstudien schreibe. So schließt sich der Kreis, es macht mir Spaß und ich gewinne ständig an Erfahrungen, die ich im Beruf direkt einsetzen kann.

Einschub Studium:

Ich hatte Glück. Ich wurde finanziell unterstützt, hab noch im Diplom studiert, konnte die zeitliche Abfolge der Fächer und Prüfungen großteils selbst bestimmen und es war eine kleine, aber sehr soziale Gemeinschaft an Studienkollegen, die sich gegenseitig geholfen hat. Heutzutage im Bachelor/Master hat sich vieles geändert, gerade in meinem Studienfach eindeutig zum Nachteil. Wen es wirklich in die Wettervorhersage zieht, der hat nach 3 Jahren Bachelor zu wenig Praxis und wird in der Regel schlechter bezahlt als mit Master-Abschluss. Es gibt viele Anwesenheitspflichten und kaum noch freie Wahlfächer (ich besuchte z.B. Sportphysiologie aus purem Interesse), was das interdisziplinäre Denken nicht fördert (das ist aber sehr wichtig, um Kreativität zu fördern).

Viele Autisten tun sich schwer mit …

  • Gruppenarbeit, Kontakte knüpfen, Fragen zu stellen
  • überfüllten Hörsälen, Reizüberflutung, Akustik (Professor ganz vorne verstehen), Prüfungssituationen mit Nebengeräuschen
  • Anwesenheitspflicht, wenn bereits der Alltag anstrengend ist und Erholung nur zulasten von Vorlesungsstunden gehen kann
  • Finanzierung durch Nebenjobs, weil dafür die Energie fehlen kann bzw. typische Nebenjobs nicht zwingend autistenfreundlich sind (z.B. kellnern)

Für viele Probleme gibt es jedoch Lösungen, sei es eine Assistenz(hund), feste Ansprechpartner im Studienfach, Nachteilsausgleiche bei Prüfungen, ein konsequentes Durchsetzen der Ruhe im Hörsaal (quatschende Studenten sind extrem störend und belastend), kleinere Gruppen, Kennenlernen über schriftliche Kanäle, etc.*

Auch in der Arbeit ähneln sich die Schwierigkeiten oft, aber auch hierfür gibt es Lösungen:

Wenn Telefonate schwerfallen … sich Notizen machen (daran erinnert werden, Notizen zu machen), um den Gesprächsinhalt nicht zu vergessen. Möglichst auf E-Mail ausweichen oder zusätzlich ein E-Mail schicken, um den Inhalt noch einmal zusammenzufassen.

Wenn Missverständnisse entstehen … Anweisungen klar formulieren und vor allem nicht auf die Zwischenschritte vergessen. Mir geht es dabei oft wie bei Anleitungen, ein Möbelstück zusammenzubauen, es werden oft Schritte übersprungen, „weil sie für den Durchschnittsmenschen eh logisch sind“, nur für mich eben nicht.

Die Umgebung reizarm gestalten …. also den Kopierer aus dem Büro in den Flur verbannen, nicht das Radio laut aufdrehen und schon gar nicht, wenn man gerade telefonieren muss. Wenn ein Einzelbüro nicht möglich ist, dann Kopfhörer anbieten, auch ein Milchglas hilft als Trennwand, denn ablenkend sind hektische Bewegungen im Blickfeld (wenn Kollegen oder Kunden hin und her laufen).

Infos bezüglich Änderungen rechtzeitig und vollständig bekanntgeben … nicht darauf hoffen „der wird das schon irgendwie erfahren“, gilt besonders bei Teilzeit, wenn die Anwesenheit im Büro zu einem Infomangel führt. Autisten fühlen sich wohler, wenn etwas vorhersehbar ist, wenn etwas geplant werden kann. Das senkt den (negativen) Stress deutlich, sie sind dann deutlich entspannter.

Feste Ansprechpartner sind ebenso hilfreich wie eine – stets aktuell gehaltene Checklist.

Über autistische Stärken habe ich mich erst vor kurzem ausgelassen. Ich glaube, dieses „thinking outside the box“ ist eine der Schlüsselfaktoren, wo Autisten einen Mehrwert einbringen können.

Bei mir ist es das Denken in Bildern bzw. Mustern, was mir in diesem Berufsfeld Vorteile bringt. Meine Aufgabe ist es, das Wetter richtig zu prognostizieren. Das geschieht mithilfe von Wetterkarten, die teils komplex aufgebaut sind. Wiederkehrende Wetterlagen zeigen ähnliche Muster (100 % gibt es nicht) und hier hilft die Erfahrung, diese Ähnlichkeiten zu erkennen. Ich kann die Karten blitzschnell durchscrollen, weil ich ein gutes visuelles Gedächtnis habe.

Ich achte auf Details und erkenne Kleinigkeiten, die große Auswirkungen auf die Qualität der Prognose haben können. Mein vielfältiges autodidaktisch erarbeitetes Wissen in den unterschiedlichsten Teilbereichen hilft mir hier weiter.

Detailerkennung bedeutet Fehlererkennung, ich sehe Rechtschreibfehler sofort und habe  ein Gefühl dafür, ob ein System „reibungslos“ läuft oder die Effizienz gesteigert werden kann. In den meisten Fällen läuft übrigens etwas unrund, weil ein Mangel an Kommunikation besteht. Es mag ironisch anmuten, dass dies ausgerechnet einem Autisten auffällt, aber aus einer Schwäche kann eben eine Stärke werden.

