Wutausbrüche und Meltdowns

In diesem Artikel, der mehrfach Ludger Tebartz van Elst zitiert, wurde viel hineingepackt, vielleicht zu viel, weil nicht alles ausgewogen diskutiert werden konnte, aber ich finde ihn nicht so schlecht. Den perfekten Artikel über Autismus gibt es ohnehin nicht.

Änderung der Lebensumstände führt zu enormem Stress, der sich häufig in Wutausbrüchen, aber auch selbstverletzendem Verhalten entlädt. Sich schaukeln wirkt dann beruhigend auf viele Autisten.

Ein Punkt, worin sich Autisten jedoch nicht immer einig sind und Unwissende möglicherweise ein unvollständiges Bild entwickeln, ist das Thema Wutausbrüche. Nachdem das von mir rezensierte Buch auch vom Autor in den Quellen genannt wurde, nehme ich an, dass die hier zitierte Passage aus dem Buch abgeleitet wurde, und zwar ist hier die autistische Stressreaktion genannt, die van Elst folgendermaßen erläutert:

Sie wird ausgelöst durch Reizüberflutung, Erwartungsfrustation, Missverständnisse und Berührungen, und führt dann zu …

  • Wutattacken mit überschießender Aggression
  • dissoziativer Rückzug, Mutismus, Anspannungszustände, Selbstverletzungen
  • motorische Stereotypien zur Anspannungsregulation

Der Autor hat in meinen Augen die drei Auswirkungen der Stressreaktion in ein verständliches Deutsch übersetzt und dabei zwangsläufig verkürzt.

Zumindest die im Internet vernetzten Autisten kennen diese Wutattacken unter der Bezeichnung Meltdown, den Rückzug und Mutismus unter Shutdown und die motorischen Stereotypien unter Stimming.

Wutattacken als Emotion

Ich stieß auf einen guten Text über Wutausbrüche kontrollieren. Obwohl die Unterschiede für diese Wutattacken völlig unterschiedlich sein können, ist das für Außenstehende zunächst nicht zu unterscheiden. Wenn ein Autist aggressiv wird und andere oder sich selbst zu schlagen beginnt, unterscheidet sich das wenig von einem aggressiven Nichtautisten. Für mich ist die empfundene und (nicht immer) geäußerte Wut eine Emotion, der Meltdown hingegen ein Prozess in mehreren Phasen bzw. ein Zustand.

Der Artikel erläutert, wie bei Wut die Amygdala ein Stressignal an den Hypothamalus sendet und nachfolgend Adrenalin ausgeschüttet wird.

Dieser Prozess hat einen biologischen Zweck (er bereitet dich auf Flucht oder Kampf vor).

Nicht anders ergeht es einem Autisten, der durch äußere Reize oder mentale Überlastung so in die Enge getrieben wird, dass er entweder flieht oder sich zur Wehr setzt. Belastenden Situationen (oder Menschen) aus dem Weg zu gehen, sie zu vermeiden, ist jedoch nicht immer möglich oder untrainiert, die einen tendieren dann eher zum aggressiv sein, die anderen ziehen sich vollkommen zurück.

Warum sich Autisten manchmal anders verhalten als Nichtautisten, erklärt Gee Vero in ihrem Buch „Autismus. (M)eine andere Wahrnehmung“, wo sie ebenfalls Bezug auf die Amygdala nimmt. Autisten stehen oft unter einem erhöhten Stresslevel, weil ständig Reize auf sie einprasseln, sie mit unbekanntem Verhalten oder Situationen oder Menschen konfrontiert sind. Eine aus Autistensicht rationale Angst, die aber die Amygdala unentwegt stimuliert, Stresssignale auszusenden und viel länger und häufiger im „fight-or-flight“-Modus zu verbleiben als Nichtautisten.

Was treibt einen Autisten in die Enge, dass er sich mit Wutattacken zur Wehr setzt?

