Was ihr nicht seht (II)

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Tja, wie erkläre ich Autismus/Asperger so, dass ich verstanden werde? Meist gelingt es mir je nach Aufmerksamkeitsspanne und zeitlichem Rahmen des Gegenüber, nur einzelne Punkte unbefriedigend klar genug zu erläutern. Nervenkitzel ist jedes Mal dabei, denn ich mag weder für einen Inselbegabten mit dann zu hoher Erwartungshaltung an mich noch für einen Schwerbehinderten gehalten zu werden, dem nichts zuzutrauen ist und der nichts auf die Reihe kriegt. Dann besteht auch der ständige Rechtfertigungsdruck, sich von frühkindlichem Autismus abgrenzen zu müssen („nein, so bin ich nicht“), aber auch wiederholt zu betonen, dass Autismus eben keine Modediagnose sei, und nur „weil es Dir auch so geht“, bist Du oder sind nicht alle Menschen gleich autistisch.

Das, was ihr seht …

… kann auf den ersten Blick ganz unauffällig sein. Wenn die Themengebiete passen (bei mir meistens Wetter & Wandern und auch Politik), kann ich mitreden. Auch zu Autismus oder allgemein medizinischen Themen fällt mir etwas ein. Ich bin dann kommunikativ, schaue in die Augen (wenn auch sehr bewusst, was auf Dauer anstrengend ist), unterhalte mich gerne.

… ist Empathie, eher überempathisch und sozial eingestellt. Oft habe ich mich ohne Gegenleistung oder Entgegenkommen für andere eingesetzt, nicht immer ging es für mich dabei gut aus. Trotzdem kann ich eine gewisse Selbstlosigkeit niemals abstreifen.

… ist ein erfolgreicher Lebenslauf, mit abgeschlossenem Studium und direkt anschließendem Job. Wechselschichtdienst, lange Zeit 100 %, nicht das, was man bei einem Asperger-Autisten erwartet, die auf dem ersten Arbeitsmarkt oft Probleme haben, sesshaft zu werden. Ich habe eine Wohnung und versorge mich selbst.

…ist ein großer Bekanntenkreis, auch Freunde, wobei sich fast alle erst durch soziale Netzwerke ergeben haben. Die Freundlosigkeit (und damit verbundene Freudlosigkeit) vor dem Internetzeitalter ist für Euch nicht mehr ersichtlich.

Was ihr nicht seht …

sind die täglichen Anstrengungen, die hinter diesem offenkundigem Erfolg stecken, die ja auch Folge meiner autistischen Persönlichkeit sind (Merkfähigkeit, Spezialinteressen, Blick für Details).

Exekutivfunktionen

Termine planen, Nachmittagstermine und das Gefühl der Handlungsunfähigkeit bis zum Termin (sprich: Nachmittagstermin und ich weiß die Zeit bis dahin nicht sinnvoll auszunutzen), Mangel an Routinen, um Freizeit auszufüllen (zu viel Freizeit stresst mich ungemein!), Initiierungsschwäche: wichtige Telefonate, Behördenbesuche, Einkäufe, aber auch Freizeitaktivitäten verschieben, weil damit oftmals Reizüberflutung/kommunikative Herausforderungen verbunden sind.

Es fällt mir schwer, heute planen zu müssen, was ich in drei Tagen esse (etwa zu einer Frühschicht, weil ich davor nicht einkaufen kann), oder wenn ich mehrere Dinge auf einmal erledigen muss.

Längerfristige Planungen, die mit fixen Zusagen verbunden sind, bergen das hohe Risiko, dann zu erschöpft zu sein, speziell, wenn es um gesellschaftliche Anlässe geht. In der Löffeltheorie habe ich das für Autismus beschrieben. Das heißt, ich kann heute zu einem gemeinsamen Lokalbesuch zu sagen, aber wenn der Tag dann gekommen ist, bin ich zu kaputt dafür und muss spontan wieder absagen. Darum bin ich diesbezüglich vorsichtig mit verbindlichen Zusagen.

Jeder Tag, an dem ich mich überwinden konnte, eine Wanderung zu machen, in den Zoo zu gehen, in die Kletterhalle zu gehen, einen wichtigen Einkauf zu erledigen, das Telefonat mit dem Handwerker hinter mich zu bringen (oder noch schlimmer: dagegen zu halten, wenn er versucht, mich zu betrügen, was ich auch erst einmal registrieren muss), etc., ist eine immense Willensanstrengung und kostet viel Energie (bzw. Löffel).

Reizoffenheit, menschliche Anwesenheit und Kommunikation

Ich kann diese Punkte nicht wirklich trennen, weil sie oft gemeinsam auftreten.

