Das „Dazwischenleben“ meistern

In einer Diskussion auf Twitter* wurde vor kurzem bemängelt, dass die besten Ratgeber für die Arbeit nichts nützen, wenn Autismus nicht verstanden worden ist. Es sei unter Umständen geschickter, arbeitsspezifische Erklärungen zu machen als universell gültige Statements abzugeben (z.B. ist „liebt monotone Arbeiten“ eher unpassend, wenn es um journalistische Tätigkeiten oder Sozialberufe geht, die mitunter erfordern, sich schnell auf neue Situationen einzustellen). Zudem sind die aufgezählten Stärken und Fähigkeiten nur dann einsetzbar, wenn bestimmte Voraussetzungen geschaffen werden.

* anscheinend habe ich wieder mal nicht verstanden, worum es ging, aber egal, im Schreibprozess geschehen die wunderbarsten Dinge und am Ende bin ich doch zufrieden, auch wenn ich an anderer Stelle herauskam als geplant war.

Bei jedem berufstätigen Menschen gibt es ein Privatleben (familäre Situation, Wohnung, Freizeit) und ein Berufsleben. Speziell bei neurodiversen Menschen, aber auch solchen mit sozialen Phobien wird das Dazwischenleben noch relevanter in Bezug auf die Arbeitsleistung wie bei neurotypischen Menschen, denn es zieht bereits Löffel ab, die für viele Menschen kaum sichtbar sind, z.B. Einkaufen gehen, mit den öffentlichen Verkehrsmitteln in die Arbeit fahren, an einer viel befahrenen Straße entlang gehen müssen, mit dem Handwerker telefonieren müssen. Ich schreibe mir regelmäßig eine Liste, was ich an welchem Tag erledige und versuche Ausweichtage einzuplanen, weil ich nicht davon ausgehen kann, dass die Löffel für alle Dinge auf der To-Do-Liste reichen – tun sie auch nicht. Und so kann es passieren, dass ich das abendliche Konzert oder das zugesagte Treffen mit den Kollegen kurzfristig wieder absage, weil mich der Einkauf davor völlig erledigt hat. Darum sind fixe Zusagen zu sozialen Zusammentreffen schwierig für mich, mit Ausnahme von Wanderungen.

Das Dazwischenleben ist für die meisten Autisten anstrengend, und zwar nicht gelegentlich, sondern fast täglich, in wechselnden Intensitäten. Mein Glück ist es noch, lediglich mit einem empfindlichen Hörsinn gesegnet worden zu sein, doch kenne ich viele Autistinnen und Autisten, die über eine sehr empfindliche Nase verfügen, die unter grellem Sonnenlicht zusammenzucken, die das Neonröhrenlicht im Supermarkt nicht ertragen, die zusätzlich eine Synästhesie aufweisen und somit Farben hören oder Wörter schmecken können. Das potenziert das ohnehin schon übersteigerte Sinneserlebnis noch! Menschen, die noch nie von Autismus gehört haben oder nur die gängigen Erklärungen kennen, wissen oft nichts von der anderen Wahrnehmung, von ausgeprägten Sinnesempfindungen, die weit über die von nichtautistischen Menschen hinausgehen können. Selbst wenn man die Probleme mit Kommunikation und Interaktion weglässt, bedeutet das einen schweren Rucksack, den man täglich mit sich herumträgt. Manchen Autisten gelingt besser, anderen schlechter, diesen zu kompensieren – manche benutzen selbststimulierendes Verhalten häufiger und intensiver, andere kaum oder gar nicht (wieder anderen wurde es abtrainiert). Das Ergebnis ist die Auffälligkeit des Autismus nach außen hin, also das, was die Diagnosekriterien erfassen können (reine Verhaltensbeobachtung!) und das, was Leute gemeinhin zur Aussage veranlässt „Der ist aber viel autistischer als Du!“

Ein Tag, an dem ich mein Dazwischenleben ohne Zusammenbrüche meistern kann und dann sogar noch abends auf ein Bier gehen kann oder gar auf ein Public Viewing zum Fußball, ist also für mich ein sehr erfolgreicher Tag, was meine Kompensationsfähigkeit betrifft – etwas, was man außen aber nicht sieht, das selbstverständlich für die meisten Menschen ist.

