Hobbys, Spezialinteressen oder splinter skills?

Infolge einer Diskussion um die korrekte Deutung des Begriffs splinter skills, der quasi am unteren Ende des Savant-Spektrums rangiert, ist meine Neugierde gewachsen, nochmal nachzuhaken. Wie unterscheiden sich Hobbys und Spezialinteressen voneinander? Was ist am Spezialinteresse von Autisten so besonders? Und wann fließt es ins Diagnosekriterium mit ein?

Definition im DSM-IV:

Ungewöhnlich ausgeprägte und spezielle Interessen:

monomane Beschäftigung mit sehr umschriebenen Wissensgebieten, die meist nicht von allgemeinem Interesse sind, dabei sind nicht nur die Interessen außergewöhnlich, sondern auch das Ausmaß der Beschäftigung damit, sie lassen sich nicht davon abbringen und tendieren dazu, nur noch darüber zu reden.

Quelle: Kamp-Becker/Bölte, Autismus, 2. Auflage (2014)

Die autistische Bloggerin MusingsofanAspie interpretiert den Zusatz folgendermaßen:

Ein Spezialinteresse kann ein intensiv betriebenes Interesse an einem allgemeinen Thema (Architektur) sein oder ein eng beschriebenes Interesse (Zisterzienserklöster in der Mitte des 12. Jahrhunderts).

Quelle: https://musingsofanaspie.com/2012/11/07/whats-so-special-about-a-special-interest/

Es muss also nicht zwingend ein eng beschriebenes Thema sein.

Splinter Skills werden folgendermaßen definiert:

Sie beinhalten die zwanghafte (monomane) Beschäftigung mit und Einprägen von z.B. Musik- und Sportstatistiken, Nummernschilder, Karten, historische Fakten oder sonderbare Objekte wie Staubsauger, Motorgeräusche.

Quelle: Treffert (2009), The Savant Syndrome: an extraordinary condition. A synopsis: past, present, future

Splinter Skills und Spezialinteressen sind offenbar dann identisch, wenn es um thematisch stark eingeschränkte Interessen geht.

Die Definition geht aber noch weiter. Es geht auch um den Nutzen bzw. die Anwendung der Spezialinteressen. Viele Kinder rezitieren das eingespeicherte Wissen aus ihrem Gedächtnis, ohne es konkret anzuwenden. Es geht also um die mangelnde Fähigkeit zu generalisieren, d.h. Informationen, Begriffe oder Ideen, die in einer Situation erlernt wurden, auf andere Situationen zu übertragen.

Dazu folgende Beispiele:

  • ein 3jähriges Kind, das das Alphabet vorwärts und rückwärts rezitieren kann, doch nicht versteht, wofür Buchstaben verwendet werden oder wie sie entstehen.
  • ein Mädchen, das das gesamte Skript und die Lieder von Disney’s Beauty and the Beast rezitieren kann, doch nicht auf Fragen über die Charaktäre der Geschichte antworten kann
  • ein Mann, der alle Statistiken jedes Baseballspielers der Bundesliga aufsagen kann, aber nichts darüber weiß, nach welchen Regeln das Spiel gespielt wird und einem Spiel nicht folgen kann, wenn er zusieht.

Quelle: https://www.verywell.com/splinter-skills-and-understanding-3990776

Es geht also um die Beschäftigung mit Teilgebieten oder Objekten, die nicht von allgemeinem Interesse oder praktischer Anwendung sind.

Manchen, aber nicht allen Autisten, gelingt es, splinter skills bzw. zwanghafte Interessen später sinnvoll einzusetzen. So kann etwa jemand, der sich seit der Kindheit intensiv mit allen Details von Straßenbahnen beschäftigt, später bei den Öffentlichen Verkehrsbetrieben arbeiten. Ob das Auswendig lernen von sehr eng umschriebenen Themenbereichen nützlich ist oder nicht, hängt auch von der Perspektive ab. Ich begreife jetzt jedenfalls, warum meine Diagnostikerin meine Spezialinteressen in der Diagnosebegründung als „mild“ bezeichnet hat.

Wenn man nicht von einem eng begrenzten Themengebiet ausgeht, wie es der Fall war, als ich 25 Meter lange Schnüre häkelte, mit der Absicht 25 Meter lange Schnüre zu häkeln oder Fremdwörterbücher zu lesen, um die Grammatik hinter dem Latinum zu begreifen, hatte ich vorwiegend breite Themengebiete, mit denen ich mich intensiv auseinandersetzte, wie z.B. Wetter, was ich später zum Beruf machte. Für eine recht lange Phase verdrängte das Wetter alles andere im Leben, ich konnte von nichts anderem reden und verstand nicht, warum das niemand interessierte. Ich las viele Bücher, stellte eigene Theorien auf, machte über Jahre hinweg tägliche manuelle Aufzeichnungen – und zwar nicht als Pensionist, der dafür die Zeit hat, sondern als Schüler, der dafür eigentlich wenig Zeit hat. Diese Intensität unterscheidet ein autistisches Spezialinteresse von einem Hobby.

Letzendlich bleibt eine gewisse Grauzone bei der Definition erhalten. Meine persönliche Sichtweise:

Splinter skills beziehen sich offensichtlich auf sehr eng begrenzte Teilgebiete ohne größeren Nutzen für die Allgemeinheit bzw. Unfähigkeit zur Generalisierung.

Spezialinteressen können splinter skills sein, aber auch die intensive Beschäftigung mit allgemeinen Themen. In letzterem Fall sind sie jedoch oft von allgemeinem Nutzen und können eher zum Beruf gemacht werden.

Hobbys sind Interessen, die eher mit Sozialkontakten einhergehen als autistische Spezialinteressen und die leichter zum Beruf gemacht werden können. Hobbys haben in der Regel aber keinen zwanghaften Charakter (sonst arten sie zur Sucht aus), können aber ebenso wie Spezialinteressen und Splinter Skills eine therapeutische Wirkung haben (Entspannung, Abwechslung).

Für mich persönlich erfüllen Spezialinteressen den Zweck von selbststimulierenden Verhalten, es ist ein essentieller Teil meiner Entspannungsroutinen, weil ich keine repetitive Bewegungen ausführe (schaukeln, summen, wippen).

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