Einkaufen

An allererster Stelle steht bei mir das sensible Gehör. Inzwischen sind für mich Einkäufe in Supermärkten zunehmend eine körperliche Qual, weil Werbung und/oder Musik aufdringlich laut gespielt werden, weil Kleinkinder kreischen oder Menschen penetrant an der Kassa telefonieren müssen. Einkaufen bedeutet auch, an der Kassa ständig berührt oder geschoben zu werden, darauf zu achten, dass sich die Ware am Band nicht mit fremden Waren vermischt, weil oft zu wenig Trennteile vorhanden sind.

Im direkten eins-zu-eins-Kontakt mit Verkäuferinnen, etwa am Markt, in Bekleidungsgeschäften oder beim Brillenkauf bekomme ich oft Schweißausbrüche und kriege nicht alle Aussagen mit. Leider ist das Umfeld dabei oft wuselig, laut, mehrfache Gespräche, sodass ich mich stark konzentrieren muss, das Gesagte wahrzunehmen und die Gefahr zunimmt, nicht mehr denken zu können und am Ende nicht unbedingt das kaufe, was ich eigentlich wollte. Eine Begleitperson würde mir in diesem Fall gut tun, manchmal täte es auch ein Begleithund.

Verkehrslärm

Wenn ich am Gehsteig entlanggehe und ununterbrochen Autos vorbeifahren. Sirenen heulen. Das knatternde Geräusch von Motorrädern, das sägende Geräusch von Mofas oder Mopeds, oder wenn Motorradfahrer extrem beschleunigen und alles widerhallt. Genauso bei Autofahrern oder das wütende Hupen. Ich wünsche mir nur noch, dass dann eine längere Pause kommt, wo kein Auto mehr vorbeifährt, dass ich wieder Luft holen, ausatmen… bevor der Lärmterror erneut losgeht. Baustellenlärm, Generatoren, Presslufthammer, Asphaltiermaschinen, wie an anderer Stelle schon beschrieben, beeinträchtigt Lärm massiv meine kognitiven Fähigkeiten. Wegen derartigem Lärm fiel ich an der Uni schon bei einer Prüfung durch, weil ich keinen klaren Gedanken fassen konnte, während es dem Rest (scheinbar) nichts ausmachte.

Es gibt einen triftigen Grund, weshalb ich so selten rangehe, wenn mein Handy klingelt. Ich hab auch nur den Vibrationsalarm eingestellt, den ich meist überhöre. Denn ich kann unterwegs nicht telefonieren, wenn es zu laut ist, wenn Gespräche sind, wenn Verkehrslärm herrscht. Ich verstehe dann weder das, was der andere sagt, noch das, was ich selbst sage. Und die Merkfähigkeit ist gleich Null. Schreib ein SMS oder eine E-Mail, die rufe ich am Handy ab und kann am Handy zurückschreiben. In der Stadt gibt es leider kaum ruhige Orte zum Telefonieren. Vergiss es also!

Visuelle Reize

Bewegungen im Blickfeld bemerke ich ebenfalls. Etwa wenn an einem Geländer etwas flattert, sich bewegende Äste, Dinge die glitzern oder flackern. Menschen, die vorbeilaufen… das lenkt sehr stark von der Konzentration ab. Ich saß daher schon immer gerne am Rand, damals in der Mensa schon, als ich von Asperger nichts wusste, und heute beim Lokalbesuch. Sobald es zu voll wird, zu laut, muss ich gehen. Die in Wien allseits beliebten Schanigärten sind für mich furchtbar, denn am Gehsteig gehen ständig Leute vorbei, Verkehrslärm, Sirenen, und eingeraucht werden, worauf ich ebenfalls empfindlich reagiere.

Öffentliche Verkehrsmittel sind ebenfalls anstrengend. Laut, eng, manchmal sehr enges Zusammenstehen, immer im Weg stehen, Menschen, die dabei telefonieren müssen, denen egal ist, wer alles mithören kann. Und die Unberechenbarkeit von Fahrtverzögerungen.

Direkte Gespräche

Wenn man dann zu zweit oder zu mehreren im Lokal sitzt, setzt meine Aufmerksamkeit manchmal komplett aus und ich sehe zwar, wie mein Gegenüber die Lippen bewegt, aber was er sagt, gelangt nur in Bruchstücken oder gar nicht in meine Ohren bzw. wird es verzögert vom Gehirn erfasst und interpretiert. So wie generell Gesagtes verzögert verarbeitet wird, und ich länger brauche, bis ich eine Antwort formulieren kann. Viele Gesprächsführer sind aber so flüssig am Reden, dass man kaum unterbrechen kann, und lange ausformulierte Sätze gelingen mir dann auch nur selten.  Oft bin ich zu sehr beschäftigt mit meinen eigenen Gedanken, auf das, was ich sagen WILL, und kann nicht gleichzeitig zuhören und den Sinn dessen erfassen, was das Gegenüber sagt.

