Autistische Herausforderungen

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Lass mich noch schnell das Getränk notieren für die Wirtin, damit sie weiß, was ich konsumiert habe. Pinot noir? Wie schreibt man das? Ich schreib einfach Pino nwa, dann weiß sie es schon.

P-i-n-ot-

Ich weiß eh!

So ähnlich laufen Dialoge immer wieder ab. Jemand macht einen Scherz, ich verstehe ihn wörtlich und glaube, jemand weiß tatsächlich nicht, wie etwas geschrieben wird, versuche im Sinne der Richtigkeit zu korrigieren und stelle erst dann fest, dass es eben ein Scherz war. Dabei liebe ich Ironie und setze sie selbst gerne ein, doch bei anderen überhöre ich entweder den Tonfall oder übersehe Kon- oder Subtext. Manche der folgenden Situationen ereigneten sich lange vor der Diagnose, als ich nichts von meinem Anderssein wusste. Sie sind unauslöschbar in meinem Gehirn eingebrannt – vielleicht gelingt es mir, sie besser zu verarbeiten, wenn ich die Ursachen für sonderbares Verhalten analysiere.

Neue Wege gehen

Ein Grund, weshalb insbesondere Asperger-Autisten erst später diagnostiziert werden, ist der Übergang von Schule/Elternhaus zu Ausbildung/Studium. Zuhause werden Wege meist gemeinsam beschritten und wiederholt begangen, von Zuhause weg ist man auf sich alleine gestellt. Mangelndes oder untrainiertes Orientierungsvermögen ist dann ein Hindernis, etwa Karten und Öffipläne lesen können, selbständige Behördengänge, fremde Leute ansprechen, wenn man nicht mehr weiter weiß. Doch selbst in der Heimat kann man die Orientierung verlieren. Ich war als Kind sehr ängstlich und traute mich nie alleine in den Wald. Im Alter von etwa 7 oder 8 war ein gemeinsamer Wanderausflug mit anderen Kindern und deren Eltern auf einen Waldspielplatz mit Steinbruch (Bergkristalle), beim Rückweg verlor ich den Anschluss an bekannte Gesichter und befand mich schließlich an dieser Kreuzung, und wusste nicht mehr weiter.

kindheitstrauma

Ich weiß noch genau, dass ich damals in Tränen ausbrach, und mich Erwachsene erst beruhigen mussten und dann mit mir warteten, bis ich abgeholt wurde. Obwohl alle Wege in den Ort führten, hatte ich völlig die Orientierung verloren. In den Folgejahren entwickelte sich eine regelrechte Angst und Panik, sobald ich alleine im Wald war. Bei meinen ersten Bergwanderungen blieb ich meist auf stärker frequentierten Strecken, schloss eher zu anderen auf, wollte nicht alleine sein, insbesondere nicht während der Waldpassagen. Ich drehte auch schon mal um, wenn mich Waldgeräusche schreckten. Erst seit 2012/2013 konnte ich das Trauma ablegen, die Stille bewusst genießen. Bewusst wenig frequentierte Strecken aufsuchen, als Kontrast zum alltäglichen sensorischen Wahnsinn, in einer Großstadt leben zu müssen. In dieser Zeit hatte ich bereits die ersten Vermutungen, selbst autistisch zu sein. Je stärker ich mich mit dem Diagnoseverdacht identifizierte, desto mehr entschied ich mich bewusst für das Alleinsein, auch zuhause zu bleiben statt in die Stadt zu gehen. Heute zählen unmarkierte Steige und wegloses Gehen im (vor)alpinen Gelände zu meinen Lieblingsbeschäftigungen. Oft menschenleer, dafür mit nahen Tiererlebnissen.

In Summe konnte ich die Angst ablegen und das Alleinsein als Stärke für mich übernehmen, da ich gelernt habe, dieses „für mich sein“ als Erholung zu brauchen.

Sensorische Überlastungen, unbekannte Situationen und Ängste

Die Theorie dahinter und mein persönliches Empfinden habe ich bereits hier geschildert:

https://autistenbloggen.wordpress.com/2016/04/08/wie-angst-reizueberflutung-und-ungewissheit-zusammenhaengen/

Ich verlinke den Text gerne noch einmal, da er Autisten im gesamten Spektrum betreffen kann.

