Sheldon Cooper: Reizthema oder Künstlerfreiheit?

Ich war vorübergehend ein glühender Fan der Sitcom. Vier schrullige Physiker mit Schüchternheit, wenn’s um Dates und Beziehungen geht. Die romantische Situationen mit Fachdiskussionen sprengen. Hey, das könnte aus meinem Leben sein! Mein erstes Date in der Schulzeit hab ich so zerstört, weil ich der Bekanntschaft Wolkenbilder gezeigt habe! Wolkenbilder!! Danach hab ich sie nicht wieder gesehen. Heute kann ich darüber schmunzeln, denn ich kannte damals die sozialen Codes und Signale nicht, die neurotypische Frauen beim Flirten verwenden. Auch bei späteren Bekanntschaften hab ich die Signale nie gesehen, habe nie gewusst oder bemerkt, was sie interessiert und was nicht. Viele komisch dargestellte Situationen mit Sheldon Cooper erinnerten mich an eigene Erlebnisse. Wenn ich etwa daran denke, als ich am Ende der Studienzeit immer noch lange Haare hatte, was zugegebenermaßen nicht so gut aussah. Aber ich hatte ein Friseurtrauma, weil sie einmal kurz geschnitten und gegelt wurden, womit ich mich noch weniger hatte leiden können. Seitdem war ich nicht mehr zum Friseur gegangen. Dann trat sie in mein Leben und es schien sich zumindest eine Freundschaft zu entwickeln. Sie legte mir einen neuen kürzeren Haarschnitt nahe, nur um es mal auszuprobieren. Ich zierte mich ewig und als die Haare dann unten waren, fand ich es zuerst gewöhnungsbedürftig. Das sagte ich ihr auch, womit sie mit völligem Unverständnis reagierte. Warum ich mich nicht sofort darüber freuen könne. Warum ich ewig daran festhalten würde. Genauso auch mit anderen Kleidungsfragen. Jetzt ein paar Jahre später muss ich auch zugestehen, dass bei mir lange Zeit gar nichts zusammenpasste, auch bei wichtigen Anlässen nicht. Heute kann ich das trotz der ein oder anderen Fettnäpfchen besser einschätzen, weil ich jetzt weiß, dass ich darauf achten muss, weil ich keine gute Intuition habe, was zusammenpasst. Einfach gesagt: Ich hatte große Probleme mit Veränderungen und ich war ein unerkannter Autist.

Warum nur ein vorübergehender Fan? Weil die Serie eigentlich schon ab der zweiten Staffel zunehmend das große Thema vieler Sitcoms in den Mittelpunkt rückte: Beziehungsthemen. Was mir natürlich zunehmend mein eigenes Singledasein vor Augen führte, wo ich nicht mitreden konnte. Die Serie bewegte sich weg von den Fachthemen, und wurde einfach durchschnittlich. Ab der vierten Staffel fand ich sie langweilig, die letzten Staffeln hab ich dann nicht mehr gesehen. Die Macher der Serie haben nie öffentlich erklärt, dass Sheldon Cooper als Asperger-Autist dargestellt würde, auch wenn er alle Klischees erfüllt:

  • elitäre, arrogant erscheinende Sprache gespickt mit Fremdwörtern
  • starre Rituale mit festgelegten Tagen für Wäsche waschen, bestimmtes Essen, spiele, Frühstückstassen, etc.
  • die gleichen Anfahrtswege zum Arbeitsplatz
  • Asexualität, Abneigung gegen intime Berührungen
  • kein Sinn für Romantik
  • sehr redselig, unterbricht gerne andere
  • reizempfindlich
  • Echolalie bzw. Nachahmung bestimmter Geräusche
  • usw.

Die Big Bang Theory bzw. die Übertreibung Sheldon Coopers in der (inoffiziellen) Darstellung eines Asperger-Autisten ist nicht zuletzt in der Autisten-Szene heftig umstritten. Viele fürchten, als komische Figur nicht ernstgenommen zu werden, als würden Autisten nur lustig und spaßig sein, zumal in der Serie die Hochfunktionalität im Vordergrund steht, d.h., die besondere Intelligenz und auch die erfolgreiche Karriere als Physiker. Das spiegelt längst nicht die Lebensrealität vieler Autisten wieder, jedenfalls nicht der diagnostizierten (im Sillicon Valley ist durchaus vorstellbar, dass eine beträchtliche Anzahl undiagnostizierter Autisten erfolgreiche Jobs hat).