An erster Stelle steht wohl ein Kommunikationsdefizit. Keine Sprache zu haben, um sich mitteilen zu können, führt zwangsläufig dazu, Bedürfnisse, aber auch Ängste oder Stresszustände anders ausdrücken zu müssen. Doch selbst sprechende Autisten werden häufig missverstanden; Missverständnisse ziehen sich – wie auch im Artikel genannt – wie ein roter Faden durch ihr (mein) Leben.

Dann stehen äußere Reize im Vordergrund, also Berührungen, Menschenmassen, ein Zuviel an aushaltbaren Reizen, wobei jeder Autist eine andere Reizschwelle zeigt, ab der es für ihn nicht mehr geht.

Ebenso sind es äußere Zwänge, etwas zu tun, was gegen feste Routinen und Rituale geht, gegen die eigene Ordnung, gegen den eigenen Willen (besonders bei Kindern und Jugendlichen). Ich erinnere mich gut an Situationen, wo ich etwas unbedingt tun wollte, aber nicht konnte, und rasend werden konnte vor Wut.

Genauso können es aber auch innere Zwänge oder die Neigung zum Katastrophendenken (sich hineinsteigern) sein, die zu einer Überlastungsreaktion führen.

So wie sich Nichtautisten nach Wutausbrüchen wieder beruhigen, wieder klarsehen können, gelingt es auch mir nach einer gewissen Zeit, zu reflektieren, woher dieser überschießende Impuls kam. Idealerweise führt man ein Wuttagebuch, oder genauso gut ein Rückzugstagebuch, um zu eruieren, welche Situationen, oder bestimmte Menschen, dazu geführt haben, einen Meltdown oder Shutdown zu erleiden. Wenn es die Autisten selbst nicht können, mangels erlernter Sprache, können das Angehörige übernehmen.

Der Wikihow-Text empfiehlt, bei Wutempfinden etwas körperlich Anstrengendes zu übernehmen, um Endorphine auszuschütten und sich zu beruhigen. Körperliche Aktivität dient auch als Ventil für die Wut. Auch das passt für autistische Wutattacken gut, sei es Stimming als Anspannungsregulation, oder auf den Boxsack hauen, eine Runde Rad fahren, etc. Ich habe Wutzustände auch schon „weggebouldert“ oder durch einen rabiate Wandertour entladen. Und natürlich ist ausreichend Schlaf wichtig, kaum ein Autist wird mir widersprechen, wenn ich sage, dass viele Autisten unter chronischen Schlafstörungen neigen. Zu wenig Schlaf saugt den Akku schneller leer, die Löffel gehen schneller aus, die Reserven, um angemessen zu reagieren oder sich der Situation zu entziehen, sind dann nicht mehr vorhanden.

Das sind nur wenige Anregungen, wie man Überlastungsreaktionen vorbeugen kann, ehe es zum Ausbruch oder zum völligen Rückzug kommt. Der Melt- oder Shutdown als Ganzes ist natürlich komplexer, dazu zählt auch die mitunter lange Erholungsphase, die nach einem Zusammenbruch notwendig ist.

Worum es mir letzendlich geht:

Mich stört der Begriff Wutausbruch oder Wuttacke nicht, wenn ein Autist tobt, schreit, mit Sachen um sich wirft, sich selbst oder andere schlägt. Es ist aber unumgänglich den Grund herauszufinden. Es gibt Wut auch als Jähzorn, als Symptom einer Krankheit, etwa Alkoholismus oder bei Eifersucht. Bei Autisten können viel banalere Faktoren ausschlaggebend sein, die viel leichter zu beseitigen sind, sei es auf Berührungen zu verzichten, eben nicht zur Rush Hour ins überfüllte Einkaufscenter zu gehen, nicht zu einer Therapie zu zwingen, die er/sie nicht will, bzw. so weit möglich auf Rituale und die eigene Ordnung Rücksicht zu nehmen. Je nach kognitiver Entwicklung ist das keine Einbahnstraße. Auch man selbst kann daran arbeiten, Veränderungen zuzulassen, nach Möglichkeiten zu suchen, überschießende Emotionen zu regulieren, ein Ventil zu finden oder überhaupt Vermeidungsstrategien zu entwickeln.

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