Eine logisch-systematische Denkweise ist immer hilfreich. Viel zu oft wird die Frage nach dem „warum“ nicht gestellt. Ich gebe mich nie damit zufrieden, wenn eine Prognose nicht hinhaut, sondern betreibe immer Ursachensuche. Erst, wenn ich die Ursachen einer Fehlprognose bzw. einer bestimmten Wetterentwicklung erkannt habe, kann ich dies beim nächsten Mal berücksichtigen und künftige Fehlprognosen vermeiden zu versuchen. Ich breche aus vorgefertigten Schablonen aus und lerne neue Methoden hinzu.

Den typischen Autisten gibt es nicht. Der eine hat kein Problem mit Telefonaten, etwa im Callcenter, weil es immer die gleiche Abfolge hat, die andere mag nur bestimmte Telefonate nicht oder kann nicht telefonieren, wenn es laut ist. Es gibt Autisten, die tagelang Exceltabellen ausfüllen können und andere, die Abwechslung – geplant – lieben. Der vermeintlich schüchterne Autist kann tatsächlich extrovertiert sein und gerne auf Partys oder Betriebsfeiern gehen, aber weiß nicht, wie er seine Kollegen anreden soll. Und nicht zuletzt sind Autistinnen auch in Sozialberufen vertreten, ich kenne Lehrerinnen, Ergottherapeutinnen und Psychologinnen. Ihr Spezialinteresse zum Beruf gemacht, warum muss Autismus da zwingend ein Hindernis sein?

Mein Appell an meine Leser, insbesondere an Arbeitgeber, Personalchefs, etc. ist:

  • Lasst Euch auf den Autismus ein! Wenn ihr von der Diagnose wisst, nehmt sie ernst. Fragt nach, holt Informationen ein, aber lasst ihn auch dazu etwas sagen, denn im Internet findet sich viel veralteter Unsinn über Autismus. Wenn sich ein Autist outet, ist das eine große Kraftanstrengung, die großen Respekt verdient! Legt ihm dann nicht nahe, es für sich zu behalten, wenn er offen damit umgehen möchte. Immerhin betrifft es nicht nur den Chef, sondern auch die Kollegen.
  • Fördert den schriftlichen Austausch! Die Mehrheit der Autisten tut sich schriftlich leichter als mündlich. Viele Angelegenheiten lassen sich besser per Mail klären als mit einem Anruf. Zudem geben sie dem Autisten auch Zeit, eine Antwort zu formulieren anstatt Schnellschüsse zu produzieren.

* Nachtrag bezüglich „Lösungen“. Ich hätte es im Konjunktiv formulieren sollen. Es gäbe viele Möglichkeiten, dass ein Studium für Autisten nicht unmöglich ist. Auch wenn das sicherlich vom Studienfach abhängig ist. Ich habe Naturwissenschaften studiert, wo es wieder anders ist als in Sozial- oder Geisteswissenschaften. Da gab es Arbeitsgruppen, um Übungsaufgaben zu lösen. Ein Studium steht und fällt mit den Finanzen, das gilt für alle, insbesondere weil die heutige Bachelor/Master-Konzeption kaum einen Teilzeitjob oder mehr duldet, aufgrund der häufigen Anwesenheitspflichten und des stark verschulten Lehrplans. Ein tierischer Begleiter im Alltag ist derzeit eher Glück, die Finanzierung dafür momentan theoretisch, zumal viele mit einem Begleithund nur blinde Menschen verbinden, nicht aber autistische Menschen.

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2 Gedanken zu “Mein Autismus

  1. lynkassaga 9. November 2016 / 2:24

    Du schreibst:
    Für viele Probleme gibt es jedoch Lösungen, sei es eine Assistenz(hund), feste Ansprechpartner im Studienfach, Nachteilsausgleiche bei Prüfungen, ein konsequentes Durchsetzen der Ruhe im Hörsaal (quatschende Studenten sind extrem störend und belastend), kleinere Gruppen, Kennenlernen über schriftliche Kanäle, etc.

    Ich frage Dich:
    Wer bezahlt den Hund, die Hundesteuer, wer bildet ihn aus, wer bezahlt die hundegerechte Wohnung, wer genehmigt ( und finanziert) die (menschliche) Assistenz (mal abgesehen davon, dass mein winziges Erspartes mit einfließen muss), Nachteilsausgleiche sind sehr schwer durchzusetzen, sie werden von Lehrenden und Kommilitonen problemlos in Vorteilsnahmen umgedeutet. Durchsetzung von Ruhe? Spaßbremsen sind unbeliebt. Wer soll diese Ruhe denn für mich durchsetzen? Meine Assistenz? Was meinst Du mit kleinere Gruppen? Ich habe doch keinen Einfluss auf die Teilnehmerzahl eines Seminars oder einer Vorlesung.
    Und feste Ansprechpartner, na denksr Du, irgendwer hat Lust, „fester Ansprechpartner“ für irgend einen „Behinni“ zu sein, der jetzt „auch noch studieren will“?

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    • Forscher 9. November 2016 / 3:47

      Tja, leider existieren viele Möglichkeiten derzeit nur in der Theorie und hängen am Geld und an mangelnden Infos beim Gegenüber. Meine Aussage bitte nicht missverstehen. Bzgl Ruhe habe ich mich z.b. an den Professor gewendet, den es selbst gestört hat. Er hat dann recht deutliche Worte gesprochen, das hat vorübergehend gewirkt. Ich wollte das Thema Hund auch deswegen ansprechen, weil viele mit Assistenzhund nur an Blinde denken und nicht Autisten.

      Wie machen es die, die durchkommen?

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