Sheldon Cooper: Reizthema oder Künstlerfreiheit?

Ich war vorübergehend ein glühender Fan der Sitcom. Vier schrullige Physiker mit Schüchternheit, wenn’s um Dates und Beziehungen geht. Die romantische Situationen mit Fachdiskussionen sprengen. Hey, das könnte aus meinem Leben sein! Mein erstes Date in der Schulzeit hab ich so zerstört, weil ich der Bekanntschaft Wolkenbilder gezeigt habe! Wolkenbilder!! Danach hab ich sie nicht wieder gesehen. Heute kann ich darüber schmunzeln, denn ich kannte damals die sozialen Codes und Signale nicht, die neurotypische Frauen beim Flirten verwenden. Auch bei späteren Bekanntschaften hab ich die Signale nie gesehen, habe nie gewusst oder bemerkt, was sie interessiert und was nicht. Viele komisch dargestellte Situationen mit Sheldon Cooper erinnerten mich an eigene Erlebnisse. Continue reading

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Begriffe und Lebensrealitäten

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Ich könnte mich jetzt wieder darüber aufregen, dass der ehemalige Bundesarbeitsminister Norbert Blüm in einem sonst hervorragenden Artikel über die Flüchtlingspolitik die Metapher “nationaler Autismus von Ungarn” benutzt, um auf die Selbstbezogenheit Ungarns hinzuweisen. Wenn Journalisten solche Metaphern benutzen, ist die Kontaktaufnahme leichter möglich als bei Politikern, die auf direktem Wege, sofern sie nicht twittern, gar nicht erreichbar sind. Meist ist ein Sekretariat vorgeschoben, dass alle Anfragen abfängt.

Was mich aber momentan mehr schmerzt als rhetorische Fehltritte, sind die Hürden, die  Autisten den Alltag und die Zukunftsplanung nachhaltig erschweren. Continue reading

Wie Autisten im Arbeitsleben benachteiligt werden

Ein herausragend guter Beitrag über die Schwierigkeiten als Autist_in im Berufsleben (dauerhaft) unterzukommen. Die Sorgen, aber auch die oft nur geringfügigen Anpassungen, die notwendig wären, um problemlos durchzukommen, ähneln sich immer wieder.

Ebenso die häufigen Empfehlungen von außen, bezüglich Offenlegung zurückhaltend zu sein. Es ist immer von Fall zu Fall verschieden. In einem IT-Beruf mag es nicht notwendig sein und man kommt auch so durch. In anderen Berufen, wo socialising im Vordergrund steht, kann ein zu vorzeitiges Outing die Jobchancen verschlechtern, aber gar kein Outing zum Jobverlust führen. Und auch nach dem Outing kann man sich nicht zurücklehnen, weil es einfach zwei Welten sind, zwei Anschauungen, zwei Denkweisen, zwei unterschiedliche Prioritäten, die aufeinander treffen. Eine Gratwanderung und ein Kampf bleibt es immer. Aber er ist mit offenen Karten leichter zu führen als ohne.

Negative Berichterstattung: Wie sollen wir damit umgehen?

Es gibt wieder einmal einen aktuellen Aufreger. Eine große deutsche Wochenzeitung hat den Begriff Autismus in den Kontext von einem der größten Massenmörder der Geschichte gesetzt. Die Empörung ist aus Sicht der verunglimpften Autisten nur allzu verständlich, insbesondere weil es sich hier nicht um ein Boulevardblatt handelt, das solche missbräuchliche Verwendung als clickbait notwendig hätte. Wir Autisten reagieren äußerst empfindlich auf Fehlinterpretationen bis hin zur Verbreitung hanebüchener Vorurteile. Einem nichtautistischen Leser mag der bekritelte Absatz gar nicht so sehr auffallen, er überliest ihn womöglich bzw. überliest die Zuschreibung “sozialer Autist” mitunter sogar. Ein solches Attribut ist dennoch kein großer Wurf eines Journalisten oder einer Journalistin, denn es sollte als gelernter Schreiber möglich sein, Attribute zu finden, die keine Minderheit bzw. benachteiligte Menschen verunglimpft. Hitler’s Vernichtungspolitik ist so jenseitig vom Schrecken her, dass es zusätzlicher Attribute nicht einmal bedarf. Denn wer würde in ihm einen Menschenfreund sehen?

Das Einzige, womit er nicht rechnen konnte, war die Zuneigung der Familie Wagner, die abgöttische Verehrung durch Winifred und die Kinder. Einen sozialen Autisten wie ihn muss das umgehauen haben. (Quelle: Zeit Online, abgerufen am 2.8.16, 11.21)

Nicht nur handelt es sich hier um eine irreführende Zuschreibung, sondern auch noch um pure Spekulation über die Reaktion. Das ist schlechter Journalismus. Continue reading