Ich stehe dem Thema zwiespältig gegenüber. Ich kann mich etwa von der Darstellung ridiger Rituale klar abgrenzen, aber mich gleichzeitig in seinen Professormonologen wiedererkennen, jedenfalls bevor ich auf die Uni wechselte und das Monologhafte an mir langsam seltener wurde. Manche Sprüche fand ich so komisch, dass ich mir ein T-Shirt damit kaufte, etwa „I am immune to your sarcasm“. Obwohl ich Ironie und Sarkasmus gerne selbst einsetze, erkenne ich sie – vor allem gesprochen – nicht immer.

Bei der Betrachtung von Sheldon Cooper denke ich an den Text meiner lieben Bloggerkollegin Blutiger Laie, den sie über Rain Man geschrieben hat. Wir wissen natürlich, dass die Darstellung zugespitzt wurde. Durchschnittliche Menschen bringen kaum ein Drehbuch zusammen. Durchschnittliche Ausprägungen bringen keine Auflagensteigerungen, keine TV-Quoten. Es ist immer das Besondere, das Extreme, was im Vordergrund steht. Ob wir das mögen oder nicht. Aber wenn ich andere Autisten betrachte, sei es in Foren, sei es in der Öffentlichkeit stehend, seien es Bekannte oder Freunde, so stelle ich hier manchmal auch beträchtliche Unterschiede fest, die sogar größer sein können als zwischen mir und der Figur Sheldon Cooper. Es kann für mich keine Rede davon sein, dass die Figur absolut gar nichts mit Autismus zu tun hätte.

Und als wäre das alles noch nicht genug: Sie hat das Asperger-Syndrom (eine leichte Form des Autismus – so ein bisschen wie Sheldon Cooper aus „The Big Bang Theory“), was dem Film eine Steilvorlage für Gags gibt.

http://www.bento.de/tv/unsere-zeit-ist-jetzt-trailer-zum-film-mit-cro-und-til-schweiger-755882/

Der Redakteur twitterte dazu:

Ja, fand ich auch eher … komisch. Aber das ist halt der Trailer.

Der Trailer geht tatsächlich ein wenig in Richtung Sheldon Cooper, die Darstellerin der Asperger-Autistin spricht gekünstelt, versteht Doppeldeutigkeiten nicht, vermeidet Blickkontakt und fühlt sich verloren unter Menschenmassen. Das ist eigentlich nicht falsch, oder? Ich kann auch über mich selbst lachen, und oftmals muss ich das auch, weil ich meine Realität sonst kaum ertragen kann. Ich kann nicht den ganzen Tag ein Sauerkrautgesicht ziehen, weil ich als Autist die Welt der anderen so oft nicht verstehe und umgekehrt.

Der Redakteur hätte nicht leichten Autismus schreiben müssen, da sind wir wieder bei Begrifflichkeiten. Asperger als leichten Autismus bezeichnet hören Asperger-Autisten ungefähr so gerne wie Rollstuhlfahrer die berüchtigte Redewendung „an den Rollstuhl gefesselt“.

So wie die humorvolle Annäherung an Asperger oder allgemein an Behinderung seine Berechtigung hat, gibt es auch empfehlenswerte Filme, die sich ernsthaft mit dem Thema Asperger bzw. Autismus auseinander setzen:

  • Der flämische Film Ben X z.B., wo auch Mobbing thematisiert wird, unter dem viele Autisten leiden.
  • Der autographische Film Temple Grandin mit Claire Danes, für den die Hauptdarstellerin auch von Temple Grandin selbst für ihre schauspielerische Leistung gelobt wurde.
  • Auch der Film Snow Cake mit Sigourney Weaver als Autistin wurde von der Kritik gelobt.

Was speziell im deutschsprachigen Raum für mich eher Anlass von Kritik ist, ist der fehlende Tiefgang vieler Reportagen, journalististischer Texte und Filme zum Thema Autismus. Auch hier gibt es ein paar Ausnahmen, siehe die Literaturliste im Anhang.

Was bleibt für mich als Fazit? Letzendlich sind Drehbuch und Darstellung künstlerische Freiheit von Autor und Regisseur. Was die Breitenwirkung und einseitige Interpretationen betrifft, liegt es in der Verantwortung der Medien und der Gesellschaft, mit Vorurteilen aufzuräumen. Und da kann das Wording bisweilen mithelfen. Der Redakteur kann statt

was dem Film eine Steilvorlage für Gags gibt.

auch schreiben

was der Film als Steilvorlage für Gags nutzt.

Damit distanziert sich der Autor von der Implikation, dass Asperger automatisch Bespaßung anderer bedeutet.