Mentale Overloads

Bis dahin hab ich vieles beschrieben, was durch äußere Einflüsse gesteuert wird. Unsichtbar ist aber das, was in meinem Hirn abläuft. Wenn ich gedanklich immer wieder etwas durchspielen muss, etwa die Vor- und Nachbereitung eines (wichtigen) Gesprächs. Mir genau überlege, was ich sage, wie ich reagiere, dass ich nichts vergessen darf. Und dann doch vergesse, etwas anders sage als geplant, etwas verkehrt sage, zu emotional und impulsiv werde statt rational, wie mir das schriftlich mühelos gelingt oder in der Vorbereitung. Wenn ein Gespräch oder ein Treffen missglückt, denke ich nicht nur Tage, sondern oft Wochen darüber nach, analysiere alles durch und gerate ins Grübeln, wie ich mich besser verständlich machen kann. So wie ich auch oft darüber nachdenke, wie ich meinen Mitmenschen begreiflich machen kann, was Autismus bei mir heißt, wo ich mehr Freiräume als andere brauche, um funktionieren zu können.

Puh… werdet ihr jetz wahrscheinlich denken, das ist ja ein ganz schön großer Rucksack, den ich da täglich mit mir herumschleppe. Wie passt das zu meinen Leistungen, meiner Selbständigkeit, meiner kommunikativen Ader und den zig Webseiten, die ich recht aktuell halte? Ich habe meine Entspannungsroutinen, brauche den Abstand, und manchmal die eigenen vier Wände an schönen Sommertagen wie heute, um den Energiespeicher alias Löffelvorrat wieder aufzufüllen. Um diesen Kraftakt vollbringen zu können. Das eine ist ohne das andere nicht möglich. Oder um ein Zitat von Hans Asperger von seinem ersten Vortrag zu Autismus (3.10.1938) sinngemäß zu bemühen „[..] diese Schwierigkeiten sind der Preis, den der Autist für seine Fähigkeiten zu zahlen hat.“ Stärken und Schwächen kommen aus derselben Quelle. (Quelle: Steve Silberman, Neurotribes, 2015)

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3 Gedanken zu “Was ihr nicht seht (II)

  1. B. 4. Juli 2016 / 17:10

    Ich habe beim Lesen ganz schön schlucken müssen. Ich habe eine Verdachtsdiagnose F84.5, Diagnostik läuft und „gestaltet sich schwierig“, bin wohl ein Grenzfall … und zweifle immer wieder. Grade, weil ich ja auch weiß, was man von außen sieht und wie es aussieht.
    Und dann beschreibst du hier Dinge, die ich ganz genau so erlebe. Das, was die anderen sehen und was sie nicht sehen. Gerade im Bereich Exekutivfunktionen hätte dein Text von mir sein können, aber auch Ablenkung durch Bewegung im Sichtfeld und starke Reizempfindlichkeit in Bezug auf Geräusche und Gerüche sind ähnlich.
    Ich weiß nicht genau, worauf ich hiermit eigentlich hinaus wollte, aber: Danke für den Text. Ich schlucke immer noch, aber ich fühle mich auch verstanden. Werde mich in den kommenden Tagen sicher weiter durch deinen Blog wühlen.

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    • Forscher 7. Juli 2016 / 14:11

      Wenns für die Diagnostik hilft, druck den Text aus und nimm ihn mit, kannst ja sagen, dass es genau Dein Empfinden und Erfahrungen ausdrückt. Ich hab für meine Diagnostik auch viele Texte ausgedruckt, weil ich dachte, ich sei ein Grenzfall, was es dann eher überraschend für mich gar nicht war.

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  2. JanJan 25. Juli 2016 / 0:36

    Danke für diesen wunderschönen Text, der so perfekt mein Innenleben wiederspiegelt. Und die Überschrift passt so perfekt dazu… Was man nicht sieht ist ja nicht da.
    Ich werde oft gefragt, was ist Asperger, aber mir fehlen die Worte, ich komme bereits beim nachdenken vom Weg ab.
    Ich höre oft, du scheinst doch so „normal“, ich BIN ja auch normal, nur anders! Aber dieses normal erscheinen kostet so unglaublich viel Kraft, wie sich niemand vorstellen kann. 😦
    Lieben Dank

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