Ich dachte, ich hätte keine Routinen …

Update, 01.08.16

Mittlerweile sind etwas mehr als drei Wochen seit der Diagnose Zwerchfellbruch vergangen. Die Heißhungerattacken auf Süßes haben deutlich nachgelassen, ich überbrücke das zeitweise mit Beerenfrüchten, allgemein Obst bzw. (milden) Käse. In der Früh ess ich Porridge und damit erstmals überhaupt ein nahrhaftes Frühstück, das sonst oft nur aus Kaffee und später eine Mehlspeise unterwegs bestand. Das sättigt sehr lange und ich bin auch auf meinen Wanderungen von Beginn an leistungsfähiger. Der Kaffee in der Früh gehört aber weiterhin zur Routine, ich könnte sonst gerade mit den häufigen Einschlafproblemen tagsüber nicht überleben. Ich vertrag ihn aber auch ganz gut. Auch Fleisch und gebackener Camembert sind kein Problem. Scharfes Essen und fettige Wurst hingegen schon, auch die Eierschwammerlsoße neulich war – wie so oft – zu stark gewürzt – und brannte später wieder in der Kehle. Schokolade geht vorerst gar nicht mehr, aber die Haferflockenriegeln beim Wandern zum Glück weiterhin schon. Porridge werte ich mit Hanfmehl (sehr eiweißreich), Sesam, Sonnenblumenkerne (magnesiumreich) und Rosinen auf. Nüsse, Datteln und Bananen kommen jetzt ebenso frequenter vor und werden gut vertragen. Bei den warmen Mahlzeiten experimentiere ich noch. Gut bewährt hat sich Zucchinipüree, was auch als Sugo für Spaghetti eine Alternative ist, sowie Couscous als schnelle, kleinere Zwischenmahlzeit. Eine neue Entdeckung war für mich auch Putengeschnetzeltes mit Schwammerln in laktosefreier Sahnesoße, dazu Reis. Schmeckte vorzüglich und wurde gut vertragen. Sogar Sushi konnte ich problemlos essen, den scharfen Wasabi ließ ich aber weg. Ebenso verträglich die Riesenchampignons mit Ei und Zwiebeln überbacken. Pilze sind nämlich wegen der guten Verträglichkeit jetzt öfter auf meinem Speiseplan. Ich koche aber weiterhin kaum nach Rezept, ich glaube, das liegt an meiner exekutiven Dysfunktion. Ich bin froh, wenn die wichtigsten Zutaten vorhanden sind, der Rest wird nach Intuition zusammengewürfelt, meist schmeckt es.

In Summe glaube ich die schwierige Anfangsphase überstanden zu haben, die mich auch in ein mentales Loch gerissen hat. Der Einkauf ist sogar günstiger geworden, obwohl teurere Biolebensmittel dabei sind (vor allem Couscous, Porridge, Haferflockenriegeln, Beeren, Studentenfutter), dafür aber keine Wurst, Schokolade, Fertiggerichte, Mehlspeisen mehr. Eine Herausforderung ist aber nach wie vor, bei Hungerattacken unterwegs etwas zu finden, was nicht zu scharf, zu süß, zu fettig oder zu blähend ist. Die Wiener Imbisstradition ist mir da leider weitgehend keine große Hilfe. Und interessant wird es auch bei den nächsten Hüttenübernachtungen, wo nicht zwingend immer stilles Wasser angeboten wird und das Essen naturgemäß eher deftig ausfällt. Wobei ich mir bei anhaltender sportlicher Betätigung generell wohl etwas mehr erlauben kann, sofern ich die abendliche Nüchternheit vor dem Schlafen gehen einhalte. Das werde ich jedenfalls austesten.

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Und dann muss ich wegen einer medizinischen Diagnose von heute auf morgen meine Ernährung komplett umstellen und sämtliche Essensroutinen sind verloren. Alles muss neu gemacht werden, auch neu eingekauft werden, was bei geringem Budget schwierig ist. Vieles könnte ich leichter billig einkaufen ohne Sozialphobie (z.B. auf den Wochenmärkten), so bleibt nur der Aldi/Hofer (Reizüberflutung galore, weil immer überfüllt, immer schreiende Babys bzw. Kinder) bzw. eben teurere Super- und Biomärkte.

Das mit den vielen kleinen Mahlzeiten am Tag beißt sich mit meinen Aktivitäten. Nur beim Wandern ist die Essensportionierung für mich ideal, weil ich dabei seit Jahren schon kleinere Portionen bevorzuge (Nüsse, Datteln, Bananen, Haferflockenriegel, maximal eine Laugenstange, selten ein belegtes Brot, meist für die Rückfahrt im Zug). Diese Wanderernährung muss ich offenbar auch in den Alltag hinein ausdehnen, ersetzt allerdings warme Mahlzeiten und Heißhungerattacken nicht. Auch die Elektrolyte müssen irgendwoher kommen bei intensiver sportlicher Belastung.

Schmerzlich der Verlust mühsam erarbeiteter Freiheiten, wie selbstständig in Kaffeehäuser, Gastgärten oder Heurige (Häckerwirtschaften) oder überhaupt Lokale zu gehen, sämtliche Getränke dort samt Kohlensäure soll ich meiden, da bleibt nichts, was ich nicht daheim auch konsumieren kann (Leitungswasser), mal vom Verlust von den wenigen Sozialkontakten abgesehen, wie wenn ein Diabetiker in einen Mannerschnitten-Verkaufsshop geht mit all den leckeren Sachen, von denen er nichts essen darf.

Momentan sehe ich das alles sehr schwarz und es wird noch lange dauern, bis ich damit umgehen kann. Ohne Ausnahmen wird das nicht gehen, das weiß ich jetzt schon. Es reicht das kleine Bier statt ein großes, ein alkoholfreies Bier (ein Säureproduzent von zwei eliminiert), ein Kaffee am Tag statt zwei oder mehr, eine kleine Portion Braten statt eine große, oder eben Gemüse dazu statt Pommes. Aber ein Totalverzicht? Undenkbar. Derzeit.

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Ein Gedanke zu “Ich dachte, ich hätte keine Routinen …

  1. blutigerlaie 21. Juli 2016 / 14:26

    Wär doch superschade wenn du wirklich nicht mehr ausgehst – Mineral ohne Sprudel und Tee muß sich doch ausgehen

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