Negative Berichterstattung: Wie sollen wir damit umgehen?

Es gibt wieder einmal einen aktuellen Aufreger. Eine große deutsche Wochenzeitung hat den Begriff Autismus in den Kontext von einem der größten Massenmörder der Geschichte gesetzt. Die Empörung ist aus Sicht der verunglimpften Autisten nur allzu verständlich, insbesondere weil es sich hier nicht um ein Boulevardblatt handelt, das solche missbräuchliche Verwendung als clickbait notwendig hätte. Wir Autisten reagieren äußerst empfindlich auf Fehlinterpretationen bis hin zur Verbreitung hanebüchener Vorurteile. Einem nichtautistischen Leser mag der bekritelte Absatz gar nicht so sehr auffallen, er überliest ihn womöglich bzw. überliest die Zuschreibung „sozialer Autist“ mitunter sogar. Ein solches Attribut ist dennoch kein großer Wurf eines Journalisten oder einer Journalistin, denn es sollte als gelernter Schreiber möglich sein, Attribute zu finden, die keine Minderheit bzw. benachteiligte Menschen verunglimpft. Hitler’s Vernichtungspolitik ist so jenseitig vom Schrecken her, dass es zusätzlicher Attribute nicht einmal bedarf. Denn wer würde in ihm einen Menschenfreund sehen?

Das Einzige, womit er nicht rechnen konnte, war die Zuneigung der Familie Wagner, die abgöttische Verehrung durch Winifred und die Kinder. Einen sozialen Autisten wie ihn muss das umgehauen haben. (Quelle: Zeit Online, abgerufen am 2.8.16, 11.21)

Nicht nur handelt es sich hier um eine irreführende Zuschreibung, sondern auch noch um pure Spekulation über die Reaktion. Das ist schlechter Journalismus.

Kontakt aufnehmen. Den Dialog suchen.

Meine intuitive erste Reaktion auf solche Artikel ist meist: Wie kann ich Kontakt zum Autor bzw. zur Autorin aufnehmen? In diesem Fall gestaltet sich das schwierig. Zwar hat sie einen Twitter-Account, benutzt ihn aber nicht. Eine andere Kontaktadresse gibt es nicht. Für einen Kommentar unter dem Artikel muss man sich extra registrieren. Da bleibt nur noch der klassische Leserbrief bzw. eine E-Mail an die Redaktion selbst.

Nicht immer sind solche Kontaktversuche von Erfolg gekrönt. Manche Journalisten antworten schlichtweg nicht. Andere berufen sich auf Meinungsfreiheit oder darauf, dass mit diesem Begriff dieses Attribut nun mal assoziiert würde, wurscht was die Betroffenen darüber denken. Dabei herrscht hierzulande eigentlich Konsens, dass das N* Wort Betroffene ebenso abwertet wie mongoloid Menschen mit Down-Syndrom (bzw. Asiaten, von denen man diese Zuschreibung entlehnt hat).

Warum gibt es zu Autismus nicht diese Einigkeit?

Die Formulierung der Diagnosekriterien und die Interpretation durch Ärzte, Wissenschaftler und Nichtbetroffene tragen hierfür eine große Mitschuld, denn dass Autisten über eine unbeeinträchtigte und mitunter sogar stärkere affektive Empathie („Mitleid“) verfügen und nur die kognitive Empathie eingeschränkt ist, ist nach heutigem Wissensstand längst bewiesen und dürfte jedem bekannt sein, der öfter mit Autisten zu tun hat. Dies müsste aber in den offiziellen Definitionen viel stärker herausgearbeitet werden. Stattdessen hält sich das Vorurteil der Empathielosigkeit relativ hartnäckig, obwohl paradoxerweise Autisten oftmals Empathielosigkeit ihnen gegenüber empfinden. Das gleicht einer Schuldumkehr, was die Empörung als Betroffener noch nachvollziehbarer erscheinen lässt.

Tief verwurzelte Vorurteile

Das Problem mit dem Bild über Autismus ist vielschichtig, und die eierlegende Wollmilchsaulösung gibt es leider nicht. Es ist gesellschaftlich tief verwurzelt und hängt eng mit der allgemeinen Sicht zu körperlicher und seelischer Gesundheit zusammen. Der auch medial und durch die Werbung gepuschte Gesundheitsgrößenwahn mit makellosen Körpern, unerschütterlicher Resilienz und fehlerfreiem Sozialverhalten ist wahrscheinlich das am wenigsten aufgearbeitete Relikt aus der Zeit des Nationalsozialismus. Wenn man sieht, wie weit wir von Barrierefreiheit und Gleichstellung behinderter Menschen entfernt sind, wie sehr wir Opfer von seelischen und körperlichen Missbrauch, Mobbing, Ausgrenzung und Gewalt vernachlässigen, (in Österreich z.B. eine verhöhnend geringe Anzahl von Kassenplätzen in der Psychotherapie anbieten), dann frage ich mich schon, was man aus der Geschichte gelernt hat. Ich bin aber davon überzeugt, dass die Geisteshaltung gegenüber dem Thema Behinderung keiner so starren Ideologie unterliegt wie die derzeit gegenüber Migration polarisierten Gesellschaft, und dass es leichter als mit Rechtsextremen ist, mit den Akteuren in den Dialog zu treten, Brücken zu bauen, als Klügerer nachzugeben, auch wenn es deren Aufgabe wäre, ihre Unwissenheit durch Informationsbeschaffung zu eliminieren.

Positive Berichte verbreiten 

Was kann man tun? Etwa positive Berichterstattung fördern und weiterverbreiten, etwa die Artikel der medienkritischen Plattform behinderter Menschen, Leidmedien, z.B. diesen hier, oder den Text von Christiane Link über Barrierefreies Einkaufen für Autisten, den man guten Gewissens an die regionalen Supermärkte zur Kenntnisnahme weiterleiten kann. Oder auch Texte von Autisten selbst, wie etwa die Beseitigung von Vorurteilen hier. Es gibt einige Beispiele über gelungene Berichterstattung, sei es, weil Autisten selbst die Autoren sind, weil sie interviewt (und dabei nicht falsch zitiert) wurden oder weil sich kluge Journalisten wirklich Gedanken gemacht haben und sich ausgewogene Quellen vor der Veröffentlichung ihres Texts gesucht haben.

Was ich mir natürlich persönlich wünschen würde, sind No-Go-Listen für bestimmte Begriffe und Zuweisungen bei journalistischen Texten. So wie N* und mongoloid nicht mehr verwendet werden, sollte es selbstverständlich sein, Autist nicht als Metapher für emotionale Kälte bzw. Empathielosigkeit zu benutzen.

Zu guter Letzt kann man Blogs von Autisten empfehlen, Webseiten von Autisten, aber auch neuere deutschsprachige Fachliteratur von Klinikern und Wissenschaftlern, die stärkenorientiert denken, z.B. Ludger Tebartz van Elst oder Georg Theunissen.

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