Blombergs Verschwörungstheorien in Buchform

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Neulich besuchte ich wieder einmal meine Stamm-Buchhandlung Morawa, um zu schauen, was es im Autismus-Regal neues gibt. Auch nach ca. einem Jahr steht noch eins über Verschwörungstheorien zu Autismus da: Harald Blomberg – Autismus ist heilbar.

Blomberg ist schwedischer Psychiater und ignoriert jegliche seriöse Forschung über Autismus. Schon der Klappentext löste bei mir tiefgehende Empörung aus. So behauptet er, Autismus entstünde durch Glutein- und Kaseinunverträglichkeit (in einem Blogtext erläuterte ich bereits, dass es sich hier um Begleiterscheinungen handelt, die nur auf einen kleinen Bruchteil von Autisten zutreffen), durch Quecksilber und andere Schwermetalle (in der S3-Leitlinie zu Autismus, die 2016 erschien, klar ausgeschlossen), steigende Belastung durch elektromagnetische Felder und Funkwellen (müsste da nicht die ganze Weltbevölkerung autistisch sein?) sowie Entzündungsprozesse, Gehirnschädigungen und gestörte Immunabwehr. Im Original heißt das Buch „Autism – a disease that can heal“. Haben wir uns nicht darauf geeinigt, DASS AUTISMUS KEINE KRANKHEIT IST?!

In einer Leseprobe behauptet der Autor, autistische Störungen hätten seit Anfang der 90er stark zugenommen (Seite 6). Dabei verhält es sich mit Autismus ein wenig wie mit Tornados in Mitteleuropa. Es hat sie schon immer gegeben, aber mit Beginn des Internetzeitalters und verbesserten Beobachtungsmöglichkeiten werden einfach mehr entdeckt als vorher. Zufällig wurde mit dem DSM-IV 1994 das Spektrum der Autismus-Diagnosen um das Asperger-Syndrom erweitert. Gleichzeitig konnten sich Betroffene und Angehörige in weiterer Folge erstmals über das Internet vernetzen und austauschen. Es ist also keineswegs verwunderlich, dass es in den vergangenen 20 Jahren zu einem starken Anstieg diagnostizierter Kinder gekommen ist!

Der Autor stellt weiters in Frage, dass Autismus genetisch vererbbar ist, weil er sich einen so starken Anstieg innerhalb kurzer Zeit mit Vererbung nicht erklären kann und behauptet, „bezweifeln viele Forscher inzwischen die genetische Erklärung und es häufen sich die Belege dafür, dass die Hauptursachen dafür tatsächlich in äußeren Einflüssen zu suchen sind“ (Seite 7).

Wenn man die Erweiterung der Diagnosekriterien, Vernetzung, Berichterstattung und verbesserte Infrastruktur, um eine Diagnose zu erhalten, ignoriert, könnte man zu dieser Schlussfolgerung kommen. Seriös ist sie dann allerdings nicht. Und deswegen möchte ich auch ein bisschen dafür warnen, Ärzten alles zu glauben, nur weil sie Ärzte sind. Das Fundament ihrer Argumentation sollte wissenschaftlich sein.

Sein defizitorientiertes Bild über Autismus wird mit dem Satz vollendet

„Ich hoffe, mein Buch regt Eltern dazu an, genau die Methoden zu suchen und zu finden, die gerade ihr Kind braucht, um wieder gesund zu werden.

Wir sind nicht krank! Ja, man kann uns helfen, mit kommunikatischen Schwierigkeiten umzugehen, uns besser auf eine reizintensive Umwelt einzustellen, an unseren Exekutivfunktionen zu arbeiten, uns klarzumachen, warum die „Theory of Mind“ manchmal bei zwischenmenschlichen Beziehungen dazwischenfunkt. Aber wir bleiben Autisten, unser Leben lang. Und Autismus besteht nicht nur aus heilungswürdigen Defiziten.

Der Autor benutzt zudem Begriffe aus der rechten Verschwörungsecke wie „konventionelle Medizin“ oder „etablierte Medizin“ und kritisiert die massive Kritik an der Forschung zu Mumps-Masern-Röteln-Impfung als angebliche Autismus-Ursache.

In der Leseprobe wird mit keinem Wort auf positive Merkmale von Autismus eingegangen, dass Autisten nicht ausschließlich leiden, dass manche von ihnen herausragende Leistungen vollbringen können.

Abgesehen von den zahlreichen inhaltlich längst widerlegten Behauptungen passt das Buch leider in einen gefährlichen Zeitgeist in Europa, in dem sich die Bevölkerung radikalisiert und rassistische und eugenetisch verwerfliche Statements wieder salonfähig werden. Autisten als krank abzustempeln und die „etablierte Medizin“ (vor der Nazizeit: vor allem jüdische Ärzte!) dafür verantwortlich zu machen, dass nicht nach „Heilungsmöglichkeiten“ gesucht werden darf, war schon einmal der Versuch, behinderte Menschen als nicht lebenswert zu bezeichnen. Was damals zu Zwangssterilisation und Massenmord behinderter Kinder geführt hat, ist heute die Suche nach einem Vorwand, diese Kinder abzutreiben oder wieder zu institutionalisieren. Nicht zufällig sind rechtspopulistische oder rechtsextreme Parteien gegen Inklusion.