Er könnte daraufhin noch Autismus kurz erklären bzw. auf eine erläuternde Seite verweisen (z.B. http://leidmedien.de/aktuelles/sichtweisen/ueber_autismus_berichten/ oder http://autismus-kultur.de/ ). Damit stellt er für jene, die sich darüber hinaus für Asperger interessieren oder davon das erste Mal hören (ja, die gibt es auch noch) einen Kontext her, der Autismus umfassender darstellt.

Nachtrag, 14.8.16: Wie denkt Jim Parsons, der Darsteller von „Sheldon Cooper“ darüber?

As the show’s gotten bigger, you’ve been adopted by more than one community. Rather than say “Hey, do you want to be a spokesman for, you know, Pepsi and we’ll pay you X?” people say, “You are now the spokesman for Asperger’s.” How do you deal with that?
Asperger’s came up as a question within the first few episodes. I got asked about it by a reporter, and I had heard of it, but I didn’t know what it was, specifically. So I asked the writers—I said, “They’re asking me if Sheldon has Asperger’s,” and they were like, “No.” And I said, “OK.” And I went back and I said, “No.” And then I read some about it and I went, OK, well, if the writers say he doesn’t, then he doesn’t, but he certainly shares some qualities with those who do. I like the way it’s handled.

It normalizes something that’s difficult and comes with a real stigma for many people.
That comes up very much with gay issues, too. And being part of that community, one of the things I’ve always said is that it’s nice when you see gay characters as normal people; what’s even better is when it’s not even worth remarking about. This is who this person is; he’s just another human.

Quelle: http://www.adweek.com/news/television/jim-parsons-hits-stratosphere-159809

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3 Gedanken zu “Sheldon Cooper: Reizthema oder Künstlerfreiheit?

  1. blutigerlaie 13. August 2016 / 17:18

    Ich bin da auch gespalten bei der Frage, ob ich sie gut finde, die mediale Darstellung. In positivem Kontext, meinethalben auch als skurril aber genial – ist sie natürlich besser als die Darstellung als amoklaufender Sozialidiot. Und als Sympathieträger, die Menschen einen ersten Eindruck vermitteln, was Autismus überhaupt ist (nämlich nicht zwangsläufig eine massive geistige Behinderung) – o.k..
    Andererseits – im sog. Real Life spielt das dann keine Rolle mehr, da hilft nur die individuelle Bereitschaft, tolerant zu sein.

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  2. robins 22. August 2016 / 9:40

    Ich habe einmal in einem Kommentar den österreichischen Zyniker Karl Kraus zitiert und mein posting nicht wieder gefunden-ist es gelöscht worden? Ich wiederhole es , weil sich das Thema „Diagnostizierter und nichtdiagnostizierter (Asperger)Autismus beharrlich wiederholt.

    „Die verbreitetste Krankheit ist die Diagnose.“ (Karl Kraus)

    Ich verstehe Karl Kraus sehr gut und überhaupt nicht, wieso man sich als (Asperger)Autist
    die Diagnose wünschen kann. Diagnose als Feststellung von Außen, die Beurteilung von einem Arzt und jetzt „…ist es amtlich“. (Nach Freud eine „Über Ich“ Forderung)

    Mir kam dann der Gedanke, dass dieser Wortwitz (Asperger)Autisten nicht zugänglich und für sinnlos errachtet wird. „Plötzlich wird die erwünschte Diagnose gar als Krankheit hingestellt.“
    „Dass ist unlogisch“. Ist so die Denkweise von (Asperger)Autisten?

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    • Forscher 23. August 2016 / 18:08

      Hallo Robins, ich musste einzelne Beiträge der Psychohygiene opfern, eventuell ist Deine Antwort darunter gerutscht. Die Diagnose ist kein Wunsch, niemals, aber eine Diagnose liefert Erklärung, ermöglicht, mit der Vergangenheit abzuschließen bzw. große Rätsel aufzuarbeiten. Sie ermöglicht auch, in die Zukunft zu blicken, stärker auf sich zu achten, zu erkennen, wo die Bedürfnisse sind. Ein Beispiel: Ich hab mich oft gefragt, warum ich so erschöpft bin, wenn ich häufig unter Leuten bin. Andere können das doch auch ohne Erschöpfung. Jetzt weiß ich, dass Interaktion und Kommunikation, aber auch körperliche Nähe über längere Zeit bzw. zu häufig hintereinander anstrengend für mich sind und ich das wohldosieren muss. Weniger ist mehr. Ohne Diagnose hätte ich das nie erkannt und es wäre weitergegangen mit sprunghaften Zu- und Absagen.

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