Nicht erwähnt habe ich dazu das Privatleben, ob etwa die Wohnung gerade passt, ob es viele bzw. ständige Reizquellen gibt, die die Erholung zwischen den Arbeitstagen vermindert, ob man gezwungen ist, mit den Nachbarn oder Handwerkern zu kommunizieren, und wie man in seinem Privatleben die Freizeit strukturiert hat. Struktur ist wahrscheinlich eine der wichtigsten Anker im Leben von Autisten. Struktur, die genügend Freiraum lässt, aber gleichzeitig einen geordneten Rhythmus vorgibt. Viel unstrukturierte Freizeit kann sehr belasten, denn für einige Autisten ist es nicht selbstverständlich, sich „spontan für etwas zu entscheiden“, sie müssen es vorher planen. Planen kostet wieder Zeit (Freizeit) und sollte natürlich rechtzeitig erfolgen. Ein Freizeitvorhaben hängt aber ebenfalls wieder davon ab, wie viele Löffel zur Verfügung stehen. In meinem Fall erzeuge ich neue Löffel, wenn ich wandern gehe, aber verliere Löffel, wenn ich mit Freunden den ganzen Abend in einem vollen Lokal bin.

Im Hinblick auf die Arbeitsleistung geht es daher nicht auf Knopfdruck, die für Autisten oft genannten Stärken, u.a. …

  • Hyperfokus („im Flow arbeiten“; Buchtipp: Mihaly Csikszentmihalyi – flow. the psychology of optimal experience, 1991)
  • Detailwahrnehmung
  • Konzentrationsfähigkeit
  • kreatives Denken („thinking outside the box“)
  • Merkfähigkeit

einzusetzen.

Die Voraussetzungen am Arbeitsplatz müssen individuell stimmen. So individuell Autisten sind, so individuell deren Unterstützungsrahmen, um ihre Fähigkeiten abrufen zu können. Weitere Faktoren, auf die der Arbeitgeber keinen Einfluss hat, sind Privatleben und Dazwischenleben, hier liegt die Bringschuld bei mir, diese so zu gestalten, dass für die Arbeit genügend Löffel übrig bleiben. Die Diagnose darf keine Einbahnstraße sein, nur von anderen ein Entgegenkommen zu fordern. Spätdiagnostizierte Autisten haben vielleicht vorher schon geeignete Mittel und Wege gefunden, ihr Dazwischenleben zu optimieren, durch die Diagnose kann man sie noch gezielter und effizienter einsetzen.

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Ein Gedanke zu “Das „Dazwischenleben“ meistern

  1. Clara 16. Juli 2016 / 1:09

    Sehr schön beschrieben, die verschiedenen Bereiche, in denen es schwierig in der (Um)welt sein kann. Leider sind so generelle Ratschläge (z. B. „monoton“…) sehr verbreitet, wenn es denn überhaupt mal um „barrierefrei“ oder „geeignet(er) für Autisten“ geht (ist ja eher selten).

    „Im Hinblick auf die Arbeitsleistung geht es daher nicht auf Knopfdruck, die für Autisten oft genannten Stärken […] einzusetzen.

    Die Voraussetzungen am Arbeitsplatz müssen individuell stimmen“

    Da sprichst du einen sehr wichtigen Punkt an. Damit eventuelle Stärken tatsächlich einsetzbar sein könnten, muss man halt auch das Glück haben in der richtigen Situation zu sein wo das geht.

    Manche Spätdiagnostizierte sind vielleicht auch gerade durch gar-nicht-mehr funktionieren von „Dazwischenleben“ und „Privatbereich“ in die Diagnostik geschlittert. An dem Punkt, wo es dann mit dem „irgendwie durchkommen“ und nicht-allzusehr-auffallen halt gar nicht mehr klappte.

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