Ich halte es für sehr gefährlich, dass eine derartige Ideologie in Buchform so unreflektiert in einer großen Buchhandlung vertrieben wird. Meine einzige naive Hoffnung ist, dass das gesichtete Buch dasselbe (sic!) Buch wie vor einem Jahr ist.

Ein letztes Wort noch …

Ich versuche stärkenorientiert über Autismus zu denken, ich betrachte Autismus nicht als Störung, aber wenn andere Autisten es als Störung bezeichnen, ist das ihr gutes Recht. Ich sehe es auch nicht als Behinderung per se, aber manche Symptome sind je nach Tagesform und Kontext durchaus behindernd im Alltag. Wenn sich Autisten dadurch als behindert betrachten und bezeichnen, ist das ebenfalls ihr gutes Recht. Autismus ist keine Erkrankung oder Krankheit, denn das impliziert all jene Ursachen, die im oben zerlegten Buch angeführt werden. Es ist aber wichtig, dass wir uns gegenseitig so respektieren, wie wir sind und wie wir uns sehen. Ich kann als Autist nicht für einen anderen Autisten sprechen, der eine andere Lebensrealität, eine andere Biographie aufweist. Ich kann ihm nicht per se absprechen, gestört zu sein oder behindert. Wichtig für mich ist, im Leben zurechtzukommen. Ich kann meinen Autismus nicht ignorieren, aber ihn annehmen.

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2 Gedanken zu “Blombergs Verschwörungstheorien in Buchform

  1. Zarinka 14. Juli 2016 / 16:17

    Also in dieser Leseprobe hier schmeißt der Herr Blomberg ja regelrecht nur so mit Studien um sich.

    http://www.narayana-verlag.de/homoeopathie/pdf/Autismus-ist-heilbar-Harald-Blomberg.19231_1.pdf

    „Ich hoffe, mein Buch regt Eltern dazu an, genau die Methoden zu suchen und zu finden, die gerade ihr Kind braucht, um wieder gesund zu werden.„

    Und ich hoffe dass sich heutige Eltern genauestens und sehr gut überlegen, ob sie dem Buch dieses Psychiaters wirklich ihre Aufmerksamkeit schenken wollen. Dieser Psychiater beruft sich auf die Erkenntnisse des französischen Psychiaters Phillipe Pinel (1745-1828) der zu dem Schluss kam, der primäre Herd der „Geisteskrankheit“ befände sich im Bereich von Magen und Darm.

    (Kapitel 2: Autismus und die Verbindung zwischen Darm und Gehirn.)

    „Einer der Pioniere der modernen Psychiatrie, der französische Psychiater Phillipe Pinel (1745–1828), war für seine psychologisch einfühlsame und menschlich respektvolle Behandlung der ihm anvertrauten Patienten berühmt. Er glaubte, dass die Wahrheit in der Medizin auf der klinischen Erfahrung beruhe. Pinel machte täglich, manchmal sogar mehrmals,
    Visite bei allen seinen Patienten, um sich einen detaillierten Überblick über das Krankheitsbild eines jeden zu verschaffen, und führte sorgfältig Buch
    darüber. Nach jahrelanger Arbeit mit psychisch Kranken oder, wie man damals noch sagte, mit „Geisteskranken“, kam er zu dem Schluss, der primäre Herd der „Geisteskrankheit“ befinde sich im Bereich von Magen und Darm.“

    https://de.wikipedia.org/wiki/Philippe_Pinel

    Philippe Pinel
    „1792 übernahm er die Leitung der Anstalt Bicêtre und 1795 eine neue Abteilung für geisteskranke Frauen in der Salpêtrière. Die „Irrsinnigen“ wurden nun nicht mehr als Zuchthäusler, sondern wie Kranke behandelt – Pinels wohl größtes Verdienst. Dennoch wirft Pinels Handeln auch Kritik auf. Behandlungsmethoden wie eiskalte Duschen oder der Einsatz von Zwangsjacken übten immer noch einen großen Druck auf die psychisch Erkrankten aus, sie wurden nicht so schonend behandelt wie körperlich Kranke. Auch die Integration der psychisch gestörten Menschen in die Gesellschaft wurde von ihm nicht angestrebt.“

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  2. blutigerlaie 15. Juli 2016 / 8:03

    Danke für deinen Bezug zur aktuellen Radikalisierungstendenz aka Regression auf Blödheit…

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