Inklusion? Schön wär’s …

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Die beste und einzige Behandlung ist eine Psychotherapie beziehungsweise eine Art „Coaching“.

Die zitierte Aussage stammt aus einem Artikel (abgerufen am 27.10.16, 21.30), der inhaltlich gut wäre, würde nicht inflationär der Begriff Krankheit benutzt werden. Autismus ist keine Krankheit! Dass gerade eine Diagnostikerin diesen Begriff noch verwendet, ist sehr traurig. Aber ich nutze diesen Blogtext nicht, um mich über diese Wortwahl aufzuregen, sondern möchte die obige Aussage kritisch beleuchten:

Natürlich wärs toll, wenn wir in einer inklusiven Gesellschaft leben könnten und keine Psychiater und Therapeuten benötigen würden, um mit unserem Leben klarzukommen. Und natürlich müssen wir dranbleiben, damit Inklusion Wirklichkeit wird, auch wenn bei den derzeitigen politischen Entwicklungen (Rechte werden stärker, ehemalig Linke übernehmen rechte Inhalte) bald schon Ziel werden könnte, den status quo aufrechtzuerhalten.

 

Aber solange wir nicht in einer inklusiven Welt leben, brauchen wir Psychiater und Therapeuten. Autismus an sich ist nicht behandlungsbedürftig. Wir brauchen sie daher nicht, um uns zu sagen, dass wir verkehrt sind und uns bis zur Aufgabe unserer Persönlichkeit anzupassen, sondern um uns zu erläutern, warum wir in Konflikten mit unserer Umwelt und mit uns selbst geraten. Sie können mögliche Wege aufzeigen, beschreiten müssen wir sie selbst und nur, wenn wir es wollen. So hat es mir ein guter Therapeut auch erklärt, seine Aufgabe sei nicht, mein Leben zu verändern, sondern mir dabei zu helfen, mein Leben selbst verändern zu können. Durchaus analog zu einer Wettervorhersage: Decision aid, not made, wie es mein damaliger Professor auszudrücken pflegte. Die Entscheidung treffe ich immer noch selbst [was sicherlich schwieriger ist, wenn entweder die kognitive Fähigkeiten fehlen oder die kommunikativen Mittel, seine Bedürfnisse mitzuteilen].

 

Ein solches Buch ist z.B. das von Ian Ford – An Autistic/Aspergian View on Neurotypical Behavior, es erläutert schrittweise, wie bestimmte soziale Regeln und Floskeln zustande kommen, warum etwa Smalltalk für Nichtautisten so wichtig ist, aber es gibt keine Empfehlungen ab, Smalltalk zu erlernen bzw. sich unbedingt so zu verhalten wie Nichtautisten, um ja nicht aufzufallen.

 

Es gibt sicherlich auch Grenzen der Nichtanpassung. Regeln, die sinnvoll sind, aus Rücksicht vor den anderen. Das gilt in beide Richtungen. Und es gibt manchmal Grenzfälle, wo man situationselastisches Verhalten zeigen muss, um durchzukommen, weil die gesellschaftlichen Strukturen so zementiert sind, dass sie zu ändern unmöglich ist. Normalerweise sagt einem der eigene Körper rechtzeitig Bescheid, wenn man sich zu lange verbogen hat. Auch Nichtautisten merken das durch Burnout.

Die Realität ist derzeit so, dass unser Umfeld alles andere als verständnisvoll ist. Das ist ein Schock! Und wer glaubt, es reicht aus, mit der zertifizierten Diagnose vor der Nase der anderen herumzuwedeln und sie wären plötzlich verständnisvoll und entgegenkommend, wird oft eines besseren belehrt. Es gibt sie, diese Lichtblicke, die guten Geister, die Vorzeigefirmen und die Schulen, wo Inklusion funktioniert, selbst wenn man keine Diagnose vorlegen kann. Doch sie sind weiterhin in der deutlichen Minderheit. Und solange wir um mehr Mitbestimmung und weniger Vorurteile kämpfen, müssen wir gleichzeitig die Notwendigkeit von Therapien (nicht aller Therapien, ABA zählt nicht zu) anerkennen, um uns zumindest auf den Ist-Zustand vorzubereiten. Da gibt es gute Psychologen und schlechte, vor allem setzt es eine korrekte Diagnose voraus, die alle Aspekte des individuellen autistischen So-Seins umfasst. Zu diesen zählen auch Komorbiditäten wie Depressionen, Angsterkrankungen, Zwangsstörungen oder Traumata. Die Aussage der Behandlungswürdigkeit meint also vor allem die Begleiterscheinungen, nicht den ursächlichen Autismus (bzw. die ursächliche Verständnislosigkeit des Umfelds als Reaktion auf den Autismus) – leider liest man dies in dieser Klarheit selten in den Medien.

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4 Gedanken zu “Inklusion? Schön wär’s …

  1. blutigerlaie 28. Oktober 2016 / 9:34

    „Es gibt sie, diese Lichtblicke, die guten Geister, die Vorzeigefirmen und die Schulen, wo Inklusion funktioniert, selbst wenn man keine Diagnose vorlegen kann. Doch sie sind weiterhin in der deutlichen Minderheit“
    Wer weiß? Man merkt sich oft nur das, was falsch läuft. Ich glaube, es gibt doch eine Dunkelziffer, wo der Autismus gar nicht diagnostisch zum Tragen kommt, weil alle Individuen genug Platz haben

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  2. reynard1603 28. Oktober 2016 / 15:39

    Den angesprochenen Artikel finde ich vergleichsweise wenig fürchterlich und den Film über den Hof Meyerwiede sogar sehr gut.

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    • Forscher 28. Oktober 2016 / 15:40

      Ja, du hast Recht, mich hat der Begriff Krankheit so gestört, inhaltlich ist er sonst ok. Ich korrigiere das noch.

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