Umgang mit positiven Überraschungen

Gerade beim Umgang mit an sich erfreulichen Überraschungen wird das Anderssein manchmal besonders offensichtlich. An meinem 20. Geburtstag tauchte überraschend ein guter Freund gegen Mitternacht auf, der eine weitere Anreise auf sich genommen hatte. Ich feierte gerade im Zimmer meines Bruders mit dessen Freunden (selbst hatte ich sonst keine in der Nähe). Ich war so überrascht, dass ich mit dem Freund ins Stiegenhaus ging statt ihn ins Zimmer zu den anderen einzuladen (die er nicht kannte). Erst nach einer Stunde reden fragte er mich, ob wir nicht zu den anderen gehen wollen. Im Nachhinein betrachtet einerseits verständlich, mit ihm alleine reden zu wollen, andererseits wusste ich nicht, wie ich mit dieser unerwarteten Situation umgehen sollte.

Im ersten Job (Schichtdienst) bekam ich einmal unerwartet den Folgetag frei. Ich fing an, vor den anderen darüber zu lamentieren und war total unglücklich. Das konnten die meisten nicht verstehen „freu dich doch, dass du frei hast!“ – doch ich hatte im Kopf bereits feste Pläne gemacht, das Essen in der Firma einzunehmen statt selbst zu kochen. Ich brauche zudem oft Tage, bis ich Freizeit- oder Wanderpläne entwickle. So plötzlich konnte ich das nicht mehr. Letzendlich verbrachte ich den Tag zuhause und tat gar nichts, während ein fixer freier Tag schon lange im Voraus verplant werden kann. Unerwartet frei zu haben brachte mit anderen Worten meine Freizeit- und Essensroutinen durcheinander. Was können die anderen tun? Sich zurücknehmen und nicht darauf einsteigen, wenn ich im ersten Moment vor mich hinsudere. Ich brauche etwas Zeit, um mich auf neue Abläufe einzustellen. Was kann ich tun? Für unerwartete freie Zeiträume Alternativpläne entwickeln, die sich kurzfristig einschieben lassen, z.B. verschobene Einkäufe, Fotografierspaziergänge, Zoobesuch oder einfach ins Kaffeehaus sitzen und Zeitung lesen, auch Haushaltsarbeiten passen da hinein. Was in der ersten Reaktion nämlich Unbehagen auslöst, ist der Gedanke „Ich hab doch gar nichts geplant!“

Smalltalk?

Ja, es fällt mir definitiv schwer. Ich frage selten zurück, weil mich selten interessiert, wie der Urlaub war, wie es in der Familie XY geht, was jemand gemacht hat. Auch, wenn es nur soziale Floskeln sind. Das ist die typische autistische Sachlichkeit – warum etwas fragen, wenn die Antwort nicht interessiert? Ich weiß natürlich um den sozialen Klebstoff, der damit einhergeht, und wie wichtig Smalltalk für Neurotypische ist. Gerade in Ian Ford’s  A Field Guide for Earthlings – An Aspergian View on Neurotypical Behavior wurden die Hintergründe sehr einleuchtend erklärt. Wenn ich in der Früh am Arbeitsplatz gefragt werde, wie es mir geht, antworte ich meistens ausweichend oder schwenke dabei um auf fachliche Themen. Klassiker wäre z.B. „Wie geht’s?“ – „Warm. Aber heute kommt ja endlich die Kaltfront, dann ist endlich wieder frische Luft da.“ Würde ich ernsthaft darauf antworten, brächte ich wohl auf Dauer schlechte Stimmung ins Büro, weil richtig gut ging es mir noch nie – seit ich zurückdenken kann. Würde ich genauso floskelhaft „gut. und dir?“ antworten, hätte ich mich zwar angepasst, aber wäre unehrlich gewesen, was mir gegen den Strich geht. Oft bin ich zudem zu fokussiert in der Früh und es bleibt keine Energie mehr, das neurotypische Spiel mitzuspielen. Ich habe die Vermutung, dass Autisten häufiger viel Energie bereits bei der Anreise (mit den Öffis) und mit der Fokussierung verbraten und daher kommunikativ unangemessen oder sonderbar erscheinen, die Energie fehlt, nicht der Wille oder gar die Absicht. Natürlich ist es im eigenen Interesse, nett mit seinen Kollegen oder Mitmenschen umzugehen. Im überreizten oder hyperfokussierten Zustand fällt das jedoch schwerer. Was können die anderen tun? Soziale Floskeln vermeiden, vielleicht auch über ihren Schatten springen und gleich fachlich beginnen, darauf steige ich gerne ein. Was kann ich tun? Alles, um möglichst reizarm in den Tag zu starten, und die Gegenfloskel „gut und dir?“ einzuüben, auch wenn ich sie selbst für überflüssig halte.

 

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